Archäologie der Naturplätze

Von Überwelten und Unterwelten

von Richard Bradley erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Welche Bedeutung hatten herausragende Plätze in der Natur für die frühe Bevölkerung? Diese Frage beschäftigte den Archäologen Richard Bradley, seit er die heiligen Orte der Saamen in Finnland besucht hatte: In der langen Geschichte ihrer rituellen Nutzung wurden dort keinerlei Bauten errichtet. Seine "Archäologie der Naturplätze" ist Ergebnis der Auseinandersetzung eines Forschers, der sich normalerweise mit menschengemachten Monumenten befasst, mit dem Heiligen der Natur. Bradleys Ansatz besitzt überraschend viele Aspekte, die mit den neuen Strömungen der Geomantie in Resonanz stehen.

Im Norden Finnlands liegt eine Insel in Gestalt "einer riesigen Schildkröte" - im Jahre 1873 verschlug es einen jungen Archäologie-Studenten der Universität Oxford dorthin, als sein Boot im Sturm auf dem Inari-See abgetrieben wurde. Er begriff erfahrend, dass die Insel Ukonsaari dem Donnergott geweiht war. An einer ihrer steilen Flanken fand der unfreiwillige Besucher eine flache Höhle in Form eines Felsspalts. Offenbar war sie "bei den Lappen (Saamen) als Opferplatz genutzt worden", denn Knochen bedeckten den Boden, und ihre Decke war rußgeschwärzt, so dass er annahm, sie würde noch genutzt. Einige der verbrannten Nahrungsmittel stammten offensichtlich aus jüngster Zeit. Heutzutage undenkbar, doch unser junger Student entschied sich, sofort zu graben. Die Knochen im tieferen Höhlenboden waren älter; er konnte die Überreste von Rentieren, Bären und anderen Tierarten ausmachen. Das war durchaus interessant, aber als er die Höhle wieder verlassen wollte, stieß er auf eine Holzkohleschicht, in der sich ein silbernes Schmuckstück befand, das ihm bronzezeitlich erschien. Genau wie die Knochen war es offensichtlich dem Feuer übergeben worden. Wir wissen von diesen Funden auf Ukonsaari, weil der junge Student die Höhle in einem Brief an seine Stiefmutter beschrieb, die den Beleg in ein Notizbuch kopierte, das bis heute überlebt hat. Als Ehefrau von Sir John Evans, einem der Begründer der britischen Archäologie, war sie mit derartigen Entdeckungen vertraut. Der Besucher der Insel war Arthur Evans, der später einer der bekanntesten Archäologen seiner Zeit werden sollte. In seinen frühen Zwanzigern war er bereits versiert im Umgang mit archäologischen Funden. Die Hinterlassenschaften in der Höhle hatten einen ungewöhnlichen Charakter, beispielsweise fanden sich unter den Tierknochen keine Fischgräten, obwohl der Fischfang eine zentrale Rolle in der regionalen Ökonomie spielte. Noch erstaunlicher war, dass Geweihe ausschließlich außerhalb der Höhle abgelegt worden waren. Dies hatte offenbar besondere Bedeutung, und wie Evans herausfand, legten die Einheimischen die Geweihe zu Ehren von Ukon, dem Gott des Donners, der Winde und Seen, in einer kreisförmigen Anordnung dort ab. Für ihn gab es keinen Zweifel: Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Topographie konnte niemand in dieser Höhle gelebt haben. Was er hier gefunden hatte, konnten demnach nicht Überreste gewöhnlicher Mahlzeiten sein. Zudem war es unwahrscheinlich, dass man den silbernen Ohrring hier zufällig verloren hatte, auch weil er offenbar verbrannt worden war. Evans identifizierte die Höhle also als Opferplatz. - Wie aber würden Archäologen diesen Ort heutzutage verstehen?

Hier können Sie einen neuen Kommentar zu diesem Artikel verfassen





Bitte lösen Sie die untenstehende Rechenaufgabe und tragen Sie das richtige Ergebnis ein. Sie helfen damit, den Missbrauch dieses Online-Formulars und Spam zu verhindern. Herzlichen Dank.

sieben minus sechs =