Zeichen für die Erde

Geomantie und LandArt im Tagebau

von Juliane Scholz erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Ich bin gebürtige Leipzigerin. In meiner Kindheit fragte ich mich oft, warum ich ausgerechnet hier geboren bin: Flachland, Kohlegruben, in der Nähe Chemiefabriken. Ich weiß noch, wie meine Mutter mit mir am Balkon stand und sagte: "Riechst du es? Heute kommt der Wind von Böhlen herüber". Wenn wir von Leipzig in Richtung Süden fuhren, sagte sie: "Kinder, macht jetzt die Fenster zu, wir kommen durch die Gegend, in der es draußen so stinkt." Hinter geschlossenem Fenster sahen wir die Schlote und den dicken Qualm. Es war für mich wie ein Naturgesetz, zu Hause heizten auch wir mit Kohlen. Nur einmal sah ich dort im Vorbeifahren einen Kinderwagen stehen und ahnte, dass die Fabrikschlote vielleicht doch nicht naturgegeben sein könnten. Während meiner ganzen Kindheit hatte ich eine ausgeprägte Sehnsucht nach einer schönen, intakten Landschaft: nach Hügeln, Wiesen, Wald, Weiden und klaren Bächen - eine Paradiesvorstellung, unerreichbar im Alltag. Nur im Urlaub sah ich, was Landschaft bedeuten kann. Im Jahr 1999 stand ich erstmals bewusst am Rande des Störmtaler Tagebaus, einem riesigen Erdloch unmittelbar vor den Toren meiner Heimatstadt.

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