An der Grenzen der Aufklärung

von Erhard O. Müller erschienen in Hagia Chora 15/2003

Der im Westen seit der Aufklärung vorherrschende Materialismus hat in den Menschen ein spirituelles Vakuum entstehen lassen, das zu füllen sich sehr verschiedene Ansätze bemühen: Totalitäre, esoterische und emanzipative Angebote stehen in bunter Mischung nebeneinander. Kann es gelingen, Religion und Emanzipation in einer neuen Synthese zusammenzuführen?

Der brutale Anschlag auf das WTC und die bekannten Gegenreaktionen stellen für viele gesellschaftskritische Menschen die Frage nach den geistigen Quellen, die den jeweiligen Akteuren ihr Fundament liefern, neu. Darüber hinaus erhebt sich mit Macht die Frage, ob einerseits die säkulare Kultur des Westens, andererseits die etablierten Formen der Religion noch überzeugende Antworten auf das Sinnfindungsbedürfnis einer größer werdenden Zahl von Menschen geben können. Welche Entwicklungen liegen der aktuellen Krise kultureller Gewissheit – und der in Reaktion darauf erfolgenden Hinwendung zu neuen, ganzheitlicheren Lebensmodellen und Sinngebungen – zugrunde?

Entzauberung und Utopieverlust

Oberflächlich betrachtet mag es so aussehen, als schreite die Aufklärung mitsamt der durch sie hervorgebrachten "Entzauberung der Welt" (Max Weber), mit ihrer Diesseits-Orientierung und Versachlichung alles Seienden sowie der schwindenden Bindungskraft der Religion ungebrochen fort. Diese Säkularisierung bedeutet jedoch nicht nur eine Abnahme traditioneller Glaubensbedingungen, sondern gleichzeitig das Aufkommen neuer, säkularer Glaubensmächte: etwa in Gestalt des Glaubens an die Wissenschaft, des politischen Messianismus verschiedenster ideologischer Couleur, des Glaubens an die Allmacht der Vernunft usw. Doch auch diese säkularen, innerweltlichen Sinnverständnisse und Heilserwartungen, die im Laufe der neuzeitlichen Entwicklung den alten Religionen ihren Platz streitig machten, scheinen in eine fundamentale Krise geraten zu sein. Das markanteste Zeichen dafür ist die Erosion jener Zukunftsidee, die seit dem 19. Jahrhundert das allgemeine Bewusstsein wesentlich bestimmte: der Idee des Fortschritts. Der Glaube an einen in der Geschichte obwaltenden Fortschritt, der sich unaufhaltsam durchsetzt und die Menschheit zu immer glücklicheren Ufern führt, ist weithin erloschen. Die Ahnung, dass das Fortschreiten der industriellen Zivilisation von ungeheuren Kosten an humaner Substanz begleitet wird und sich neue Abgründe universaler Gefahr auftun, ist inzwischen verbreitete Gewissheit. Mit dem Zerfall des Fortschrittsgedankens aber ist die wesentliche Säule des Glaubens an eine Sinnhaftigkeit der Geschichte zerbrochen. Auch der Glaube an die Möglichkeit der Herstellung latenten menschlichen Glücks durch die Human- und Sozialwissenschaften ist geschwunden. Geblieben sind ein prinzipielles Problematisieren der Wirklichkeit und eine voranschreitende Auflösung kultureller Gewissheit: eine Not, die von manch einem Theoretiker der Postmoderne gern zur Tugend stilisiert