Bilder des Körper-Berges

Der Berg in der daoistischen Mythologie - der Körper des Meisters

von John Lagerwey erschienen in Feng Shui Journal 3/2003

Im letzten Feng Shui Journal führte John Lagerwey mit seinem Essay "Der Berg - Pforte zum Jenseits" in die Symbolik des Berges in der daoistischen Philosophie Chinas ein. In diesem Aufsatz geht es nun um die innere Landschaft - der Berg als Körper des verwirklichten Menschen und Spiegel alchemischer Prozesse.

Eine chinesische Metapher setzt den Tod eines Kaisers dem Einsturz eines Berges gleich. Das Bild macht ein -Gefühl instinktiver Furcht deutlich, das durch den Verlust einer bedeutenden Persönlichkeit ausgelöst wird. Das Gefühl ist durchaus berechtigt: Durch die überragende Stellung des Kaisers in der chinesischen Gesellschaft konnte durchaus das Gefühl aufkommen, mit ihm drohe der ganze soziale Zusammenhang zusammenzubrechen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Person dieses einzigartigen Menschen Furcht einflößte und für heilig gehalten wurde. Während der morgendlichen Audienz hielten die Minister die Augen gesenkt, sie hatten nicht das Recht, einen Blick auf den Sohn des Himmels zu werfen. In seiner Gegenwart durften sie nur zuhören, das heißt gehorchen.

Die chinesische Logik neigt oft dazu, Evidenzen dadurch auszudrücken, dass man natürliche Bilder spontan sich entfalten lässt, bevor man reflektierend in das Netz eingreift, das sie insgesamt darstellen. Im Gegensatz zur Descartesschen Analyse bemüht sich die chinesische Abstraktionsmethode nicht darum, geistige Objekte auf klare und distinkte Weise einzeln zu erfassen, sondern sie will Gesamtheiten herausstellen. Das Ganze, ob das der sozialen Beziehungen (wie bei den Konfuzianern) oder das der spirituellen Beziehungen (wie bei den Daoisten) war für das chinesische Denken ein bevorzugtes Thema.

Symbol der Ganzheit

Die chinesische Tradition hat im Berg das beste Bild für die Ganzheit gefunden. Der Berg war für die Natur dasselbe wie der Sohn des Himmels für die Gesellschaft: Auf der einen Seite verkörperte ein Mensch, ein Leib, die gesellschaftliche Einheit, auf der anderen Seite umfing ein Körper, eine lebendige Entität - denn ein unbeseelter Körper ist undenkbar - den Himmel, die Erde und die zehntausend Wesen, die sich zwischen den beiden tummeln. Der Nutzen, ja die Notwendigkeit, diese beiden Einheiten global zu denken, hat sich deshalb dem Geist aufgedrängt: Die Person des Kaisers wurde einem Berg gleichgesetzt, insbesondere bei seinem Ableben, und jeder Berg wurde Sitz einer Gottheit von kaiserlichem Rang. Seit Beginn unserer Zeitrechnung wird deshalb von den heiligen fünf Gipfeln und ihren Kaisern gesprochen. Verehrung wird vor allem dem heiligen Berg des Osten - auf der Seite des Meeres, der aufgehenden Sonne, des Jenseits - und seinem Kaiser, dem Herrn über das Leben und folglich über den Tod, entgegengebracht.



Abbild des Körpers

Die Reflexion über diese ineinander verschachtelten Themen scheint vor allem durch die "Männer des Berges", die Daoisten, bestimmt worden zu sein. Schon in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung beschreiben Texte den Körper des Menschen als ein Gefäß für die Aufnahme von Geistern. Wenn aber der menschliche Körper als eine Welt von Geistern behandelt und folglich erlebt wurde, so war es nur logisch und sogar unvermeidlich, dass der Berg als die ideale Abbildung des Körpers erschien. Wir kennen keinen genauen Zeitpunkt für diese Entdeckung; man findet sie jedoch in lakonischer Kürze im Kommentar zu einem Text aus dem fünften Jahrhundert:

