Wem gehören die heiligen Orte?
Neo-Schamanismus als Herausforderung für die Archäologie
"Alternative" Interpretationen alter Kultstätten, wie sie Geomanten oder Neo-Schamanen versuchen, könnten der Forschung positive Erkenntnisse und der Gesellschaft einen schöpferischen Umgang mit den "heiligen Orten" einbringen. Als Archäologieprofessor und zugleich aktiver Neo-Schamane vermittelt Robert J. Wallis zwischen den Welten. Seine Schilderung konzentriert sich auf Stonehenge in England. Der Vergleich mit der dortigen Auseinandersetzung macht bewusst, dass ähnliche Plätze z.B. in Deutschland ihre Rolle als lebendige kulturelle Ressourcen offenbar schon lange eingebüßt haben.

Die Erhaltung von Kulturerbe, besonders wenn Beschädigung oder Zerstörung alter Stätten droht, ist für Archäologen ein heißes Thema. Meist ist hier vom schädlichen Tourismus und von skrupellosen Farmern die Rede. Mit denjenigen, die als "Druiden", Naturreligiöse, Neo-Schamanen oder unter anderem Namen ein "spirituelles" Interesse an solchen Plätzen haben, setzt man sich kaum auseinander. Die Beschäftigung der Neo-Schamanen mit der Vergangenheit hat aber unmittelbare Auswirkungen auf archäologische Stätten, wie der Archäologe John Barnatt aus Derbyshire feststellt: "Im Frühjahr 1993 wurde der Steinkreis bei Doll Tor (Derbyshire) kurz vor der Tagundnachtgleiche stark beschädigt, als Unbekannte versuchten, ihn wiederherzustellenâ, um dort Rituale abzuhalten. 1994 wurde der Ort nach archäologischen Grabungen so rekonstruiert, wie er in der Frühgeschichte ausgesehen haben mag. Dazu wurden einige neu hinzugefügte, störende Aufbauten beseitigt. Heute ist das Monument seiner frühgeschichtlichen Erscheinung näher als je in geschichtlicher Zeit. Dies wird in Zukunft hoffentlich alle weiteren dilettantischen Restaurierungsversuche verhindern können." Das Ereignis von Doll Tor ist kein Einzelfall: Als ich 1998 die "Zwölf Apostel", einen Steinkreis im Ilkley Moor, besuchte, waren auch hier die Steine umgestellt worden. Neo-Schamanen nutzen Stätten im Moor regelmäßig für ihre Rituale, doch weiß man nicht, wer hier den Versuch einer "Restauration" unternommen hatte. Doll Tor und die Zwölf Apostel sind nur die Spitze des Eisbergs: Archäologische Stätten, insbesondere frühgeschichtliche Monumente rücken zunehmend in den Fokus neo-schamanischen Interesses. Für Denkmalpfleger, Archäologen oder Verwalter solcher Plätze war dies bisher eine Randerscheinung - man erinnere sich an die "Druiden", deren Sonnwendfeiern in Stonehenge als exzentrische Scharlatanerie abgetan wurden. In letzter Zeit jedoch sind solche "alternativen" Annäherungen an archäologische Stätten und die Art der Verwaltung solcher Orte als ernsthaftes Thema in den Fokus gerückt.
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