Archäologie des Unsichtbaren

Über die Beziehung des Menschen zu seinen Wurzeln

von Christopher Tilley , Gabriele Mante , Johannes Heimrath , Lara Mallien , Robert Wallis erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Warum kommen die Fachautoren dieser Ausgabe fast alle aus dem englischsprachigen Raum? Das werden sich manche LeserInnen fragen. Nicht, dass wir als Redaktion für Mitteleuropa nichts übrig hätten - doch haben sich seit den 80er-Jahren in der anglo-amerikanischen Archäologie spannende alternative Ansätze entwickelt, die hierzulande kaum rezipiert werden.

In England sind die Protagonisten dieser neuen Strömung alles andere als belächelte AußenseiterInnen. Sie haben auf akademischer Ebene eine ernsthafte und umfassende Diskussion ausgelöst, die viel mit der gegenwärtigen Situation der modernen Geomantie gemeinsam hat: Die so genannte kognitive oder post-prozessuale Archäologie stellt die "wissenschaftliche" Trennung von Subjekt und Objekt in Frage und sucht in der Vergangenheit nach Sinn, Bedeutung und Beziehungen zwischen Zeit und Raum, Kultur und Natur. Vor allem an der Landschaft haben sich die Gedanken entzündet: Wie können wir etwas über das Leben in der Vergangenheit sagen, wenn wir uns nicht damit auseinander setzen, wie unsere Vorfahren die Landschaft wahrgenommen haben?
Aus dem Blickwinkel einer aufkeimenden integralen Kultur sind das spannende Entwicklungen; sie zeigen, dass auch in "konventionellen" wissenschaftlichen Disziplinen Dimensionen, die uns wichtig sind, zur Sprache kommen können, ohne als esoterische Spinnerei abgetan zu werden. Mit unserer Diskussion "Was ist Geomantie?" befinden wir uns also in bester Gesellschaft, nur wissen wir oft nichts davon.
Die Archäologie ist hierfür ein gutes Beispiel. Da ist etwa der Archäologe Sven Ouzman, Leiter der Abteilung Felskunst am südafrikanischen Nationalmuseum und derzeit Fulbright-Stipendiat in Berkeley, Kalifornien, der in einer Rezension sogar schreibt, die post-prozessualen Archäologen in England mit ihrem Ansatz, die materiellen Funde in eine "Sprache" zu übersetzen, gingen nicht weit genug. Ihre Beschreibungen blieben teilweise "trocken und unerotisch", und man könnte in noch viel stärkeren, bewegenderen Bildern sprechen. Bei der "Übersetzung" der so genannten materiellen Kultur sei die Sprache nicht das einzige Werkzeug. Ein großer Teil der Kraft und Bedeutung archäologischer Funde läge im Bereich des Symbolischen, und Symbole hätten eine offensichtlich anarchische Macht und inhärente Bedeutung, die sich kaum zu einem Wort oder einem Satz destillieren ließen. Sven Ouzman unternimmt mit kleinen Gruppen Exkursionen zu den Kultstätten der Buschmannkultur, die er unverhüllt als Pilgerfahrten an machtvolle spirituelle Orte beschreibt. Er betrachtet es als Stärke und nicht als eine Schwäche der Disziplin, dass sich Archäologie weder als Natur- noch als Geisteswissenschaft eindeutig definieren lässt und sieht dabei doch einen pragmatischen Weg zwischen Objektivismus und Relativismus.
Warum wird in Deutschland so wenig interpretative Archäologie betrieben? Hier ließe sich das "neudeutsche Irrationalitätstrauma" heranziehen - die Angst, den scheinbar sicheren, "objektiven" Grund der Wissenschaft zu verlassen und subjektivistischer Schwärmerei zum Opfer zu fallen. Aber die Zeiten ändern sich, und auch hierzulande hat seit einigen Jahren eine interessante Diskussion eingesetzt, wie Gabriele Mante in ihrem Kommentar auf dieser Seite mitteilt. Auch bewegen sich einige Fachleute zwischen den Welten, wie z.B. der deutsche Archäologe Cornelius Holtdorf, der in Cambridge lebt und seine Doktorarbeit über die Megalithstätten in Mecklenburg-Vorpommern als "objektorientierte Archäologie" in einem faszinierenden interaktiven Dokument im Internet aufbereitet hat. Zur Abrundung der Beiträge in dieser Ausgabe empfehlen wir einen Besuch auf seiner Seite: http://citdpress.utsc.utoronto.ca/holtorf/index.html ("Monumental Past - A Hypermedia Exploration of Megaliths"). Ursprünglich wollten wir auch davon einen Teil übersetzen, doch besticht seine Arbeit vor allem durch die perfekt vernetzte Aufbereitung, die ein Artikel kaum bieten kann.
Die Landschaftsarchäologie ist selbstverständlich nur eine von vielen möglichen Schnittstellen zwischen Geomantie und Archäologie - weitere wären die Archäoastronomie, die feministische Archäologie, die indigene Archäologie oder die Anwendung von Mentaltechniken wie Remote Viewing in der Archäologie, aber diese Themen konnten wir nur streifen und müssen sie auf zukünftige Ausgaben verschieben.
Die Zeitepoche, die in dieser Ausgabe im Mittelpunkt steht, ist klar die Frühgeschichte, denn auf der Suche nach den Ursprüngen von Zivilisation stellt die moderne Geomantie schließlich fest, dass jene Epoche unserer sesshaft werdenden Ahnen so etwas wie den Embryo eines globalen, interkulturellen Menschheitskörpers bildet, dessen Lebenszyklus wir auch heute mit unserem Dasein nähren.
Wie erstaunlich "integral" und für uns anregend moderne Ansätze der Archäologie hier sein können, soll dieser Focus zeigen. Vorangestellt haben wir drei exemplarische Kommentare, die den fachlichen Rahmen abstecken. LM & JH

