Die Natur des Heiligtums
Auf der Suche nach dem heiligen Ort in der Landschaft
Vor dem Bau eines Tempels existierte an der Stätte in der Regel bereits über lange Zeit ein Naturheiligtum - für die Geomantie nichts Neues. Nun gerät diese Erkenntnis zum Gegenstand archäologischer Forschungen. Paul Devereux zeichnet den faszinierenden Trend nach. Er nennt einige der Protagonisten neuer Richtungen in der Archäologie und führt in ihre Ideen ein. Für uns war dies Anlass, die Hauptakteure um Beiträge zu bitten, und so kommen diese im Anschluss an diesen Text selbst zu Wort.

Landläufig stellt man sich unter einem Archäologen jemanden vor, der geschichtsträchtige Stätten ausgräbt oder sich mit uralten Bauwerken befasst. Tatsächlich jedoch ertappt man heute immer wieder Archäologen dabei, wie sie in der Umgebung einer Fundstätte spazierengehen oder einfach nur die Landschaft betrachten, wobei vielleicht eine entfernte Bergspitze oder ein außergewöhnlicher Felsen vor Ort ihre Aufmerksamkeit erregt. Spielte der Zusammenhang zwischen einem Monument und seiner natürlichen Umgebung bisher eine eher untergeordnete Rolle, legt man heutzutage zunehmend Wert auf derartige Beobachtungen, wobei sich immer mehr Zusammenhänge offenbaren. Dies führt so weit, dass einer der tonangebenden britischen Archäologen, Richard Bradley, sich zu einem Buch über "Die Archäologie der Naturplätze" (siehe folgender Beitrag) inspiriert fühlte. Der Trend verspricht, uns zu den Ursprüngen von Religion zu führen, indem er die Evolution des sakralen Ortes von der natürlichen Topographie hin zu künstlichen, von Menschenhand erbauten Gebäuden und Tempeln sichtbar macht. Er führt uns in die Zeit zurück, in der die Menschheit erstmals begann, ihre Umwelt zu gestalten, um "die Natur zu verbessern" - ein Prozess, der seither erbarmungslos mit immer gravierenderen Auswirkungen fortgesetzt wird.
Software und Hardware der Archäologie
Diese Herangehensweise ist insofern problematisch, als Archäologie normalerweise als Studium der materiellen Überreste der menschlichen Vergangenheit definiert wird - und nicht als Studium von Eigenarten der Natur. Was also muss getan werden, wenn man einen besonderen Ort in der Natur als alte Kultstätte zu erkennen glaubt? Archäologen, die sich Naturplätzen widmen, suchen sowohl nach "Software"-Hinweisen aus ihrer beobachtenden Wahrnehmung als auch nach "Hardware"-Ankern, wie zum Beispiel nach geringen von Menschenhand vorgenommenen Veränderungen an natürlichen Formationen oder dort abgelegten Opfergaben. Ein wichtiger "Software"-Hinweis ist die mit den Augen wahrzunehmende Gestalt eines Ortes. Wir wissen mittlerweile, dass Berge, besondere Felsen und andere Naturformen oft deswegen verehrt wurden, weil sie an das Profil, Gesicht oder die Gestalt von Menschen oder Tieren erinnerten oder anderweitig unverkennbar waren. Die frühen Menschen sahen ihre Mythen in die natürlichen Formen der Landschaft eingraviert.
Um den vollständigen Artikel zu lesen, bitte melden Sie sich hier mit Ihren Daten an:
Sie sind bereits Abonnent?
Klicken Sie hier um Ihren kostenlosen Zugang zu aktivieren.
Sie sind kein Abonnent?
Abonnieren Sie hier.


