Der übernatürliche Ort

Die Stein-Heiligtümer von West Penwith

von Christopher Tilley , Wayne Bennett erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Die Zeiten sind vorbei, als Archäologen steinzeitliche Wallanlagen als militärische Festungen und Dolmen einzig und allein als Gräber interpretiert haben. Die Archäologen Christopher Tilley und Wayne Bennett suchen stattdessen nach der Beziehung zwischen Landschaft und Monument. Für sie spricht die Landschaft eine Symbolsprache, aus der die Kosmologie ihrer Bewohner hervorging. In diesem Kulturprozess spielten die Naturheiligtümer als "übernatürliche Plätze" eine wesentliche Rolle.

Die begriffliche Unterscheidung von Natur und Kultur steht im Zentrum modernistischer Erkenntnistheorien. In der Archäologie geht es in erster Linie um Artefakte, darum, sie zu identifizieren, zu klassifizieren und die Überreste kultureller Werke von der umgebenden Natur zu unterscheiden. Donnerkeile werden als Äxte identifiziert, und in den natürlichen Wellenbewegungen der Landschaft erkennen wir Langgräber und Cairns als Kulturgüter. Dem, was wir als Natur bezeichnen, wird gerade deshalb keine Bedeutung beigemessen, weil es eben nicht "Kultur" ist - und damit wertlos für jegliche Interpretation. In diesem Beitrag verfolgen wir jedoch einen anderen Ansatz: Wenn wir über kulturelle Landschaften nachdenken, sie beschreiben und interpretieren, sollten wir ebensoviel Zeit und Aufmerksamkeit den "natürlichen" Formen zuwenden wie den "unnatürlichen". Die Natur bildet die Basis für unser Verständnis von Kultur, und Bedeutungen entstehen durch die Dialektik beider Elemente. Richard Bradley führt die Argumentation in einem seiner letzten Bücher, "An Archaeology of Natural Places", einen Schritt weiter, indem er "Naturplätze" diskutiert, die zwar keine Monumente besitzen, aber doch kulturelle Funde von symbolischer und sozialer Bedeutung freigeben: Moore, Flüsse, Plätze zur Herstellung von Äxten oder Felsen mit Ritzungen. Wir bevorzugen den Begriff "übernatürliche Orte", um zu betonen, dass sie von der vorgeschichtlichen Bevölkerung für alles andere als "natürlich" gehalten wurden. Als Fallbeispiel untersuchen wir West Penwith in Cornwall im Südwesten Englands.

