Archäologie der Innenwelt

Mindscape und Felskunst der San in Südafrika

von Sven Ouzman erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Die Augen schließen und sich an die "Mindscape" unserer Vorfahren heranzufühlen - das ist für den südafrikanischen Archäologen Sven Ouzman der tiefere Sinn seiner Arbeit. Sie führte ihn dazu, sich für den respektvollen Umgang mit den heiligen Stätten der Ureinwohner einzusetzen, auf ihre spirituelle Kraft zu verweisen und sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung an ihren Kultplätzen einzusetzen. Sein Ansatz gleicht der Geomantie: Es geht um die sinnliche Wahrnehmung des Unsichtbaren.

Etymologisch ist Mindscape eine Zusammensetzung aus (engl. mind (der bewusste Geist der Persönlichkeit), was sich hier auf einen Akt der inneren Betrachtung bezieht, und scape, (Wiedergabe, Formung oder Herausbildung), in diesem Fall eines Raumes, der sowohl eine Denkkategorie als auch ein konkreter physischer Ort ist. "Mindscape" bezeichnet also einen inneren Raum, von dem aus die Schau auf eine äußere Realität - die "Welt" - initiiert wird. Der Begriff "Mindscape" versucht folgenden Gedanken in ein klares Bild zu fassen: Wirklichkeiten, z.B. Menschen, Ereignisse oder die "Landschaft", die im kartesianischen Denken für etwas Externes außerhalb des Selbst oder des Ich gehalten werden, sind keine wertfreien, neutralen Gegebenheiten, die unabhängig von unserer Wahrnehmung existierten. Geist (mind) und die physische "Landschaft" (landscape) beeinflussen sich auf rückgekoppelte Weise gegenseitig. Schon das Benennen einer Landschaft oder Wildnis prägt diesem Raum eine kulturelle Färbung auf und versucht, eine physische Wirklichkeit unter begriffliche Kontrolle zu bringen. Ein gutes Beispiel für eine solche kognitive und ideologische Aneignung sind die Stiche und Gemälde, welche die europäischen Siedler von ihren Kolonien anfertigten. Sie zähmten und verwandelten die fremde und feindselige Landschaft, indem sie z.B. Bäume aus der Heimat in das Bild aufnahmen und die indigenen Bewohner in friedlichen Hirtenszenen zeigten. Diese Bilder entsprangen einem kolonialistischen Paradigma der natürlichen Überlegenheit der Europäer gegenüber "den Anderen" und ihrer Landschaft (Fabian 1983). Die Mindscape der indigenen Bewohner drückte sich hingegen in ihren komplexen mündlichen Überlieferungen und Liedern aus, in denen oftmals die schlechtesten Eigenschaften der Kolonisten zur Sprache kamen. Jeder Mensch ist fähig, zahllose Mindscapes zu konstruieren und sie durch verschiedenste Ausdrucksformen zu artikulieren, seien es visuelle, verbale oder "greifbare" Manifestationen oder auch kaum fassbare emotionale Zwischentöne. Mindscapes unterliegen einer ständigen Wandlung, da der Wissensfundus eines Menschen steter Änderung, Erweiterung und Herausforderung unterliegt, obgleich es auch feste Bezugspunkte wie persönliche Identität oder Beziehungen wie diejenige zwischen Mutter und Sohn gibt. Eine Mindscape kann auch einen Angriff auf diese Fixpunkte darstellen, so dass man sie als "traumatisch" bezeichnet, während die meisten Mindscapes als "angemessen" gelten, da sie eine persönliche oder Gruppenidentität legitimeren. Manche Menschen - man könnte sie als symbolisch und visuell Gebildete bezeichnen - können Elemente einer Mindscape in ein ansprechendes oder auch provozierendes Idiom übersetzen, das sich so in eine Gesellschaft integrieren kann, dass es zum kognitiven Instrument der Begriffsbildung und Welt-Ordnung wird (De Certeau 1984). Derart "gebildete" Menschen wurden von allen Gesellschaften erkannt und oft einer besonderen Kategorie zugeordnet - in nicht-westlichen, nicht-industrialisierten Gesellschaften sind es die Schamanen oder Zeremonienmeister. Schamanen praktizieren in einem institutionalisierten Rahmen veränderte Bewusstseinszustände. Man glaubt, sie hätten Kontakt zu mehreren Welten, zu denen sie sogar reisen können. Der Schamane weiß, welche Bilder, Symbole, Zeichen und Anzeichen die Menschen fundamental berühren, und er verwendet sie bewusst, um fortwährend sich wandelnde Welten zu schaffen. In vielen westlichen Gesellschaften wurden "Irre" noch bis ins späte 18. Jahrhundert hinein nicht in geschlossenen Anstalten "verwahrt"; man glaubte vielmehr, sie seien "von der Hand Gottes angerührt", und sah ihre Anwesenheit als Zeichen besonderer Gunst. Die Stimmen, die sie hörten, und ihre Visionen galten als wirklich, wenn sie auch einer anderen Mindscape entsprangen.

