Editorial 15

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 15/2003

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
warum machen wir in dieser kritischen Zeit, in der sich die größte "freie" Nation der Erde in einen Polizeistaat verwandelt - den gegenwärtig drei Viertel der deutschen Bevölkerung für die schlimmste Bedrohung des Weltfriedens halten -, eine Ausgabe über Ökologie?
Tatsächlich geht es in dieser Ausgabe von Hagia Chora um Frieden. Es geht um einen Zustand, in dem alles, was mit diesem Planeten durch das Universum reist, in nährender Wechselwirkung leben, wachsen und zu gegebener Zeit wieder vergehen kann. Soweit es den Menschen betrifft, geht es um einen Zustand des Verbundenseins, in dem keine lebendige Erfahrung und keine schöpferische Dimension des Seins unterdrückt ist, um einen Frieden, der aus dem Ende der Herrschaft über die Natur entspringt, in dem Ausbeutung jeder Art beendet ist, in dem dasselbe Maß an Aufmerksamkeit, das bisher auf die Aufrechterhaltung der krassen Ungleichgewichte und der Knappheit in der "zivilisierten Welt" gerichtet war, auf die Pflege des subtilen Gleichgewichts gelenkt wird, in dem ein fragiler Organismus wie die Erde an einem so unwahrscheinlich weit vom Tod entfernten Ort wie dem Universum die Fülle des Lebens entfaltet.
Die Gaia-Hypothese besagt, die Erde sei selbst in der Lage, ihr Gleichgewicht zu erhalten. Das Leben als Ganzes erhält sich selbst. In jedem noch so kleinen Baustein ist "Leben!" die primäre Information und das primäre Ziel. Leben gelingt nur gemeinsam. Die Selbstregulation eines Organismus bedingt die Interaktion mit einem ihn nährenden Milieu - und somit ist die Vielfalt des Lebens Voraussetzung und Ergebnis seiner selbst zugleich. Das ist doch eine Friedensbotschaft, so einfach, dass sie jedes Kind verstehen kann. Es fehlt nur der Schritt, sich diesem Frieden anzuschließen. Das kann kein theoretischer Schritt sein, sondern nur ein Erfahrungs-Schritt, in dem wir dieses gaianische Prinzip einatmen, erfahren und für wahr nehmen. Wahrnehmung - das ist das zentrale Thema der Geomantie ebenso wie der mannigfaltigen Ansätze einer spirituellen Ökologie, die sich heute zu artikulieren beginnt. Die Tiefenökologen sprechen von der Entwicklung eines "ökologischen Selbst", das durch die Identifikation mit allen Lebewesen zustande kommt, die Phänomenologen von einer "Ökologie der Sinne", in der Wahrnehmung als Kommunion des Individuums mit dem gesamten Planeten verstanden wird. All diese Erfahrungen gruppieren sich um einen gemeinsamen Kern: um die Erkenntnis, dass Gaia genauso eine Fortsetzung unseres eigenen Körpers ist, wie wir eine Ausstülpung ihres Leibes sind. Das nehmen wir mit einer Instanz wahr, die wir getrost "Seele" nennen können und die sich letztlich nicht sehr von der Seele Gaias unterscheiden mag.
Die Beiträge in diesem Heft scheinen zum Teil recht gegensätzlich zu sein, aber ohne eine radikale Position einzunehmen, könnten ihre AutorInnen nicht so weit gehen, wie sie es tun. Wir präsentieren hier nicht "das" neue ökologische Weltbild, sondern zeigen unterschiedliche Ansätze, die jeweils auf ihre Art herausfordernd und ermutigend zugleich sind. Konsequent in das wirkliche Leben integriert, haben alle diese Wege die Kraft für einen neuen, globalen Lebensentwurf.
In diesem Sinn nachdenklich,
Lara Mallien und Johannes Heimrath