Starke Steine

Ein Reisebericht zu den Megalithstätten in der Bretagne und auf Malta

von Walter Andritzky erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Walter Andritzky berichtet von seiner Begegnung mit der Megalithkultur auf Reisen in die Bretagne und nach Malta. Dem Rätsel der Dolmen und Menhire, denen er sich hier besonders widmet, nähert er sich vor allem über die überlieferten Sagen und Gebräuche der jeweiligen Region, in denen die Steine nach wie vor mit den Lebenden und Toten zugleich verbunden sind.

Zwei Studienreisen nach Malta und in die Bretagne ließen mich mit den Denkmälern der Megalithkultur Bekanntschaft schließen, die eine unvergleichliche Atmosphäre von Ruhe und Kraft zu umgeben scheint. Ihre Zeugnisse finden sich an der schwedischen Küste, in Dänemark, Deutschland, auf den Britischen Inseln, in Spanien, Portugal, Afrika, Malta, Indien, Korea, Mittelamerika und am dichtesten gedrängt in der Bretagne. Allein in Frankreich gibt es nach einer Zählung von Fernand Niel, dem Verfasser des Buches "Auf den Spuren der großen Steine", 4350 Dolmen, 2070 Menhire, 130 Cromlechs (meist kreisförmige Steinsetzungen) und 110 Steinreihen (Alignements). Heute werden die Anfänge der Megalithkultur auf 4500 Jahre v.Chr. datiert (z.B. Carrowmore in West-Irland; Anm. d. Red.), und damit liegen sie weit vor den vorderasiatischen und ägyptischen Großsteinbauten. Die Megalithkultur kann vermutlich als die stabilste Weltkultur seit der Sesshaftwerdung des Menschen bezeichnet werden. Die verschiedenen Völker haben sich dabei einem im ganzen Kulturraum ähnlichen Kult gewidmet, bei dem vermutlich eine Erd- oder Muttergottheit im Mittelpunkt stand, der man weithin ähnliche Tempel- und Grabanlagen errichtete. Ich möchte mich hier besonders den Dolmen (von bretonisch tol = Tisch und men = Stein) und Menhiren (hir = lang) widmen. Während Erstere vermutlich als Ahnenschreine gedacht waren, was sich aus archäologischen Funden von Skeletten, Urnen und Äxten, Beilen und Schmuck als Bestattungsgaben schließen lässt, ist man bei der Deutung der Funktion der Menhire auf Spekulationen angewiesen.

Orte der Kraft und Fruchtbarkeit

Seit Urzeiten sind Dolmen und Menhire Gegenstand von Legenden und Mythen, Sitz von Geistern, Feen und Titanen. Es sind Orte, an denen bis heute Riten abgehalten werden oder mit denen sich wundersame Kräfte verbinden sollen. Vom "Feenfelsen", einer 18 Meter langen Dolmenanlage in der Bretagne, deren Decksteine bis zu 40 Tonnen wiegen, heißt es, die Feen hätten die Steine in ihren Schürzen transportiert, und unter den Dolmen besuchten sie jede Nacht die Toten, um sich mit ihnen zu unterhalten. In anderen bretonischen Dolmen sieht man die Betten und Gräber von Giganten oder der Kerions, launischer Zwerge, die manchmal wohlwollend, aber ebenso gefürchtet sind, da sie in den Wiegen die Stelle des Säuglings einnehmen oder den nächtlichen Wanderer in ihre zügellosen, oft tödlichen Tänze um die Dolmen verwickeln. Bei den Menhiren ist der Glaube weit verbreitet, dass sich die Steine (Drehstein, Tanzstein, Springstein) an einem Tag des Jahres einmal um sich selbst drehen, "tanzen" oder sich anderweitig von ihrem Platz bewegen, an einem Fluss trinken oder sich wie die Menhire von Carnac in der Weihnachtsnacht im Meer baden. Ein erster Hinweis auf die Frage nach der Lokalisierung und die Motive für die Errichtung der Menhire ist das bekannte Bibelzitat der Jakobsleiter (Mose 28,11;18): Jakob kommt auf der Flucht nach Mesopotamien an eine Stelle, wo er einen Stein aufnimmt und ihn "zu seinen Häupten" legt.

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