Gelebte Landschaften

Gedanken zu einer Archäologie von Landschaft und Ort

von Julian Thomas erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Das Thema Landschaft ist für die Archäologie eine große Herausforderung. Das darin verborgene Potenzial stellt konventionelle Denkweisen in Frage und führt zu Perspektiven, die der Geomantie überraschend nahestehen. Julian Thomas gibt hier Einblick in die Diskussion, die derzeit im angloamerikanischen Raum in Archäologenkreisen geführt wird. Landschaft ist dort kein Objekt außerhalb unseres Selbst mehr, dem ein mentales Abbild gegenüberstünde, sondern ein Beziehungsnetz.

Die Idee einer Archäologie der Landschaft hat bereits eine lange Geschichte. Seit den Arbeiten von General Pitt Rivers Ende des 19. Jahrhunderts in Cranborne Chase wurden archäologische Funde im Zusammenhang mit ihrer Umgebung immer wieder intensiv hinterfragt. Dies konnte zuweilen den kurzsichtigen Blick auf ansonsten isoliert betrachtete Stätten erweitern. Im 20. Jahrhundert etablierte sich eine vorwiegend britische Forschungstradition, welche die Landschaft als "Palimpsest" (mittelalterliches Pergament, das durch Radieren und Überschreiben mehrmals genutzt wurde; Anm. d. Red.) zu verstehen begann - als Ansammlung stofflich manifester Spuren natürlichen, halbnatürlichen und gänzlich künstlichen Ursprungs, über die wir in der Gegenwart verfügen. Feldforschung, dokumentarische Studien, kartographische Analyse und nicht zuletzt gezielte Ausgrabungen machten die einzelnen Phasen landschaftlicher Entwicklung erkennbar. Das Ergebnis solcher Analysen ist jedoch lediglich eine "Geschichte dessen, was dem Land angetan wurde" (Barrett 1999), und dies dürfte meist nur wenig mit dem tatsächlichen Leben der Menschen an jenen Orten zu tun haben. Dieser Zweig der Archäologie ging fast ausschließlich empirisch vor. Erst im letzten Jahrzehnt rückte das Forschungsobjekt Landschaft auch in den Fokus theoretischer Betrachtung, und interessanterweise gerieten genau durch diese thematische Diskussion einige der tradierten Normen der Archäologie ins Wanken: Periodizität, Abfolge, Identität und Objektivität. Mehr noch: Gerade diese neue Richtung der Landschaftsarchäologie hat einige der radikalsten Experimente beim Versuch der Beschreibung unserer Vergangenheit hervorgebracht (z.B. Bender 1998, Edmonds 1999).

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