Nahrung ist Information

Was ein Lebens-Mittel ausmacht

von Franz-Theo Gottwald erschienen in Hagia Chora 14/2002

Anfang des vorigen Jahrhunderts erkannte man, dass es nicht auf die Quantität, sondern auf den Energiegehalt von Nahrungsmitteln ankommt. Für eine zweite Erweiterung des Verständnisses von Nahrung tritt Franz-Theo Gottwald ein. Das Entscheidende sei der Aspekt der Information - eine Qualität, die auch in der Geomantie eine zentrale Rolle spielt.

Seit einigen Jahren suche ich nach einem ganzheitlichen Verständnis von Ernährung. Die meisten Angebote gesundheitsorientierter Diätetik vernachlässigen entweder ökologische, soziale oder kulturgeschichtliche Aspekte des Gewordenseins spezieller, individueller Ess- und Trinkgewohnheiten. Oder sie erscheinen sektiererisch, vormodern, nur schwierig mitvollziehbar - häufig etwas absonderlich, häufiger noch einfach als eine neue, in der Regel recht kurzlebige Mode. Anfang des 20. Jahrhunderts begann ein weltweit sich durchsetzender Paradigmenwechsel im Ernährungsverständnis. Es stellte sich immer weniger die Frage, wieviel Substanz an Nahrung ein Mensch benötigte, sondern wie es um das Energie-Angebot stehe, das die Nahrungsmittel dem Konsumenten vermitteln können. Mithin geht es bei der Aufnahme von Nahrung nicht mehr um möglichst viel Gewicht und Masse, sondern vielmehr um ein ausgewogenes Nährstoffangebot und darum, dem Körper die nötige Energie zur Verfügung zu stellen, die er für seine Leistungen braucht. Über Essen und Trinken wird nicht mehr in Kilogramm und Litern gesprochen, sondern vielmehr in Kalorien oder Kilojoules. Wie der Bericht der Enquête-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" aus dem Jahr 1994 zeigt, lässt sich das Ernährungsverhalten bzw. der individuelle wie gesellschaftliche Ess- und Trinkkonsumstil am besten über den allen Faktoren der Herstellung und Konsumption eines Nahrungsmittels gemeinsamen Nenner des Energieverbrauchs berechnen und in eine Ökobilanz bringen. So tragfähig und für die Konsumfolgenabschätzung brauchbar ein energie-zentriertes Verständnis von Ernährung ist, reicht es jedoch nicht hin, um die Unterscheidungen zwischen verschiedenen Qualitäten von Nahrung zu ermöglichen. Energetisch - und vielleicht sogar ökologisch - gesehen, mögen Design-Produkte aus den Food Laboratories der Nahrungs- und Getränkemittelindustrien (Gen-Food, Novel Food, Functional Food, Performance Food und ähnliches) zunehmend optimal erscheinen. Dass dabei von Lebens-Mitteln indes nicht mehr die Rede sein kann, ist evident: Die Entfernung von natürlichen Lebensprozessen vom Boden über die Be- und Verarbeitung bis zum Konsum ist so groß, dass jede Qualität des Lebendigen verschwunden sein dürfte. Um also über Nahrungs- respektive Lebensmittelqualität sinnvoll operationabel sprechen zu können, schlage ich vor, verstärkt darüber nachzudenken, ob nicht Nahrung als Information begriffen werden kann.

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