Der übernatürliche Ort
Die Stein-Heiligtümer von West Penwith
Die Zeiten sind vorbei, als Archäologen steinzeitliche Wallanlagen als militärische Festungen und Dolmen einzig und allein als Gräber interpretiert haben. Die Archäologen Christopher Tilley und Wayne Bennett suchen stattdessen nach der Beziehung zwischen Landschaft und Monument. Für sie spricht die Landschaft eine Symbolsprache, aus der die Kosmologie ihrer Bewohner hervorging. In diesem Kulturprozess spielten die Naturheiligtümer als "übernatürliche Plätze" eine wesentliche Rolle.

Die begriffliche Unterscheidung von Natur und Kultur steht im Zentrum modernistischer Erkenntnistheorien. In der Archäologie geht es in erster Linie um Artefakte, darum, sie zu identifizieren, zu klassifizieren und die Überreste kultureller Werke von der umgebenden Natur zu unterscheiden. Donnerkeile werden als Äxte identifiziert, und in den natürlichen Wellenbewegungen der Landschaft erkennen wir Langgräber und Cairns als Kulturgüter. Dem, was wir als Natur bezeichnen, wird gerade deshalb keine Bedeutung beigemessen, weil es eben nicht "Kultur" ist - und damit wertlos für jegliche Interpretation. In diesem Beitrag verfolgen wir jedoch einen anderen Ansatz: Wenn wir über kulturelle Landschaften nachdenken, sie beschreiben und interpretieren, sollten wir ebensoviel Zeit und Aufmerksamkeit den "natürlichen" Formen zuwenden wie den "unnatürlichen". Die Natur bildet die Basis für unser Verständnis von Kultur, und Bedeutungen entstehen durch die Dialektik beider Elemente. Richard Bradley führt die Argumentation in einem seiner letzten Bücher, "An Archaeology of Natural Places", einen Schritt weiter, indem er "Naturplätze" diskutiert, die zwar keine Monumente besitzen, aber doch kulturelle Funde von symbolischer und sozialer Bedeutung freigeben: Moore, Flüsse, Plätze zur Herstellung von Äxten oder Felsen mit Ritzungen. Wir bevorzugen den Begriff "übernatürliche Orte", um zu betonen, dass sie von der vorgeschichtlichen Bevölkerung für alles andere als "natürlich" gehalten wurden. Als Fallbeispiel untersuchen wir West Penwith in Cornwall im Südwesten Englands.
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