Schatz der Menschheit

Die Bedeutungsräume der Kulturpflanzen

von Gerald Schmidt erschienen in Hagia Chora 14/2002

Im Zeitalter der Gentechnik, wo absichtsvoll unfruchtbares Saatgut gezüchtet wird, um die Bauern in eine neue Leibeigenschaft bei den Saatgutkonzernen zu zwingen, scheint es wichtig, einen umfassenden Blick auf die Bedeutung unserer Kulturpflanzen zu werfen. Der Ethnobotaniker Gerald Schmidt zeigt die vielfältigen kulturellen Verknüpfungen von Mensch und Pflanze.

Die Beziehung des Menschen zur Natur ist so wesentlich, dass sie schon in frühen Mythologien eine zentrale Rolle spielt; zugleich ist sie einer jener Zusammenhänge, die im Alltag sehr leicht völlig in den Hintergrund gedrängt werden. Gerade die Pflanzen sind nahezu allgegenwärtig und drängen sich kaum durch schrille Farben und schon gar nicht durch rasche Bewegung in die bewusste Wahrnehmung, so dass wir sie kaum bemerken. Erst das Außergewöhnliche lässt uns des Alltäglichen bewusst werden: Wüstenlandschaften, deren Struktur ausnahmsweise nicht durch Gräser, Sträucher und Bäume geprägt wird, ebenso wie fremde Kulturen, deren Gärten und Felder und - in der Folge - Märkte und Kochtöpfe mit exotischen Pflanzen gefüllt sind. Wissenschaftlich erforscht wird die Nutzung von Pflanzen in fremden Kulturen von der Ethnobotanik, deren Bekanntheit, so sie überhaupt gegeben ist, auf ihrer intensiven Beschäftigung mit der Verwendung von psychoaktiv wirkenden Pflanzendrogen beruht. Grundsätzlich jedoch ist dies ein weiter Themenbereich, zumal die Grenzen zu Disziplinen wie der (ökonomischen) Botanik fließend sind und die Ethnologie insgesamt sich zunehmend auch der eigenen bzw. industrialisierten Gesellschaft zuwendet. Mein persönlicher Schwerpunkt in diesem Bereich ist die "angewandte Ethnobotanik", die den Versuch darstellt, von "ganz gewöhnlichen" Pflanzen und -produkten der eigenen und fremder Kulturen ausgehend, Wissen über die weiteren ökologischen und kulturellen Zusammenhänge zu vermitteln und so Wissen und Genuss, Theorie und Praxis zu verbinden. Ein bekanntes Beispiel für einen solchen Ansatz ist die Önologie (Weinkunde), wo die Kenner (aber eben nur in diesem Bereich) einerseits einfach "ein Glaserl trinken", andererseits aber auch die verschiedenen Aromen und Herkünfte kennen, unterscheiden und schätzen und über die öko-kulturellen Verknüpfungen Bescheid wissen. Der gesamte Rahmen an Verbindungen zwischen Pflanzen, Menschen und Kulturen lässt sich besser erschließen, wenn man ihn in sechs Bedeutungsräume einteilt: Ernährung, Medizin, Religion, Symbolik, Kulturphänomene und "Dienstleistung".

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