Die Einbettung der Wirklichkeit

Auch wenn Mindscapes schwierig zu quantifizieren oder gar zu beschreiben sind, wirken sie dennoch in einer durchgreifenden, synergistischen Weise gerade auf die tiefsten und scheinbar unveränderlichen Elemente einer kognitiven Matrix ein. Nicht alle Mindscapes werden akzeptiert, denn - wir verstehen noch nicht genau, warum - die Menschen wissen auf Anhieb, dass eine bestimmte Mindscape "falsch" ist, auch wenn sie nicht begründen und formulieren können, warum eine andere wiederum "richtig" ist. Mindscapes wirken auf mindestens zwei Ebenen. Zum einen ensteht ein spezifischer innerer Wahrnehmungsraum (wie das Beispiel der gegenseitigen Wahrnehmung von Siedlern und der indigenen Bevölkerung zeigt) durch die Artikulation - sei sie auch fehlerhaft - bestimmter sozialer und geschichtlicher Faktoren, die für Menschen außerhalb des jeweiligen Bezugssystems nur schwierig zu verstehen sind. Zum anderen haben Mindscapes auch universelle Gültigkeit in der Art eines gemeinsamen menschlichen Erbes. So haben zum Beispiel alle im anatomischen Sinne neuzeitlichen Menschen der letzten 100000 Jahre dasselbe Zentralnervensystem mit Gehirn, Sinnesorganen und Wirbelsäule. Diese biologische Basis unterliegt unterschiedlichen kulturellen Prägungen, doch scheinen bestimmte Bilder und Begriffe alle Menschen in ähnlicher Weise zu bewegen - hier wird angesprochen, was C.G. Jung und die Entwicklungspsychologen mit ihrer Vorstellung von einem "kollektiven Unbewussten" meinen. So gibt es in fast allen Gesellschaften, ungeachtet ihrer kognitiven, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Strukturen, die Idee eines geschichteten Universums, das so gut wie immer aus einer oberen, einer mittleren und einer unteren Welt besteht, zuweilen mit weiteren Untergliederungen. Manchmal ist das geschichtete Universum nur noch eine abstrakte deistische These ohne emotionale Kraft, doch war das nicht immer so. Es scheint, als habe sich das Bewusstsein irgendwann in der frühen Menschheitsgeschichte, möglicherweise vor etwa 40000 Jahren mit der Entwicklung bewusster Repräsentationen oder der "Kunst", einer grundlegenden Wandlung oder Neu-Einbettung unterzogen, wobei eine polarisierende, kontrastierende Denkweise an die Stelle eines Bewusstseins trat, in dem die verschiedenen Wirklichkeiten wie Träume, Halluzinationen und psychische Störungen alle gleichermaßen als "wirklich" betrachtetet wurden. (Jaynes 1976)

Innere und äußere Landschaften

Dieser innere Betrachtungsraum hat ein äußeres, aber ebenfalls begriffliches Gegenstück, nämlich die Landschaft. Mit der Landschaft oder allem, was wir als Objekte außerhalb unseres Selbst empfinden, ist die Mindscape in erster Linie beschäftigt. Landschaft - das sind nicht nur Hügel, Bäume und Menschen, sondern auch unzählige Beziehungen zwischen Menschen und Menschen, Menschen und Dingen, Dingen und Menschen sowie Dingen und Dingen. Im Gegensatz zur Mindscape, die praktisch nirgends "vertäut" ist, stellt die Landschaft normalerweise ein ziemlich festgezurrtes Ganzes dar. Sie wird von Flüssen und Meeren oder durch vom Menschen willkürlich vermessene Fluren begrenzt. Die Begrenzung selbst ist bereits ein Paradox, da ein Tal nur in Beziehung zu seinen Hügelflanken existieren kann oder der Hügel nur durch das komplementäre Tal. Wenn auch nicht mit den Augen wahrnehmbar, hält die beobachtbare Landschaft doch eine nicht beobachtbare, aber ebenso wirkliche Landschaft unter ihrer Oberfläche verborgen. Diese "Unterwelt" hat in fast alle Kosmologien Eingang gefunden, auch wenn sie nicht immer ausdrücklich anerkannt ist. Vielleicht blendet uns hier ein Offensichtliches vor einem anderen Offensichtlichen.

