Landschaftstempel Lenzburg

Moderne Landschaftsmythologie und integrale Göttinkultur

von Kurt Derungs erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Moderne Landschaftsmythologie nennt Kurt Derungs den interdisziplinären Ansatz, Archäologie, Mythologie und Ethnologie bei der Entschlüsselung einer Landschaft zu verbinden. Seine Arbeit über den Landschaftstempel Lenzburg in der Schweiz führte zu einem fruchtbaren Austausch mit Archäologen, die dort ein einzigartiges Hockergräberfeld entdeckt hatten. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist derzeit in einer Ausstellung zu besichtigen.

Lenzburg ist eine kleine Stadt in der Schweiz. Sie liegt in westlicher Richtung von Zürich und kann von dort aus in etwa 20 Minuten mit der Bahn erreicht werden. Die Stadt ist vor allem durch ihr mittelalterliches Schloss bekannt, doch in den letzten 50 Jahren wurde Lenzburg zu einem archäologischen Begriff, denn hier ließ sich eine 6000 Jahre alte Kultur vorfinden. Das sensationelle Hockergräberfeld mit den Steinkisten und den über 100 Leichnamen in Embryonalstellung ist nicht nur für die Schweiz von größter Bedeutung, sondern für ganz Mitteleuropa. Seit Mitte der 90er-Jahre entdecke und erforsche ich die Region Lenzburg aus landschaftsmythologischer Sicht. Wie so oft war ich wieder einmal zwischen Zürich und Bern unterwegs, schaute bequem aus dem Fenster des rollenden Zuges und entdeckte plötzlich die Hügellandschaft von Lenzburg beim Vorbeifahren. Obwohl ich diese Landschaft kannte und schon oft gesehen hatte, war es diesmal anders: Die Hügel zogen mich an und weckten mein besonderes Interesse. Ich beschloss, in Lenzburg auszusteigen und die Gegend zu erkunden. Aus diesem Halt wurden mehrere Jahre intensiver Beschäftigung mit dieser Landschaft, denn die kulturgeschichtliche Aufarbeitung der scheinbar zusammenhanglosen Quellen benötigte minutiöse Detailarbeit. Zu sichten waren die archäologischen Funde, die Sagentradition der Gegend, ihre Bräuche und Feste, die kirchenmythologischen Hinweise, die astronomische Orientierung eines Horizontkalenders und die sakrale Geometrie des Ortes. Zudem besuchte ich die Landschaft regelmäßig, um die verschiedenen Perspektiven und Erscheinungsbilder der Hügel und Stätten genau zu betrachten und zu studieren. Dabei halfen mir meine landschaftsmythologische Erfahrung und eine gewisse Intuition, die besonderen Orte ausfindig zu machen. Seit mehr als zwölf Jahren entwickle ich die moderne Landschaftsmythologie, die ich hier kurz skizzieren möchte. Ich begreife sie als ein kulturgeschichtliches Wissensgebiet, das vor allem vom Sichtbaren und Nachvollziehbaren ausgeht. Sie schafft eine breite Basis für das Verständnis einer Landschaft, indem sie isolierte Fachgebiete wie Archäologie, Ethnologie oder Mythologie systemisch vernetzt. Das Rad wird also nicht neu erfunden, doch sind die Sichtweisen und Fragestellungen neu. Neben dieser kombinatorischen Technik trägt vor allem das verlängerte Geschichtsbewusstsein Wesentliches bei, denn das herkömmliche patriarchale Geschichtsbild und seine Geschichtsschreibung erfahren fundamentale Korrekturen und Erweiterungen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die matriarchale Gesellschaft und Mythologie legt. Der historische und theoretische Hintergrund der Landschaftsmythologie entspricht der modernen Matriarchatsforschung1 - sie sind wie zwei Seiten einer Medaille. Die Synergien, die aus der Kombination der beiden Wissensgebiete entstehen, sind fruchtbar und überzeugend. In diesem Sinn ist die Landschaftsmythologie nicht nur fachbezogen, sondern besitzt auch einen erkennbaren, umgrenzten Rahmen der Interpretation. Dies ist unbedingt notwendig, denn oft erleben wir Deutungen, in denen alles irgendwie möglich ist. Solche undifferenzierten und oft trivialen "Interpretationen" sind leider auch in esoterischen, populärpsychologischen2 oder geomantischen Schriften zu finden. Die logischen Spielregeln einer Interpretation gelten auch für neue Denkmuster. Allgemein besitzt die moderne Landschaftsmythologie drei verknüpfte Interpretationsfelder, nämlich Totemismusforschung, Schamanismusforschung und moderne Matriarchatsforschung. In diesem Sinnbezirk lassen sich bereits viele Phänomene der Landschaftsmythologie und der traditionellen Geomantie verständlich erklären.3