West Penwith

West Penwith ist fast eine Insel, von drei Seiten wird es vom Meer begrenzt. Im Westen mündet der Hayle zwischen zerklüfteten Felsen in die See. Im Osten, wo das Marazion Moor und die Tiefebene der Flüsse Hayle und Red liegen, beträgt die Entfernung von Küste zu Küste lediglich sechs Kilometer. Besonders eindrucksvoll vermittelt der Blick von den schroffen Bergen im Norden des Landzunge den inselhaften Charakter von West Penwith. Mit einer rund 20 Kilometer langen Ost-West-Achse und 8 bis 12 Kilometern Breite ist West Penwith eine der wenigen Gegenden Großbritanniens, in denen die Sonne an wichtigen Kardinalpunkten des Kalenders im Wasser stirbt und aus dem Wasser neu geboren wird. Ohne weitere komplexe Geometrien oder astronomische Alignments heranziehen zu müssen, führt uns diese Beobachtung bereits zur Annahme, dass die elementaren kosmologischen Themen wie Feuer, Wasser, Stein, Geburt, Tod und Regeneration eine besondere Resonanz und symbolische Kraft bei der prähistorischen Bevölkerung West Penwiths besessen haben. Die Region ist auch die einzige Stelle in Südwest-England, an der Granit-Aufschlüsse bis ans Meer reichen. Von St. Ives bis Penzance besteht rund die Hälfte der Küstenlinie aus Granit, die andere Hälfte aus stark verwittertem Devon-Gestein. Harter Granit und die machtvolle See, zwei gegensätzliche Elemente, prallen hier aufeinander und haben eine der dramatischsten, schroffsten Küstenlandschaften Britanniens geschaffen. Außer in den in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Tälern wachsen auf der Halbinsel so gut wie keine Bäume. Heute wie damals peitschen die atlantischen Winde über das Land hinweg und gestatten den Bäumen nur ein Krüppelwachstum. Im Norden von West Penwith wenden sich felsige Bergrücken zum Meer hin, die von so genannten Tors (zu fantastischen Formen verwitterte Felsaufschlüsse) gekrönt und von zahlreichen kleinen Wasserläufen zerfurcht sind. Diese Bergrücken befinden sich selten mehr als ein paar Kilometer vom Meer entfernt, und in Bosigran erhebt sich der Gipfel Carn Galver unmittelbar aus dem Meer (249 m), der zusammen mit dem benachbarten Berg, Watch Croft (252 m), die höchsten Punkte der Halbinsel markiert. Carn Galver als einziger Tor, der direkt aus dem Meer aufsteigt, hatte sicherlich eine besondere Bedeutung in den lokalen Kosmologien: Ein Berg, der das Meer mit dem Firmament verbindet, die Unterwelt, in der die feurige Sonne am Abend versinkt, mit den himmlischen Regionen. Die anderen nördlichen Hügel sind von der Küste durch ein schmales Band flachen Kulturlandes getrennt. Der südliche Teil der Halbinsel kontrastiert bemerkenswert mit dem Norden, denn hier gibt es am Meer keine felsigen Berge. Die südliche Landschaft wird lediglich von niedrigen und sanft gerundeten Hügeln aufgelockert, wie Chapel Carn Brea (198m), dem westlichsten Hügel der Halbinsel Bartinney Downs, sowie Sancreed Beacon, abgesehen von der dramatischen Felsformation des St. Michales Mounts im Osten. Der beeindruckendste Blickfang auf West Penwith sind die nördlichen Berge Carn Kenidjack und Carn Galver. Beide gliedern die Horizontlinie nachhaltig und sind noch aus erheblicher Entfernung von vielen der neolithischen und bronzezeitlichen Kultstätten aus zu sehen. Es besteht kein Zweifel, dass diese beiden die heiligen Berge mit der höchsten Bedeutung im nördlichen Teil das Landes waren.