Landschaftsarchäologie

Archäologen sind für das Konzept der "Landschaft" sensibilisiert. Sie wissen, dass Landschaften viele Leben hatten, und meist viele Leben gleichzeitig. Die sichtbaren Spuren dieser Leben sind die alltäglichen Hausabfälle, Behausungen, Haushaltgeräte, religiösen Bauten, Werkzeuge und allgemeinen kulturellen Veränderungen eines physischen Orts durch einzelne Menschen und Gemeinschaften. Die Orte, an denen wir solche Kulturhinterlassenschaften finden, werden als "Fundorte" (sites) bezeichnet. Ihr Studium kann zu einem Verständnis darüber führen, wie die damaligen Menschen ihre Landschaft wahrgenommen haben. Ihre Mindscape ist in ihren physischen Hinterlassenschaften kodiert. Landschaften bestehen aus "Orten" und "Räumen" (Tilley 1994), wobei ein "Ort" eine definierbare physische Stelle ist, an der sich menschliches Handeln oder Denken manifestiert, während ein "Raum" ein eher undifferenzierter Bereich ist, der dennoch den allgemeinen Charakter, die Textur und den Kontext eines "Orts" bereitstellt. Mindscapes finden an bestimmten Orten oft ihren sichtbaren Ausdruck, der manchmal auch unterdrückt wird. Viele der Felskunst-Komplexe waren offenbar Orte, an denen die gewöhnliche Wirklichkeit aufgehoben war oder sich neu organisierte. Diese Neuordnung war keine ganz eindeutige Sache, unter Umständen galt sie nur für einen bestimmten Ort oder für ein bestimmtes Ereignis, vor dem die gewöhnliche Weltordnung halt machen musste. Doch nach dem Kontakt mit einer neuen Mindscape kann man nicht wieder vollständig an den Punkt vor dieser Erfahrung zurückkehren. Daher ist Landschaft essenziell für die persönliche oder kollektive Identität, sie ist ein Fixpunkt im Leben aller Menschen, auch wenn sie unterschiedlich geprägt sind. Nomaden sind nicht an einen festen Ort gebunden und eher Bewohner von Räumen als von Orten; ihre Perspektive auf die Landschaft ist dezentriert. In der zentrierteren Perspektive sesshafter Gemeinschaften bewegt man sich hingegen zwischen definierten Plätzen, die jeweils ein bestimmtes Set von Aktivitäten und Werten repräsentieren, wie z.B. Arbeit, Andacht, Entspannung etc. Diese Bindung an Orte und Räume wird als "Topophilie" (Tuan 1974) bezeichnet. Sie könnte auch erklären, warum z.B. die Verwandlung der Landschaft beim Übergang von der agrarischen zur industriellen Wirtschaftsweise die bekannte tiefgreifende soziale Entwurzelung und radikale Neuordnung einer Mindscape auslöste. Das Studium von Mindscape und Landschaft ist deshalb eine wichtige soziologische Aufgabe, wenn auch keine unproblematische. Eine Schwierigkeit liegt darin, dass beide keinen eindeutigen Forschungsgegenstand abgeben, wie zum Beispiel "Geschichte" oder "Soziobiologie". Aber paradoxerweise liegt darin eine Stärke von Mindscape-Studien. Sie stehen Menschen unterschiedlicher intellektueller Haltung offen, und dieses anarchische Milieu hat das Potenzial, Erkenntnisse zu liefern, die disziplinäre Grenzen überschreiten - und es beschert uns beständig neue Teilnehmer in diesem Dialog.