wird. Und dennoch: Die Krise der alten Paradigmen – und die Ungewissheit über neue, die an ihre Stelle treten könnten – sind im Lebensgefühl der Menschen ein zunehmend drängender Faktor. Die Krise des abendländisch-modernen, cartesianischen Weltbilds ist im Kern eine Krise der Aufklärung, ihrer Erklärungsmuster und Verheißungen. Wir sind Zeitzeugen einer fortschreitenden Implosion des Glaubens an die aufklärerische Rationalität, deren Paradigmen gleichwohl – in Ermangelung entwickelter Alternativen – für viele (noch) eine Richtschnur ihres Denkens und Handelns bleiben. Noch die 68er-Bewegung war getragen von dem Optimismus, dass die Geschichte sich stetig emanzipatorisch fortentwickle – ein Optimismus, dem eine marxistisch gebundene Geschichtstheorie (vgl. vor allem Herbert Marcuse) das theoretische Fundament lieferte. Diese Emanzipationsgewissheit, im Kern wiederum der Glaube an die Herstellbarkeit universalen menschlichen Glücks durch menschliches Handeln, scheint – allerspätestens seit dem Zusammenbruch des Sozialismus – weitgehend verloren. Der damit einhergehende Utopieverlust gehört zu den markantesten Indikatoren der gegenwärtigen geistigen Verfasstheit. Das Pathos der Aufklärung, das seine missionarische Kraft über Jahrhunderte hinweg ausüben konnte, scheint der Vergangenheit anzugehören. Vieles spricht dafür, dass die Aufklärung selbst an ihre Grenzen gestoßen ist, weil sie – angesichts des von ihr wirkungsgeschichtlich mitzuverantwortenden Unheils – ihre Legitimationskraft verloren hat. Die "Moderne" und die sie begründenden Mächte gehören in diesem Denken bereits der Vergangenheit an – der Tod der Moderne wird konstatiert, das "postmoderne Zeitalter" hat Konjunktur. Die "mit der Aufklärung, mit der Moderne eingenommene ‚Stellung des Menschen im Kosmos‘ ist unhaltbar geworden. Verlichtung ist Vernichtung."1 Vor diesem Hintergrund schlicht an einer Verwirklichung der Ziele und Ideale "der Aufklärung" festzuhalten – eine Forderung, der Teile des liberalen Bürgertums noch genauso anhängen wie die hinterbliebenen Ausläufer marxistischer Provenienz – wird der Sachlage nicht mehr gerecht, denn: Ein Teil ihrer ureigensten Ideale selbst und insbesondere das ihr zugrundeliegende Weltbild sind als Infektionsherd der tödlichen Erkrankungen unserer Industriegesellschaft und ihrer Kultur erkennbar. Mit dieser Feststellung ist gleichzeitig die Frage nach neuer Sinngebung, neuen Idealen und "Werten" zukunftsgestaltenden Denkens und Handelns aufgeworfen. Das "Verrationalisieren" unseres inneren Lebens und unserer Wahrnehmungsstrukturen hat ein Vakuum geschaffen, das ganz allmählich seine Sogwirkung erkennen lässt: Das Gefühl der psychischen Verarmung lässt den abendländischen Menschen sehnsüchtig nach Zuständen der Geborgenheit und Aufgehobenheit suchen, produziert einen Hunger nach der Wiederherstellung von "Ganzheit". Begriffe wie "Heimat" und "Identität" haben Hochkonjunktur, werden jedoch von einer wissenschaftlich-rational vereinseitigten Denkweise nur widerwillig aufgegriffen.