Überirdische Steine

Granit verwittert in einer charakteristischen Weise, durch die sich die bizarren Tors und Felsstapel (rock stacks, aus flachen Steinscheiben geschichtete Felsformationen) bilden. Die jeweilige Ausformung der Tors hängt von der Qualität und Körnigkeit des Granits sowie von seinen Berührungspunkten mit anderem Gestein ab. Diese Faktoren bestimmen auch, ob in die oberste Felsplatte so genannte Regenwasserbecken (solution basins, durch Herauslösung von Mineralien entstandene schüsselförmige Vertiefungen) hineinerodieren können. Die horizontalen und vertikalen Nahtstellen im Granit haben sich besonders in der Eiszeit durch den Einfluss von Wasser und Frost stark vergrößert, so dass sie heute regelmäßig horizontal geschichtete Blöcke bilden, die manchmal wie eine massive Wand erscheinen. Die obersten Felsblöcke sind oft gerundet und können sich zu so genannten Logan-Steinen ("Schaukelsteine", die man bewegen kann) entwickeln. Tiefe Einschnitte, Rinnsale, Hohlräume und kammerartige Räume prägen das Bild jener Felsen. Steinplatten, die von den Stapeln herabgefallen sind, liegen hochkant oder quer an deren Seite, so dass Kammern mit schrägen Dächern entstehen, hoch genug, um hindurchzugehen. Die Wasserbecken entstehen durch den langsamen chemischen Verwitterungsprozess des Granits. Leicht saures Regenwasser weicht den Feldspat auf, so dass sich die Quarzkörner lösen. Die Becken bilden sich besonders auf Felsen mit einer flachen oder leicht konkaven Oberseite, auf der sich das Wasser sammeln kann. Oft können sie nicht vom Boden aus gesehen werden, sind also eine verborgene Eigenschaft der Tors. Die tieferen Becken sind das ganze Jahr über mit Wasser gefüllt - eine willkommene Tränke für Raubvögel. Am Boden sammeln sich kleine Quarzkristalle. An einem sonnigen Tag kann sich das flache Wasser überraschend warm anfühlen, besonders im Frühling oder Herbst, wenn die Luft kalt ist. Böiger Wind lässt das Wasser in den Mulden wie in einem Whirlpool heftig aufschäumen. Die Berge von West Penwith mit ihrem jeweils eigenen Charakter hatten für die prähistorische Bevölkerung mit Sicherheit individuelle Bedeutung und "übernatürliche" Bezüge. Analogien aus der Ethnographie haben uns die Bedeutung der Ahnen in traditionellen Kosmologien vor Augen geführt. Für diese Menschen war vermutlich die gesamte Landschaft mit all ihren Eigenheiten eine Schöpfung der Ahnen. Vielleicht verstanden sie auch die Hügel, Tors und Wasserbecken als versteinerte Ahnenwesen oder als von den Ahnen geformt, die dort die Steinkammern - vielleicht als ihren Ruhe- oder Begräbnisplatz - gebaut und die Becken in die Steine gemeißelt hatten. Die Höhlen, Felsspalten und Wasserbecken selbst könnten als Plätze betrachtet worden sein, an welchen die Ahnenwesen kamen und gingen. Vermutlich wurden die einzelnen Berge mit individuellen Ahnengeistern oder Werken der Ahnen assoziiert. Auf Carn Kenidjack und Carn Galver gibt es kaum Regenwasserbecken noch Höhlen oder abgerutschte Steinplatten, dafür sind ihre Felsstapel weithin sichtbar und scheinen an den Wolken zu kratzen. Ihre Symbolik war vermutlich eine ganz andere als z.B. die von Zennor Hill mit seinen unzähligen Wasserbecken. In den skurril verwitterten Felsformationen von Carn Kenidjack heult auf seltsame Weise der Wind, was hin und wieder in örtlichen Fremdenführern und in populärer "mystischer" Literatur erwähnt wird. Womöglich wurden die Klänge als Stimmen der Ahnen gedeutet. Die mögliche Bedeutung der Felsstapel, Logan-Steine und Wasserbecken für die prähistorischen Einwohner wurde erstmals von Reverend William Borlase kommentiert (1754), dem Begründer der Archäologie Cornwalls, dessen Werk von den nachfolgenden Generationen empirisch orientierter Archäologen, die sich nur für "Kulturplätze" interessierten, ignoriert oder belächelt wurde. Borlase untersuchte die besonderen Formen von Tors wie der Cheesewring ("Käsepresse") im Bodmin Moor und den Bosworlas-Felsen, die er als Kultplätze der Druiden deutete. Auch die Wasserbecken auf der Cheesewring oder manchen Logan-Steinen fielen ihm auf, und er folgerte aufgrund deren Größe, Form und Regelmäßigkeit, sie seien von Menschen eingekerbt worden. In seiner Interpretation zieht er die reinigende Qualität des Wassers heran: "Das reinste aller Wässer kommt vom Himmel als Schnee, Regen oder Tau, und dessen waren sich die Menschen im Altertum wohl bewusst." In Borlases Sicht sollten die Becken in den Steinen dieses "reinste aller Wässer" sammeln, noch bevor es mit dem Boden in Berührung käme. Dies sei heiliges Wasser gewesen, das in Reinigungsriten verwendet wurde. Er stellte sich auch vor, das Wasser sei mit Misteln, Eichenblättern oder anderen Substanzen vermischt worden, und die Schaukelbewegungen der Logan-Steine könnten dazu gedient haben, diese Mischungen zu verrühren. Abgesehen von der Referenz an die Druiden und der Annahme, die Becken seien Menschenwerk, sind Borlases Deutungen der möglichen Symbolik und Nutzung der Regenwasserbecken durchaus relevant. Die Menschen des Neolithikums und der Bronzezeit dürften, wie wir eben meinen, zweifelsohne Borlas Sicht geteilt haben, die Becken seien künstlich aus dem Felsen gearbeitet worden. Für sie war dies jedoch ein Werk der Ahnen.

