Der Kristallplanet, Teil 6

Ideengeschichte der globalen Gitternetze

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Eine große Rolle im Konzept der globalen Gitternetze spielt die sakrale Geometrie in der platonisch-pythagoräischen Tradition. Marco Bischof stellt wichtige Protagonisten dieser Denkrichtung vor: Keith Critchlow, Robert Lawlor, René Schwaller de Lubizc und den Gründer der Lindisfarne Association William Irwin Thompson. Wesentliche Impulse beziehen sie aus der intuitiven Geometrie der Megalithkultur oder den Maßsystemen Ägyptens.

Allen Gitternetzkonzepten ist ein gewisser platonisch-pythagoräischer Zug eigen; er kam vor allem in Bethe Hagens’ und William Beckers Rückgriff auf Buckminster Fullers "synergetische Geometrie" zum Ausdruck und spielt auch in den neueren New-Age-Varianten der Gitternetzkonzepte eine zentrale Rolle. In der Wiederbelebung pythagoräisch-platonischer Design- und Konstruktionskonzepte, die in den 70er-Jahren einsetzte, spielte vor allem der englische Designer und Architekt Keith Critchlow eine Rolle, aber auch eine Reihe älterer Arbeiten der pythagoräisch-platonischen Tradition wurden wieder aufgenommen und im großen "New-Age-Schmelztiegel" mit Fullers Impulsen verschmolzen. Critchlow (geboren 1933), der am Royal College of Art in London ursprüngich Kunst studierte, hatte die Geometrie zunächst intuitiv entdeckt, dann aber ihre Allgemeingültigkeit sowohl im Bereich des Design, wo Kunst und Mathematik sich treffen, wie auch im Studium der Strukturen der Natur und von alten sakralen Bauwerken bestätigt gefunden. Das seinem Lehrer Buckminster Fuller gewidmete Arbeitsbuch "Order in Space" (Critchlow 1969) ist zum Standard-Lehrbuch an Kunst-, Design- und Architekturschulen in aller Welt geworden. Ein jahrzehntelanges intensives Studium des islamischen Designs machte ihn zu einem international anerkannten Experten auf diesem Gebiet. In seinem Buch "Islamic Patterns" untersuchte er die geometrischen Prinzipien hinter den Mustern islamischer Kunst und Architektur (Critchlow 1976). Seine große Leistung ist es vor allem, die mathematisch-geometrischen Gesetze in traditioneller Architektur und Design wieder als Ausdruck einer universellen "Traditionellen Wissenschaft" aufgezeigt zu haben. Buckminster Fuller sagte über ihn: "Keith Critchlow ist eine der seltenen konzeptionellen Kapazitäten des Jahrhunderts. Er inspiriert sich kontinuierlich durch die Auseinandersetzung mit den ältesten wie auch den jüngsten Ideen der Menschheit. Er preist das Werk anderer, während ihm selbst ununterbrochen und mit großer Bescheidenheit horizontweitende Panoramen neuer Modelle der mathematischen Strukturen der Natur entströmen. Er ist einer der inspirierendsten jungen Gelehrten und Lehrer, den ich das Privileg kennen zu lernen hatte." Critchlow wirkte 12 Jahre lang als Senior Lecturer an der Architectural Association School in London und anschließend am Royal College of Art, wo er 1983 die Abteilung für "Visual Islamic and Traditional Arts" (VITA) begründete, das die ersten vom Royal College of Arts verliehenen Doktortitel vergab. 1993 wurde VITA an das von Prinz Charles gegründete "Prince of Wales Institute of Architecture" (PWIA) übertragen, wo Critchlow seither Dozent und "Director of Research and Head of Islamic and Traditional Arts" ist. VITA (http://www.princes-foundation.org/foundation/ed-vita.html) ist spezialisiert auf die Ausbildung in traditionellen Künsten, insbesondere der universellen Sprache der Geometrie, die der sakralen Kunst aller großen Traditionen der Welt zugrundeliegt. Critchlow ist auch praktizierender Architekt und hat für den Ashram von Sai Baba im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh ein riesiges Krankenhaus gebaut, das mit dem Petersdom in Rom und den Palästen von Maharadschas verglichen wird. In dem Spital, das von Isaac Tigrett, dem Gründer und Besitzer der Hard-Rock-Café-Restaurantkette, finanziert wurde, werden die Armen von Andhra Pradesh kostenlos behandelt.

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