Einheit mit dem Ganzen

Da die aufklärerische Rationalität auf diese Fragen kaum Antworten geben kann (oder will), greifen die Betroffenen zur Selbsthilfe: Es werden neue, bewusst nicht-rationale Formen der Erkenntnis der Wirklichkeit und der Orientierung in ihr gesucht. Was im grellen Scheinwerferlicht aufklärerischer "Vernunft" bereits als grundsätzlich überholt und "überwunden" galt, erlebt eine erneute Aktualität. Eine neue – aus dem spirituellen Wissen verschiedener Kulturen schöpfende, sich gleichwohl philosophisch ausweisende – Erkenntnisweise tritt in den Vordergrund, das sich allein auf die Ratio gründende wissenschaftliche Bewusstsein wird aufgrund seiner rigiden Trennung zwischen Beobachter und Beobachtetem als ein entfremdetes Bewusstsein identifiziert. Auch im Hause der Wissenschaft selbst – jenem klassischen Hort neuzeitlicher Rationalität – gewinnen Themen wie das "Ende des rationalen Zwangs" zunehmend Raum. Erinnert sei nur an den methodischen "Anarchismus" Paul Feyerabends oder an den Erfolg der Schriften von Hans Peter Duerr. Diese Ansätze zu einer "neuen Bewusstwerdung" über die Zusammenhänge zwischen Individuum und Kosmos beinhalten ein Angebot, das die offizielle Kultur nicht mehr (und die etablierte christliche Religion kaum noch) zu bieten vermag: das Angebot einer sinnhaften Existenz, einer Sicherung des Ichs, das in der Fragilität unserer gegenwärtigen Lebenswelt und der Labilität ihrer Werte vielfältig bedroht ist. Dieses im positiven Sinne "therapeutische" Angebot besteht darin, dass das Individuum über das Instrument seines Bewusstseins aus der Beschränkung seines Ichs heraus kann; dass es sich aufgehoben wissen kann in einer "Einheit mit dem Ganzen" und so dem Gefühl der Fragmentisierung und Atomisierung seines gegenwärtigen Lebens entgehen kann. Es ist eine Antwort auf den "Hunger nach Ganzheit", den der Modernisierungsprozess entstehen ließ. Dass das Individuum sich eingebunden wissen darf in ein evolutionäres Ganzes und seine Entwicklung, erschließt nicht zuletzt die Möglichkeit, menschliche Hoffnungen auf eine neue Weise zu verankern, nachdem die bisher angebotenen Möglichkeiten der Zukunftsbewältigung – unter tradiert-christlichen wie auch unter weltlich-religiösen Vorzeichen (Fortschrittsglaube, Sozialismus etc.) – für viele keine erkennbare Realitätstüchtigkeit mehr besitzen. Eine emanzipative politische Kultur des Westens kommt in dieser Situation gar nicht umhin, auch Sinn-Gebung zu umfassen, d.h. sie muss das leisten, was die zur Zeit vorherrschende Politik kaum noch bieten kann: Sicherung und Orientierung des Ichs, das in der modernen Situation des Verlusts tradierter Werte und Moral so zerbrechlich und vielfach gefährdet ist. Der Orientierungsbedarf des Individuums verlangt nach einer ethisch-weltanschaulichen Begründung von zukunftsgestaltender Politik. Dieser Notwendigkeit ist sich die grün-alternative, auf "Nachhaltigkeit" setzende politische Bewegung partiell durchaus bewusst: Die These von der Krise des "alten Paradigmas" entspricht dem Lebensgefühl vieler ihrer Anhänger. So lesen wir in diversen Verlautbarungen, dass nicht nur einzelne Strukturverhältnisse, sondern unser ganzes "Lebensmodell" in die Krise geraten sei. Das postulierte "neue Paradigma" enthält als eines seiner wesentlichen Elemente die Annahme einer unserem Denken vorausliegenden Einheit von Geist und Materie: "Glücklicherweise verblasst der Gegensatz von Geist und Materie, der das menschliche Bewusstsein Jahrhunderte beschäftigt hat; … Je mehr wir die Dinge zusammenbringen, desto mehr entsteht vor uns die Vision der Ganzheit – mit vielen Brüchen und Abgründen zwar und vorübergehenden Trennungen, aber letztlich vereint in einer Arche, in der wir mit allem anderen sitzen."2 Diese "Vernetzung im Ganzen" wird bereits seit längerem von Biologen, Anthropologen, Philosophen, Physikern und Zukunftsforschern beschrieben und belegt. Wir haben es mithin nicht mit reinem Glauben oder bloßer Überzeugung zu tun, sondern zunehmend mit einem entsprechenden "Wissen". Die moderne Wissenschaft kommt – meist staunend – zu ähnlichen Ergebnissen wie das "New-Age"-Denken bzw. die Weisheiten fernöstlicher Religionen. (vgl. A. Einstein, W. Heisenberg, aber auch F. Capra). Es ist unübersehbar, dass die traditionellen Stränge des rationalen und des intuitiv-spirituellen Erfassens der Wirklichkeit sich einander – vorsichtig tastend – nähern.