Dolmen

Wie Archäologen verschiedentlich festgestellt haben, besitzen die Felsformationen Cornwalls eine geradezu beunruhigende Ähnlichkeit mit den Kammern von Dolmen. Doch ist dies unter Umständen genau verkehrt gedacht. Nicht die Tors sehen aus wie Dolmen, sondern die Dolmen gleichen den Tors! Diese begriffliche Unterscheidung ist wichtig - gestattet sie uns doch die These, dass Dolmen nachgebaute Tors darstellen. Indem die Menschen des Neolithikums die großen Steine aufrichteten, ahmten sie das Werk einer übergeschichtlichen Ahnenwelt nach. Die Steine für die Dolmen stammen ja von den Tors, so dass die Dolmen in der Tat auseinandergenommene und wieder zusammengesetzte Tors sind. Ihre Positionierung auf Hügeln ohne solche Felsformationen hebt diese Parallele durch die umgebende Landschaft weiter hervor. Die Dolmen (Quoits) von West Penwith befinden sich alle im nördlichen Teil der Halbinsel innerhalb eines acht Kilometer breiten, in west-östlicher Richtung verlaufenden Streifens nahe der See in dichter Nachbarschaft zu den höchsten Bergen mit den prominentesten Felsaufschlüssen. Ihre jeweilige landschaftliche Umgebung ist durchaus unterschiedlich. Gemeinsames Kennzeichen ist ihre Konstruktion als kleine, kistenartige Kammern ohne sichtbaren Eingang, die von einem einzigen massiven Deckstein gekrönt werden. Chun Quoit, der westlichste der Gruppe, befindet sich auf der Nordwestseite eines auffallend runden Berges, 300 Meter vom Gipfel entfernt, auf dem es keine Felsformationen gibt und der von Norden und Westen weithin sichtbar ist. Der Quoit ahmt eindeutig einen rundlich geschichteten Tor auf einem der unteren Hänge des Berges nach, und zwar in derselben Position, in der solche Tors oder Felsstapel auf anderen Berghängen gefunden werden. Mulfra Quoit liegt auf dem östlichen Abhang einer anderen Kuppe, 400 Meter vom Gipfel entfernt. Auch er nimmt, aus einiger Entfernung von Westen und Osten her gesehen, eine besonders prominente Position ein, wobei er die Horizontlinie ähnlich wie ein Tor unterbricht. Auch hier gibt es auf der Anhöhe selbst keine Felsformationen, und zumindest der Deckstein ist vermutlich aus beträchtlicher Entfernung hertransportiert worden. Zennor Quoit ist der größte und massivste aller Dolmen auf West Penwith. Der flache, dünne und rechteckige Deckstein von 5,5 ¥ 2,9 Metern ist abgerutscht. Ursprünglich lag er in 2,7 m Höhe über einer kleinen, geschlossenen Kammer mit einem Vorraum, dessen Eingang nach Osten orientiert ist. Dieser Dolmen liegt in einer flachen Gegend in offenem Moorland etwa gleich weit von zwei parallelen Bergrücken entfernt: Zennor Hill, 1,7 Kilometer im Norden, und Zennor Carn, 1,4 Kilometer im Nordosten, letzterer ist vermutlich der Ursprungsort der Steine. Auffallend ist, dass in keinen der Dolmen natürliche Felsformationen inkorporiert sind, anders als bei den Cairns der Bronzezeit, auf die wir noch zurückkommen. Die Steine wurden stattdessen von ihrem ursprünglichen Standort über weite Strecken transportiert, um am ausgesuchten Ort zusammengestellt zu werden. So beziehen sie sich durch ihre Form und das Baumaterial jeweils auf den natürlichen Tor und damit über die Entfernung hinweg auf ihren eigentlichen Ursprungsort. Die Berge und Tors selbst waren vermutlich zeremonielle Zentren, die von den Menschen aufgesucht aber nicht wesentlich verändert wurden. Keiner der Dolmen befindet sich auf einem Berggipfel. Von den Kammern der Dolmen könnten daher Prozessionswege zu den Steinkammern der Ahnen und den Regenwasserbecken auf den Gipfeln der höchsten Berge geführt haben, auf denen dann bestimmte Rituale durchgeführt wurden.