Felskunst als Ausdruck der Mindscape

Eines meiner besonderen Studiengebiete ist die Felskunst des Volkes der San im zentralen Südafrika. Mein Ansatz ist derjenige der Mindscape: Ich betrachte diese Orte als Innen- und Außenräume, die in ihrer Interpretation nach einer vielschichtigen Perspektive verlangen. Eine Mindscape-Studie kann nicht nur auf einem unserer fünf Sinne beruhen, sondern verlangt nach einem weiter gefassten Ansatz. Sich nur auf einen einzigen Sinneseindruck zu verlassen kann zu einer verzerrten ästhetischen Wahrnehmung der Welt und des Selbst führen (Elkins 1996, Mitchell 1986). Der Gebrauch mehrerer Sinne ermöglicht, dass sie sich gegenseitig bestätigen oder widerlegen, und schafft Zugang zu neuen und nicht-visuellen Wahrnehmungsweisen. Lässt sich z.B. "Schmerz" zutreffend als eine Form von "Berührungswahrnehmung" beschreiben? Oder wie kann man die elektromagnetische Kraft beschreiben, die alle Tiere wahrnehmen? Felskunst zieht über ihren visuellen Reiz unsere Aufmerksamkeit auf sich und bedient sich oft erstaunlicher optischer Täuschungen, doch kann der Begriff "Kunst" hier ausgesprochen irreführend sein. Der überwältigende visuelle Eindruck der Felskunst täuscht über die eigentliche Aufgabe der Bildersprache, der Felsen, ihres Orts und der Landschaft hinweg. Meiner Meinung nach stellt die Felskunst der südafrikanischen Jäger und Sammler, der Buschmänner oder San - ich verwende diese Begriffe mit Respekt als ehrenvolle Bezeichnungen für Südafrikas Erstes Volk - eine weitaus komplexere ästhetische Synthese und Weltsicht dar, als man bisher meinte erkannt zu haben. Erst eine Berücksichtigung der nicht-visuellen Elemente, die annähernd unserem Sinn für das zu Hörende, für Berührung und Wünsche entsprechen, kann sie uns näher bringen. Die Ethnograpie und Archäologie Südafrikas deutet darauf hin, dass auch die San-Gesellschaften mindestens drei miteinander verzahnte Welten kannten. In den oberen und unteren Geisterwelten lebten die Götter, überirdische Wesen, Krafttiere usw., während in der mittleren Ebene die Menschen siedelten. Alle drei Welten galten als reale und kraftvolle Landschaften, in denen eine Vielzahl von Erfahrungen gemacht werden konnte. Die Grenzen zwischen diesen Welten sah man als Membranen, so dass die Geisterwelt überall immanent war. Sie manifestierte sich an besonderen Orten der normalen Welt - oftmals als Felskunst-Stätte, die sich demnach am besten als Ort verstehen lässt, an dem über eine Weltordnung nachgedacht, sie in Frage gestellt, unterstützt oder verändert wurde, und zwar sowohl individuell als auch gemeinschaftlich. Dieses "mindscaping" - die kulturelle Überformung der Landschaft - vermittelt sich eindrucksvoll in den gravierten und gemalten Symbolen der Felskunst. Im Folgenden befasse ich mich vor allem mit den noch nicht ausreichend erforschten Felsgravuren der San im zentralen Südafrika. Sie finden sich typischerweise bei Geröllhalden, an von Gletschern abgeschliffenen Steinflächen, auf Höhenzügen und an Felsformationen in einer semiariden und ansonsten flachen Landschaft mit imposanten isolierten Hügeln und Bergketten, weitläufigen Ebenen und nur wenigen Wasserläufen. Die Fundstellen können ein einzelnes Bild oder aber über 10000 Bilder umfassen, die über mehrere Kilometer verteilt sind. Bei den für die Gravuren ausgewählten Felsen handelt es sich meist um Ventersdorp-Diabas, ein Dolerit-Gestein mit dunkler, fast schwarzer Oberfläche und einem hellen, fast weißen Kern. Jüngere Gravuren heben sich daher deutlich vom nicht geritzten Felsen ab und nehmen erst im Lauf der Zeit eine dunkle Patina an. Nach den vorhandenen Datierungen ist die Tradition der San-Felsgravuren mindestens 14000 Jahre alt (Thackeray 1983). Das Kernland der Felsgravuren im zentralen Südafrika, im südlichen Botswana, in Namibia und im südlichen Zimbabwe deckt sich weitgehend mit den Bereichen, in denen die San-Gemeinschaften lebten. Diese räumliche Überschneidung stärkt unser Vertrauen in die ethnographischen Analysen der Felsgravuren, der wir folgende Konzeption von "Landschaft" hinzufügen: ". ein Rahmen für einen Diskurs, der die Erarbeitung von Metaphern begünstigt, was wiederum die Erkundung alter Themen mit neuen Ansätzen erlaubt und den Rahmen für die Ausbildung neuer Theorien schaffen kann" (Morphy 1995). So können ethnographische Spezifik und das heuristische Potenzial der Landschaft neue Zugangsmöglichkeiten zu bestimmten Felsbildern schaffen. An den meisten Felsbildstätten finden sich über- oder unterhalb der eigentlichen Bilder nicht-bildliche, von Menschen angebrachte Marken, die nur selten beachtet werden. Sie lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: gehämmerte, geriebene sowie geschnittene und abgeschuppte Marken. Ich möchte die einzelnen Kategorien der Reihe nach behandeln und ihre Bedeutung im Nicht-Sichtbaren ausloten - es geht um Klang, Tastempfindung und den Wunsch, sich ein Stück eines Kraftorts anzueignen.