Und die Kirche(n)?

In einer Zeit, in der neue Theorien über die Weltzusammenhänge das mechanistische Weltbild von Descartes und Newton zermahlen; in einer Zeit, in der die Quantentheorie die Einheit von Materie-Seele-Geist-Energie zu ergründen beginnt; in einer Zeit, in der neue Hypothesen aus der Biologie die Einheit des Lebens aufzeigen und der selbstorganisierende Charakter des Lebens immer eingehender nachgewiesen wird, scheint die kirchliche Schöpfungsdogmatik diese Revolutionen größtenteils zu verschlafen. Als ob nie eine Lehre aus dem Fall Galilei gezogen worden wäre, verliert sich die offizielle katholische Theologie in der Abstoßung der Weltmystik eines Teilhard de Chardin. Im Raum der evangelischen Theologie ging es bislang kaum anders zu: Ganzheitliche Ansätze wie die des – unbefangen auch aus mystischen Quellen schöpfenden – Befreiungstheologen Leonardo Boff werden, wenn überhaupt, nur mit größter Skepsis aufgenommen. Seinen Anfang nahm dieser heillose Weg in die Dogmatik von Naturferne und Körperfeindlichkeit bereits im frühen Christentum, spätestens seit im Konzil von Konstantinopel (869) das Menschenwesen auseinandergerissen wurde, indem seine geistig-seelische Komponente von der Kirche in Anspruch genommen und für eine "andere" Welt aufgehoben werden sollte. Die Welt wurde auseinanderdividiert in eine "irdische" und eine "himmlische Hälfte" – entlang jenes linearen Dualismus, an dem unsere Erkenntnisprinzipien noch heute leiden. Indem Bonifatius die Donar-Eiche fällte, legte er zugleich die Axt an die naturverbundene Tradition des alten Europa, deren kulturelle Träger/innen als Hexen und Häretiker denunziert und mit äußerster Brutalität verfolgt wurden. Das Fatale der nunmehr einsetzenden "christlich-abendländischen" Entwicklung liegt indes darin, dass der prinzipiellen Natur- und Körperfeindlichkeit des mittelalterlichen Christentums ausgerechnet durch die naturwissenschaftlich-technische Unterwerfung der Natur in der Neuzeit ein grandioses "Alibi" verschafft wurde. Es ist dieser "Doppelpass" zwischen dichotomer Religion und dualistischer Naturwissenschaft, der es uns Europäern heute so schwer macht, unsere "Allverwobenheit" mit dem Ganzen intuitiv-spirituell zu erfassen. Eine der Ausnahmen in diesem Zusammenhang stellt die Heilkundige und Mystikerin Hildegard von Bingen dar, deren Beschreibung der Naturordnung eine Art Komplementarität beinhaltet, die an die Symbolik von Yin und Yang erinnert, wobei zugleich die Aufeinander-Angewiesenheit der Geschlechter mitschwingt. Hier kommen unverkennbar jene weiblichen Züge eines Gottesbildes zur Geltung, das von der offiziellen Kirchendogmatik systematisch ausgemerzt wurde (vgl. etwa die Theorie der Erbsünde oder die intentiöse Herabsetzung der Jüngerin Maria Magdalena im Neuen Testament). "Die heilige Gottheit" schließt für Hildegard von Bingen "unbegrenzt alles in sich". In der Idee dieses wechselseitigen Sich-Umschließens und Sich-Enthaltens liegt gewiss ein Anknüpfungspunkt für die Aufarbeitung und Reformation christlich-abendländischer Weltsicht.

