Ergänzung, nicht Ausschluss

Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung

von Albert Hofmann erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Dieser Artikel ist das Manuskript der "Volkspredigt", die der damals 84-jährige Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, im Jahre 1990 in der Leonhardskirche in Basel gehalten hat. Ursprünglich erschienen als Broschüre im "Grünen Zweig" von Werner Pieper, freuen wir uns, dass Albert Hofmann einer Wiederveröffentlichung in Hagia Chora gerne zugestimmt hat. Hofmanns Gedanken haben die Diskussion über einen verantwortungsvollen Umgang mit veränderten Bewusstseinszuständen wesentlich geprägt - ein wichtiges Thema für die Geomantie. Ebenso sind seine Gedanken über Wissenschaft und Erfahrung Teil des mentalen Felds, in dem sich auch unsere Diskussion bewegt.

Was ist wahr, das Bild der Wirklichkeit, das uns die Naturwissenschaften erschließen, oder jenes, das der Mystiker in seiner Schau erlebt? So kann nur fragen, wer meint - und das ist wohl die vorherrschende Meinung -, Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung würden sich erkenntnismäßig ausschließen. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung ergänzen sich. Das aufzuzeigen, ist der Sinn meiner Ausführungen. Gegenstand der naturwissenschaftlichen Forschung ist das materielle Universum, von dem wir selbst mit unserer Körperlichkeit ein Teil sind. Die naturwissenschaftliche Forschung beschränkt sich auf die Untersuchung und Beschreibung der objektiv mit unseren Sinnen feststellbaren Außenwelt und die Ermittlung der in ihr herrschenden Gesetze. Voraussetzung für eine solche objektive Betrachtung der Natur ist eine bewußtseinsmäßige Aufspaltung des Welterlebens in Subjekt und Objekt. Ein solches dualistisches Welterleben hat sich zuerst in Europa herausgebildet. Es war schon wirksam im jüdisch-christlichen Weltbild: Ein über der Schöpfung und der Menschheit thronender Gott, sein "Macht euch die Erde untertan". Die Naturwissenschaften sind ein Produkt des europäischen Geistes. In den Anfangen der neuzeitlichen Naturforschung im 17. Jahrhundert hatte diese noch weitgehend religiöse Bezüge. Der Forscher trat der Natur als einer vom Geist Gottes belebten Schöpfung gegenüber. Kepler erkannte in den Gesetzen von den Planetenbahnen die Harmonie der von Gott geschaffenen Welt, und in keinem der alten botanischen Werke vergaß der Autor, den Schöpfer für die Wunder der Pflanzenwelt zu preisen. Eine folgenschwere Wendung im Charakter der Naturforschung trat ein, als nach den großen umwälzenden Entdeckungen von Galilei und Newton die Forschung sich immer einseitiger den quantitativen, messbaren Aspekten der Natur zuwandte. Die qualitative, ganzheitliche Betrachtungsweise, für die sich Goethe noch am Beispiel seiner Farbenlehre einsetzte, geriet immer mehr in den Hintergrund. Die quantitativen Methoden der Naturforschung, die sich nicht mehr der direkten Beobachtung bedienten, verlangten für ihre Messungen zunehmend kompliziertere und raffiniertere Apparaturen.

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