Das Ziel allen daoistischen Handelns war die Sublimierung der Geister, der inneren Kräfte, um ein reales, das heißt unsterbliches Sein zu werden. Deshalb haben vom achten Jahrhundert an fünf verwirklichte Personen die fünf Kaiser als spirituelle Vorsteher der heiligen fünf Gipfel abgelöst.Im Kloster "Zu den weißen Wolken" in Bejing kann man die rechts abgebildete Reproduktion einer Zeichnung erwerben, die den Weg zeigt, den man in seinem Körper durchlaufen muss, um unsterblich zu werden. Man sieht darauf den Körper eines Alchemisten inmitten von Darstellungen der verschiedenen Mondphasen: der Neumond befindet sich im Unterleib, dann steigt man auf der rechten Seite (gegen die Uhr, in der Yin-Richtung) im Rücken auf bis zum Vollmond, der sich über dem Kopf befindet, bevor man durch den Bauch entsprechend den Phasen des abnehmenden Mondes absteigt. Sechs Tiere brechen aus den Eingeweiden im Körper des Alchemisten hervor. Die Schildkröte und die Schlange kommen aus den Nieren, der rote Vogel aus dem Herzen, der grüne Drache aus der Leber, der weiße Tiger aus der Lunge, während aus der Milz, dem zentralen Organ, das der Erde entspricht, ein Phönix sich freimacht.Die Wirbelsäule, gelber Fluss genannt, ist in zwei Abschnitte unterteilt, die den vierundzwanzig Kräften des Jahres entsprechen (die zwölf Mondmonate des chinesischen Kalenders sind jeweils in zwei Kräfte unterteilt, die zunehmenden und abnehmenden Mondphasen). Dieser aufsteigende Weg geht vom unteren Teil des Rückens aus, welcher der Wintersonnenwende entspricht, und führt in der, wie sie genannt wird, Periode des großen Schnees zum Nacken. Der Alchemist, der seine Spermaessenz (die Urkraft, die im Raum zwischen den beiden Nieren keimt) umkehrt, "um sein Gehirn auszubessern" (klassischer Ausdruck für die Arbeit, durch welche die Kräfte sublimiert werden), vollendet einen ganzen Jahreszyklus, bevor er zur Schwelle des Gehirns gelangt.Das Gehirn wird in Form eines magischen Quadrats mit neun Fächern dargestellt, die üblicherweise Zimmer oder Paläste genannt werden. Sie sind mit verwirklichten Personen besetzt. Über diesen Fächern, genau unter dem Haarknoten über der Fontanelle, sind die Namen der Drei Schätze, also der sublimierten Formen der Spermaessenz (jing, der Unterleib), des Pneumas (qi, das Herz) und des Geistes (shen im nihuan zwischen den Augenbrauen) aufgezeichnet. Nach vorn dringt aus dem Haarknoten eine Kraft hervor, die sich über dem Kopf des Alchemisten zu einem vollkommenen Kreis entfaltet. Dieser Kreis enthält die neun verwirklichten Personen, die ihrerseits einen anderen Kreis umgeben, der Palast des Nihuan genannt wird. Darin befindet sich ein Mensch. Er ist mit einer Robe bekleidet und trägt eine höfische Tafel: die verwirklichte Person der Urbestimmung. Er ist die sublimierte Urkraft des Unterleibs, das am Anfang geschenkte, vorbestimmte, vollkommen verwirklichte Leben, das "wahre Ich" oder das "verwirklichte Ich" der alten daoistischen Texte. Er ist zur Audienz im Palast des Jade-Kaisers geladen: Er wird nicht mehr sterben. Das Bild erreicht ein solches Abstraktionsniveau, dass man es nicht vor Augen haben muss, um es zu verstehen: Es lässt sich nur durch die Beschreibung im Geist aktivieren.

Das Bild der inneren Kreisläufe

Das gilt jedoch nicht für das Bild der inneren Kreisläufe, das aus einer Illustration aus dem 19. Jahrhundert kopiert wurde (siehe folgende Seite). Gemäß der Legende in der linken unteren Ecke soll der "Daoist zu den Weißen Wolken", der das Bild publiziert hat, dank ihm entdeckt haben, dass die Aus- und die Einatmung des menschlichen Körpers - das, was er aufnimmt und was er abgibt - den leeren und den gefüllten Räumen in der Atmung der Himmel-Erde entsprechen. Jedes Konzept wird für sich klar erläutert: Muskeln, Gelenke und Kreislauf der Kräfte.