Interpretation
Christopher Tilley

Der Begriff der post-prozessualen Archäologie beschreibt einen Wandel im archäologischen Denken seit den frühen 80er-Jahren. Die post-prozessuale Archäologie entwickelte eine kritische Alternative zur so genannten neuen oder "prozessualen Archäologie" - einer Denkrichtung und Analysemethode, die sich in den frühen 60er-Jahren aus der Kritik an der so genannten traditionellen Archäologie herausbildete. Letzteres meint die Archäologie des frühen 20. Jahrhunderts, deren Ursprung in der Altertumsforschung liegt. Zur Entstehung der neuen oder prozessualen Archäologie führte der Versuch, die Disziplin als eine wahre Wissenschaft der Vergangenheit zu etablieren. Statt Archäologie als eine Art "gefälschte Geschichtsschreibung" zu betreiben, weil sie nicht über saubere Daten, Personen und Ereignisse verfügte, sollten die Langzeitwirkungen von Prozessen beschrieben werden, die zur Entstehung der archäologischen Fakten oder Überreste, wir wir sie heute sehen, geführt haben.
Folglich beschäftigte man sich mit Themen wie der Notwendigkeit der Anpassung an unterschiedliche Umweltbedingungen, fragte, wie veränderte Technologien neue Anpassungsmöglichkeiten schaffen oder beschäftigte sich mit den Auswirkungen von Überbevölkerung und Veränderungen der Umwelt. Die "materielle Kultur" (Terminus für die physischen Überreste der Vergangenheit; Anm. d. Red) wurde in ihrer Bedeutung in erster Linie funktional gesehen. Die Dinge hatten entweder einen Nutzwert (z.B. Äxte, um Holz zu hacken) oder einen stilistischen Wert (z.B. verschiedene Typen von Gräbern oder was sonst zur Differenzierung verschiedener sozialer Gruppen dienen konnte). Beides, so meinte man, sichere die Lebensfähigkeit der Bevölkerungen als kohärente soziale Einheiten. Wenn die archäologischen Daten auf Veränderungen hinwiesen, führte man dies allgemein auf veränderte Umweltbedingungen oder auf eine wachsende Bevölkerungsdichte zurück. Die Philosophie hinter dieser Herangehensweise war von den Naturwissenschaften abgeleitet. Archäologie sollte sich zu einer Art Physik der Vergangenheit entwickeln.
Die post-prozessuale Archäologie kritisierte diese Position als naiv, zutiefst reduktionistisch und anti-humanistisch. Der neue Ansatz beschäftigte sich nicht nur mit den Tätigkeiten der Menschen in der Vergangenheit und dem praktischen Nutzen ihrer Werkzeuge und Häuser oder den ökologischen Rahmenbedingungen für bestimmte Arten von Landwirtschaft und Siedlungskultur etc., sondern damit, was Menschen in der Vergangenheit dachten. So kam auch der Begriff "kognitive" Archäologie als weitere Bezeichnung für archäologische Denkweisen seit den 80er-Jahren auf.
Frühe kognitive Archäologen waren stark vom strukturalistischen Denken geprägt, wie es sich in der Anthropologie seit den 60er-Jahren entwickelt hatte. Der Kerngedanke war, dass man materielle Kultur auch als eine stille Sprache verstehen könnte, die Archäologen möglicherweise lesen könnten - die Funde wurden zu materialisiertem Text. Indem wir Begräbnisstätten oder das Design von Geschirr und Gebäuden analysieren, können wir mit einer Rekonstruktion der damaligen Denkweisen beginnen und die besondere Bedeutung und Signifikanz verstehen, die diese Dinge für die Menschen der Vergangenheit hatten - warum sie in eben dieser bestimmten Weise Menschen bestattet und ihre Krüge dekoriert haben.