Steinkreise

Sechs Steinkreise sind in West Penwith nachgewiesen: ein Kreispaar bei den Merry Maidens, ein anderes Paar bei Tregeseal sowie einzelne Kreise bei Boscawen Un und Boskednan. Sie haben Durchmesser zwischen 21 und 24 Metern und stehen in einer auffallenden Beziehung zu den wichtigsten Bergen in den nördlichen Mooren, Carn Kenidjack und Carn Galver. Die Horizontlinie des Steinkreises bei Boskednan wird vom Carn Galver, etwa einen Kilometer nordwestlich entfernt, dominiert, während das Profil des Carn Kenidjac in rund fünf Kilometern Entfernung den Blick nach Südwesten bestimmt. Die beiden höchsten Steine des nördlichen Kreisbogens, fast zwei Meter hoch, nahmen in ihrer ursprünglichen Position diesen Berg in ihre Mitte, wenn sie vom Zentrum des Kreises aus anvisiert wurden. Ein Menhir, der sich in nordwestlicher Richtung in der Nähe befindet, ein benachbarter Cairn im Süd-Südwesten sowie eine Reihe weiterer Cairns auf der leichten Anhöhe in Richtung Nordwesten deuten auf eine Orientierung in Richtung Carn Galver hin - übrigens auch die Richtung des Sonnenuntergangs zur Sommersonnwende -, zu dem eine Prozessionsstraße vom Steinkreis hingeführt haben könnte. Bei dem Steinkreis-Paar in der Nähe von Tregeseal wird das Panorama vollständig von Carn Kenidjack beherrscht, der sich nur 600 Meter nördlich befindet. Vom Nordpunkt des erhalten gebliebenen östlichen Steinkreis der Merry Maidens ist die Spitze von Carn Galver sichtbar, nicht jedoch von dem anderen, zerstörten Kreis auf einem südwestlich etwas tiefer gelegenen Abhang. Auch hier deutet die Verteilung der Menhire und Cairns in Nachbarschaft der beiden Kreise auf Prozessionswege hin, die vom Südwesten nach Nordosten geführt haben könnten. Wenn man im Verlauf der Prozession den östlichen Kreis betritt, erscheint der Gipfel von Carn Galver am Horizont. Die Steine des Kreises werden in Richtung Süd-Südwest immer höher, die niedrigsten befinden sich im Nord-Nordosten, d.h. in Richtung von Carn Galver, der wie in Boskednan einen dramatischen Hintergrund für Zeremonien abgeben würde.

Men-An-Tol

Men-An-Tol ist ein einmaliges Monument. Es besteht aus einer aufrecht gestellten, ringförmigen Steinscheibe zwischen zwei jeweils etwa drei Meter entfernten "stehenden Steinen" sowie einem weiteren umgefallenen Stein am Fuß des im Südwesten stehenden Menhirs. Verschiedentlich wurde vermutet, dass diese Steine Teil eines Kreises oder die Überreste eines Kammerngrabs darstellen, doch erscheint keine dieser Erklärungen plausibel. Es scheint am besten, Men-An-Tol als besondere Steinformation anzunehmen, so wie sie ist, und das Monument im Zusammenhang mit dem nahegelegenen Boskednan-Steinkreis zu sehen. Die generelle Achse des Men-An-Tol-Alignments (geradlinig ausgerichtete Elemente) verläuft von Nordost nach Südwest, der Richtung des Mittsommer-Sonnenauf- und Mittwinter-Sonnenuntergangs. Wir können als gesichert annehmen, dass der Steinring des Men-An-Tol einst flach oben auf einem Tor gelegen und als Regenwasserbecken begonnen hat, bis die Erosion die Basis des Beckens vollständig aufgelöst hatte. Ein Stein, der einstmals Wasser auffing, wurde so zur physischen Metapher für die auf- und untergehende Sonne. Die nächstgelegenen Beckensteine in einer dem Men-An-Tol-Ringstein vergleichbaren Größe befinden sich am südlichen Ende von Zennor-Hill etwa fünf Kilometer im Nordosten. Hier findet sich ein solcher, etwas größerer Stein, dessen Wasserbecken vollständig erodiert ist. Auch das Men-An-Tol-Alignment steht also zum Ursprungsort des Steins in Beziehung als eine Gestalt, die vielschichtige Erinnerungen wachruft. Men-An-Tol, die Steinkreise und die Dolmen von West Penwith beziehen sich alle und verweisen in unterschiedlicher Weise auf die Felsformationen der umliegenden Berge. Die Felsplatten als Dächer der Dolmen-Kammern und der Ringstein von Men-An-Tol müssen alle von den felsigen Berghängen gekommen sein, häufig aus beachtlicher Entfernung. Der Heimatort der Steine wird bekannt gewesen und überliefert worden sein, so dass ein Dolmen direkt mit einem Berg oder einem Ort auf diesem Berg assoziiert war. Die Dolmen befinden sich alle in dem unwirtlichen Gebiet von West Penwith mit seinen eindrucksvollen, steinigen Bergen, auf denen die Beckensteine gefunden werden. Mit den massiven Decksteinen der Dolmen kopierten die Menschen das Werk ihrer Ahnen und setzen sich mit ihm in Beziehung. Auf Anhöhen, auf denen es keine Tors gab, wurden die Dolmen zu künstlichen Tors. Die Steinkammern der Dolmen ahmen die natürlichen - oder, richtiger: über-natürlichen - Felskammern der Ahnen nach, die in den Tors durch abgerutschte Steinplatten entstehen. Dass sie sich in einiger Entfernung zu den natürlichen Tors befinden unterstreicht ihre Präsenz in der Landschaft derart, dass sie nicht mit diesen für die Ahnen bedeutsamen Orten in Konkurrenz treten. Im Laufe der Zeit sind vermutlich auch die Dolmen selbst als Werke der Ahnen betrachtet worden, so dass sie während der Bronzezeit eine ausdrücklich andere, aber nicht weniger wichtige Bedeutung hatten als im Neolithikum.

