Das Fleisch der Welt

Wahrnehmungund ökologisches Bewusstsein

von Jascha Rohr erschienen in Hagia Chora 15/2003

Die Art unserer Wahrnehmung prägt unser Naturverständnis und ist damit auch Grundlage ökologischer Konzepte. Für den Permakultur-Designer Jascha Rohr sind die phänomenologische Philosophie von Maurice Merleau-Ponty und Goethes Naturwissenschaft Beispiele ganzheitlicher Wahrnehmung, die hilft, den Sinn der Welt zu erschließen.

Wenn man mit einem Philosophen über den sinnlichen Zugang zur Welt spricht, und damit über Wahrnehmung und Erkenntnis, befindet man sich unversehens in den tiefsten Gefilden der Philosophie, die über die Jahrhunderte hinweg von Grabenkämpfen, Eigeninteressen und akademischem Dünkel gekennzeichnet sind. Dabei scheint die Frage nach einem sinnlichen Zugang zur Welt und den Faktoren, die diesen Zugang konstituieren, auf den ersten Blick zwar möglicherweise knifflig, aber im Großen und Ganzen harmlos. Und doch: Wer diese Frage stellt, dem geht es wie einem Fischer, der glaubt, an seinem Angelhaken hinge ein schwerer Fisch, jedoch beim Einholen der Angelschnur erschreckt feststellen muss, dass sich der Haken in einem alten Fischernetz verfangen hat, in dem sich die versunkenen Artefakte und das Treibgut der letzten Jahrhunderte verheddert haben. Je stärker der Fischer an seiner Schnur zieht, um das Netz mit seinen Schätzen und seinem Müll zu bergen, desto mehr fördert er zu Tage. Dem Fischer bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder wirft er entmutigt alles wieder zurück ins Meer - seine Angel eingeschlossen, oder er schneidet denjenigen Teil des Netzes, der ihm am wertvollsten erscheint und der gerade noch leicht genug ist, um ihn nach Hause tragen zu können, ab. Wie der Fischer müssen auch wir vorgehen, wenn wir uns die Frage nach dem sinnlichen Zugang zur Welt stellen. In meinem Aufsatz möchte ich daher nur solche Beiträge aus dieser großen philosophischen Debatte vorstellen, die unserem tiefenökologisch, geomantisch oder permakulturell geprägten Interesse neue Einsichten und Impulse versprechen. Ich werde also viele Aspekte der Diskussionen beiseite lassen und einen phänomenologischen Ansatz wählen, der unser direktes, authentisches Erleben ins Zentrum stellt, und dafür plädieren, diesem direkten Erleben mehr Raum und mehr Erklärungskraft zuzugestehen als allgemein üblich.

Optische Täuschungen

Als ich in der Schule zum ersten Mal von einer optischen Täuschung hörte, war ich verblüfft. Die Lehrerin hatte uns eine Fotokopie gegeben, auf der folgende Figur abgebildet war: Jeder in der Klasse konnte auf den ersten Blick erkennen, dass der untere Strich länger war als der obere. Daraufhin zog die Lehrerin triumphierend das Lineal hervor, legte es an die beiden Linien an und bewies uns damit, dass wir uns getäuscht hatten. Die Lehrerin hatte natürlich recht. Gemessen am Maßstab, den das Lineal für uns bereit hält, sind die zwei Linien gleich lang. Wer das in Frage stellen wollte, der dürfte nicht darauf vertrauen, dass sein Auto fährt und sein CD-Spieler funktioniert. Aber hatten wir uns tatsächlich alle getäuscht? Sogar heute noch, trotz "besseren" Wissens, nehme ich die beiden Linien als unterschiedlich lang war. Maurice Merleau-Ponty schreibt darüber zu Beginn seiner Phänomenologie der Wahrnehmung: "Die beiden Strecken der Müller-Lyerschen Täuschung sind weder gleich noch ungleich lang; denn zwingend ist diese Alternative nur in der Welt der Objektivität." (Merleau-Ponty 1966) Merleau-Ponty stellt in diesem Satz gleich zwei grundlegende Überzeugungen westlicher Philosophie in Frage. Zum einen hintergeht er mit seinem Weder-Noch das Zweiwertigkeitsprinzip der abendländischen Logik. Danach kann etwas falsch oder wahr sein, nicht jedoch beides zugleich oder keins von beiden. Des weiteren spricht er davon, dass die Welt der Objektivität nur der Raum einer bestimmten Alternative sei. Alternative wozu?