An erster Stelle wollten post-prozessuale und kognitive Archäologen die symbolische Kraft der materiellen Überreste betonen. Ein Haus mag die Funktion gehabt haben, die Bewohner warm und trocken zu halten. In seinem architektonischen Stil oder seiner Einrichtung etc. finden wir jedoch eine reiche Symbolik, gebunden an persönliche und soziale Identitäten. Insofern versucht die post-prozessuale Archäologie nicht länger, den Naturwissenschaften nachzueifern, sondern sucht Verbindungen zu Sozialwissenschaften wie der Anthropologie, Soziologie oder Humangeographie.
Ein weitaus besserer Begriff zur Beschreibung der heutigen Denkweise in der Archäologie wäre "interpretativ" - das weist auf den Versuch hin, aus den überlebenden materiellen Fragmenten der Vergangenheit einen Sinn abzuleiten. Interpretative Archäologen nehmen viele verschiedene philosophische und theoretische Positionen ein. Die Disziplin ist heute sehr pluralistisch (man könnte fast sagen, "undiszipliniert"). Es geht uns darum, Geschichten oder Erzählungen über die Vergangenheit zu schreiben, die Sinn stiften. Keiner behauptet, dies würde zu einer objektiven Wahrheit führen. Wir erkennen unsere kulturelle Prägung an (schließlich stehen wir in der Gegenwart und versuchen, die Vergangenheit zu verstehen), die Fragwürdigkeit unserer Arbeiten und die Notwendigkeit zur Imagination. Wir machen uns auch Gedanken zur Forschungspolitik und zu den Auswirkungen dessen, was wir über die Vergangenheit schreiben, auf die Gegenwart. Post-prozessuale oder interpretative Archäologie steht für die Abwendung von der intellektuellen Ignoranz und Arroganz, welche die neue Archäologie charakterisiert hat.
Wohlgemerkt, das hier Gesagte gilt nur für die Entwicklung der archäologischen Disziplin in England und den Vereinigten Staaten, für die so genannte anglo-amerikanische Archäologie. Die veränderten Denkmodelle haben die Archäologie weltweit stark beeinflusst, z.B. in Skandinavien, den Niederlanden oder Australien, aber andernorts wird dieses Fachgebiet oftmals sehr unterschiedlich gehandhabt. Frankreich und Deutschland sind weder von der neuen, noch von der postpro-zessualen Archäologie stark beeinflusst worden, und die Forschung bleibt streng traditionell - graben, katalogisieren und beschreiben, ohne viel zu interpretieren oder verstehen zu wollen, verbunden mit einem tiefen Misstrauen jeglicher Theorie oder Philosophie gegenüber.
Aus meiner persönlichen Sicht ist es unverantwortlich, sich dem Mythos von objektiver, rationaler Wissenschaft zu verschreiben. In der Archäologie bedeutet das, wunderbares Datenmaterial zusammenzutragen, ohne über dessen Bedeutung etwas sagen zu können. Wenn Archäologen nicht den Versuch machen, den Sinn der Vergangenheit zu erschließen, wer soll es dann tun?
Einige frühe postprozessuale Schlüsseltexte:
I. Hodder (Hrsg.), Structural and Symbolic Archaeology, Cambridge 1982; I. Hodder, Reading the Past, Cambridge 1986; M. Shanks und C. Tilley, Re-Constructing Archaeology, Cambridge 1987 (2. Ausgabe Routledge 1992); M. Shanks und C. Tilley, Social Theory and Archaeology, Polity Press 1987.
Einige jüngere Arbeiten:
J. Barrett, Fragments from Antiquity, Blackwell 1994; J. Thomas (Hrsg.), Interpretive Archaeology: A reader. Leicester University Press 2000; I. Hodder, The Archaeological Process, Blackwell 1999; C. Tilley Metaphor and Material Culture, Blackwell 1999.