Der Übergang zur Bronzezeit

Die rituellen Fokusorte der ausgehenden Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit, die Steinkreise und Steinformationen wie Men-An-Tol verweisen alle auf die beeindruckenden Tors in einiger Entfernung, zu denen vermutlich Prozessionswege geführt haben. Die Tors wurden zu jener Zeit, anders als im Neolithikum, zum ersten Mal zu Orten, an denen Tote begraben wurden. Auch wurden die Tors erstmals Fokusorte für den Bau von Cairns. Sie sollten deren soziale Bedeutung stärken und ermöglichen, dass man die in den Tors verkörperte Macht der Ahnen "anzapfen" und sich zu eigen machen konnte. Die Beziehung der Menschen zu herausgehobenen Orten in der Landschaft, den Tors, den Wasserbecken, den Ahnen und geistigen Kräften änderte sich wesentlich während der Bronzezeit. In der neolithischen Periode West Penwiths wurden die natürlichen Felsformationen offenbar als zu machtvoll angesehen, als dass man darin gebaut oder gewohnt hätte. In der Bronzezeit wurden nun Cairns oben auf den Bergen direkt neben Tors oder Felsen mit Wasserbecken errichtet. Auf Watch Croft entstand ein massiver Cairn direkt auf dem Gipfel sowie ein weiterer an dessen westlichem Rand, der als Baumaterial eine Reihe von Findlingen integriert. Der massivste dieser Steine befindet sich im Norden und wird vom Kerb (Umrandung aus größeren Steinen) des Cairns eingeschlossen. Er ist 4,50 Meter lang, 1,50 Meter hoch und hat auf seiner Oberseite ein mit Wasser gefülltes Becken. Der Cairn war von William Borlase untersucht worden, und auf Grund des ausgegrabenen Materials nahm man an, dass dieser Stein nie ganz bedeckt war. Seine Oberseite mit dem Becken sollte bewusst sichtbar sein. Im Zentrum des Cairns befinden sich "zwei natürliche Felsen, einer vom anderen gestützt, in Richtung Osten abrutschend. Dieser geneigte Felsen hat ungefähr 4 Fuß im Quadrat, und als wir ihn fanden, war er von einer schwarzen, schleimigen Substanz bedeckt." Die Beschreibung lässt vermuten, dass der Cairn rund um einen flachen geschichteten Felsen gebaut wurde. An der Ostseite des Felsens befand sich eine Urne. Es fällt auf, dass der Cairn im einzigen Areal von Watch Croft liegt, wo Regenwasserbecken im Fels vorkommen. Besonders bedeutsam erscheint uns, dass er Men-An-Tol überblickt, jenen kulturell transformierten Beckenstein, von dem aus Watch Croft die nordöstliche Horizontlinie dominiert. Auf dem Gipfel von Trendrine Hill liegen zwei große, aneinander angrenzende Cairns, die aus kleinen Granitsteinen errichtet sind und ebenfalls gegebene Felsstrukturen integrieren. Unmittelbar im Norden des nördlichen Cairns befindet sich eine Reihe von geschichteten Felsen, die weit ins Land hinein sichtbar sind. An ihrem östlichen Ende bilden zwei abseits gelegene Felsen einen kammerartigen Raum von acht Metern Länge, der in der Mitte zum Himmel hin offen ist - ein stiller Ort, geschützt vor den vorherrschenden Südwestwinden. Diese und andere Beispiele zeigen sehr deutlich, dass zwischen der "übernatürlichen" Geologie der Berge und den Orten, an denen die Cairns erbaut wurden, eine Beziehung besteht, nämlich zu Felsenkammern, Felsschichtungen, Felsspalten und Regenwasserbecken. Untersuchungen legen nahe, dass die Einbeziehung von am Ort anstehenden Felsen beim Bau der Cairns die Regel gewesen sein muss, zumindest in den höher gelegenen Gebieten von West Penwith, so dass wir dies als den Normalfall und nicht als merkwürdige Besonderheit betrachten müssen.