Der Geist-Materie-Dualismus

Machen wir uns, bevor wir diese Frage beantworten, noch einmal unsere Ausgangslage bewusst: In der abendländischen Philosophie kann man von zwei Welten oder zwei Seinsebenen sprechen, die als voneinander getrennt betrachtet werden. Die eine Welt ist die Welt der Materie, die andere ist die Welt des Geistes. Man spricht vom Geist-Materie-Dualismus, der gerade in ökologischen Kreisen häufig scharf angegriffen wird. Mit dieser Konzeption hängen viele weitere Unterscheidungen zusammen. So spricht man z.B. von der materiellen als der äußeren Welt, der Welt also, auf die unsere Sinne gerichtet sind, während die innere Welt die Welt des Verstandes ist. Auch die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt beruht auf dieser Grundkonzeption, mit der fast alle abendländisch geprägten Philosophien operieren. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Denkrichtungen sehr stark voneinander. So behaupten z.B. Empiristen, dass sich aus subjektiver Sicht keine allgemeingültigen Erkenntnisse gewinnen lassen, sondern dass wir für den Erkenntnisgewinn Methoden und Werkzeuge benötigen, die der äußeren, objektiven, realen Welt angepasst sind. Rationalisten betonen demgegenüber die Möglichkeit, die logische Ordnung der Welt aus reinen Prinzipien des Denkens zu erfassen. So dachte z.B. Descartes, dass er keinerlei sicheres Wissen über die äußere Welt erlangen könne. Nur das eigene Denken sei ein sicherer Anhaltspunkt der Erkenntnis. Sein "Ich denke, also bin ich" vollzieht nicht nur die absolute Trennung von Innen und Außen, es stempelt auch alles Äußere als mögliche Täuschung ab (ein Dilemma, aus dem sich Descartes nur mit Hilfe Gottes zu retten weiß). Ein anderer auf dem Dualismus beruhender Streit spielt sich zwischen Idealismus und Materialismus ab. Der Idealismus sah die Freiheit des Menschen als eines Subjekts ausschlaggebend an. Die Ideen der Aufklärung beruhten darauf, dass man traditionelle politische Hierarchien nicht mehr als naturgegeben betrachtete und man sich als frei denkendes Individuum über sie hinwegsetzen konnte, ja, dass es sogar möglich sei, sich aus dem determinierten Naturzusammenhang selbst zu befreien. Demgegenüber erklärte Karl Marx als Vertreter des Materialismus, dass die Materie das Bewusstsein bestimme. Wahrheit sei in diesem Sinne die Übereinstimmung des Denkens mit dem Objekt. Die Geschichte Europas zeigt, dass es sich bei diesen philosophischen Problemen nicht nur um akademisches Geplänkel handelte, sondern dass das jeweilige Denken massiven Einfluss auf das politische Geschehen und das Leben der Menschen ausübte. Wenn Merleau-Ponty davon spricht, dass die Gleichheit der zwei Geraden nur eine mögliche Alternative in der Welt der Objektivität sei, dann drückt er damit nicht nur aus, dass er die empiristische Position als alleinige Erklärung der Welt ablehnt, sondern dass er eine Pluralität von Erkenntniszusammenhängen in Erwägung zieht. Dies ist aber nicht möglich, wenn wir weiterhin von zwei einander fremden Seinsbereichen oder Welten ausgehen, die sich gegenseitig ausschließen.