Neue Moral- und Handlungsmaximen

Das Bewusstsein des Eingebundenseins in ein größeres Ganzes hat auch unmittelbare Folgen für die moralischen und Handlungsmaximen des Zusammenlebens von Mensch und Natur – mithin für eine "nachhaltige" Politik und ihr Eingreifen in reale gesellschaftliche Konflikte. Kennzeichnend für das neue Bewusstsein ist, dass die Einteilung in "gut" und "schlecht" sich gerade nicht auf die Bewertung der jeweiligen Pole eines vorgefundenen Gegensatzes bezieht, sondern dass die "Harmonie der Pole" für gut, die Dominanz des einen Pols über den anderen hingegen für schlecht befunden wird. Das komplementäre Denkmodell von "Yin" und "Yang" bietet insofern nicht nur ein leicht nachvollziehbares Orientierungsmuster in einer komplexen Welt (ohne das übrigens keine zukunftsgestaltende Kraft auskommen kann), es eröffnet auch Handlungsmaximen: Harmonie gegen Trennung, Synthese gegen rational-beschränkte Analyse (= Zerlegung), Miteinander statt Gegeneinander, Liebe statt Hass … Unter diesen Prämissen kann sich das Individuum auf eine ganz andere Weise in gesellschaftlich/ökologische Reformprozesse einbezogen fühlen. Nicht der auszehrende "Konflikt" der Pole steht im Vordergrund, sondern die Suche nach ihrem Einvernehmen – und damit wiederum die Herstellung der Einheit des Ganzen. Konflikte werden nur dann erforderlich, wenn einer der beiden Pole auf Kosten des anderen zu dominieren trachtet. Die Überwindung dieses "Dualismus der Dominanz" gibt Raum für eine geistige Haltung, die C.G. Jung als ein "überlegenes Sowohl-als auch" bezeichnete – im Gegensatz zur Fixierung auf "dies ist" oder "dies ist nicht". Die Konsequenzen für die unmittelbare politische Sphäre und ihre "Kultur" (respektive ihre Streitkultur) sind gravierend: In gesellschaftspolitischer Hinsicht entspricht diesem Denken das Modell des interessenvermittelnden "Runden Tischs", konfrontatives machtpolitisches Verhalten hingegen – wie etwa das der politischen Parteiapparate gegeneinander – ist ihm eher fremd. In ökologischer Hinsicht beinhaltet diese Denkart einen Ausgleich zwischen Mensch und Natur, der eben nicht durch eine seelenlose "Maßnahmen"-Politik erreichbar ist, sondern durch die Vorstellung von einer grundsätzlichen Einheit der Gegensätze in einem sich evolutionär entwickelnden Kosmos, von einer Beseeltheit alles Seienden. Das Ich, die einzelne Person kommt dabei in einer Art "ökologischer Trans-zendenz" wieder in Einklang mit den Vorgaben der Natur – und kann auf diese Weise "wissen", welche "Maßnahmen" notwendig sind. Wenn unsere Welt