Raum der Göttin
Prinzipien matriarchaler Baukunst und Landschaftsgestaltung
Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth zieht viele ihrer Erkenntnisse über die spirituelle Gesellschaft der matriarchalen Kultur aus deren hinterlassenen Bauten.
Es sind Körper-Innenräume der Göttin, eingebunden in symbolische Landschaften, in denen sich die gesamte Kosmologie spiegelt. Diese Kultur kannte keine Trennung von heiligem und sakralen Raum, nur den Raum der Göttin.

Die Jungsteinzeit von etwa 8000 bis 2000 v.Chr. ist diejenige Epoche, deren Erfindungen wie Ackerbau, Hausbau und Bau von Kultanlagen die Basis für alle späteren Gesellschaftsformen bilden. Diese ersten Ackerbaukulturen waren weltweit von matriarchaler Sozialordnung und Geistigkeit geprägt (vgl. dazu die neueste Forschung, auch meine Bände "Das Matriarchat", Kohlhammer-Verlag, Stuttgart). Das wirkte sich in ihrer Sicht auf die Landschaft und in der Art, wie sie ihre Bauwerke darin einfügten, aus. Mit dem frühesten Ackerbau kamen Menschen an, die als erste dauerhaft in einer Landschaft blieben und sie gemäß ihrer Weltanschauung betrachteten und verehrten. Keine Gesellschaftsordnung vor ihnen hatte Landschaft geformt, sie fanden die Gegend sozusagen "unberührt" vor. Darum konnten sie darin ungestört Züge ihres Weltbildes wiedererkennen und ihm durch Bauten und Erdformationen architektonisch Ausdruck geben. Auf diese Weise schufen sie Landschaft ganzheitlich zu einem symbolischen Raum gemäß ihren Vorstellungen um, und es standen ihnen keine Strukturen aus Vorgängerkulturen im Wege. Diese früheste Prägung von Landschaft hatte immer sakrale Bedeutung, da Matriarchate wesentlich sakrale Kulturen waren, und sie war die Basis jeder späteren Umformung durch nachfolgende Gesellschaften. So haben die verschiedenen patriarchalen Kulturen, die Jahrtausende später ankamen, auf dieser grundlegenden Formung von Landschaft aufgebaut, ohne sie jedoch zu verstehen oder verstehen zu wollen. Durch ihre Eroberungszüge und Reichsbildungen, bestimmt von strategischem, profanierendem Denken, funktionierten sie die alten sakralen Stätten um in Keltenschanzen und germanische Wallburgen, in römische Kastelle und mittelalterliche Zwingburgen, oder sie vereinnahmten sie für ihre neuen Götter bis hin zur Überbauung mit christlichen Kirchen und Kapellen. Dabei wurde Landschaft als sakraler Raum in ihrer Ganzheitlichkeit zerstückelt, eine zunehmende Entwicklung, die in der modernen Zersiedelung und technischen Zerstörung von Landschaft ihren Höhepunkt erreicht hat. Die meisten heutigen Menschen sind daher kaum noch in der Lage, Landschaft überhaupt als ein Ganzes wahrzunehmen. Jede heutige Bemühung, Landschaft wieder als ein ganzheitliches Gefüge zu erfassen, führt uns deshalb auf die Wurzel dieser Wahrnehmungsweise zurück, welche die matriarchale Kultur besaß. Für sie war jede Landschaft ein heiliges Ganzes, denn nichts Geringeres als ein Antlitz der Göttin Erde. Die Erde galt als lebendes Wesen, das menschliche Begrenztheit bei weitem überschreitet, eben eine Göttin. Sie war ihnen die göttliche Urmutter, die alles Lebendige beständig aus sich hervorbringt, es trägt und ernährt, zu sich zurücknimmt und aus sich erneut wiedergebiert. Nun ist die Erde eine für Menschen nicht zu überschauende Göttin, daher wurden überschaubare Landschaften oder besondere landschaftliche Züge als pars pro toto genommen und galten ebenso als Erscheinung der Göttin Erde.
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