Archäologie der Innenwelt

Mindscape und Felskunst der San in Südafrika

von Sven Ouzman erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Die Augen schließen und sich an die "Mindscape" unserer Vorfahren heranzufühlen - das ist für den südafrikanischen Archäologen Sven Ouzman der tiefere Sinn seiner Arbeit. Sie führte ihn dazu, sich für den respektvollen Umgang mit den heiligen Stätten der Ureinwohner einzusetzen, auf ihre spirituelle Kraft zu verweisen und sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung an ihren Kultplätzen einzusetzen. Sein Ansatz gleicht der Geomantie: Es geht um die sinnliche Wahrnehmung des Unsichtbaren.

Etymologisch ist Mindscape eine Zusammensetzung aus (engl. mind (der bewusste Geist der Persönlichkeit), was sich hier auf einen Akt der inneren Betrachtung bezieht, und scape, (Wiedergabe, Formung oder Herausbildung), in diesem Fall eines Raumes, der sowohl eine Denkkategorie als auch ein konkreter physischer Ort ist. "Mindscape" bezeichnet also einen inneren Raum, von dem aus die Schau auf eine äußere Realität - die "Welt" - initiiert wird. Der Begriff "Mindscape" versucht folgenden Gedanken in ein klares Bild zu fassen: Wirklichkeiten, z.B. Menschen, Ereignisse oder die "Landschaft", die im kartesianischen Denken für etwas Externes außerhalb des Selbst oder des Ich gehalten werden, sind keine wertfreien, neutralen Gegebenheiten, die unabhängig von unserer Wahrnehmung existierten. Geist (mind) und die physische "Landschaft" (landscape) beeinflussen sich auf rückgekoppelte Weise gegenseitig. Schon das Benennen einer Landschaft oder Wildnis prägt diesem Raum eine kulturelle Färbung auf und versucht, eine physische Wirklichkeit unter begriffliche Kontrolle zu bringen. Ein gutes Beispiel für eine solche kognitive und ideologische Aneignung sind die Stiche und Gemälde, welche die europäischen Siedler von ihren Kolonien anfertigten. Sie zähmten und verwandelten die fremde und feindselige Landschaft, indem sie z.B. Bäume aus der Heimat in das Bild aufnahmen und die indigenen Bewohner in friedlichen Hirtenszenen zeigten. Diese Bilder entsprangen einem kolonialistischen Paradigma der natürlichen Überlegenheit der Europäer gegenüber "den Anderen" und ihrer Landschaft (Fabian 1983). Die Mindscape der indigenen Bewohner drückte sich hingegen in ihren komplexen mündlichen Überlieferungen und Liedern aus, in denen oftmals die schlechtesten Eigenschaften der Kolonisten zur Sprache kamen.

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