Im unteren Bereich des Bildes sind zwei junge Geschöpfe dargestellt, die auf einer Art von Pedale sitzen: Sie werden auch Ammen des Kindleins genannt und sind die Geister der beiden Nieren, Vater und Mutter des Dao. Sie befinden sich auf dem Gefährt, das in der "Schwärze" von Yin und Yang angetrieben wird (das mit "schwarz" übersetzte Wort bedeutet auch Geheimnis oder sogar Himmel). Sie arbeiten pausenlos, fährt der Text fort, "um das Wasser nach Osten zurückfließen zu lassen: So wird man den Grund des zehntausend Klafter tiefen Sees zu sehen bekommen; die süße Quelle wird auf dem Gipfel des Berges des Südens aufbrechen."Folgt man dem Weg der Wirbelsäule, so sieht man, dass sich der Berg des Südens, der Himmel, auf dem Scheitel des Schädels befindet. Auf diesem Weg des Körper-Berges befinden sich, wie auf dem Wudangshan, drei Himmelspforten, drei Schlagbäume. Unter der ersten besagt eine Inschrift: "Das Wasser des Trigramms Kan steigt im Gegenstrom auf." Die Sublimierung der Urkraft ist tatsächlich eine mühselige Arbeit; man muss pausenlos daran arbeiten, um die Urkraft zum Gehirn zu bringen, sonst fällt sie von selbst der Auflösung anheim. (Nach Meinung der Daoisten ist die sexuelle "Auflösung", die Ausschweifung, der Gegenpol zur Sublimierung der Kräfte: Die einen entladen ihre Spermaessenz in äußere Körper; die anderen lassen sie aufsteigen, um das Gehirn auszubessern.)Im Unterleib sind ein Schmelzofen - der wahre Ort des "Zinnobers", das heißt der Tiegel, in dem das Unsterblichkeitselixier erzeugt wird - und ein Bauer dargestellt, der einen Büffel in ein Reisfeld führt: Vor der Zeichnung, die das Tier darstellt, steht ein erklärendes Gedicht:

