An der Grenzen der Aufklärung

von Erhard O. Müller erschienen in Hagia Chora 15/2003

Der im Westen seit der Aufklärung vorherrschende Materialismus hat in den Menschen ein spirituelles Vakuum entstehen lassen, das zu füllen sich sehr verschiedene Ansätze bemühen: Totalitäre, esoterische und emanzipative Angebote stehen in bunter Mischung nebeneinander. Kann es gelingen, Religion und Emanzipation in einer neuen Synthese zusammenzuführen?

Der brutale Anschlag auf das WTC und die bekannten Gegenreaktionen stellen für viele gesellschaftskritische Menschen die Frage nach den geistigen Quellen, die den jeweiligen Akteuren ihr Fundament liefern, neu. Darüber hinaus erhebt sich mit Macht die Frage, ob einerseits die säkulare Kultur des Westens, andererseits die etablierten Formen der Religion noch überzeugende Antworten auf das Sinnfindungsbedürfnis einer größer werdenden Zahl von Menschen geben können. Welche Entwicklungen liegen der aktuellen Krise kultureller Gewissheit – und der in Reaktion darauf erfolgenden Hinwendung zu neuen, ganzheitlicheren Lebensmodellen und Sinngebungen – zugrunde?

Entzauberung und Utopieverlust

Oberflächlich betrachtet mag es so aussehen, als schreite die Aufklärung mitsamt der durch sie hervorgebrachten "Entzauberung der Welt" (Max Weber), mit ihrer Diesseits-Orientierung und Versachlichung alles Seienden sowie der schwindenden Bindungskraft der Religion ungebrochen fort. Diese Säkularisierung bedeutet jedoch nicht nur eine Abnahme traditioneller Glaubensbedingungen, sondern gleichzeitig das Aufkommen neuer, säkularer Glaubensmächte: etwa in Gestalt des Glaubens an die Wissenschaft, des politischen Messianismus verschiedenster ideologischer Couleur, des Glaubens an die Allmacht der Vernunft usw. Doch auch diese säkularen, innerweltlichen Sinnverständnisse und Heilserwartungen, die im Laufe der neuzeitlichen Entwicklung den alten Religionen ihren Platz streitig machten, scheinen in eine fundamentale Krise geraten zu sein. Das markanteste Zeichen dafür ist die Erosion jener Zukunftsidee, die seit dem 19. Jahrhundert das allgemeine Bewusstsein wesentlich bestimmte: der Idee des Fortschritts.

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