Editorial 16

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 16/2003

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bei unseren Recherchen für diese Ausgabe von Hagia Chora haben wir den Eindruck gewonnen, dass die in diesem Heft präsentierten Projekte nur die Spitze eines Eisbergs sind und geomantische Planung, zumindest im ökologischen Bereich, eine gewisse Selbstverständlichkeit gewinnt. Dabei ist besonders erfreulich, dass es auch in Behörden Menschen gibt, die sich einen Blick für das Unsichtbare bewahrt oder erarbeitet haben und geomantische Untersuchungen in Auftrag geben. Die vorgestellten Projekte sind nichts Exotisches, sondern in den Alltag der Menschen integrierte Vorhaben oder bereits umgesetzte Modelle. Das macht zuversichtlich, dass diese Ausgabe von Hagia Chora einen weiteren Beitrag zum Abbau von Missverständnissen und Vorurteilen gegenüber der Geomantie leistet. Damit das gelingt, ist es offenbar besonders wichtig, den richtigen Ton und die richtige Sprache zu finden, die das jeweilige Gegenüber versteht. Der beste Weg, einander zu verstehen, scheint nach wie vor die persönliche Erfahrung zu sein. Wenn Architekten, Planer und Bauherren so an die unterschiedlichen Qualitäten eines Grundstücks herangeführt werden, dass sie Zutrauen zu ihren eigenen Empfindungen bekommen und sich trauen, diese Qualitäten zu benennen, dann ist der erste Schritt zum Verständnis eines geomantischen Plans getan. Der Zeitgeist scheint die Hinwendung der Menschen zur Gemeinschaft zu fördern. Viele suchen Wege aus der Vereinzelung und wagen sich an Siedlungs- oder Gemeinschaftsprojekte heran. Dabei geht es nicht nur um andere Menschen, sondern es geht genauso um die Gemeinschaft mit der Erde, um die Erfahrung, dort, wo man lebt, wirklich zuhause und mit der umgebenden Landschaft verbunden zu sein - sei es auf dem Land oder im städtischen Raum. Das bedeutet, dass wir an eine tiefe Schicht in uns anknüpfen: Die Erfahrung von Gemeinschaft als Familien-, Dorf- oder Stadtorganismus hat über Jahrtausende hinweg das Lebensgefühl unserer Vorfahren bestimmt. Können wir heute diese archaische Grunderfahrung von Gemeinschaft mit dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, verbinden? Das wäre womöglich die Grundlage für eine neue Siedlungskultur, in der die Vieldimensionalität des Lebens anerkannt und verwirklicht wird. Bei allem Enthusiasmus erfährt allerdings jeder, der sich an die Umsetzung solcher Visionen macht, in der Praxis schnell, dass eine neue Siedlungskultur - wie die erwachende integrale Kultur überhaupt - nicht über Nacht entsteht, sondern sich aus mit vollem Herzen durchlebten Prozessen formt und viel Zeit und Raum, Geduld und Zuhören und die ständige Bereitschaft zur Verständigung mit den Menschen, die das Neue eher ängstigt, erfordert. Als kleiner Beweis, dass wir nicht theoretisieren, sondern unsere integrale Vision selbst an der harten Praxis schärfen, mag das aktuelle Editorial-Foto dienen: Eines unserer Schafe konnte sein Lamm nicht selbst säugen, und so haben wir halt zwei Monate lang die Mutter gemolken und das Lamm mit dem Fläschchen großgezogen. Es folgt jetzt aufs Wort. Wenn es bellen könnte, wäre es ein perfekter Wachhund für unsere Siedlung geworden ...

Mit den besten Wünschen für einen goldenen Hochsommer