Der Welt Bedeutung geben

Zurück zu den zwei Geraden: Nach unserem heutigen naturwissenschaftlichen Verständnis, das von der Konzeption der zwei Welten geprägt ist, ist der Fall mit den zwei Geraden eindeutig. Es gibt eine Welt außerhalb von uns, die wir mittels wissenschaftlicher Methoden (hier dem Messen mit dem Lineal) objektiv erfassen können. Alle abweichenden Aussagen über die Geraden müssen demnach falsch sein - wir waren eben bei unserer sinnlichen Wahrnehmung nicht aufmerksam genug. Merleau-Ponty greift diese Position an, wenn er bemerkt, dass der Vorwurf der Unaufmerksamkeit erfunden worden sei, um das Vorurteil der objektiven Welt zu retten. "Wir müssen uns entschließen, die Unbestimmtheit als positives Phänomen anzuerkennen. Nur im Bereich dieses Phänomens begegnen uns Qualitäten." (Merleau-Ponty 1966) Er kritisiert, dass wir unsere unmittelbare Wahrnehmung zugunsten einer theoretischen Konstruktion zurückstellen, die im Grunde nur eine Ausnahmesituation beschreibt, nämlich den Vergleich mit einem bestimmten Maßstab. Wenden wir uns stattdessen den Phänomenen unmittelbar zu, können wir Qualitäten innerhalb eines komplexen Wahrnehmungskontextes erfassen. Für Merleau-Ponty kann die Wahrnehmung Zweideutigkeiten, Schwankungen und Einflüsse des Zusammenhangs erschließen. Erst damit wird überhaupt Bedeutung möglich. Die objektivierende Wissenschaft gibt uns diese Möglichkeit nur in Bezug auf modellhafte Vorstellungen von Kausalzusammenhängen, wie sie in der Weltabgeschiedenheit der Laboratorien nachgestellt werden. Die beiden Strecken der Müller-Lyerschen Täuschung sind nicht gleich und nicht ungleich. Sie sind vielmehr durch ihren Kontext (die Pfeilrichtung der beiden Enden) "anders" - eine Kategorie, die in der objektiven Wissenschaft nicht vorgesehen ist. Vor kurzem saß ich auf einer Isoliermatte, in die das folgende Muster gestanzt war: Durch die dreidimensionale Ausprägung dieses Musters sah ich dabei je nach Licht- und Schattenverhältnissen beim Blick direkt von oben ineinandergeschachtelte Vierecke, während ich beim Blick schräg von der Seite mit Schraffuren gefüllte Quadrate sah. Jetzt, bei der zweidimensionalen Darstellung auf dem Bildschirm meines Computers stelle ich fest, dass ich die schraffierten Quadrate auf kurze Entfernung wahrnehme, während sich die ineinandergeschachtelten Vierecke bei weiterer Entfernung einstellen. Wie bei den zwei Geraden zeigt sich auch hier die Kontextabhängigkeit der unmittelbaren Wahrnehmung. Die empiristische Wissenschaft würde die Linien auf einem Koordinatenkreuz beschreiben und diese mathematische Beschreibung als Grundlage der Wahrnehmung annehmen. Die jeweils unterschiedliche Wahrnehmung wäre dann der Fehlbarkeit unserer Sinne oder unserer Assoziationskraft zuzuschreiben. Merleau-Ponty jedoch deutet die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen derart, dass sie in einem bereits vorhandenen Sinnhorizont auftreten. "Die Bedeutsamkeit des Wahrgenommenen (.) liegt in Wahrheit jeder Assoziation zugrunde (.)." (Merleau-Ponty 1966). Demnach ermöglicht erst die Gesamtheit eines Wahrnehmungszusammenhangs Assoziationen und damit Bedeutung. Merleau-Pontys Interesse gilt den Bedingungen der Wirklichkeit. Diese liegen ihm zufolge im Handeln und in der unmittelbaren Wahrnehmung der Welt, deren Bedeutung sich uns in ihren jeweiligen Zusammenhängen erschließt und so Sinn stiftet. Gegen Descartes’ "Ich denke, also bin ich" wendet er ein, dass man erst lieben, glauben oder wollen und damit seine eigene Existenz vollziehen muss, bevor man denken kann, dass man glaubt, liebt oder will. Merleau-Ponty ermöglicht uns damit einen direkten sinnlichen und somit sinnvollen Zugang zur Welt. Welche Konsequenzen diese Haltung für ein ökologisches Bewusstsein und für bedeutungsvolles Handeln in der Welt hat, werde ich am Ende meiner Darstellung erläutern.