hingegen ohne Bezug zu einer welttranszendentalen Größe betrachtet wird, fällt alles in den Bereich menschlicher Verfügbarkeit. Bei einem Verlust der letzten Reste von "religio" (= Rückbindung) geraten dabei notwendigerweise auch letzte Werte ins Wanken. Wer aber könnte dann noch verbindlich verbieten, dass beispielsweise Leben angetastet wird? Oder – wie Wolfgang Thierse in einem TAZ-Interview zu bedenken gab: Welche höhere moralische Instanz kann eigentlich Jugendlichen vermitteln, dass es falsch ist, Ausländer anzuzünden? Eine Antwort, die lediglich auf humanistische Gefühle, auf zivile Gewohnheit und die Notwendigkeit menschlicher Solidarität zurückgreift, kann nicht befriedigen: Denn wie ist dem einzelnen klarzumachen, dass er sich an ein solches Verbot bedingungslos halten muss? Wer hier nur innerweltliche Argumente (und Gesetze) zur Hand hat, gerät schnell in die Enge. Max Horkheimer hat völlig recht, wenn er konstatiert, "ohne Bezug auf Gott" könne nicht begründet werden, warum das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen ist.3 Letztlich geht es hier um die Wiederherstellung einer – durch die Aufklärung weitgehend zerstörten – harmonischen Mensch-Kosmos-Beziehung (in der tradierten Religion als Mensch-Gott-Beziehung bezeichnet) als unabdingbare Grundlage zukunftsfähiger Politik. Diese Wiederherstellung kann individuell unterschiedlich erfasst und erlebt werden: als Intuition, Offenbarung, Ekstase, Askese oder Gefühl; als ursprüngliche Erfahrung, innere Anschauung oder Meditation. Entsprechend kann auch die zu erzielende "Einheit mit dem Ganzen" unterschiedlich erlebt werden: als Einheit mit Gott (oder Göttin), mit dem Kosmos, dem All, der Natur, dem Weltgeist oder (in der chinesischen Philosophie) dem Dao. Die tradierten Glaubensinstanzen des christlich-abendländischen Weltbilds stecken angesichts dieser Hinwendung zu "offenen" Glaubenssystemen in einem Dilemma: Einerseits müssten sie froh sein über die neuerliche Rückbesinnung auf transzendente Welt- und Menschenbilder, andererseits wird ihre latente Abwehr gegenüber anderen spirituellen Schulen – auch gegenüber den eigenen gnostisch-mystischen Wurzeln – von vielen Sinnsuchenden als Hindernis schöpferischer Weiterentwicklung empfunden. Statt aus christlich-dogmatischer Verengung heraus andere Ansätze mit dem Vorwurf des "Synkretismus" zu belegen, könnte eine "neue Ökumene" die diversen spirituellen Ansätze zusammenführen und so zur Überwindung des genannten Dilemmas im Sinne einer "Weltethik", eines weltweiten konziliaren Prozesses beitragen.