Sion im Wallis und Lenzburg

Während der Entdeckung und Entschlüsselung der Region Lenzburg war ich auch mit dem Gebiet von Sion/Sitten im schweizerischen Wallis beschäftigt. Dort finden wir eine reiche archäologische Situation mit einer alten Göttinkultur. Die Fundstätte datiert in die Jungsteinzeit der Cortaillod-Kultur4 , die in Lenzburg ebenfalls maßgebend war. Auch die landschaftliche Hügellage finden wir in Sion/Sitten wieder. So war es eine naheliegende Frage, ob die Gegenden von ihrer Landschaftsmythologie und Göttinkultur her womöglich vergleichbar seien. Die Hauptfrage (oder wichtigste Inspiration) war, sich zu vergegenwärtigen, warum in Lenzburg alle Hockergräber in Embryonalstellung genau zwischen dem Goffersberg und dem Schlossberg zu liegen kommen. Diese Frage wurde von archäologischer Seite kaum gestellt, denn es interessierte nur der isolierte Fund ohne Bezug zur Landschaft. Die Lage der Verstorbenen aus der Jungsteinzeit wurde zum landschaftsmythologischen Schlüssel für die ganze Region Lenzburg. Ich gehe davon aus, dass die Menschen der Jungsteinzeit die Geographie von Lenzburg als einen Landschaftstempel wahrgenommen haben. Darin finden wir eine westliche "männliche" Seite, die durch den Einzelberg Staufberg repräsentiert wird. Gegenüber liegt die östliche "weibliche" Seite des Lebens und der Wiedergeburt (Sonnenaufgang) mit einem Dreihügelsystem: Einem bauchigen, runden Schlossberg, einem langgezogenen Goffersberg und einem kleinen Hügel Bölli. Diese Dreiheit oder Triade wurde als Einheit und Verkörperung einer Landschaftsgöttin gedacht, entsprechend der matriarchalen Mythologie jener Zeit. Noch heute sprechen wir von den "heiligen drei Frauen", die eigentlich nur eine Gestalt sind, nämlich die Große Göttin als Triade.5 So liegt es nahe, dass die drei Hügel von Lenzburg - Bölli als Kopf, Goffersberg als Rumpf und Schlossberg als Bauch - gemäß der alten Körperanalogie als liegende Landschaftsgöttin aufgefasst wurden. Das Hockergräberfeld mit den Steinkisten und den Bestattungen in Embryonalstellung befindet sich genau dort, wo auf einer Makroebene der heilige Schoß und der Uterus der Großen Ahnfrau zu liegen kommt. Diese Entschlüsselung war eine Sensation, doch zuerst wollte ich diese Zusammenhänge nicht wahrhaben, obwohl sie logisch und systematisch die ganze Landschaft erklärten. Ich traute mir diese Entdeckung für die Schweiz einfach nicht zu. Eine Landschaftsgöttin ist bekannt von Malta oder von Südengland - aber hier in Mitteleuropa? Glücklicherweise fand ich in dem Kulturhistoriker und Geographen Michael Dames einen großartigen Forscher, der seit den 60er-Jahren die Stätten in Südengland und Irland untersucht. Gerade in der jungsteinzeitlichen Anlage von Silbury Hill fand ich ein ähnliches Modell und die Bestätigung meiner Entdeckung. Michael Dames hat Silbury Hill als eine liegende schwangere Landschaftsgöttin mit einem Hügelbauch beschrieben, was genau der liegenden Landschaftsgöttin von Lenzburg mit ihrem schwangeren Schlossberg entspricht. Bestärkt ging ich nun daran, die Entschlüsselungen niederzuschreiben, so dass im Jahr 2000 das Buch "Landschaften der Göttin" erschien, das verschiedene Aspekte des Landschaftstempels und die Bezüge zu anderen Orten in Europa beschreibt.6