Goethes Naturwissenschaft

Merleau-Ponty steht in einer phänomenologischen Tradition, die mit Edmund Husserl begann; er war unter anderem von Heidegger und Sartre beeinflusst. Doch schon lange davor hatte Goethe den Versuch unternommen, eine Form der Naturwissenschaft zu entwickeln, die in vielen Punkten große Ähnlichkeit mit dem phänomenologischen Ansatz von Merleau-Ponty aufweist. Merleau-Ponty erwähnt Goethe in seiner "Phänomenologie der Wahrnehmung" allerdings nur ein einziges Mal, es scheint aber naheliegend, dass er Goethes naturwissenschaftliche Ausführungen kannte. Goethes Form der Naturwissenschaft kann man mit gutem Gewissen als eine Phänomenologie der Natur bezeichnen. Der von Gernot Böhme herausgegebene Band "Phänomenologie der Natur" behandelt Goethes naturwissenschaftliche Ansätze ausführlich, ohne jedoch ausdrücklich auf Merleau-Ponty zu verweisen. Goethe hatte Newtons Farbenlehre gelesen. Dieser hatte versucht, das Phänomen der Farben auf eine hinter diesem Phänomen liegende Realität zurückzuführen. Er ließ Licht durch ein Prisma fallen und wollte anhand des Brechungswinkels der jeweiligen Farbe ein mathematisches Modell zur Beschreibung der Farben entwickeln. Letztendlich glaubte er, dass sich Lichtteilchen unterschiedlicher Farben mit unterschiedlicher Geschwindigkeit durch Glas bewegen und diese Eigenschaft dem Farbempfinden zu Grunde liege. Newtons Theorie war nicht erfolgreich und wurde später von der Wellentheorie des Lichts abgelöst.