Tönende Felsen

Das fundamentale menschliche Bedürfnis, Klänge zu erzeugen ist auch für die Felskunst ein fruchtbares Forschungsgebiet. Entsprechende Arbeiten zeigen, dass Klänge, insbesondere von Schlaginstrumenten, oft zur Begleitung von Ritualen eingesetzt werden. So hielten viele Kulturen das Echo für eine übernatürliche Erscheinung, und an vielen Felskunststätten gibt es ein Echo. Dies stützt die Hypothese, dass zurückgeworfener Schall für die Platzierung und Thematik mancher Felsbilder eine wichtige Rolle spielte. Eine Studie an 762 Felsbildstätten der San auf einer Fläche von 800000 Quadratkilometern zeigte, dass es an 84 Stätten (11 Prozent der Stichprobe) auch "Gong-Felsen" gab. "Gong-Felsen" sind natürlich vorkommende Dolerit-Steine, die entweder aufeinander liegen oder einen natürlichen Resonanzkörper besitzen. Obwohl sie sehr häufig sind, finden wir nur bei wenigen so genannte Hammermarken, die sich bis auf sechs Ausnahmen immer bei Felsbildern befinden. Schlägt man einen Gong-Felsen an, und sei es nur mit der Hand, ertönt ein rauher, metallischer Klang, wie wenn ein Schmied auf den Amboss schlägt. Tonhöhe und Klangfabre sind meist beschränkt, doch manche haben einen Tonumfang von drei Oktaven. An jedem Gong-Felsen gibt es eine bestimmte Resonanzstelle, einen Sweet Spot, an dem er zum Klingen gebracht werden kann. Wie an Gong-Felsen finden sich auch an fast allen südafrikanischen Felsbildstätten solche abstrakten Hammermarken in Gruppen und Linien angeordnet. Manche interpretieren sie als die hellen Brennpunkte des entoptischen Lichts (Seebeck/Goethe), das man manchmal in einem veränderten Bewusstseinszustand sieht, doch darf man hier visuell identische, aber von ihrer Bedeutung her unterschiedliche Merkmale nicht verwechseln. Die Funktion vieler Hammermarken wird erst deutlich, wenn man die Felsen mit der flachen Hand, mit einem Stück Holz oder mit einem in ein Tuch eingewickelten Stein anschlägt und wie bei den Gong-Felsen ein metallisches Geräusch wie von einem Schlaginstrument erzeugt wird. Die Marken könnten also die sichtbare Spur einer Tonerzeugung sein. Für das gemeinsame Auftreten von Klang und Bild lässt sich auch eine physiologische Erklärung heranziehen: Gleichmäßig wiederholte Schlag-Klänge können tranceinduzierend wirken und in einen Zustand gesteigerter Welterfahrung führen. Eine allgemeine Euphorie, aber auch Furcht, Angst oder das Gefühl der Loslösung vom eigenen Körper, können durch perkussive Klänge in Verbindung mit körperlicher Anstrengung, wie etwa Tanzen entstehen, das solche Klangereignisse begleitet: "Mein Schädel ist eine Trommel; jeder große Schlag treibt dieses Bein wie die Spitze eines Pfahls in die Erde. Der Gesang ist genau an meinem Ohr, in meinem Kopf. Dieser Klang wird mich ertränken! Warum hören sie nicht auf!‘ Ich kann mein Bein nicht herauswinden, bin in diesem Zylinder gefangen, in diesem Schacht von Klängen." (Neher 1962). Bei den San-Gemeinschaften ist das Musterbeispiel für ein solches Klangereignis der Medizin- oder Trancetanz. Die häufige Darstellung des Medizintanzes auf Felsbildern in ganz Südafrika belegt, dass es sich um ein weit verbreitetes und sehr altes Ritual handelt. Dass er noch heute praktiziert wird, obwohl die meisten San-Gemeinschaften unter starken sozialen Erschütterungen, Stress und Marginalisierung leiden, belegt seine zentrale Bedeutung. Der Medizintanz ereignet sich üblicherweise nachts, die ganze Gemeinschaft nimmt daran teil. Die Menschen sitzen um das Tanzfeuer und klatschen, singen und tanzen stundenlang in Trance. Lorna Marshall fängt die Essenz dieses Tanzes in eindrucksvoller Weise ein: "Im Orchester der stampfenden Füße, schwirrenden Klappern und Stimmen der Sänger ist das Händeklatschen der Frauen keine beliebige Begleitung. Es macht den Rhythmus noch weitaus komplexer und verleiht dem Stampfen und Klappern zusätzlichen Glanz" (1969). Die Dunkelheit und der flackernde Feuerschein verbergen mehr als sie offenbaren. Das gewöhnliche Sehen verliert seine Bedeutung, und alles konzentriert sich aufs Hören. Viele Rhythmen und Klänge durchdringen einander und wirken einen Klangteppich. Die Laute und Schreie der Trancetänzer sind in hohem Maße formalisiert und stellen einen Diskurs auf einer anderen Ebene dar. Eine der wichtigsten Aufgaben des Medizintanzes ist, den physischen und emotionalen Kontext zu bilden, in dem der Schamane arbeiten kann. Seine Aktivitäten spielen sich größtenteils in der Geisterwelt ab - dem, was wir veränderte Bewusstseinszustände nennen. In einem solchen Zustand ändern sich die normalen Sinneswahrnehmungen radikal, und der Sinn für das Getrenntsein vom eigenen Selbst tritt stärker hervor. Im rituellen Kontext solcher Tätigkeiten verschwimmt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Klang, Rhythmus, Berührung, Geruch, Geschmack oder Wünschen. Die einzige Konstante, die den Schamanen an die normale Welt erinnert und ihn dorthin zurückgeleiten kann, ist der perkussive Klang und der Rhythmus des Medizin-Tanzes. Manche der Hammermarken könnten von Schamanen in Trance-Zuständen angebracht sein, um die Welt der Geister darauf aufmerksam zu machen, dass hier jemand klopfend um Einlass bittet. Vielleicht wollte man auch mit den Hammerschlägen die Schamanen in die normale Welt zurückholen.

