Natur-Verwirklichung

Naturphilosophische Praxisführt zur Nähe mit der Natur

von Robert Josef Kozljanic erschienen in Hagia Chora 15/2003

Wie könnte eine zeitgemäße, lebendige naturphilosophische Praxis aussehen? Den richtigen Weg weise zwar die Tiefenökologie, sie bedürfe jedoch noch einer Erweiterung, meint der Philosoph Robert Josef Kozljani?c. Er sucht nach einem archaisch-mythischen Naturbezug und stellt von jedermann umsetzbare Praktiken vor.

Ein praktischer Ansatz ist der abendländischen Philosophie weitgehend fremd. Schon für Sokrates galt: "Feld und Bäume wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt" (Plato, Phaidros 230d). In erster Linie war es in der von dem norwegischen Philosophieprofessor Arne Naess ins Leben gerufenen tiefenökologischen Bewegung, wo sich naturphilosophische und naturerlebnispädagogische Übungen entwickelten und damit eine neuartige Naturphilosophie begründeten; eine Naturphilosophie, die sich nicht allein mit erkenntnistheoretischen und ethischen Reflexionen begnügte, sondern, indem sie Praktiken vor allem für Natur- und Umweltschützer entwarf, von der Theorie in die Praxis drängte und diese bereicherte. Es ist gewiss nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, dass die Tiefenökologie für eine zukünftige naturphilosophische Praxis wichtige und unverzichtbare Pionierarbeit geleistet hat und nach wie vor leistet. Jedoch muss meiner Ansicht nach einiges an ihrer Theorie und Praxis kritisch beurteilt und korrigiert, manches hinzugefügt werden. Als problematisch betrachte ich z.B. die teilweise sehr naive "Naturwissenschaftsgläubigkeit" mancher Tiefenökologen. Viele greifen auch etwas zu unbekümmert und unfundiert in den großen Topf überlieferter religiöser Vorstellungen und fischen sich das Konzept, das ihnen am besten zu passen scheint, heraus. Eine weitere Schwierigkeit sehe ich im Basiskonzept der Tiefenökologie, der "ökologischen Selbst-Verwirklichung". Trotz seiner Stärke - nämlich die engen Schranken der egoistischen Ich-Bezogenheit aufzubrechen und zu einem umfassenden Selbst-Verständnis, das sich mit der Natur und ihren Erscheinungsformen identifiziert, zu gelangen - birgt es doch auch die Gefahr, dass vor lauter Selbst-Verwirklichung die Natur, insofern sie immer auch und allem zuvor ein Nicht-Selbst ist, aus dem Blick gerät. Eigentlich sollte die Natur-Verwirklichung das letzte und wichtigste Anliegen einer jeden Tiefenökologie sein. Nicht die Frage: "Wie weit muss ich mein Selbst erweitern, bis es schließlich die ganze Natur umfasst", sondern die Frage: "Wie kann ich Natur in mir selbst verwirklichen, so dass schließlich mein Selbst so weit als möglich von Natur erfüllt ist", sollte im Vordergrund stehen.