Heilige Geometrie in der Landschaft

Die Landschaft von Lenzburg erscheint in einem sehr geschlossenen Raum. Daher tauchte die Frage auf, ob bestimmte Kultstätten darin miteinander vernetzt waren. Wie in einem architektonischen Tempel finden wir auch in einer landschaftlichen Geometrie sakrale Symbole wieder. Eine grundlegende Entdeckung war, dass die Kultstätten des Schlossbergs, des Staufbergs mit der alten Kirche und die in den Sagen beschriebene "Heidenburg" ein gleichschenkeliges Dreieck bilden. Dazu lässt sich die bekannte Form des Ovals ergänzen, so dass sich die Erscheinung der liegenden Landschaftsgöttin auch auf dieser Ebene äußert, nämlich als heiliges Schoßdreieck und als Ei-Oval der Schöpfung bzw. Ursprung des Lebens überhaupt.7 Solche Symbole erhalten ihren Sinn durch den Rückhalt in einer matriarchalen Mythologie. Diese war nicht nur sinngebend, sondern auch welterklärend, ein Pendant zu dem, was wir heute mit der Sprache der Naturwissenschaften zu umschreiben versuchen. Seit frühester Zeit lebten die Menschen jedoch in einer Göttinkultur, die sich in einer entsprechenden Mythologie und Gesellschaftsform manifestierte. Die Anfänge der Weltdeutung gehören zu dieser umfassenden Naturphilosophie, und so ist auch der Beginn der Landschaftsmythologie oder der Geomantie in dieser frühen Kultur zu verorten. Die unzähligen Spuren der Göttinkultur alleine in der Landschaft sprechen eine deutliche Sprache. Schon beim Entstehen des Buches "Landschaften der Göttin" unternahm ich verschiedene Studienreisen nach Lenzburg, bei denen Menschen von außen, aber besonders auch vom Ort selbst, einbezogen wurden. Es ergab sich ein interessanter Dialog mit der Bevölkerung, bei dem ich viele wichtige Hinweise erhielt. In diesem Rahmen wurde ich auch angefragt, den Landschaftstempel in verschiedenen Seminaren in Lenzburg selbst zu präsentieren, was nochmals ein Ansporn war, alles zu überprüfen und sorgfältig zu dokumentieren. Das Publikum war sehr neugierig und überrascht, denn wie ich vorher getrauten sie sich kaum, den Gedanken zuzulassen, dass sie sozusagen vor der Haustür eine liegende Landschaftsgöttin besaßen. Irgendwo in fernen "exotischen" Ländern konnte dies akzeptiert werden, aber hier in Mitteleuropa? Doch der erklärende Kontext von kulturgeschichtlichem Totemismus, Schamanismus und matriarchaler Mythologie war überzeugend, so dass die Menschen heute ihre Landschaft mit anderen Augen sehen. Gerade weil nicht mit esoterischen Spekulationen argumentiert oder von "Zwergenkönigen" und Ähnlichem die Rede war, konnten die Einwohner eine Beziehung zur sichtbaren Natur herstellen. Der Kontakt mit den Archäologen, die das Hockergräberfeld erforschten, war rundherum erfreulich, sie kamen sogar von sich aus auf mich zu: Die nachvollziehbare Argumentation hatte sie überzeugt, und sie sahren ihre Landschaft klärend interpretiert. Sie begriffen die Landschaftsmythologie als eine Chance, mit den sensationellen Hockergräber-Funden von Lenzburg weiter zu kommen. Indirekt erhielt dadurch die Landschaftsmythologie ihre anerkennende Bestätigung. Dazu half sicher, dass sie mit traditionellen Wissensgebieten arbeitet, also methodische Ähnlichkeiten zwischen den Disziplinen bestehen. Dadurch entstanden Schnittpunkte des Verstehens und des Vorgehens, was in eine fruchtbare Kommunikation mit den Archäologen mündete.

Neue Dimensionen für die Archäologie

Aus der Begegnung von Archäologie und Landschaftsmythologie entstand in Lenzburg die erste Ausstellung zu diesem Thema überhaupt.8 Die moderne Landschaftsmythologie und die Göttinkultur sind dabei integraler Bestandteil, dazu kommt eine wegweisende Museumspädagogik, die zu diesem neuen fachübergreifenden Thema entwickelt wurde. Das Spannende war, dass hier die Landschaft, in der ein archäologischer Fund gemacht wurde, in die Betrachtungen einbezogen wurde, denn ein Prinzip der Landschaftsmythologie ist, dass die Landschaft das Primäre ist, erst dann folgen Kultstätten und Sakralplätze. So hat das "Silbury"-Motiv der Schweiz eine kleine Revolution hinter den Vitrinen von Lenzburg entfacht, die seit Januar großen Zulauf zu verzeichnen hat. Lenzburg ist aber auch ein lehrreiches Beispiel für die Geomantie. Hier gibt es keine "weibliche Geomantie" oder eine "männliche Geomantie". Dies sind Muster, die eher einem patriarchalen Denken angehören. Kulturgeschichtlich orientierte Geomantie, die sich um die mythologischen Spuren in der Landschaft kümmert, wird früher oder später auf die Stätten und die Natur der integralen Göttinkultur stoßen. Dies zu erkennen, führt über die Geomantie hinaus, zu Fragen der heutigen Gesellschaft und zu einem lebenswerteren Zusammenleben, denn so etwas wie "integrale Kultur" gab es schon einmal in der Geschichte der Menschheit.