Reibesteine

Das Behämmern von Felsen mit Stein, Holz oder der bloßen Hand erzeugt nicht nur Klänge, sondern auch eine intensive, charakteristisch prickelnde Empfindung in der Hand. Rhythmus und Klang verbinden sich mit dem körperlichen Gefühl einer "stachelig-brennenden", hellen Vibration. Derartig vielschichtige Wahrnehmungen erzeugen und intensivieren die Erfahrung einer überhöhten Realität, in denen Menschen zentrale religiöse Wahrheiten erleben. Für die San waren solche Wahrheiten nicht einfach abstrakte, materiell repräsentierte Konzepte. Sie waren buchstäblich in bestimmten Felsen und Bildern verkörpert, zu denen die Menschen durch konkreten körperlichen Kontakt Zugang gewannen. Das Reiben ist in Südafrika eine ungewöhnliche Graviertechnik. Meist handelt es sich um zusätzlich nach dem Ritzen angebrachte Marken, die auf bestimmte Bilder beschränkt sind. Damit Reibemarken wie auf der obigen Abbildung entstehen, müssen Generationen den harten Dolerit mit den Fingern oder einem Stück Leder gerieben haben. Derart beharrliches Tun entsprang dem Glauben an den Felsen als eine durchlässige Grenze zwischen der gewöhnlichen und der Geisterwelt. Die Gravur legt das unter der äußeren Schicht des Felsens liegende hellere Gestein frei - eine Metapher dafür, dass das Bild entweder in der Geisterwelt oder in einem zwielichtigen Raum zwischen den Welten residiert und dadurch zu einem mächtigen, ja numinosen Bildnis und Objekt wird. Die San betrachteten Gravuren nicht als ästhetische Repräsentationen - vielmehr kamen hier die Tiere und andere Wesen der Geisterwelt zum Vorschein. Durch Reiben bekamen die Menschen Zugang zu der Kraft, die sie verkörperten. Das wiederholte Reiben, vielleicht mit einer intensiv riechenden Tierhaut, und der durch die Anstrengung unter sengender Sonne fließende Schweiß erzeugten wohl eine die ganze Physis ergreifende, unmittelbare Verbindung mit dem Bild, dem Felsen und seiner Geisterwelt. In diesem Sinne kann das Reiben bestimmter Bilder auch mit dem Schamanismus verknüpft werden. Der Schamane ist ein mächtiges Wesen, dessen Berührung besonders wichtig ist, denn indem er Menschen berührt und mit Blut oder Schweiß einreibt, kann er heilen und eine Katharsis auslösen. "Während !aia (sic; !aia ist eine tiefe Trance) herrscht die Wirklichkeit des Unsichtbaren vor. Wie Heiler in aller Welt legen die Ju/’hoansi (sic) die Hände auf, um die Krankheit herauszuziehen. Sie legen dabei die Hände in einer vibrierenden Bewegung auf beide Seiten der Brust des Patienten oder an eine andere Stelle, an der die Krankheit ihren Sitz hat. Der Kranke wird dabei nur leicht berührt; meist aber vibrieren die Hände nur dicht über der Haut. Manchmal umschlingen die Heiler mit ihrem eigenen Körper den Kranken und salben ihn mit ihrem Schweiß, der heilende Eigenschaften haben soll" (Katz u.a. 1997). Die Wirksamkeit der schamanischen Berührung lässt sich auch physiologisch erklären, denn Anstrengungen wie der Medizintanz führen im Körper zu Endorphin- und Peptid-Ausschüttungen in das Lymph- und Gefäßsystem. Überträgt der Schamane diese körpereigenen Opiate mit seinem Schweiß und Blut auf den Patienten, entsteht ein leichtes Wohlbefinden. Berührung ist ein wesentliches Element von Heilung und Kommunikation. Tiere, die sich an Felsen schuppern, Menschen, die Bilder und Felsen reiben, und die Berührung im schamanischen Kontext - das Zusammenspiel dieser Elemente bestätigt die Macht der Felsbildstätten. Hämmern und Reiben könnten auch zur Stärkung der Bindung zwischen den Menschen und den Felsen gedient haben. Ein anderer Aspekt des Hämmerns und Ritzens ist, den Fels anzuschneiden, damit die Macht der Geisterwelt in die gewöhnliche Welt hinüberfließt. Und nicht nur Macht sollte zwischen den Welten hin und her fließen - die San selbst waren Weltenwanderer auf ihren Reisen durch das Land, in dem sie nach machtvollen Orten suchten und sogar Stücke dieser Plätze besitzen wollten. Damit kommen wir zur dritten Kategorie der nicht-bildlichen Markierungen, dem Abschlagen von Steinsplittern.