Exakte sinnliche Phantasie

Beide Theorien beschreiben Farbe als Eigenschaft, die auf hinter der erfahrbaren Realität liegenden, in Zahlen ausdrückbaren Verhältnissen basiert. Goethe hielt dieses Vorgehen für absurd. "Denn eigentlich unternehmen wir umsonst, das Wesen eines Dinges auszudrücken. Wirkungen werden wir gewahr, und eine vollständige Geschichte dieser Wirkungen umfasste wohl allenfalls das Wesen jenes Dinges. Vergebens bemühen wir uns, den Charakter eines Menschen zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen, seine Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns entgegentreten." (Goethe 1998) Die Geschwindigkeit eines Teilchens konnte für ihn nicht sein eigenes Farbempfinden erklären, ebensowenig wie dies das Messen der Wellenlänge gekonnt hätte, so nützlich dies für die Optik auch sein mag. Goethe wollte das Phänomen unmittelbar begreifen und verstehen. Dazu musste er es in möglichst ursprünglicher Form beobachten, am besten anhand eines Urphänomens, wie Goethe es nannte, also eines Phänomens, das in seiner klarsten, direkten Form in der Natur zu beobachten wäre. Goethes Beobachten war aber kein Betrachten von außen, sondern ein achtsames Sehen, das unsere Aufmerksamkeit auf das beobachtete Phänomen lenkt und uns mit diesem verbindet. Auf diese Weise können wir die Qualität z.B. der Farbe direkt erfahren. (Bortoft 1996) Um dem eigentlichen Phänomen noch näher zu kommen, entwickelte Goethe die Methode der "exakten sinnlichen Phantasie". Nachdem er eine tatsächliche Beobachtung gemacht hatte, versuchte er diese in seiner eigenen Vorstellung exakt zu rekonstruieren, dabei aber nicht über das Phänomen nachzudenken. Ziel dabei ist es, nichts auszulassen und nichts hinzuzufügen. So sollte das Denken sich der Qualität der Wahrnehmung und die Wahrnehmung sich der Qualität des Denkens annähern. (Bortoft 1996) Durch dieses Vorgehen verschwimmen die Grenzen zwischen Geist und Materie, zwischen Subjekt und Objekt, und ermöglichen direkte Erkenntnis, die in der Welt und ihren Phänomenen selbst begründet ist. Dieser Punkt lässt sich an der folgenden Grafik veranschaulichen: Zuerst sehen wir in dieser Abbildung nur eine Ansammlung schwarzer Flecken in einem Kreis, dann plötzlich, wie von selbst, erkennen wir Kopf und Hals einer Giraffe. Augenscheinlich hat sich an unserer Wahrnehmung nichts geändert, die Punkte haben sich nicht geändert, und unser Blick hat sich nicht geändert. Trotzdem erkennen wir die Giraffe - das Bild bekommt für uns Bedeutung. Diese Bedeutung ist jedoch nicht Teil des Bildes. Jemand, der noch nie eine Giraffe gesehen hat, würde dort auch keine erkennen. Die Giraffe ist aber auch nicht ein alleiniges Produkt unserer Erinnerung oder Assoziation. Wäre das der Fall, dann könnten wir alles mögliche assoziieren: Dreck in einer Schale, eine bemalte Weihnachtskugel und vieles mehr. Wir sehen aber alle dieselbe Giraffe. Die Bedeutung ergibt sich vielmehr aus der kognitiven Organisation der Flecken in einer Weise, die den Kontext des zuvor Erfahrenen einschließt. Gleichzeitig erschließt erst der Akt unserer bewussten Wahrnehmung die Bedeutung "Giraffe" in einem Raum zwischen uns und dem Bild. Die bewusste Wahrnehmung ist somit eine Art der Kommunikation zwischen zwei gleichberechtigten Polen. Weder die Vorstellung eines Subjekts, das ein Objekt sieht, noch die eines Objekts, das sich einem Subjekt zeigt, können den Erkenntnisgewinn des Wahrnehmens erklären. Erst die Interaktion vor dem Hintergrund einer bestimmten Situation erschließt die Bedeutung. Merleau-Ponty schreibt dazu: "Wahrnehmen ist nicht das Erleben einer Mannigfaltigkeit von Impressionen, die zu ihrer Ergänzung geeignete Erinnerungen nach sich ziehen, sondern die Erfahrung des Entspringens eines immanenten Sinnes aus einer Konstellation von Gegebenheiten, ohne den überhaupt ein Verweis auf Erinnerungen nicht möglich wäre." (Merleau-Ponty 1966). Goethe hat sich das Wissen über die Möglichkeit einer solchen Art von Erkenntnisgewinnung wiederum in seinen naturwissenschaftlichen Versuchen zu Nutze gemacht. Bei seinen Untersuchungen über die Morphologie der Pflanzen stellte er Blattreihen zusammen. Dazu löste er die Blätter einer Pflanze ab und ordnete sie in einer Reihe an, wie sie von oben nach unten am Stiel einer Pflanze wachsen. Dabei ergeben sich Bilder wie das Folgende, das als Beispiel den Mauerlattich zeigt: Wollen wir Goethes Erkenntnisweg nachvollziehen, müssen wir eine der Blattreihen ausführlich beobachten, ohne sie dabei zu analysieren. Anschließend müssen wir das Bild durch unsere exakte sinnliche Phantasie in Gedanken so genau wie möglich rekonstruieren, ohne etwas hinzuzufügen oder zu erklären. Ähnlich wie das Bild der Giraffe springt uns dann ein Verständnis für das dynamische Formprinzip dieser Pflanze an. Die Form jedes Blatts erhält für uns Bedeutung innerhalb des Zusammenhangs des Pflanzenwachstums.