Wallanlagen auf West Penwith

Auch alle neolithischen und bronzezeitlichen Hügel-Wallanlagen (hilltop enclosures) in ganz Cornwall sind auf faszinierende Weise mit den Regenwasserbecken verbunden. Die Berge von West Penwith, auf denen Wälle gefunden wurden, wie Carn Brea, Helman Tor, Stowe’s Pound, Rough Tor und Trencrom Hill - zweifellos wichtige Zielorte für Zeremonien und Prozessionen - weisen die höchste Konzentration von Wasserbecken in ganz Cornwall auf. Die so genannten Promontory Forts, Umwallungen von Hügelnasen oder vorspringenden Klippen, die in West Penwith ebenfalls in die Jungsteinzeit- oder Bronzezeit datiert werden, sind das maritime Gegenstück zu den Wallanlagen auf den Bergen im Inland. Auch wenn innerhalb dieser Strukturen keine Bauwerke errichtet wurden, lässt sich fast sicher sagen, dass sie häufig besucht wurden und große symbolische Bedeutung hatten. Sechs solcher Kultburgen sind bekannt, alle in dramatischen landschaftlichen Szenerien. Die Theorie, die Gräben und Wälle seien zu Verteidigungszwecken errichtet worden, lässt sich kaum aufrecht erhalten. Auf Kenidjack führen die Wälle von steil abfallenden Rinnen zu einem Felsgrat hoch, der freien Zugang ins Innere der Umwallung gibt. Bei Carn Les Boel und Maen dienen die inneren Wälle in ähnlicher Weise lediglich zur Abgrenzung eines felsigen Innenbereichs, und in Bosigran umschließt ein einzelner Steinwall eine Reihe exponierter Felsstapel mit mehr als 30 stark ausgehöhlten Wasserbecken. Das eingefriedete Land ist hier sehr steil, die Abhänge erscheinen wie mit Granit gepflastert. Die Klippen mit den höchsten Felsstapeln stürzen 50 Meter und mehr in die schäumende See ab. Bemerkenswert ist, dass es außerhalb der Umwallung keinerlei Beckensteine gibt. Die beiden eindrucksvollsten Landzungen, die von Wallanlagen eingefasst sind, sind Gurnard’s Head an der Nordküste und Treryn Dinas im Süden. In beiden Fällen trennen Wälle die vorkragenden Halbinseln vom Landrumpf ab. Gunard’s Head ist nur ein schmaler Grat, der steil zur See abfällt, so dass der Zweck einer Verteidigungsanlage sicher ausgeschlossen ist. Hier wird lediglich eine Reihe von dramatischen Felsformationen umschlossen - offenbar eine zu schützende Kostbarkeit von hohem Symbolwert. In Treryn Dinas ist der Granit in vertikalen Schichten zu besonders bizarren Formen verwittert. Sollte der eisenzeitliche Wall hier irgendetwas schützen, dann diese fantastischen Felsen mit ihren Türmen und Zinnen, die an Menhire erinnern, oder die Wasserbecken und die berühmten Logan- oder Schaukelsteine - Borlases "Felsgötter" -, die so fein balanciert sind, dass die gewaltigen Blöcke von jedem in Bewegung versetzt werden können. Funde wie die Scherben einer bronzezeitlichen Urne zusammen mit Holzkohlestückchen oder kalzinierte Knochen und Scherben aus der Eisenzeit deuten darauf hin, dass diese Orte als Begräbnis- und Opferplätze gedient haben. Besonders an der Westseite der Landzunge sind die Steine von den Weststürmen kohlschwarz gefärbt, als seien sie verbrannt worden. Das Gestein erinnert mancherorts regelrecht an Holzkohle. Dies muss als Werk der Götter betrachtet worden sein, und insofern, wie schon eingangs angesprochen, verbindet dies die Landzunge symbolisch mit den Themen Feuer und Wasser.

