Schiffe aus Stein

Die Navetas - Rätsel auf Mallorca

von Hannes Boventer erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Mit den Megalithstätten Mallorcas wird in erster Linie der Begriff "Talayot" assoziiert - Rundtürme, deren Bedeutung nach wie vor ungeklärt ist. Hannes Boventer möchte GeomantInnen für ein weiteres Rätsel interessieren: Die Navetas, Totenschiffe aus Stein. Er wünscht sich eine interdisziplinäre Herangehensweise, in der Archäologie, Geomantie und Mythologie zusammenfinden.

Es war im Frühjahr 1962, als ich zusammen mit einem Kollegen eine Studienreise nach Mallorca begleitete und mit einem kleinen Boot durch die Bucht von Alcudia segelte. Ich bat den Skipper, eine kleine Insel anzusteuern, die meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Der wurde jedoch blass und lehnte laut gestikulierend ab: Das würde er unter keinen Umständen tun, denn die Insel sei nicht geheuer. Es handle sich um eine Toteninsel, und auch der Strand sei geheimnis-umwittert. Im Winter nach heftigen Stürmen tauche dort oft ein großer Friedhof auf mit steinernen Gräbern und versteinerten Booten. Kollegen hätten nachts kleine wandernde Lichter gesehen, und es sei besser, diesen Platz zu meiden. Diese Aussagen erregten bei uns natürlich Neugier und Ehrgeiz, und so suchten wir am nächsten Tag den besagten Strand auf. Anfänglich sah der Strand aus wie jeder andere, aber allmählich erkannten wir kleinere Sanderhöhungen, unter denen sich Steine verbargen und nach und nach wurden kleine Mauerreste sichtbar. Bis gegen Abend hatten wir so einige Gräber oberflächlich frei gelegt, einige davon in der Form eines kleinen Bootes. Kein Zweifel, es waren Grabanlagen aus einer fernen Vergangenheit, wir hatten für uns die Nekropole Son Real entdeckt. Zeit ging ins Land, und es ergab sich keine Gelegenheit, das Gräberfeld wieder zu besuchen. Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder viele Einheimische befragt, aber nicht einer kannte diesen Ort oder wusste etwas darüber zu berichter. Etwa zehn Jahre später stand ich wieder am Strand von Alcudia und suchte das Gräberfeld. Riesige Sand- und Seetangberge bedeckten den Strand, aber keine Spur mehr von "alten Steinen". Als ich 1982 noch einmal einen Versuch machte, an das alte Erlebnis anzuknüpfen, wurde ich vollends enttäuscht. In nicht allzu großer Entfernung waren Hotels gebaut worden, und wo ich mein Gräberfeld vermutete, fuhr eine Gruppe von einheimischen Jugendlichen Motocross. Anfang der 90er-Jahre, also 30 Jahre nach unserem ersten Erlebnis, vermittelte mir ein auf der Insel lebender Freund ein Gespräch mit einem Mallorca-Kenner, der nach eigenen Angaben die Lage jedes großen Steines auf der Insel wusste. Er kannte den Ort zwar nicht selbst, hatte aber davon gehört und wusste, wo man ihn finden konnte. Als ich danach wieder an den Strand kam, war ich nicht schlecht erstaunt, als ich vor einem großen Gräberfeld, einer wirklichen Nekropole stand. Das Gelände war offensichtlich fachgerecht ausgegraben und vermessen und durch einen Zaun gesichert worden. Nach Anfragen bei der Inselregierung hieß es lapidar, es gebe leider kein Geld für einen ausreichenden Schutz der Anlage und deshalb würde die Nekropole nicht weiter öffentlich propagiert. Inzwischen findet man meist wenig aussagekräftige Kurzinformationen in der Literatur, die aber der Bedeutung dieses Objektes in keiner Weise gerecht werden. Es fehlt Geld, die Geschichte muss warten. Diese "Vorgeschichte" sollte zeigen, wie problematisch es um die Archäologie auf Mallorca bestellt ist, was leider auch zur Folge hat, dass eine globale Betrachtungsweise oder gar geomantische Ansätze noch in den Kinderschuhen stecken. Das geomantische Interesse für diese Kultstätten muss erst noch geweckt werden.