Die Seele wiederfinden

von Ingeborg Rooßinck erschienen in Hagia Chora 15/2003

Der erschreckende Seelenverlust unserer Landschaft ist schon lange Antrieb meines Tuns als Naturschützerin. Zu folgendem Beispiel von "emotionalem Umweltschutz" wurde ich von Eugène Andersons 1996 erschienenem Buch "Ecologies of the Heart" angeregt: In einem durch ehemalige militärische Sperrgebiete arg dezimierten Restwaldstück am südöstlichen Stadtrand von Berlin glänzt in einer Senke eine Lache aus tiefschwarzem Wasser. Der Boden trägt kaum Bewuchs und ist immer beschattet. Je nach Jahreszeit ragen aus der Mitte des Sumpflochs, das größer ist als ein ansehnlicher Gartenteich, die Kunststoffbeine zweier Stühle mehr oder minder hoch aus dem Wasser. Will man die Senke besuchen, muss man durch einen löchrigen Zaun klettern und an deponierten Hausgeräten aller Art vorbei abwärts steigen. Ausgerechnet an diesem Ort wollte ich etwas Verlorengegangenes wiederfinden. Der Ort hieß früher "Versunkener See". Vom Lesen einer 80 Jahre alten Beschreibung waren mir Kopf und Herz erfüllt, nach der an dieser Stelle ein hell besonntes, artenreiches Zwischenmoor von 0,7 Hektar Größe gelegen haben sollte, mit Torfmoos, Wollgras und zwei Sonnentauarten und einer reichen Staudenflora an den Rändern. Nichts scheint daran zu erinnern, außer den Hangneigungen und eben dem dunklen Modderloch in der Mitte. Langsam taste ich mich vor. Ich besuche die Bäume, die älter sind als 80 Jahre, frage sie nach ihrem Alter, nach dem Untergrund, auf dem sie stehen und bitte sie um Hilfe. Es sind mehrere riesige Traubeneichen, zwei Eschen, eine Erle, die ehemals am Rand ringsum gestanden und sich der lichten Stelle zugewandt haben. Sie helfen mir, die Gestalt des Moors wiederzufinden. Von einer noch existierenden Moorfläche im Süden Berlins habe ich eine Probe Torffasern im Gläschen mitgebracht, die mich mit Hilfe meiner Rute ohne Mühe die Torfgrenze im Waldboden finden lässt. Torf ist also noch vorhanden, das faserige, stauende und speichernde Substrat, das neben genügend Licht und Wasser die Voraussetzung für neues Wachstum des Torfmooses ist. Als einziges noch lebendes Relikt der Moorvegetation findet sich ein Büschel vom robusten Haarmützenmoos, das der zunehmenden Beschattung getrotzt hat. Die bis zu 160 Jahre alten Bäume würden in Zukunft wieder den Rand zwischen Wald und Moor bilden. Sie scheinen sich das offene Moor mit dem reichen Pflanzenleben zurückzuwünschen. Kiefern und Birken als Neuansiedler müssten allerdings Platz machen. Sie werden in anderen Mooren, um deren Erhalt man sich bemüht, schon im Sämlingsstadium entfernt. Der nächste Schritt ist die Suche nach Menschen, die sich dem vergessenen Platz liebevoll zuwenden. Der Bericht von 1928, geschrieben von einer 18-jährigen Schülerin mit guten Kenntnissen und großer Beobachtungsgabe, steckt noch jetzt mit der ihm innewohnenden Begeisterung die Mitglieder des örtlichen Bürgervereins an, so dass sie sich spontan bereiterklären, zunächst beim Entfernen des Unrats zu helfen. Die Forstbehörde macht deutlich, dass sie eine Rücknahme des Baumbestands für möglich und sinnvoll halte. Wenn es gelingt, auch die übrigen (bürokratischen) Hindernissse zu überwinden, könnte sich an der Stelle des Versunkenen Sees eines Tages wieder ein von Regen und Stauwasser gespeistes Moor in seiner ganzen Vielfalt und Dynamik aus eigener Kraft neu entwickeln. Wer den Zauber, den Duft und die Lebensfülle eines lebendigen Moors kennt, stimmt mir gewiss zu, dass die Waldlandschaft eine große Bereicherung erführe und sich jetzt schon mit mir auf die Rückkehr der Seele dieses Ortes freuen würde.