Chancen und Gefahren

Natürlich bleiben – besonders im Rahmen der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Positionen – einige wichtige Fragen offen, die in der anhaltenden Diskussion um Spiritualität, Sinngebung und Wertorientierung zu klären wären. Wie bereits angedeutet, firmieren unter dem Etikett von "Spiritualität" und "Religion" auch solche Ansätze, die einer Emanzipation des Individuums eher entgegenstehen: "Gurus" verschiedenster Qualität bis hin zu Scharlatanen, die mit der Sehnsucht der Menschen nach spiritueller Führung Geschäfte machen, aber auch moderne Formen der Psycho-Manipulation wie etwa bei "Scientology" beherrschen die vielgestaltige Szene. Nicht selten führt die Sehnsucht nach spiritueller Befreiung oder "Erleuchtung" geradewegs in neue Abhängigkeiten und Regressionen, die das Gegenteil von Emanzipation manifestieren. Diese "regressiven" bis hin zu "repressiven" Tendenzen finden sich nicht nur in besonders fundamentalistischen Interpretationen des Islam, sondern auch in Teilen der Esoterik-Bewegung. Wie aber ist es möglich, hier die Spreu vom Weizen zu trennen? Ken Wilber und andere haben in ihrem Buch "Meister, Gurus, Menschenfänger" einige aufschlussreiche Analysen real existierender spiritueller Ansätze vorgenommen und auch einige Kriterien entwickelt, die dem spirituell suchenden Menschen wertvolle Hinweise liefern können.4 Darüber hinaus wären auch einige grundlegende Fragen des Verhältnisses von Religion und moderner Gesellschaft zu beantworten. Wie würde z.B. eine Kultur der Zukunft aussehen, wenn sie in ihren geistigen Grundlagen vom "komplementären" Welt- und Menschenbild geprägt wäre? In einigen der spirituellen Schulen gibt es durchaus eine Tendenz, im Streben nach "Einklang" reale soziale Widersprüche unter den Teppich zu kehren oder gar deren Artikulation zu unterbinden, da solch ein Hinterfragen unser "göttlich bestimmtes Schicksal" in Frage stellen würde – eine letztlich totalitäre Herangehensweise. Natürlich hat uns die Aufklärung – und das ist ihre unbestreitbar gute Seite – auch eine bemerkenswerte Freiheit des Individuums und einen entsprechenden Wertekodex beschert: Dies hat in der Tendenz zu einer größeren Offenheit der Denksysteme und zu einer Liberalisierung alter Moralvorstellungen beigetragen, die das Individuum über Jahrhunderte knechteten. Was würde aus diesem durch das christlich-abendländische Weltbild gespeisten Wertehorizont, der das innere Gefüge unserer Wissenschaft und Kultur "nachhaltig" prägt? Welche Auswirkung hat die postulierte Einbindung des Individuums in ein "Ganzes" auf den wesentlich durch die Aufklärung geprägten Wertekodex von der Freiheit der Person, der unveräußerlichen Rechte des einzelnen, der Rücksicht auf die Schwachen? Als besonders groß betrachte ich die Gefahr, dass – auch unter den Bedingungen von neu erworbenen Wertesystemen – unsere Welt erneut auf dualistische Weise in die "Guten" und die "Bösen" aufgeteilt wird – in die "Kinder des Lichts", die das neue Bewusstsein bereits erlangt haben, und die "Kinder der Finsternis", also die unverbesserlichen Gleichgültigen (ein Phänomen, dass uns nicht nur im traditionell religiösen Bereich, sondern auch im säkular gewendeten Rassen- und Klassenkampf-Muster des 20. Jahrhunderts begegnet). Hier käme es darauf an, Methoden zu entwickeln, die einem erneuten Aufkeimen des eingefleischten dualistischen Denkens entgegen wirken können. Die Gefahr von totalitären Fehlentwicklungen auf "spiritueller" Ebene ist durchaus gegeben – und die diversen Schulen täten gut daran, dies offen zu thematisieren und entsprechende Auswüchse insbesondere im esoterischen Bereich eindeutig zu kritisieren. Allerdings müssen wir uns vor Augen halten, dass eine solche Gefahr prinzipiell in jedem Versuch einer Veränderung unserer Welt und ihrer eingefahrenen Denkstrukturen im Keim enthalten ist. Sie besteht im übrigen besonders dann, wenn wir das dichotome Schema, das die christlich-platonische Daseins- und Weltinterpretation (inklusive ihrer marxistisch gewendeten Ausläufer) kennzeichnete, in gewohnter Weise auf das neue Denken übertragen: wenn "Yin" und "Yang" nicht zu einem Ausgleich, sondern erneut zur Dominanz des einen über das andere geführt werden. Nicht zuletzt steht die Frage im Raum, ob wir überhaupt noch Chancen haben, die aufgezeigten positiven Möglichkeiten einer Neubesinnung auf spirituelle Dimensionen – angesichts ihrer weitgehenden "Verschüttung" unter dem Geröll materialistischer Weltanschauungen und eines mittlerweile dominanten Rationalismus in unserer positivistischen Kultur der Postmoderne – wieder "freizuschaufeln" und auf neue Weise zur Geltung zu bringen. Der bloße Glaube an ein anbrechendes "Wassermann-Zeitalter" wird uns hier nicht viel weiterhelfen.

