Pforte zum Jenseits

Der Berg in der chinesischen Mythologie

von John Lagerwey erschienen in Feng Shui Journal 2/2002

Wer die Kraft eines Berges erfahren hat, ahnt, was Qi bedeutet. Aus diesem Essay des Sinologen John Lagerwey spricht, wie behutsam und bewusst man früher mit diesen Mächten umging. Sein Beitrag vertieft das von Martin Gray auf den vorigen Seiten eingeführte Thema der Heiligen Berge Chinas.

Das "Buch der Berge und der Flüsse" zählt die heiligen Berge der fünf Regionen Chinas und ihre besonderen Kostbarkeiten wie Flora, Fauna, Naturprodukte etc. auf, es beschreibt genau ihre spirituellen Eigenheiten und die Art von Opfern, die man ihnen darbringen muss. Diese Texte zeigen, welche Bedeutung der Berg im religiösen Leben Chinas seit mehr als zweitausend Jahren hat. Die lokale Verehrung von Männern, die sich für ein Leben als Einsiedler entschieden hatten, war ebenfalls weit verbreitet. Die ältesten, im Liexian zhuan (legendäre Biographien der daoistischen Unsterblichen) aus dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung aufgezeichneten chinesischen Hagiographien beschreiben diese Unsterblichen mehrheitlich als Männer der Berge. Diese suchten dort die Einsamkeit und die natürlichen Substanzen, die sie für die Vollendung ihres Werkes benötigten. Vielleicht waren sie von der Hoffnung beseelt, eine Offenbarung von den Geistern des Berges zu empfangen. Leider gab es dort aber nicht nur wohlgesinnte Geister. Der Einsiedler musste auch wissen, wie er auf den Berg zu gehen hatte. Baopuzi (der "Meister, der die Einfachheit ergreift") beschreibt es zu Beginn des vierten Jahrhunderts. Jemand fragte, wie man Berge zu besteigen habe. Baopuzi antwortete: "Alle diejenigen, die das Dao leben und das Unsterblichkeitselixir herstellen, der Unordnung der Welt entfliehen und als Einsiedler leben wollen, gehen auf den Berg. Doch für viele beginnt das Unglück bei der ersten Begegnung, denn sie kennen nicht die Methode, wie man den Berg betritt. Das Sprichwort sagt deshalb: Der Fuß des Berges Taihua [der heilige Gipfel des Westens] ist übersät mit gebleichten Knochen ( . ). Jeder Berg, wie hoch er auch sei, hat seine Gottheit. Wenn der Berg groß ist, ist es auch sein Geist, wenn der Berg klein ist, ist es auch sein Geist. Doch auf den Berg zu gehen, ohne die richtige Methode zu kennen, endet immer im Unglück."