Natur neu verstehen

Ermutigung für eine Ökologie der ganzen Erde

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 15/2003

Die Natur ist eine so mächtige und allumfassende Persönlichkeit, dass wir noch keinen ihrer Züge je erfasst haben.
Henry David Thoreau

Vor einem Jahr, Anfang Februar 2002, hatten sich eine Reihe von Landwirten, Naturschützern, Biologen, Planern und weitere ökologisch und geomantisch Interessierte zu einem Seminar von Marco Bischof an der Humboldt-Universität in Berlin zum Thema "Mensch, Geomantie und agrarische Landschaft" zusammengefunden. An einem der Seminartage leistete auch die Hagia-Chora-Redaktion einen Beitrag über die Situation der Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Die angeregte Atmosphäre des Workshops, der Wege zu einer "Ökologie des Herzens" – die alles andere als Gefühlsduselei ist, sondern sich auf vielfältige erkenntnistheoretische und wissenschaftliche Grundlagen stützen kann – erkennbar werden ließ, war für uns ein starker Impuls, die Arbeit an der vorliegenden Ausgabe von Hagia Chora zu beginnen. Es scheint zentral wichtig, dass sich die Geomantie in die international geführte Diskussion um die Grundlagen ökologischen Handelns einklinkt, um ihr eigenes Fundament zu stärken und in einer Sprache formulierbar zu werden, in der sie auch von Menschen akzeptiert werden kann, die sie gegenwärtig noch als "Esoterik"-Thema missverstehen. Erst mit einer derart entschlackten Sprache, die Dinge benennt, die einem aufgeklärten Zeitgenossen einleuchten, wird Geomantie wirklich handhabbar und kann selbst Anregungen in die Diskussion einbringen. Wir werden häufig von Menschen angesprochen, die den üblichen Maßnahmen-Umweltschutz hinter sich lassen wollen und sich fragen, wie sie geomantische Aspekte in ihre Arbeit integrieren können und wo sie Gleichgesinnte zum Austausch finden. Wenn auch derzeit, von außen betrachtet, in der mitteleuropäischen Ökologie-Bewegung nicht viel Dynamik zu stecken scheint, brodelt es doch unter der Oberfläche. Das zeigen auch die vielen engagierten Rückmeldungen auf die letzte Ausgabe von Hagia Chora mit dem Focus "Geomantie und Landwirtschaft". Die Zeit scheint auch reif für konkrete Projekte: In diesem Sommer wird es in Deutschland erstmals eine Ausbildung in Geomantie und Tiefenökologie geben, geleitet von Silvia Reichert de Palacio im Rahmen des BUND (siehe Artikel Seite 40), und sicherlich existieren zig weitere Initiativen, von denen wir nur (noch) nichts erfahren haben.

Wildnis – Natur, Seele Sprache

Ein weiterer Anlass, der uns zeigte, wie sehr die Verbindung von Ökologie mit Geomantie und Spiritualität in der Luft der kulturell-kreativen Strömung in Europa liegt, war die Konferenz "Wildnis als Phänomen integraler Kultur", organisiert von Jiÿri Zemánek auf Burg Klenova in Tschechien anlässlich seiner großen Ausstellung zeitgenössischer Kunst zum Thema "Wildnis – Natur, Seele, Sprache", zu der wir als Vertreter der Geomantie zusammen mit Marko Pogaÿcnik und Marco Bischof eingeladen waren. Der ökologische Bezug der Konferenz war die tschechische Debatte um den Nationalpark Böhmerwald, dessen Betreuung mit derjenigen des auf der deutschen Seite sich fortsetzenden Bayerischen Waldes leider nicht mithält (siehe Seite 77). Dies stand im Kontext farbiger Beiträge über das Motiv der Wildnis in Kunst und Poesie, Psychologie, Spiritualität und Geomantie (siehe Seite 72). Wenn auch kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen, war diese Konferenz, auf der sich Künstler, Forstfachleute, Öko-Aktivisten, Wissenschaftler und Therapeuten auf das Thema des "Wilden" eingelassen hatten und wo von transpersonalen Erfahrungen ebenso die Rede war wie von komplexen Ökosystemen, für uns ein besonders ermutigendes Zeichen, dass die "integrale Kultur" Realität werden kann, wenn wir nur den Raum dafür öffnen. (Der Tagungsband "Wilderness – Nature, Soul, Language" wird demnächst im Verlag Kant, Prag, erscheinen; wir werden darauf hinweisen.)