Zum Eingeborenen werden
Robert Wallis

Meine Arbeit als professioneller Archäologe und meine persönliche Beschäftigung mit Neo-Schamanismus führt in meinem Leben zu vielen Spannungen, die ich Tag für Tag zu lösen habe. Vor allem, dass ich mich öffentlich als "Neo-Schamane" bekannt habe, hat Kontroversen ausgelöst. Konventionelle Anthropologen weisen meine Erkenntnisse zurück, die auf der Grundlage basieren, dass ich selbst zum "Eingeborenen" geworden bin. Jüngere Bewegungen in der Ethnographie brechen jedoch zunehmend Lücken in die Phalanx der strikten Dichotomie zwischen Außenseitern und Betroffenen. Diese experimentelle Anthropologie fordert diejenigen Forscher heraus, für die "zum Eingeborenen werden" höchst problematisch ist. Ihre Angst, wieder ein "Wilder" zu werden, ist ein Relikt der Kolonialzeit. Die experientelle Anthropologie räumt auf mit dem Widersinn von absoluter Objektivität und sauberer Trennung von Beobachter und Beobachtetem und setzt an diese Stelle das nuancierte Verstehen, das nur aus einer Innensicht heraus gewonnen werden kann.
Indem ich mich der Herausforderung des "Eingeboren-Werdens" stelle, können meine theoretischen und methodologischen Überlegungen vielleicht generell als "postmodern" bezeichnet werden. Sie überschreiten die Konzepte alternativer Archäologie, post-kolonialistischer Debatten, Außenseitertheorien und kulturübergreifender Ethnographie.
Diese Ideen vereinigen sich zu dem, was ich "Autoarchäologie" nenne, eine selbstreflexive Herangehensweise, in der unsere eigene sozio-politische Situation und Motivation als wesentlich für ein Verständnis der Vergangenheit und ihrer Repräsentationen in der Gegenwart herangezogen wird. Statt sich mit dem Schamanismus der Vergangenheit zu beschäftigen, möchte ich vom Neo-Schamanismus der Gegenwart ausgehen. Beide sind unmittelbar miteinander verknüpft. In den USA z.B. ärgern sich viele eingeborene Amerikaner, wenn sie ihre Traditionen von New-Agern gestohlen sehen, sei es ihre Mythologie, Schwitzhütten, oder Monumente. Neo-Schamanen beschuldigt man auch einer Romantisierung des Schamanismus, sie würden die "dunkle Seite des Schamanen" verneinen. Der Schlüssel, mit dem man die positiven wie negativen Aspekte des Neo-Schamanismus erkennen kann, liegt in der Anerkennung der Diversität von Praktikern und Praktizierenden anstelle von stereotypem Schubladendenken.

