Wühlen in heiliger Erde
Die Archäologie, das Heilige und die Geomantie

Es ist schon fast ein Allgemeinplatz, dass Archäologen auf ihrer Suche nach neuen Erkenntnissen heilige Orte betreten und verletzen. Sie haben unter der St.-Dionys-Kirche in Esslingen, unter der Stabkirche von Urnes in Norwegen, unter dem Yorker Münster in England und sogar unter dem heiligsten Heiligtum der römischen Katholiken, dem Petersdom in Rom, gegraben. Wie viele andere Kirchen sind dies bis zum heutigen Tag gesegnete Orte, an denen Gottesdienst abgehalten wird und seit Generationen die Toten bestattet werden. Hier werden die heiligen Riten der Gemeinde gefeiert, so wie es seit 1000 Jahren gewesen ist. Generationen von Gläubigen haben auf diesem heiligen Grund in ihrem Glauben Trost und Kraft gesucht, und Generationen von Priestern haben hier zur richtigen Zeit den jeweils richtigen Ritus zelebriert. Es sind Heiligtümer, Orte von wahrer spiritueller Kraft. Aber all das scheint keine Rolle zu spielen. Auf der Suche nach neuen Informationen, unbekannten Artefakten und zum Wohle ihrer Karrieren haben Archäologen die Freiheit, auf heiligem Grund graben, und so tun sie es auch.
Respekt vor heiligen Orten?
Derartige Verletzungen des Heiligen wurzeln möglicherweise in der Ausgrabungspraxis an den Kultstätten der altägyptischen Religion, die vor einigen Jahrhunderten begann. Die Wächter dieser heiligen Stätten waren bereits lange tot, als die Archäologie erfunden wurde, und die vorherrschende islamische Religion und die ottomanischen Herrscher des Landes mieden diese Orte. Später führten imperiale Gesandte und Siedler der Kolonien Ausgrabungen an den heiligen Stätten der Eingeborenen durch, die sie unterworfen oder ausgerottet hatten. Damals hatten die Ureinwohner keine Möglichkeit zu protestieren, doch hallen die Auswirkungen der Plünderungen bis heute durch die Gerichtssäle der Welt. Nach den Ausgrabungen an Kultstätten von Stammeskulturen und ausgestorbenen Religionen war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Archäologie den heiligen Plätzen der eigenen Kultur zuwandte.
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