Ökologie der Träume

"Wildnis als Phänomen integraler Kultur" – zunächst hatte der Titel dieser Veranstaltung bei uns durchaus Fragezeichen gesetzt. Warum wurde das Thema "Wildnis" an uns herangetragen, wo es doch kaum noch eine solche gibt? Wenn aber "integral" heißt, alle Ebenen unserer Existenz rückhaltlos anzunehmen und zu einem harmonischen Zusammenklang zu führen, dann brauchen besonders diejenigen Bereiche unsere Aufmerksamkeit, die in der "normalen" heutigen Welt am meisten unterdrückt werden. Und das sind auf weiter Front wilde, ungezügelte Lebensäußerungen, unsere Imagination, ekstatische Erfahrungen der Anderswelt und auch unsere unbewussten und halbbewussten Wesensanteile, die durch unsere Träume zu uns sprechen. Träume werden zwar heute allgemein als Zerrbilder unserer Phantasie ohne einen über das Persönliche hinausgehenden Wert marginalisiert, aber sie sind doch eine machtvolle, durch nichts "wegzudenkende" Instanz in unserem Leben. Auch der Weg zu einer integralen Ökologie dürfte über das Reich der Träume führen, denn wo sonst nehmen unsere Utopien ihren Anfang? Träumend sind wir wohl näher an der Erkenntnis, die uns die Weisheit der Erde vermittelt, als wir es im Wachbewusstsein je sind, denn dann sind wir in die eigentliche "Natur" unseres Wesens eingetaucht. Die Traumebene ist etwas Kostbares, dem usurpatorischen Zugriff des Verstandes entzogen, ein letztes Refugium, in dem noch seltene Pflanzen wachsen, die wir in der diesseitigen Tageswelt wieder aussäen könnten, um ein neues Verständnis von Natur wachsen zu lassen. Damit diese Saat nicht gleich vertrocknet, braucht es einen gedeihlichen Lebensraum. Der allerdings ist nicht Ergebnis träumerischer Schwärmereien, sondern lässt sich nur schaffen, wenn wir die Traumsaat selbstbewusst und kompetent in die praktische Arbeit und Auseinandersetzung einbringen.

Fortschritt ohne Seelenverlust

Dass dies selbst im akademischen Rahmen möglich ist, zeigt die Arbeit des Schweizer Agrarsoziologen und Tiefenpsychologen Theodor Abt, dessen Buch "Fortschritt ohne Seelenverlust" der Leitfaden für das eingangs erwähnte Seminar von Marco Bischof war. Abt hatte 1973 an der Erstellung eines gesamtwirtschaftlichen Entwicklungskonzepts für den Schweizer Kanton Uri gearbeitet. Zunächst war seine Ausrichtung die gewohnte materialistische Perspektive. Er konzipierte Maßnahmen zur Förderung des materiellen Fortschritts in jener Region, um der Entvölkerung der Bergtäler entgegenzuwirken. Doch dann irritierten ihn Träume, die sich direkt auf seine Arbeit an dem Entwicklungskonzept bezogen. Zuerst erschien es ihm unmöglich, diese Ebene in die konkrete Arbeit einzubeziehen, doch im Austausch mit seiner Lehrerin Marie-Louise von Franz, bei der er sich am C.-G.-Jung-Institut Zürich zum analytischen Psychologen ausbildete, begriff er, dass er mit seiner Arbeit nicht weiterkäme, würde er diese Äußerungen seiner Seelentiefe nicht ernstnehmen. Diese Entscheidung hatte einen bemerkenswerten katalytischen Effekt und führte ihn zu einem wesentlich tieferen Verständnis und zu kreativeren Lösungen der Probleme des ländlichen Raums. Weil er sich in seinem Umgang mit Träumen auch auf ein solides Fundament, das Werk von C.G.Jung, stützen konnte, war Abt selbstbewusst genug, einzelne Träume und ihre Deutungsversuche in seine Dissertation aufzunehmen, die von der ETH Zürich angenommen und 1977 in Bern publiziert wurde. In seiner Habilitationsschrift, veröffentlicht 1983 unter dem Titel "Fortschritt ohne Seelenverlust" (Hallwag-Verlag, Bern), führt er seinen Ansatz aus und zeigt überzeugend die hohe Bedeutung der innerseelischen Wirklichkeit für den gesellschaftspolitischen Alltag. Erscheint Abts Herangehensweise auch unkonventionell, so wird seine Arbeit nicht als Spinnerei abgetan, sondern in Fachkreisen hoch geschätzt und als Anregung aufgegriffen. Wir freuen uns, dass Theodor Abt uns den Kontakt zu einem seiner Doktoranden, Nikola Patzel, vermittelt hat, dessen Dissertation "Bodenwissenschaften und das Unbewusste" ebenfalls den Traum als Erkenntnisweg in die wissenschaftliche Arbeit einbezieht. Wir stellen ein Exzerpt dem eigentlichen Focus voran – als ermutigendes Beispiel für kreative Wege zu einem neuen Verständnis von Mensch und Natur.