Der persönliche Kraftort

Das Abschlagen von Stücken gravierter Felsen ist weniger verbreitet als das Hämmern, Reiben und Ritzen, aber nicht weniger bedeutsam. Dabei müssen menschliche Spuren sorgfältig von durch Blitzschlag oder Frost bedingten Absprengungen unterschieden werden, die große Splitter erzeugen. Ich spreche hier von kleinen bis mittelgroßen abgeschlagenen Felsstücken, die man in der gesamten Region findet und in der Regel als Stein-"Werkzeuge" deutet. Dies mag im Großen und Ganzen zutreffen, aber der Fakt, dass nur ganz bestimmte gravierte Felsen als Ressource für die Steinsplitter gedient haben, weist auf weitere Bezüge hin. So lassen sich zum Beispiel bei dem auf der vorigen Doppelseite links unten gezeigten Felsen mindestens fünf Nutzungsphasen unterscheiden:
- Schupperstein eines Rhinozeros,
- ein schwarzes Rhinozeros (Diceros bicornis) wird eingraviert,
- rituelle Hammerschläge werden gesetzt,
- die Hörner des gravierten Rhinozeros werden gerieben,
- mindestens vier Steinsplitter werden abgeschlagen.
Innerhalb seiner Fundstätte von insgesamt 255 gravierten Felsen gilt dieser Stein wegen seiner mehrschichtigen Nutzung als "Leitstein" - derjenige, der den Ton angibt. Entgegen der allgemeinen Auffassung, Felsgravuren seien beliebig und unstrukturiert verteilt, haben meine Untersuchungen von 89 Fundstätten ergeben, dass Motiv und Platzierung der Gravuren bewusst gewählt wurden, wobei bestimmte Gravuren als Leitmotive auftreten. Von Steinen, die das Leitmotiv zeigten - vor allem wenn sie große Pflanzenfresser und Großantilopen darstellen - wurden oftmals Steinsplitter abgespant. Ich meine, dass dazu bewusst die Leitbildfelsen ausgewählt wurden, um ein Stückchen eines Kraftorts zu besitzen. Ein Großteil der San-Identität und ihrer Rituale ist streng ortsgebunden - man ist nicht, wer, sondern wo man ist - so dass sie wohl mit bestimmten Orten und Bildern verbunden bleiben wollten, indem sie sich Teile davon aneigneten. Diese Felssplitter oder "rechtschaffenen Steine" sind keine Fetische, sondern Metonyme (Namenstausch) - Fragmente, die machtvoll eine Ganzheit aus Bild, Fundstelle, persönlichen Beziehungen und der Geisterwelt wachruft. Die Felsnarben sind Spuren der Machtaneignung und die Felssplitter Reliquien dieser Suche: "Menschen sind von jeher von Steinen fasziniert. Härte, Beständigkeit, Farbe, Rauhheit, Größe und Lage in größeren Landschaften sind nur einige der Eigenschaften, die die menschliche Phantasie angeregt haben. Der Mensch maß ihnen symbolische und ästhetische Bedeutung bei, und viele Steinlandschaften gaben Anlass zu wunderbaren Ursprungsmythen. Bestimmte Orte wurden bildhauerisch bearbeitet, um die Bedeutsamkeit des Menschen zu betonen" (Taçon 1991). Eine spekulative, aber sehr verlockende These ist auch die der Geophagie. Möglicherweise verschluckten die Menschen die durch Hämmern oder Abspanen entstandenen Steinsplitter, so dass der Ort ihnen innewohnen würde.