Der Sinn dieser wenigen Zeilen gilt für die gesamte Bildkomposition: Der Faden wird zunächst von der Weberin gewoben - Geist des Herzens, der die rohe Seide aus dem Wald der Maulbeerbäume verwendet - und dann vom Ochsentreiber genommen, um die Geldstücke aufzureihen. Diese Goldstücke sind der Atem der Lunge, den der Ochsentreiber wie einen Schatz in die überflutete Erde eines Reisfelds hineingibt, anstatt ihn durch eitles Geschwätz nach außen zu zerstreuen. Die so befruchtete Erde gibt ihre Frucht her: sieben Goldstücke, die der Ochsentreiber, in den auf einen Stein schreibenden Knaben verwandelt, aufreiht, um daraus den Stern seiner Bestimmung zu machen, das Sternbild, das die Zeit regiert: den Scheffel des Nordens, den wir den Großen Bären oder Großen Wagen nennen. Der Atem der Lungen befruchtet zunächst die Erde. Um Früchte zu bringen, muss sie aber nicht nur befruchtet, sondern auch ständig durch die Kräfte bewässert werden. Nachdem diese Kräfte durch den Vater und die Mutter des Dao aus den Nieren hinaufgebracht worden sind, um das Gehirn auszubessern, fallen sie in Form von Speichel wie ein Wasserfall in den Mund - die Brücke zum Abstieg - hinunter und fließen dann durch die Speiseröhre - den Turm mit zwölf Stockwerken, in dem die geheimen Anweisungen verborgen sind -, um das Reisfeld und den Wald der Maulbeerbäume zu bewässern. Alle Organe des Körpers liefern ihren Beitrag, um am Ende diesen Knaben, der auf den Stein schreibt, hervorzubringen, Vorstufe der verwirklichten Person.Viele Vereinigungen, Kräfte und viel Speichel, viel glühendes Verlangen - das ist der Faden der Weberin - und intensives Pflügen sind notwendig, um aus diesem Stadium der Initiation (an dessen Ende der Alchemist seinen Namen als Eingeweihter erhält, der auf dem Stein eingegraben ist) zur letzten Verwirklichung zu gelangen. Die Ausbesserung des Gehirns ist unerlässlich für die Verwirklichung des Werks: Sie richtet den Blick auf die innere Landschaft und wendet die Versuchungen von außen ab. Auch am Ende des Wegs, wenn die Dunkelheit des Körpers der Vergessenheit anheimgefallen ist, geschieht die Arbeit im Kopf an der himmlischen Klarheit noch immer unter der Ägide des Gehirns: Es trifft die Entscheidung zwischen den verschiedenen Doktrinen. Es durchschaut die vielen Bände der buddhistischen Lehre als ein nicht endendes Gebet von Barbaren-Mönchen mit grünen Augen. In den fünftausend Worten (das "Dao Dejing", das Laozi zugeschrieben wird) des alten Kindes mit den weißen Haaren erkennt es hingegen die Weisheit des "Alten der Tage". Wenn das alte Kind die Augen - wörtlich die Augenbrauen - senkt, so deshalb, um daran zu erinnern, dass es sich aus Mitleid, um der dringenden Bitte des Wächters am Durchgang zum Westen zu entsprechen, dazu hergegeben hat, seine Weisheit unter die Leute zu bringen. Wäre das nicht gewesen, so hätte es die fünftausend Worte nicht ausgesprochen; denn als sie seinen Mund verlassen hatten, war sein Körper nicht mehr unversehrt; er war nicht mehr vollkommen und starb.

Das Paradies der Königin

Seit das alte Kind seine Lehre aufgeschrieben hat, wohnt es im Paradies der Königinmutter im Land des Sonnenuntergangs. Dieses Bild des Paradieses ist von zwei Reihen von Schriftzeichen umgeben. Der äußere Streifen geht von oben nach rechts, zur südwestlichen Ecke, das heißt zur Pforte des Menschen, auf der das Trigramm Kun (die Mutter) steht. Hier die Übersetzung:

Der innere Streifen der Schriftzeichen beginnt unten rechts, in der Ecke der Pforte desHimmels, auf der das Trigramm Qian (der Vater) steht:

Dieser Text steht heute in dem Buch "Xuanlan renniao shanjingtu", das im achten Jahrhundert entstanden zu sein scheint,3 doch man findet ihn, ohne Bild, schon bei Baopuzi. Nach dem "Meister, der die Einfachheit ergreift" beschreibt der äußere Streifen den Berg des Großen Ursprungs; der innere Streifen hingegen entspricht dem Text über den Berg des langen Tals im Baopuzi. Es handelt sich offensichtlich um die Berge des Vaters und der Mutter, die sich vereinigen. Woher hat somit das Paradies der Königinmutter seinen Namen? Die Geschichte von der Übermittlung des Bildes vom Berg des Vogel-Menschen erklärt es uns:

Der Berg des Vogel-Menschen

Der himmlische König des Uranfangs wohnt auf dem Gipfel des Berges, die Heiligen, die Unsterblichen und die Vollkommenen leben an seinem Fuße. Die Kräfte dieses Berges bringen ein Wasser der fünf Farben hervor, das "fließender Saft der zurückgerufenen Seele" heißt. Wenn dieser Saft sich verfestigt, wird er "Weihrauch vom Sandelholz des Ostens" genannt. Die Königin "Mutter des Westens" stattete, als sie mit dem Studium des Weges begann, dem himmlischen König einen Besuch ab. Nach dreitausend Jahren, als der Weg vollendet und seine Macht erworben waren, musste die Königin zum Berg Kunlun zurückkehren. Bevor sie aufbrach, verabschiedete sie sich vom himmlischen König, und gemeinsam gravierten sie eine Inschrift auf den Berg des Vogel-Menschen. Der Kaiser des Himmels schrieb die Schriftzeichen ab und befestigte sie am Körper des Vogel-Menschen. Einmal in hundert Jahren macht er sie bekannt, und er übermittelt sie an eine verwirklichte Person. Die Daoisten, die das Bild dieses Berges und die dazugehörigen Dokumente besitzen, erhalten die Unsterblichkeit und werden zum Festessen auf dem Berg Kunlun zugelassen.2