Das ökologische Selbst

Arne Naess differenziert in (1) das Ego, das sich mit dem egoistischen, kleinen, auf das eigene Ich beschränkten Teil unserer Person identifiziert, (2) das soziale Selbst, das sich mit der eigenen Gesellschaft und ihren Normen identifiziert, (3) das ökologische Selbst, das sich mit allen Lebewesen und den ökologischen Lebenszusammenhängen auf unserer Erde identifiziert, sowie (4) das metaphysische Selbst, das sich mit den spirituell-metaphysischen, religiösen Dimensionen des All-Einen identifiziert (Naess 1992). Der Schlüsselbegriff von Naess ist nun das ökologische Selbst und dessen Selbstverwirklichung, die Identifikation mit allem Erdleben. "Das ökologische Selbst eines Menschen ist das, womit sich dieser Mensch identifiziert. Dieser Schlüsselsatz über das Selbst (anstelle einer Definition) verschiebt die Last der Klärung von dem Begriff Selbst zu dem der Identifikation oder, genauer, zum Prozess der Identifikation. Wie könnte das Muster einer Situation der Identifikation aussehen? Es ist eine Situation, in der Identifikation intensive Empathie, umfassendes Einfühlungsvermögen hervorruft. Mein Standard-Beispiel handelt von einem nicht-menschlichen Wesen, das ich vor vierzig Jahren traf. Ich schaute mir durch ein altmodisches Mikroskop die dramatische Begegnung zweier Tropfen unterschiedlicher Chemikalien an. Plötzlich sprang von einem Lemming, der auf dem Labortisch spazierenging, ein Floh herunter und landete mitten in den Chemikalien. Ihn zu retten war unmöglich. Es dauerte Minuten, bis der Floh starb. Seine Bewegungen waren entsetzlich ausdrucksvoll. Ich spürte schmerzhaftes Mitleid und Mitgefühl. Aber das Mitgefühl war nicht wesentlich. Wesentlich war der Prozess der Identifikation: dass ich mich selbst in dem Floh sah‘. Wenn ich von dem Floh entfremdet gewesen wäre, nicht intuitiv etwas gesehen hätte, das mir selbst ähnelt, dann hätte mich der Todeskampf gleichgültig gelassen. Also muss Identifikation vorhanden sein, damit Mitgefühl entstehen kann, und unter Menschen Solidarität." (Naess 1995) Wenn ich mich selbst nicht mehr als ein vereinzeltes Individuum, sondern als wechselseitig bezogen und abhängig von umfassenderen Lebenszusammenhängen, ohne die auch meine Einzelexistenz keinen Bestand hätte, erfahre; wenn ich zudem erfahre, dass anderes Leben, genauso wie ich, leben will, dann, so Naess, verstehe sich ökologisches Handeln von selbst bzw. vom Selbst her. "Das soziale Selbst ist früh im Leben ausreichend entwickelt. Einen großen Kuchen essen wir lieber nicht alleine, sondern teilen ihn mit unserer Familie und unseren Freunden. Wir identifizieren uns mit diesen Menschen ausreichend, um unsere Freude in ihrer Freude zu sehen und unsere Enttäuschung in ihrer Entäuschung. Jetzt ist es Zeit, auf unserer misshandelten Erde mit allem Leben dadurch zu teilen, daß wir unsere Identifikation mit allen Lebensformen vertiefen, mit den Ökosystemen und mit Gaia, unserem wunderbaren uralten Planeten." (Naess 1995)

