Rumpelstilzchen
oder von den Gefahren und Chancen der Entdeckung einer "integralen Kultur"
Die Evolution einer integralen Kultur muss in ihrem eigenen Prozess integral sein. Das kann man nicht "machen", Integralität manifestiert sich nur als Ausdruck persönlicher integraler Leben. Gemachtes ist nicht integral - oder doch .? Integralität im eigenen Leben zu verwirklichen, bedingt die Fähigkeit, ausschließende Tendenzen zu erkennen. Unter den Gefahren, die dem Ganzen drohen, sind erstens das Ausschließen des eigenen Irrtums, zweitens das Ausschließen von Kritik und Selbstkritik sowie drittens das Ausschließen von Wahrheiten, die außerhalb des eigenen Erkenntnishorizonts liegen mögen. Passen wir nicht auf, haben unter dem Deckmantel "korrekt integralen Verhaltens" totalitäre Züge genauso ihre Chance wie Ökofaschismus oder Glaubenskriege. Integrale Kultur ist eben kein Produkt von Verhalten - sie wird aus vielfältigem integriertem Sein (zu dem wohl auch das Streben danach gehört) geboren.
Auf diesem Weg sind wohl das Wichtigste gute Freunde, die uns immer wieder auf den Boden zurückholen. Ideelles Engagement und Vernunft, umfassende Vision und Pragmatismus, Ernsthaftigkeit (die ja immer radikal ist) in der Sache und Bereitschaft zum verbindenen Dritten sind aus integraler Sicht keine Widersprüche, höchstens Beweise dafür, dass nicht mehr die Polarität, sondern die Beziehung zwischen den Polen zählt. Unsere Welt mit all ihren Polaritäten kann nichts anderes als ein Ganzes sein.
Danke für das kritische Augenmerk von Sibille Roiß. Wesentlich scheint uns die Schlussformel ihres Beitrags: Gefahr benannt - Gefahr gebannt. Das gilt ja nicht nur in Blickrichtung der Autorin, das gilt für den Blick in alle Richtungen! Bleiben wir also wachsam - und fragen wir öfter: Heißt du vielleicht .?

In den Medien hat sich etwas aufgebaut und etabliert, und es war interessant, dabei zuzusehen: der deutsche Ableger einer amerikanischen Sichtweise, die einen neuen, zunehmenden und "trendsetzenden" Anteil der (Welt?-)Bevölkerung auszumachen schien - die so genannten "Kulturell Kreativen". Eine Untersuchung in den USA, sehr am amerikanischen Way of Life orientiert, will besondere Merkmale dieser Gruppe erfasst haben. Manches aber, was dort als besonders bewusstes Leben und alternativer Lebensstil betrachtet wird, scheint bei uns schon Normalität (z.B. was den Umgang mit Natur und Ressourcen betrifft: in den USA gilt schon als umweltbewusst, wer ein Sprit sparendes Auto besitzt). Lebensstil scheint zum einen stark über die Konsumfrage definiert, zum anderen durch "Interesse (concern) an -" (spirituellen Themen, Umwelt, etc.). Ich frage mich, ob dieses "Interesse" und spezielle Kaufgewohnheiten überhaupt von Belang sind. Sind diese Personen nicht viel mehr Macher und Zielgruppe einer alternativen, "integralen" Industrie? Was soll daran so bahnbrechend sein? Von außen entdecke ich - besonders seit dem 11. September - gerade in den USA kein Anzeichen dafür, dass hier eine zunehmend stärkere, moralisch hochstehendere, reflektierende Bevölkerungsgruppe Einfluss gewinnt, die der Beschreibung von Paul H. Ray gerecht würde und auf die Hoffnung gesetzt werden könnte. "Die große Synthese beginnt" - wohl eher nicht?1 (Selbstverständlich kann man den Schock schönreden und die große Katastrophe als Geburtswehen einer neuen, besseren Welt betrachten - das klingt aber irgendwie zu sehr nach einer Erklärung im Muster "Zorn Gottes".) Es könnte ja sein, dass sich tatsächlich im Schatten der sichtbaren Gesellschaftsformen so etwas wie eine alternative Struktur herausbildet, die sich an spirituellen Werten orientiert, eine tatkräftige Haltung den Nöten der Natur und der Mitmenschen gegenüber zeigt, die ein wirkliches Potenzial besitzt.
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