Gebändigte Anderswelt
Das Rätsel der Innengräben von Emain Macha und anderen frühgeschichtlichen Heiligtümern
Die Gräben auf der Innenseite frühgeschichtlicher Wallanlagen sind ein Rätsel. Richard B. Warner entwickelt hier für Anlagen in Irland die These, dass der Innengraben der eisenzeitlichen Kultplätze als Schutz der Menschenwelt vor der "Anderswelt" verstanden werden muss. Die Anlagen sind gewissermaßen umgestülpte Hügelburgen, die in ihrem Inneren eine Pforte zur Anderswelt verbergen.

Der Teil der frühen irischen Heldendichtung, der die Gesellschaft vor dem 5. Jahrhundert zu schildern scheint, schreibt einigen wenigen Orten einen besonderen Status zu. Sie gelten als "königliche" Wohnstätten bedeutender Fürsten, die zumindest auf Provinzebene, womöglich sogar auf "nationaler" Ebene Macht besaßen. Wir haben es hier zwar mit anachronistischen Vorstellungen aus der Zeit zu tun, als die Erzählungen niedergeschrieben wurden. Andererseits ist nicht zu bezweifeln, dass sie eine tatsächliche Erinnerung an den Status jener Orte maskieren, den diese als wichtige Kultstätten in prähistorischer Zeit besaßen. Besagte Orte sind Emain Macha, Temair, Ailenn und Cruachu, die als das heutige Navan (Co. Armagh), Tara (Co. Meath), Knockaulin (Co. Kildare) und Rathcroghan (Co. Roscommon) identifiziert wurden. Bei den drei ersteren (und möglicherweise auch dem letzteren) ist das auffälligste Merkmal eine gewaltige Umfriedung mit einem Graben innerhalb des Erdwalls. In Großbritannien und Irland gibt es viele solcher Einfriedungen mit Innengraben, und die meisten stammen aus dem Neolithikum. Sie werden von den Archäologen als "Henge"-Anlagen bezeichnet. Der Begriff ist unglücklich gewählt, bezeichnet er doch nicht nur unter anderem das Merkmal eines Innengrabens, sondern fixiert die zeitliche Dimension auch in der frühen Vorgeschichte. Mit dem davon abgeleiteten Adjektiv "hengeartig" (hengiform) will man dieses Problem umgehen, indem das Merkmal beschrieben wird, ohne sich auf eine bestimmte Zeit oder Kultur festzulegen. Ich werde jedoch die von mir bevorzugte Formulierung "mit Innengraben" verwenden. In ganz Irland findet man kleinere, kreisförmige Erdwerke mit Innengraben, die meist als Grabstätten angesehen und auf die Eisenzeit datiert werden. Inzwischen wurde belegt, dass die großen Anlagen von Navan, Knockaulin und Tara aus der Eisenzeit stammen. Damit wurde die Spekulation, man habe es mit einer beabsichtigten Wiederverwendung neolithischer Stätten zu tun, beendet. Allerdings halten manche Autoren die späten Anlagen mit Innengraben für Erbstücke der neolithischen Henge-Tradition und ziehen dazu bemerkenswerte Beispiele für eine solche Kontinuität der Tradition aus Britannien heran. Ich bin allerdings in diesem speziellen Fall nicht von der Kontinuität der religiösen Tradition überzeugt.
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