Aus deutscher Sicht
Gabriele Mante

Tilleys Definition beschreibt eine Art der Beschäftigung mit der prähistorischen Vergangenheit, die sich in Deutschland nach wie vor im Hinterfeld bewegt. Längst bietet die deutsche Archäologie nicht die Forschungsfreiheit und -vielfalt, die ihre anglo-amerikanischen Kollegen genießen. Nach wie vor werden nicht-pragmatische, "zu spekulativ" und "zu theoretisch" ausgerichtete Ansätze schnell als unwissenschaftliche Spinnerei abgetan.
Doch Tilleys Urteil über die deutsche Archäologie fällt allzu pauschal aus.
Man hat sich in den letzten Dekaden sehr wohl über das von ihm beschriebene rein antiquarische Ausgraben, Katalogisieren und Beschreiben der Funde erhoben und dabei sogar tendenziell Interpretationsschemata verfolgt, die gut und gerne anglo-amerikanischen theoretischen Tendenzen entsprechen. Nach wie vor dominierend sind hier jedoch prozessuell ausgerichtete Arbeiten zur Siedlungs- und Umweltarchäologie (z.B. Jankuhn) oder zur Herausarbeitung der sozialen Struktur prähistorischer Gesellschaften (z.B. Steuer, Burmeister). Doch wären die meisten deutschen Archäologen wohl viel zu stolz, sich selbst unter anglo-amerikanische Begrifflichkeiten subsumieren zu lassen oder gar einen greifbaren anglo-amerikanischen Einfluss auf die deutsche Archäologie zuzugestehen (siehe Mante im Druck). Und doch hat es einen solchen gegeben. Dieser bestand zum einen in der manchmal recht kritischen, aber stets aufgeschlossenen Diskussion anglo-amerikanischer theoretischer Arbeiten (Eggert, Wolfram, Bernbeck, Eggert & Veit, Müller-Scheeßel, Mante u.a.) als auch in ganz praktischen Entwicklungen - etwa in dem 1982 auf eine Privatinitiative Heinrich Härkes (er lehrt heute an der Universität Reading/GB) und Michael Gechters gegründeten so genannten Unkeler Kreis, der programmatisch den Ausbruch aus der traditionellen deutschen Archäologie ins Auge fasste und sich ganz eindeutig an anglo-amerikanischen Entwicklungen orientierte. Im Dezember 1990 wurde dann am Rande der alljährlich stattfindenden britischen Theoretical Archaeology Group Conference (TAG) die deutsche TAG gegründet, die in den letzten zehn Jahren einen stetigen Aufschwung erfahren hat (siehe auch www.theorie-ag.de). Sie ist auf zahlreichen Verbandstagungen und auch in diesem Jahr beim 4. Deutschen Archäologen-Kongress in Hamburg mit einer eigenen Sektion vertreten.
Auch thematisch zeitigte der anglo-amerikanische Einfluss deutliche Veränderungen. So werden jetzt viel mehr theoretische Lehrveranstaltungen an den prähistorischen Instituten abgehalten, und es bestehen größere Möglichkeiten der Verwirklichung individueller Forschungsinteressen als früher. Archäologie steht nun nicht immer im Zeichen des Historismus, sondern "darf" in manchen Kreisen auch als Anthropologie (insbesondere bei Eggert und Veit in Tübingen) und als Kunst (Kümmel et al., siehe auch die Internetseite von Cornelius Holtorf: http://citdpress.utsc.
utoronto.ca/holtorf/index.html ) verstanden werden.
Gewiss ist die deutsche Archäologie nicht so schillernd wie die britische oder amerikanische (was viele junge Archäologen und Studenten bedauern). Dies mag auch mit einer anderen Darstellungsmentalität zusammenhängen. Andererseits ist es aber auch nicht so, dass die anglo-amerikanische Archäologie als alleiniger Katalysator fungiert, denn sie selbst hat auch Anregungen erfahren (etwa durch den Dänen Björn Myhre), bzw. Ideen neu erfunden, die in der nicht-englischsprachigen Archäologie schon Jahrzehnte zuvor präsent waren und durch sprachliche Barrieren ignoriert worden sind.
Literatur:
M.K.H. Eggert Prähistorische Archäologie und Ethnologie: Studien zur amerikanischen New Archaeology, Prähistorische Zeitschrift 53,1978; S. Wolfram, Zur Theoriediskussion in der prähistorischen Archäologie Großbritanniens: Ein forschungsgeschichtlicher Überblick über die Jahre 1968-1982. Oxford 1986; R. Bernbeck (Vertreter der vorderasiatischen, nicht prähistorischen Archäologie: Theorien in der Archäologie) Tübingen - Basel 1997; M.K.H. Eggert und U. Veit (Hrsg.) Theorie in der Archäologie: zur englischsprachigen Diskussion, Münster - New York - München 1998; M.K.H. Eggert, Prähistorische Archäologie - Konzepte und Methoden. Tübingen - Basel 2001; Ch. Kümmel, N. Müller-Scheeßel & A. Schülke (Hrsg.) Archäologie als Kunst. Darstellung - Wirkung - Kommunikation. Tübingen 2001; G. Mante: Some notes on the German love-hate-relationship with Anglo-American theoretical archaeology (im Druck für Archaeological Dialogues).