Stein, Wasser und Feuer

Verglichen mit den Dolmen des Neolithikums werden die Bauwerke in der späten Jungsteinzeit und im Verlauf der Bronzezeit zunehmend kleiner. Dies könnte aus der sich wandelnden Beziehung der Menschen zu den Steinen erklärt werden. Früher versuchte man, das Werk der Ahnen nachzuahmen, was z.B. nach der Monumentalität der massiven Decksteine verlangte: nichts sonst wäre genug gewesen. In der Bronzezeit stellte die heilige Geometrie der Steinkreise eine Beziehung zu den von den Ur-Ahnen erschaffenen Plätzen, den Tors und Beckensteinen her. Man baute nun Cairns, statt mit den Dolmen die Form der Tors zu wiederholen, und ging dazu über, die "übernatürlichen" Felsen einzubeziehen, indem man sie in die Cairns integrierte. Diese mussten nicht übermäßig massiv sein, weil sie lediglich zu den von den Ahnen überkommenen Plätzen Bezug aufnahmen, sie verbesserten und bestimmte Eigenschaften hervorhoben. Auf diese Weise wollte man sich die Ahnenkräfte der Felsen sowohl aneignen als sie auch kontrollierbar machen. Die Tendenz zur Abgrenzung und Kontrolle der Felsen setzte sich in der Eisenzeit mit dem Bau der Wallanlagen auf Trencrom Hill und den Landzungen fort. Diese andere Beziehung zu den Felsen geht möglicherweise auf eine veränderte Wirtschaftsweise zurück. Während des Neolithikums lebte die Bevölkerung in dieser Region vornehmlich als Sammler, Jäger und Fischer, während die frühe bronzezeitliche Ökonomie eine Hirten- und Gärtnerkultur war. Das Bedürfnis, das Land zu kontrollieren, verband sich mit dem Wunsch, auch die Felsen zu kontrollieren und die eigenen Toten dort als Ahnen zu begraben. Dieser Prozess setzte sich bis in die Eisenzeit fort. Dass man in der Bronzezeit, wie z.B. auf Watch Croft und in Boscawen Un, Beckensteine in die Cairns integriert hatte oder Cairns in deren Nähe errichtet, mag auf die symbolische Verbindung des reinen Regenwassers mit einem Totenkult zurückzuführen sein, in dem ein Reinigungsritus eine wichtige Rolle gespielt haben mag. Die runde Form der Wasserbecken mag sie darüber hinaus mit der runden Sonne verbunden haben, die jeden Tag in der See einen dramatischen, feurigen Tod im Westen stirbt, nur um in der kühlen Luft des östlichen Morgens so rund und vollkommen wie eh und je wiedergeboren zu werden. Wasser ist somit sowohl mit dem Tod als auch mit der Regeneration des Lebens verbunden. Es löscht Feuer und gebiert es neu. Die Symbolik des rätselhaften Men-An-Tol könnte der Versuch einer materiellen Manifestierung dieser metaphorischen Verbindung zwischen Wasser, Feuer und Geburt und Tod der Sonne sein.