Wo Menschen und Götter wohnen

Die Devas im Vaastu-Purusha-Mandala

von Wolf-Dieter Blank erschienen in Hagia Chora 11/2001

Das Wesen der Devas, die den verschiedenen Arealen des Vaastu-Mandalas zugeordnet sind, ist enorm vielschichtig. Schriftliche Aufzeichnungen sind selten und schwer zu finden. Wolf-Dieter Blank stellt die Grundzüge des komplexen Systems vor und erklärt an einem Beispiel, wie sich die Aspekte einer solchen Deva auf die Qualitäten von Himmelsrichtungen und Elementen übertragen lassen.

Wie wir im letzten Beitrag "Kosmologie und Elemente" gesehen haben, ist das Vaastu-Purusha-Mandala eines der Kernelemente der altindischen Geomantie. Vaastu als der Ort, wo Menschen, Devas und Dämonen wohnen, soll nun in seiner Bedeutung weiter untersucht werden. Fassen wir die wichtigsten Kriterien des Vaastu-Purusha-Mandalas noch einmal zusammen: Es besteht aus einem regelmäßigen Quadratgitter (Urform), in das die Figur des Vaastu Purusha symmetrisch eingetragen worden ist (siehe Abbildung unten links). Der Mythos, der zu dieser Figur führt, ist in der letzten Ausgabe vo feng shui spezial erläutert. Bedingt durch die Körperformen entstehen in den einzelnen Quadranten jedoch unterschiedliche Symmetrien, die verschiedene energetische Qualitäten zum Ausdruck bringen. Hinzu kommt die "Besetzung" der Körperteile durch Götter und Halbgötter (Dämonen), wodurch die energetischen Qualitäten weiter differenziert werden.

Die Quadranten des Mandala

Betrachten wir den Nordosten: Hier findet sich der Kopf, der Sitz des Intellekts und der Spiritualität, zugeordnet Ishan oder Ishwara, eines der höchsten vedischen Prinzipien. Somit ist der Nordosten ein energetisch äußerst wichtiger Bereich, der einer sensiblen Handhabung auf dem Grundstück und beim späteren Baukörpergrundriss bedarf. Innerhalb des Vaastu-Purusha-Mandalas ergeben sich bei einer Aufteilung in z.B. 64 Quadrate, wie in der großen Abbildung gezeigt, vier Zonen. In der inneren Zone (Brahmasthan) treffen sich die beiden Diagonalen und die Verbindungslinien der Kardinalpunkte. Dieser hochenergetische Bereich sollte von einer späteren Bebauung immer ausgeschlossen bleiben, er wurde in früheren Zeiten als offener Hofraum und Lichthof genutzt. Heute bietet er sich beispielweise für ein Atrium an. Auf der Peripherie des Brahmasthans (Mittelpunkt) liegen weitere sensible Punkte an den erwähnten Energielinienkreuzungen, diese werden als Marmas bezeichnet. Solche Punkte sind z.B. für dicke Mauern vollkommen ungeeignet, da sie mit verschiedenen Körperteilen des Vaastu als auch mit denen der Bewohner des Hauses korrespondieren. Jede massive Bebauung würde dies verhindern. Als nächstes schließt sich die Schale oder "Zone der Götter" an, gefolgt von derjenigen der Menschen (Manushya). Der äußere Ring stellt die Zone der "Dämonen" (Paishacha) dar; diese ist für den Wohnbereich ungeeignet, daher sollten hier nur Eingänge, Balkone oder Vordächer geplant werden. Die Himmelsrichtungen haben ihre jeweiligen Entsprechungen vor allem in den Symbolen der Elemente und Planeten: Den Nordosten dominiert das Element Wasser, hier ist der Aspekt der Helligkeit vorherrschend. Den Nordwesten dominiert das Element Wind, insofern ist er ideal für bewegliche Güter und Gäste. Der Südosten wird dominiert vom Element Feuer, hier ist der ideale Platz für Heizung, Küche u.ä. Der Südwesten wird dominiert vom Element Erde, hier ist Schweres ideal angesiedelt. Das Zentrum ist der Äther, Raum, es sollte nie bebaut werden. Nach einem alten indischen Buch, dem Taittiriya Samhita gibt es bestimmte Empfehlungen für das Leben in Übereinstimmung mit den Himmelsorientierungen: "Im östlichen Teil sollen die Götter und Priester sein, im südlichen die Vorfahren ., im westlichen die Häuser und das Vieh, im nördlichen Pflanzen, Bäume und Wasser und im Zentrum das Allerheiligste, der Opferplatz." Makrokosmos und Mikrokosmos finden so hier ihre Entsprechungen.