Im Mythos der Königin "Mutter des Westens" ist sie die Gastgeberin bei einem Festessen mit Pfirsichen der Unsterblichkeit, das einmal alle dreitausend Jahre auf dem Berg Kunlun veranstaltet wird. Ihre berühmtesten Gäste sind die acht Unsterblichen. Die Pfirsiche, die periodisch die Energien der Unsterblichen erneuern, sind mit anderen Worten die Frucht einer Schwangerschaft, während der die Kräfte im Leib der Königinmutter ausgetragen werden. Schwangerschaft setzt zuvor eine Empfängnis voraus. Wenn es nach dem "Meister, der die Einfachheit ergreift" zwei Berge gibt, so deshalb, damit es Vereinigung gibt: Die Königin "Mutter des Westens" begibt sich nach Osten, um sich mit dem himmlischen König zu vermählen, der über das Land der aufgehenden Sonne herrscht, so wie sie über das der untergehenden Sonne.Derart wird das lange Tal von der Urkraft befruchtet. Das Studium der Königinmutter dauert so lange wie die Schwangerschaft auf dem Berg des Vogel-Menschen: Er ist die Gebärmutter - hundun, der Kunlun: das Urchaos -, in der sich der Embryo der Unsterblichkeit entwickelt.

Der Altar-Berg

Der Zugang zum Sakralbereich des daoistischen Rituals wird als Aufstieg auf oder Eingehen in den Berg beschrieben. Die älteste Abbildung ist eine Welt im Kleinen, die aus drei Stockwerken besteht. Das unterste zeigt die unterirdische Welt der Gewässer. Sie ist mit den Trigrammen belegt. Ein gewisser Yu der Große, so der Mythos, hat diese Welt der Dämonen mit ihrer Hilfe unterworfen. Das mittlere und das obere Stockwerk, die jeweils der Erde und dem Himmel entsprechen, stellen das Universum dar, was durch die fünf Rauchfässer verbildlicht wird: vier für die vier Himmelsrichtungen auf der Ebene der Erde, eines für die Mitte auf der Ebene des Himmels. Der daoistische Meister befand sich somit, wenn er sich in die Mitte dieses Bereichs stellte, im Himmel.

Dieses Universum mit drei Stockwerken ist heute auf der Robe des daoistischen Priesters dargestellt: im Himmel der Palast des Jade-Kaisers, in der Mitte das Einhorn, ein irdisches Fabelwesen, und auf dem grünen Saum Wasserkreaturen. Auf dem Dach des Palastes sieht man auch die Feuerkugel, die wie die in die Krone des Meisters gesteckte Flamme das äußere, sichtbare und strahlende Zeichen seiner Lebensenergie ist: die Urkraft. Über der Aureole, die diese Strahlen bilden, stellen drei Kugeln symbolisch die drei reinen Kräfte am Ursprung der drei Stockwerke des Universums dar. Der große Priester ist wie der Kaiser ein Sohn des Himmels. Deshalb wird diese Robe, so wie sie beschrieben wurde, als Kleidung des Abstiegs bezeichnet.Bei der Betrachtung der Malereien auf im daoistischen Sakralbereich erfährt man mehr über den Begriff Altar-Berg. Der innere Bereich wird abgegrenzt durch die Bilder der "drei Reinen", des Jade-Kaisers, des Kaisers des purpurnen Feuerhimmels und der Beamten des Himmels, der Erde, der Gewässer und der Menschen. Zu beiden Seiten des äußeren Bereichs sieht man die "Marschälle der vier Himmelsrichtungen", die den Zugang zum inneren Bereich bewachen, sowie Bilder der Naturkräfte - Donner, Blitz, Wind und Regen -, die vom daoistischen Meister beherrscht werden. Hinten links, hinter einem Tisch, der den Wudangshan verbildlicht, befinden sich die Porträts des "wahren Kriegers" und seines Helfers, der "metallischen Rüstung". Rechts, hinter einem Tisch, der den Lunghu-shan (Berg des Drachen und des Tigers, wo die Abkömmlinge von Zhang Daoling, des Gründers des religiösen Daoismus, leben) symbolisiert, sind Zhang selbst und sein Akolyth dargestellt.Im Hintergrund des Bereichs stehen die "drei Offiziere, die über die drei Stockwerke des Universums herrschen. Hinter ihnen sind die Statuen der Gottheiten auf den Hausaltären des Volkes aufgestellt, die so, wenn auch indirekt, an der Opferfeier teilnehmen. Je nach Art des Rituals stehen die Daoisten vor dem Tisch der "drei Offiziere", den Göttern des Volkes zugewandt, oder vor dem Tisch, der die Höhle darstellt, der Goldenen Pforte und dem Jenseits der "drei Reinen" gegenüber.