Zur tiefenökologischen Praxis

Um diese Selbstverwirklichung und Identifikation mit allen Lebensformen zu erreichen und zu vermitteln, haben die Tiefenökologen verschiedene Praktiken entwickelt.
- Die evolutionäre Rückerinnerungspraxis:
Hierbei handelt es sich um eine geführte Phantasiereise, bei der der Gruppenleiter die Teilnehmer zu den evolutionären Ursprüngen des Lebens zurückführt. "Alle Kulturen und Gesellschaften erhalten ihren Zusammenhalt und ihre Identität durch die Erinnerung an ihre Vorfahren. Auch wir können eine stärkere Wertschätzung und Identifikation mit der Gemeinschaft des Lebens erreichen, wenn wir uns an die Entwicklungsgeschichte erinnern, die die Vielfalt des Lebens hervorgebracht hat" (Anderson, in Gottwald/Klepsch 1995).
Ein Textausschnitt solch einer Phantasiereise sei hier mitgeteilt: "Du warst dabei, ich war dabei, denn jede Zelle unseres Körpers stammt aus ungebrochener Linie von diesem Geschehen ab. Das Atom hatte den Wunsch, ein Molekül zu werden, das Molekül eine Zelle, die Zelle ein Organismus. In dieser Gestaltung von Formen wurde der Tod geboren und mit ihm die Geschlechtlichkeit, bevor wir uns vom Pflanzenreich trennten. So können wir in unserer Sexualität uralte Regungen spüren, die uns sowohl mit Pflanzen wie auch mit tierischem Leben verbinden. Wir stammen in ungebrochener Linie von ihnen ab - über Fische, die gelernt haben, auf dem Land zu laufen, die gespürt haben, wie ihre Schuppen zu Flügeln wurden, und über die Wanderungen in den Eiszeiten hinweg. . Erinnere dich wieder und wieder an die alten Kreisläufe der Partnerschaft. Finde deine Kraft in ihnen in dieser Zeit der Not."1 (Seed und Macy, in Gottwald/Klepsch 1995).
- Erleben-von-Verbundenheits-Übungen:
- "Der verbindende Atem": Zuerst versucht man, sich bewusst zu entspannen, bis ein Zustand erreicht ist, in dem "es" von selbst atmet. Sodann konzentriert man sich - weiter entspannt atmend - auf einen natürlichen Gegenstand (z.B. Pflanze, Wolke, Stein) und stellt sich vor, bei jedem Einatmen die jeweilige Qualität dieses Gegenstands in sich aufzunehmen und bei jedem Ausatmen wieder - mit einem Gefühl der Dankbarkeit - zurückzugeben. Man kann in dieser Weise, ohne dass man sich dabei anstrengen sollte, mit dem Ein- und Ausatmen derselben (oder auch einer anderen) Qualität fortfahren.
- "Gehen in Verbundenheit": Man beginnt damit, sich die eigenen Füße und deren Bodenkontakt bewusstzumachen und stellt sich vor, man könne durch die Fußsohlen sehen. Sanft und vorsichtig geht man und versucht bei jedem Auftreten die Erde gleichsam mit den eigenen Füßen zu massieren. Nach einer Weile richtet man seine Aufmerksamkeit auf den eigenen Kopf und den Himmel und lauscht den Geräuschen des Himmels. Fühlt man sich demgemäß mit Erde und Himmel verbunden, kann man den "Verbundenheitsraum" erweitern und an verschiedensten Dingen und Wesen achtsam vorübergehen. "Lassen Sie sich rufen von den Gegenständen, Lebensformen, von allem, was Ihnen in den Sinn fällt. Nehmen Sie wahr, wie auch das, was Sie ruft, mit Himmel und Erde verbunden ist. Vielleicht erleben Sie eine feine, vage Freude an dieser Gemeinsamkeit."
!"Sich zum Verbunden-Sein führen lassen": Hierbei handelt es sich um eine Partner-Übung, bei der einer der Partner mit verbundenen Augen vom anderen umhergeführt wird. Zunächst geht es darum, dass die Partner gegenseitig in Verbindung treten: ihre Hand, ihren Atem, ihre Stille bewusst wahrnehmen. Durch einfühlsames Führen macht der "sehende" Partner den "blinden" mit den Dingen und Wesen der näheren Umgebung bekannt. "Erleben Sie Schritt für Schritt, wie Sie durch Ihr Tasten, Hören, Riechen und vielleicht auch Schmecken in Verbindung gehen und eine stille Kommunikation sich entfaltet, die Sie reichlich beschenkt." (Gottwald/Klepsch 1995)
- Der Rat aller Lebewesen.
Jeder Teilnehmer sucht sich einen "Teil der Natur" aus, dem er sich besonders verbunden fühlt: egal ob Pflanze, Tier, Landschaft, Elementarkraft. Hat man sich mit dem "Verbündeten" vertraut gemacht, wird er im "Rat der Lebewesen" vorgestellt. Nach und nach stellt jeder Teilnehmer seinen "Verbündeten" vor, indem er seine Geschichte erzählt bzw. der natürlichen Lebensform "seine Stimme gibt". Ein Teilnehmer, der sich besonders der Erde verbunden fühlte, erzählte - aus der Sicht der Erde - folgende Geschichte: "Ich . beschrieb, wie meine Oberfläche aufgerissen wurde, wegen der Mineralien unter mir, wie ich meiner schützenden Vegetation beraubt und von der Sonne verbrannt und vom Regen fortgerissen wurde. Ich erzählte von meiner Trauer darüber, dass ich vergiftet werde und meine Kraft, andere zu ernähren und zu stützen, verloren geht." Und zum Abschluß dieser "Rats-Sitzung" berichtet er: "Am Ende der Versammlung erinnerten wir Lebewesen uns daran, dass es noch Menschen gibt, die bereit sind, uns zu schützen. Wir machten ihnen Vorschläge und gaben Wege an, auf denen sie in Harmonie mit uns leben können" (Anderson, in Gottwald/Klepsch 1995).

