Bedrohte Göttin
Maltas Menschheitserbe ein Jahr nach dem Attentat auf Mnajdra
In Hagia Chora Nr. 9 berichteten wir über den Anschlag auf den Tempel von Mnajdra auf Malta vor einem Jahr. Monika Gödecke war am Schauplatz. Sie beschreibt ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Ort der Kraft und denkt über die Hintergründe und Auswirkungen des Anschlags nach.
Vor gut einem Jahr, in der Karwoche 2001, wurde auf die Tempelanlage von Mnajdra in Malta ein schwerer Anschlag verübt, und noch immer ist er nicht aufgeklärt. Systematisch wurden über 60 der riesigen Steine aus ihrer Lage gehebelt, und viele zersprangen beim Aufprall. Bereits 1980 war Mnajdra in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden. Seit 1998 stehen die Tempel außerdem auf der Liste der 100 meistgefährdeten Bauten. Mnajdra ist älter als Stonehenge oder die Pyramiden und gilt als das älteste freistehende Bauwerk der Welt. Der Anschlag richtete sich gegen das kulturelle (und spirituelle) Erbe der gesamten Menschheit. Im Südwesten von Malta, einsam und majestätisch, hoch über dem Meer, liegt Hagar Qim. Ein Fußweg führt etwa einen Kilometer weiter nach unten, noch näher ans Meer, zur Tempelanlage von Mnajdra. Die Gegend ist nahezu baumlos, felsig, Sträucher halten sich auf dem kargen Boden fest. In einiger Entfernung ragt einer der zahlreichen Wachttürme auf, die der Orden der Johanniter einst überall auf der Insel als Postenkette errichtet hatte. Vor der Küste liegt das Inselchen Filfla. Die Gegend erweckt den Eindruck, man befinde sich jenseits der Zeit. Mnajdra hat eine einzigartige Lage zwischen Himmel und Meer, eine Mittlerposition in vermutlich mehr als nur einer Hinsicht. Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal nach Malta fuhr, lockten mich vor allem die "alten Steine" - aber dass Mnajdra mich derart beeindrucken würde, war eine Überraschung. Schon als ich den Fußweg hinunterging, merkte ich, wie ich immer wacher und aufmerksamer und zugleich immer langsamer wurde und sozusagen jeden Schritt der Annäherung auskostete. Ich bin mehrere Stunden dort geblieben und hatte den Eindruck, angekommen bzw. wie von einer langen und manchmal beschwerlichen Reise nach Hause gekommen zu sein. Es war der Eindruck, einerseits als Individuum etwas Besonderes an diesen Ort mitzubringen und gleichzeitig die eigenen Batterien wieder aufzuladen. Es tat einfach gut, dort zu sein, und ich erinnerte mich an einen Versuch vor vielen Jahren im Physikunterricht, der meinen Zustand gut spiegelte: wie sich Metallspäne auf einer Glasplatte zu Mustern ordnen, wenn ein Magnet unter der Platte hin und her geführt wird.
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