Aktive Felsen

Die Analyse der Felskunst mit Blick auf das Nicht-Sichtbare zeigt, dass die Gravuren San-Kunst und schamanische Praktiken keineswegs lediglich repräsentierten - die Felsen waren selbst aktive Teilnehmer des Geschehens. Sie wurden behämmert, gerieben und geritzt, um Klänge und Empfindungen zu erzeugen und die persönliche und gemeinschaftliche Beziehung zu Macht-Bildern und -Orten zu vertiefen. Felsgravuren sind, was Mircea Eliade als "Hierophanien" bezeichnet hat, Manifestationen des Heiligen im Räumlichen: ". eine radikale Sonderung, eine Sonderung von ontologischer Gültigkeit, zwischen irgendeinem Objekt und der es umgebenden kosmischen Zone. Indem dieser Stein, dieser Baum, dieser Ort sich als heilig offenbart, als irgendwie "auserwählt" zum Sitz einer Manifestation des Heiligen, sondert er sich ontologisch von den anderen Steinen, Bäumen und Orten und gelangt auf eine andere, übernatürliche Ebene." (Eliade 1974) Trotz ihrer "Andersartigkeit" und ihren "übernatürlichen" Elementen sind die Felsbildstätten zutiefst menschliche Orte, an denen Menschen durch das Medium alltäglicher und außergewöhnlicher Sinneswahrnehmungen ihre Identiät und Spiritualität erfahren konnten. Die Verflochtenheit unserer Sinne kann ausgesprochen stark sein, und im Vertrauen auf die Vielzahl von Wahrnehmungsmöglichkeiten im Rahmen der individuellen Kosmologie konnten bei den San die Einzelnen ebenso wie die Gemeinschaft sich nuanciert auf sich selbst und ihre Welt abstimmen. Warum bestimmte Orte für Felsbilder ausgewählt wurden, ist nicht immer klar. Eine ungewöhnliche Akustik, besondere physische Eigenschaften oder wichtige Ereignisse der Vergangenheit sind Faktoren, die archäologisch belegbar sind und uns lehren, warum ein Objekt numinos wird und sich Menschen auf die spirituelle Suche begeben. Wir müssen uns diese Faktoren in einer empirisch nachvollziehbaren Weise erarbeiten. Wir brauchen nur leicht unsere Augen zu schließen, unseren Geist zu öffnen und uns zur "Mindscape" unserer Vorfahren vorzutasten. Dann können wir die Kraft wie auch die Beschränkungen unserer Sinne verstehen lernen und die Existenz von Wirklichkeiten jenseits unseres Horizonts anerkennen.

Die tragische Geschichte der San

Während der letzten einhundert Jahre ist in Südafrika keine Buschmann-Kunst mehr entstanden. Das heißt jedoch nicht, dass es dort keine Buschmänner mehr gibt! In den heutigen Ländern Angola, Botswana, Namibien und Südafrika leben noch rund 160000 Menschen, die ihre Identität und ihr Erbe auf die Buschmänner zurückführen. Nur wenige leben noch traditionell als Jäger und Sammler, denn die Gesellschaften ändern sich, und die meisten Eingeborenen verbinden heute Elemente der Gegenwart mit alten Überlieferungen, die ihnen wichtig sind. Dass es heute keine Felskunst mehr gibt, ist Ausdruck einer unheilvollen Stille. In ihr klingt die Geschichte des Genozids an den südlichen Buschmännern nach, der sich von 1750 bis etwa 1900 vollzog. Die Überlebenden des Völkermordes wurden von anderen Bevölkerungsgruppen wie den Sotho, Xhosa und Zulu assimiliert. Dieses gewaltsame Kapitel in der Vergangenheit Südafrikas ist in den nüchternen offiziellen Archiven dokumentiert - und in noch einer weiteren, machtvolleren Sprache: Geisterhafte, weiße Felszeichnungen, die bizarre und verstörte Wesen aus der Welt der Geister zeigen, waren nicht als "Abbilder" gedacht, sondern als tatsächliche Manifestationen der Geistwesen selbst - eine Endzeit-Geste, die alle Nicht-Buschmänner vor dem Betreten eines Landes bannen sollte, das einst ausschließlich unter der Verfügung der San gestanden hatte (Abb. oben). Aber die Geisterwelt blieb in den bemalten Felsen gefangen, und die Eindringlinge besetzten das Land . Die Bilder geben uns eine Lektion auf. Wir müssen Wege des respektvollen Zusammenlebens finden und das Wohl der heiligen Plätze und Gegenden in der südafrikanischen Landschaft sichern - der Urheimat der ganzen Menschheit.