Metaphysische Identifikationspraxis

Naess - und mit ihm die meisten Tiefenökologen - bleibt nun nicht beim ökologischen Selbst stehen, sondern dehnt seine Theorie wie auch Praxis in Richtung eines "metaphysischen Selbst" aus. Um zu zeigen, was er mit diesem allumfassenden, metaphysischen Selbst meint, führt Naess sein großes Vorbild Mahatma Gandhi an: "Was ich erreichen möchte ., ist Selbst-Verwirklichung, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, Moksha (Befreiung) zu erreichen. Die Verfolgung dieses Zieles prägt mein Leben und Sein". Naess kommentiert nun: "Dies klingt für den westlichen Verstand individualistisch, was ein häufiges Missverständnis ist. Wenn das Selbst, von dem Gandhi spricht, das Ego oder das enge‘ Selbst (Jiva) egozentrischen Interesses, begrenzte Egobefriedigung wäre, warum sollte man dann für die Armen arbeiten? Für ihn ist es das höchste oder universelle Selbst - das Atman -, das verwirklicht werden soll. Es scheint paradox, dass er versucht, Selbst-Verwirklichung durch selbstloses Handeln zu erreichen, das heißt durch Verminderung der Vorherrschaft des engen Selbst oder Ego. Durch das weitere Selbst ist jedes Lebewesen eng mit allem verbunden, und aus dieser Nähe folgen die Fähigkeit der Identifikation und ihrer natürlichen Konsequenz, die Ausübung der Gewaltlosigkeit. Dazu brauchen wir kein Moralisieren, ebensowenig wie wir Moralisieren brauchen, um zu atmen. Wir müssen unsere Einsicht pflegen." (Naess 1995) Später verdeutlicht Naess diesen Punkt an dem Buddha-Spruch, "dass der menschliche Geist alle lebenden Dinge so umarmen sollte, wie eine Mutter für . ihren einzigen Sohn sorgt." Wie steht es nun mit der zur Theorie des metaphysischen Selbst gehörigen Praxis? Darüber erfährt man bei vielen Tiefenökologen nur indirekt etwas. Offensichtlich ist sie nahe mit der (zen-)buddhistischen Meditationspraxis verwandt. Naess verweist im Anschluss an die Darstellung des hinduistischen Atman-Konzepts auf verwandte buddhistische Konzepte; die bekannte Tiefenökologin Joanna Macy ist langjährig praktizierende Buddhistin ebenso wie eines der wichtigen Idole der Tiefenökologie-Bewegung, der Poet und Essayist Gary Snyder. Der tiefenökologisch inspirierte Philosoph Michael Zimmermann nennt sich einen römisch-katholischen Buddhisten. Diese Verbindung wird auch deutlich, wenn wir bedenken, dass das, was als originär "tiefenökologischer Bewusstseinzustand", als "erhöhte, radikale Präsenz oder Wachheit", als "Wachsein und Achtsamkeit" beschrieben wird, mit der zenbuddhistischen Meditationspraxis der "ungeteilten Aufmerksamkeit" nahezu identisch ist. Deutlich zeigt sich dies auch bei den beiden Verbundenheits-Übungen "der verbindende Atem" und "Gehen in Verbundenheit". Erstere erinnert an die buddhistische Zazen-Meditation (Sitzen-Atmen-Meditation), letztere an die buddhistische Kinhin-Meditation (Gehen-Atmen-Meditation). (Suzuki 1988) In der Tiefenökologie bezieht man sich gern auch auf westliche Mystiker und Pantheisten unterschiedlichster Couleur; so werden Franz von Assisi, Giordano Bruno, Spinoza und Meister Eckhart erwähnt.

Archaisch-mythischer Naturbezug

Im Kontext buddhistischer und ähnlicher schriftreligiöser (christlicher, hinduistischer, islamischer) Meditationspraktiken hat man es stets mit tendenziell metaphysischen Naturzugängen zu tun; metaphysisch hier im wörtlichen Sinne von "hinter der phsis", "hinter der Natur". Diese Tendenz, die Natur zu transzendieren, wirkt sich dann verhängnisvoll aus, wenn sie, wie man das in den "Weltreligionen" zur Genüge beobachten kann, zu einer weltflüchtigen und naturflüchtigen Grundhaltung führt. Bei den so genannten Naturreligionen kommt dies hingegen nicht oder nur ausnahms- und ansatzweise vor. Aus diesem Grund suche ich nicht in Buddhismus-ähnlichen Meditationspraktiken, sondern im archaisch-mythischen Umfeld nach dem Paradigma einer naturphilosophischen Radikalpraxis. Mein Ansatz kommt in Hans Peter Duerrs Diktum: "Man beutet keine Natur aus, die zu einem spricht" (Duerr 1985) zum Ausdruck. Ich könnte auch sagen: "Eine Natur, die zu einem spricht, steht einem nicht fremd und unterdrückt gegenüber, sondern frei und numinos (freundschaftlich oder drohend) zur Seite." So hart es für uns abendländische Menschen auch klingen mag: Solange die Natur nicht wieder zu uns spricht, solange werden wir es nicht schaffen, dem Zustand der Naturentfremdung zu entkommen. Und solange uns die Natur fremd ist, werden wir nicht naturgemäß handeln können - und infolgedessen auch nicht ökologisch! Anders ausgedrückt: Solange es uns nicht gelingt, an die archaisch-mythische Erfahrungsdimension wieder Anschluss zu finden, solange werden wir unser "Umweltproblem" haben, denn die Natur wird nicht zu uns sprechen, sondern lediglich stumme, sprachlose Natur sein: eben Umwelt. Der archaisch-mythische Naturbezug gipfelt in der Visionssuche, die man gewissermaßen als naturverbindende Urpraxis aller Menschen bezeichnen kann. Überall und zu allen Zeiten hatten Menschen das Bedürfnis, nachdem ihnen die persönliche und soziale Existenz fragwürdig geworden war, hinaus in die Wildnis zu gehen, um neue, tragfähige Wurzeln zu schlagen. Die Vissionssuche ist ein mehrtätiges Fasten am einsamen Naturort, um den Durchbruch zu einer visionären Schicht der Wirklichkeit zu erreichen, in der dann tatsächlich Steine, Pflanzen und Tiere zum Menschen sprechen. Neben dieser archaisch-mythischen Praxis gibt es noch einen anderen Weg, den ich besonders zu schätzen gelernt habe. Er ist weniger radikal, weniger archaisch, dafür aber zeitnäher. Die Natur spricht hier nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinn, also in Bildern und Metaphern.