Gestalt und Bedeutung

Arne Naess, der Begründer der Tiefenökologie, beruft sich in seinem Buch "Ecology, Community and Lifestyle" (Naess 1989) auf die Gestalttheorie - eine Theorie, die ursprünglich aus der Psychologie der Wahrnehmung kommt und von der auch Merleau-Ponty beeinflusst war. Eine Gestalt ergibt sich aus der ganzheitlichen Betrachtung komplexer Zusammenhänge und erschließt damit Bedeutung. Eine Melodie z.B. nehmen wir nicht als Abfolge von Tönen wahr, sondern eben als Melodie. Gestaltdenken ist ein wesentlicher Aspekt der Kunst. Die Bedeutung eines Kunstwerks ergibt sich nicht nur aus dem Kunstwerk an sich, sondern aus dem Zusammenhang von Beobachter und Beobachtetem, von Vorwissen, Erwartungen, Meinungen, von Umfeld und Situation. Nicht umsonst schreiben viele Philosophen der Ästhetik einen besondern Stellenwert als Erkenntnisdisziplin zu. Arne Naess schreibt, dass die Gestalt das Ich und das Nicht-Ich in einem Ganzen verbindet. Freude wird nicht meine Freude, sondern etwas Freudiges, an dem ich und etwas anderes zusammenhängend teilhaben. In einer Videodokumentation spricht Naess über die Gründe, die zu ökologischem Handeln führen können. Wenn wir in einen Wald immer tiefer und tiefer eindringen, werden wir irgendwann ein Gebiet in dem Wald erreichen, das wir als Herz des Waldes bezeichnen können. Diese Vorstellung entspringt dem Gestaltdenken. So wie wir hinter den einzelnen Blättern des Mauerlattichs eine nicht zufällige Formgebung erkennen, erschließt sich uns im Zentrum des Waldes eine Qualität, die wir als schützenswert wahrnehmen. Soll nun eine Straße durch den Wald gebaut werden, wird diese Gestalt zerstört, auch wenn die Straße nur einen geringen Flächenanteil beansprucht. Die Ganzheit des Waldes, die unzähligen komplexen Vorgängen zwischen Pflanzen, Tieren und Spaziergängern, der Atmosphäre, der Ursprünglichkeit und der Einsamkeit inmitten des Lebens entspringt, geht verloren. Für Naess Grund genug, sich gegen den Bau der Straße einzusetzen. So glaubt er auch, dass die zunehmende Fixierung auf wissenschaftliche Analysemethoden, mit denen wir nur die Objekte messen und daraufhin unsere Entscheidungen treffen, dazu führt, dass wir unsere Fähigkeiten zur Gestaltwahrnehmung verlieren. Da aber gerade diese Art der Wahrnehmung Sinn und Bedeutung schafft, führt ihr Verlust zu einem allgemeinen Gefühl von Ohnmacht und Sinnlosigkeit. Diese Sicht wird auch von vielen Ökopsychologen geteilt, die in der sinnlichen und sinnvollen Einbindung des Menschen in seine natürliche Umwelt Möglichkeiten zur Therapie sehen. (Roszak, Gomes et al. 1995)

Viele Welten

Merleau-Ponty bezieht sich in seiner Phänomenologie der Wahrnehmung noch sehr stark auf das Verhältnis von Subjekt und Objekt. Später beginnt er, den unbenannten Raum, in dem Sinn entsteht, in den Vordergrund zu heben. Er nennt diesen Raum "das Fleisch". Das Fleisch versteht er als formendes Milieu für Subjekt und Objekt, als ein Element des Seins selbst. (Merleau-Ponty 1986) Man könnte vermuten, dass Merleau-Ponty hier eine dritte Welt in Gedanken hatte, die zwischen der subjektiven und der objektiven Welt vermittelt, mithin eine feinstoffliche Qualität aufweist. Eine solche Übertragung in eine Drei-Welten-Theorie, wie z.B. Marco Bischof sie diskutiert, wäre in der Tat denkbar. Wenn Marco Bischof über feinstoffliche Felder schreibt: "Zu ihrer grundsätzlichen Charakterisierung kann man sagen, dass sie die Art der Realität darstellen, die entsteht, wenn wir uns als Wahrnehmende nicht vom Wahrgenommenen trennen" (Bischof 2002), so entdecken wir unverkennbar Goethes Auffassung von Beobachtung und bewusstem Sehen wieder. Auch Merleau-Pontys "Leib" als erkenntnisfähige Instanz ist als wahrnehmend nicht vom Wahrgenommenen zu trennen. Das "Fleisch" nun soll den Sinn noch weiter aus den Kategorien Subjekt und Objekt trennen, es ist das Element des Seins selbst. Sicher ist, dass hier eine Erkenntnisweise angeboten wird, mit der Bereiche integriert werden können, die sonst von der Wissenschaft als Erkenntnisquellen abgelehnt werden, wie z.B. Emotionalität und Spiritualität, Naturerlebnisse und zwischenmenschliche Erfahrungen, also jene Bereiche, die als feinstofflich beschrieben werden können. Ich denke jedoch, dass Merleau-Pontys Ansatz noch darüber hinausweist. Er legt vor allem in seinen letzten unvollständigen Aufzeichnungen kurz vor seinem frühen Tod Grundsteine für eine Philosophie, die in letzter Konsequenz auf eine Abschaffung der Kategorien Subjekt und Objekt hinausläuft und diese höchstens noch als mögliche Ausprägungen des Seins, nicht aber mehr als Seinssphären begreift. Letztendlich möchte er nicht im Sinne einer dritten Welt vermitteln. Sein Fleisch ist nicht zwischen Subjekt und Objekt angelegt, und er möchte auch nicht die traditionellen zwei Welten des Geist-Materie-Dualismus durch eine einzige ersetzen. Einen unmittelbaren Ausdruck des Fundamentalen oder eine absolute Metaphysik, wie er sie bei Heidegger vermutet, lehnt er ab. Er versucht vielmehr, unsere Erkenntnis in einer Vielzahl möglicher Situationen jeweils als Welten zu erfassen, die sich im Interagieren konstituieren. "Was es gibt, sind Welten und eine Welt." (Merleau-Ponty 1986)