Die Aufklärung weiterführen

Eine "zweite Aufklärung", die die negativen Wesenszüge der Yang-orientierten "ersten Aufklärung" in Richtung des intuitiv-kooperativen Yin-Elements aufzuheben in der Lage ist, wäre somit das Gebot der Zeit. Eine zukunftsgestaltende Politik, die sich als "nachhaltig" und "ganzheitlich" versteht, darf diese elementare und überlebenswichtige Aufgabe nicht einer von ihr abgetrennt agierenden Philosophie und/oder Religion überlassen – und umgekehrt: Bislang tun sich auch diejenigen, die der spirituellen Dimension von Erkenntnis wieder zu ihrem Recht verhelfen möchten, immer noch schwer damit, eine für den Menschen der Moderne nachvollziehbare und annehmbare Ausdrucksweise zu entwickeln. Allerdings gibt es auch im Bereich der abendländischen Religion schon seit geraumer Zeit Ansätze, die mit dem heutigen Stand der modernen Wissenschaft durchaus kompatibel sind. So formulierte Friedrich Schleyermacher bereits 1799: "Das Universum ist in einer ununterbrochenen Tätigkeit und offenbart sich uns jeden Augenblick. Jede Form, die es hervorbringt, der es nach der Fülle des Lebens ein abgesondertes Dasein gibt, jede Begebenheit, die es aus seinem reichen, immer fruchtbaren Schoß heraus-schüttet, ist ein Handeln desselben auf uns; und so alles Einzelne als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion." Im Lichte der skizzierten neuen Erkenntnishorizonte können wir diesem Verständnis von "Rückbindung" heute hinzufügen: Wir sind durchaus in der Lage, durch unser einfühlendes, kooperatives Verhalten an der Steigerung der Gesamtkompetenz unseres Universums mitzuwirken – eine Vorstellung, die mit der Gaia-Hypothese von James Lovelock oder auch Elisabet Sahtouris korrespondiert, nach der unsere Erde ein einziger großer lebendiger Organismus ist – ein Lebewesen, dem es heute in der existenzgefährdenden Umweltkrise dieser Erde vom Menschen her gerecht zu werden gilt. Mit solchem Denken wird einerseits unser wissenschaftlicher, auf das rationale Sezieren der Wirklichkeit verkürzter Erkenntnishorizont auf eine Probe gestellt: Er müsste beginnen, sein rationales Denken einer Wirklichkeit anzupassen, die viel weiter und tiefer greift, als ihm dies bisher vorstellbar war. Denn wenn das gesamte Universum ein solcher intelligenter und beseelter Organismus ist, der sich auf unsere kleine Erde und ihre Bewohner transzendiert, dann haben wir auch Möglichkeiten, durch unser Einfühlen in seine "Lebensweise" an seiner Weiterentwicklung teilzuhaben. Dieser Ansatz stellt allerdings auch für die traditionellen religiösen Glaubensformen eine empfindliche Herausforderung dar: insbesondere im Christentum und im Islam war "religio" stets von einem monotheistischen und dualistischen Glaubensbegriff durchdrungen, dessen Gott geradezu eifersüchtig darauf bedacht war, das Pflücken der Früchte vom "Baum der Erkenntnis" unter Strafe zu stellen – und uns die tiefere Erkenntnis der Welt allenfalls als einen Gnadenakt der Offenbarung zu gewähren. Im gegenseitigen Verstehbarmachen ihrer unterschiedlichen "Codes" liegt in der heutigen Zeit eine gemeinsame Aufgabe der spirituellen und der wissenschaftlichen Tradition. Das Erlangen einer Verbundenheit mit der "Weltseele", die uns zur mitfühlenden Verantwortung für unsere Welt führt, ist seit jeher das Bestreben aller Religionen – wie entstellt oder verfälscht sie uns auch heute gegenübertreten mögen. Diese Verbundenheit wiederherzustellen, sollte ebenfalls das Bestreben einer modernen – von ihrer überheblich-rationalen Vereinseitigung befreiten – Wissenschaft sein. Dies vorausgesetzt, gibt es keinen überzeugenden Grund mehr, warum diese beiden uralten Erkenntnistraditionen der Menschheit in Zukunft nicht wieder produktiv zusammenwirken könnten. Vermutlich würde erst damit ermöglicht, was vielen noch bis vor kurzem kaum machbar erschien: eine Synthese von Religion und Emanzipation.