Der künstlerische Naturzugang

Den verschiedenen Künsten entsprechen unterschiedliche künstlerische Naturzugänge, von denen ich hier den lyrischen Zugang vorstellen möchte. Er zielt als naturphilosophische Praxis darauf, die jeweilige Naturstimmung, die Naturatmosphäre zu erleben, um sie dann im Gedicht zum Ausdruck kommen zu lassen. Damit erfährt nicht nur eine zunächst eher diffuse Atmosphäre einen konkreten Ausdruck, sondern dies führt auch zu einem vertieften Sinnverstehen der jeweiligen Naturstimmung. Als Beispiel zeige ich hier einen Weg, wie man sich in einen solchen Zustand versetzen und zum künstlerischen Ausdruck finden kann:
- Gehen Sie hinaus in die freie Natur.
- Schwingen Sie sich in die Naturatmosphäre des Ortes ein. Versuchen Sie, mit der Naturstimmung ohne Überlagerung durch "ortsfremde" Stimmungen, die nur in Ihnen selbst liegen, in Fühlung zu kommen.
!Wenn Sie spüren, dass eine Saite in Ihnen zum Schwingen kommt,versuchen Sie, mitzuschwingen und diese Stimmung zu steigern. Dezentes Singen und Musizieren kann hier hilfreich sein. Gerade tiefe Stimmungen und mächtige Gefühle haben wirklichkeitserschließende Macht. Extremes Leid und/oder extreme Freude können den Zugang zur Naturwirklichkeit eröffnen.
- Im äußersten Fall (eventuell unter angemessener Zuhilfenahme von Rauschmitteln, z.B. dem dionysischen Getränk Wein) steigert sich die Stimmung zu rauschhafter Begeisterung und enthusiastischem Taumel: Auch hiervor darf man nicht in eine bekannte, sicherere, rein subjektive Stimmung flüchten.
!Verbleiben Sie in diesem Zustand, bis der alltägliche, zweckrationale Ich-Zustand gesprengt ist, bis ein traumähnlicher, vergleichsweise unbewusster, hingegebener, mit der Naturerscheinung verschmelzender Vernehmenszustand erreicht ist, bis der Durchbruch zur ästhetisch-phantastischen Dimension der Natur gelungen ist, die Natur Bilder und Melodien sprüht und die Quellen der Inspiration zu sprudeln beginnen.
- Versuchen Sie, das Erlebnis und die offenbar gewordenen Bedeutungen und lyrischen Einhauchungen in Erinnerung zu behalten bzw. ins Bewusstsein zu heben und in die (sprachliche/schriftliche) Form eines Gedichts zu bringen. Dabei unterstützt Sie das Hinhören und Sich-Einlassen auf die Sprache und die Wörter, die sprachliche Melodik und Rhythmik und den reimenden Zusammenklang der Wörter.
!Machen Sie nach einem gewissen zeitlichen und emotionalen Abstand (Tage, Wochen, Monate) und in ruhiger, ausgeglichener Verfassung die Probe aufs Exempel: Hat das herausgeborene Gedicht die lyrisch-magische Kraft, die erlebte Naturstimmung wieder heraufzubeschwören? Falls nicht, beginnen Sie den Prozess nochmals von vorne. Falls ja, ist der lyrische Naturzugang, eine tiefergehende Naturoffenbarung gelungen, und Sie können eine Interpretation wagen:
!Versuchen Sie, durch schonend-analytisches, interpretatorisches Vorgehen die in dem Gedicht enthaltenen Nuancen und Sinnzusammenhänge herauszuarbeiten, um so zu einem tieferen und umfassenderen Verstehen zu kommen. Die Interpretation sollte am besten schriftlich oder auch im Gespräch mit anderen Menschen erfolgen.
Dies ist selbstverständlich nur eine von vielen möglichen Praktiken - hier als Vorschlag für einen sehr persönlichen, ursprünglichen Naturzugang.