Sinn im Hier und Jetzt finden

Auch andere zeitgenössische Philosophen, die an der Auflösung abendländischer Dualismen arbeiten, finden ähnliche Schlüsse. Donna Haraway spricht in ihrem Buch "Die Neuerfindung der Natur" (Haraway 1995) davon, Subjekte und Objekte durch ein Konzept von "Akteuren" abzulösen. Somit ist alles, Mensch, Tier, Pflanze und Ding, Akteur und schafft durch Interaktion Bedeutung und so die Möglichkeit zur Erkenntnis. Haraway, die ursprünglich Biologin und Primatologin ist, sieht in diesem Konzept von situativem Wissen die Möglichkeit zu wissenschaftlicher Arbeit, ohne in die Hierarchien des Subjekt-Objekt-Dualismus zu verfallen. Gleiches hat Bruno Latour im Sinn, wenn er im Rahmen einer politischen Ökologie ein gemeinsames "metaphorisches Parlament der Dinge" berufen möchte (Latour, 2001). Auch für ihn sind die Dinge nicht bloße Objekte, sondern mit Haraways Akteuren vergleichbar, die ihre Wirklichkeit konstituieren. Eine Philosophie, die sich den abendländischen Dualismen entzieht, kann verschiedene Wege der Erkenntnis zulassen und in einen Dialog bringen. Erkenntnisse, die aus spirituellen, intuitiven oder emotionalen Zusammenhängen gewonnen werden, stehen dann gleichberechtigt neben den Erkenntnissen der empirischen Wissenschaften. Das von uns wahrgenommene Leiden eines Schweins in der Mastanlage kann nicht mehr mit dem Verweis auf empirisch nicht zu beweisende Leidensfähigkeit kleingeredet, die Zerstörung von Landschaften nicht mehr mit ökonomischen Interessen gerechtfertigt werden. Gleichzeitig gibt uns eine Phänomenologie der Wahrnehmung die Möglichkeit, unser Sein und Handeln in bedeutsamen Zusammenhängen zu sehen. Geomantie als phänomenologische Disziplin in diesem Sinne hätte die Aufgabe, das Sein und die Bedeutung von Orten, Landschaften, Habitaten und Ökosystemen zu ergründen. Daraus ließen sich Methoden entwickeln, fragmentierte Gestalten wieder zu ihrer Ganzheit zu verhelfen, so wie ein Komponist ein zerrissenes Notenblatt wieder zusammenfügt und fehlende Takte ergänzt, um wieder eine Melodie zu schaffen. Aus der hier vorgestellten Perspektive ist die Trennung zwischen uns und der Welt eine hypothetische. David Abram, der Autor von "The Spell of the Sensous" (Abram 1996, siehe auch S. 46 in diesem Heft) betonte bei einem Vortrag nach den Anschlägen vom 11. September die Notwendigkeit, sich nicht mehr auf Modelle zu stützen, die diese Welt durch eine verborgene Welt erklären wollen, sei dies die Welt der Quantenmechanik, die Welt der Psychologie, die Welt der reinen Ideen oder religiöser Jenseitsvorstellungen, sondern unser Wissen, unsere Erkenntnisse und unseren Sinn im Hier und Jetzt, im Miteinander der erfahrbaren Welt zu finden. Nur so sei es möglich, dieser Welt und all ihren Bewohnern die Wertschätzung entgegenzubringen, die ihnen gebührt.