Der daoistische Priester

Der daoistische Meister ist Diener des Dao, wenn er sich nach Norden (nach innen) wendet, und Meister, wenn er sich nach Süden (nach außen) dreht: Dann befiehlt er Kräften, die ihm untergeordnet sind. Er trägt seine Kleidung des Abstiegs nur bei nach außen gerichteten Ritualen. Die Macht des Großpriesters über die drei Stockwerke des Universums, die auf dieser Robe festgehalten ist, zeigt sich, wenn er den "drei Offizieren" auf dem Tisch im äußersten Süden des Sakralbereichs befiehlt. Diese Autorität über die natürliche Welt der Himmel-Erde und der Gewässer stützt sich auf die Traditionen der beiden Berge des äußeren Bereichs: Der Meister ist Erbe der militärischen und exorzistischen Kräfte des wahren Kriegers und der zivilen Vollmachten des ersten Dieners des Dao, Zhang Daoling. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Arten von Macht gilt auch für seine beiden Helfer, "metallische Rüstung" und "rote Robe": Ersterer verbildlicht die Lunge (Metall - Westen - Lunge), Letzterer das Herz (rot - Süden - Herz) des Meisters.

Der Meister wird zum Diener im inneren Teil des Sak-ralbereichs, denn dieser stellt die Ordnung des Universums dar. Durch sein Ritual tritt er in Verbindung mit dem Jenseits der "drei Reinen", indem er sich der Ordnung anpasst, die ihn umgibt. Im Vergleich zum äußeren Bereich ist der Mensch das einzig wirkliche Neue in diesem inneren Bereich, und zwar sowohl auf den Seitenwänden als auch auf der Nordseite des Altars. Man darf daraus schließen, dass der Mensch eine unerlässliche Rolle bei der Schöpfung und der Erhaltung des Universums spielt; diese Rolle wird schon durch die Namen der drei Reinen hervorgehoben, und der Meister bestätigt sie während des Rituals.Bleibt noch die Bedeutung der goldenen Pforte auf dem daoistischen Altar zu erklären, der bisweilen als Bereich des Dao bezeichnet wird. Laut einem Text aus dem dreizehnten Jahrhundert muss man darunter eher eine metallische als eine goldene Pforte verstehen (dasselbe chinesische Wort jin bedeutet sowohl Metall im allgemeinen als auch Gold im besonderen).Der folgende Ausschnitt stammt aus einem Kommentar zu einer Darstellung des Schildkröten-Berges des Westens:

Die Jade-Hauptstadt ist der Ort der höheren Götter, von dem aus der himmlische Verehrungswürdige des Uranfangs das Buch des Heils, den Schlüsseltext der daoistischen Tradition, offenbart hat. Mit anderen Worten, die Gegend jenseits der metallenen Pforte im Sakralbereich befindet sich auf dem Scheitel des Schädels des daoistischen Meisters, und der gesamte Bereich ist die bildhafte Darstellung seines Körpers: Das Ritual, das vor dem Höhle-Tisch vollzogen wird, findet in seinem Höhle-Leib statt.