Beispiel einer Deva-Zuordnung

Betrachten wir nun die Devas und ihre Position am Beispiel von Agni innerhalb des Mandalas. Agni residiert im Südosten des Mandalas und steht für den wichtigen Aspekt des Feuers. Der Rig-Veda als eine Art Kosmologie der Schöpfung beginnt mit dem Wort "Agni". Feuer ist auch bei uns eine Urkraft, das eine reinigende und läuternde Funktion hat. Es findet sich in den verschiedensten Aktivitäten wieder. Bezogen auf unseren Körper hängt vom Feuer in uns das Leben ab. In der ayurvedischen Medizin (Ayur-Veda: "Wissen vom Leben"), und hier insbesondere in der Ernährungslehre, wird Agni als ein Aspekt von Pitta, dem Energie- oder Stoffwechselprinzip, betrachtet. Mit "Feuer" sind beim Menschen Eigenschaften wie Lebensspanne, Gesundheit, Energie, Körperumfang, Stärke, Vitalität etc. gemeint. Ist unser Agni gestört, vermag unser Körper die Nahrung nicht richtig zu verarbeiten. Das gestörte Agni drückt sich z.B. durch Verstopfung, Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Energielosigkeit oder auch Kopfschmerzen aus. Nun arbeitet Agni aber nicht gleichmäßig. Es ist am aktivsten in der Mittagszeit (von 10 Uhr bis 14 Uhr), früh morgens oder abends ist Agni (Pitta) schwach. Nach dem Ayurveda nimmt man deshalb auch die Hauptmahlzeit mittags ein. Kosmologisch betrachtet, treffen die Wärmestrahlen der Sonne überwiegend aus dem süd-östlichen bis südlichen Bereich auf die Erde. Die Wärmewirkung wird durch Infrarotstrahlung hervorgerufen. Im Gegensatz dazu haben die Ultraviolettstrahlen in den frühen Morgenstunden eine gänzlich unterschiedliche Wirkung in der Natur und beim Menschen. Insofern ist die Zuordnung zu Agni im Mandala klar kosmologisch begründet. Kehren wir zurück zum Bauplatz: das Mandala weist im Südosten den Aspekt von Agni bzw Agneya auf. Der Raum, der mit dem Verdauungsprozess in Verbindung steht, ist die Küche, also sieht Vaastu hier den Bereich für Feuer, Hitze, Kochen vor. Die Küche ist deshalb ideal im Südosten zu platzieren, denn dieser Standort fördert den Prozess des Kochens der Speisen und macht sie zugleich besser verdaulich. Heizkörper, Gasöfen, Kamine etc sind demzufolge ebenso ideal im Südosten untergebracht, sowie alle elektrischen Geräte. Die feurige Prägung des Südostens macht ihn beispielsweise zum Schlafen oder Waschen denkbar ungeeignet. Feuer ist in der vedischen Literatur das reinste der Elemente, es hat gleichfalls eine ausgeprägte spirituelle Bedeutung, weshalb regelmäßig Feueropfer ausgeführt worden sind, die Schutz und Reinheit verleihen sollten. Die Verbindung zur Sonne ist durch das Feuerelement ebenso gegeben. Im Südosten regiert der Planet Venus, er steht für Partnerschaft und Liebe, aber auch beruflichen Erfolg. Kommt es zu einer Störung im Südosten, so können z.B. im gesundheitlichen Bereich Allergien oder Asthma ebenso wie partnerschaftliche Probleme die Folge sein. Wie lassen sich aber eventuelle Störungen möglichst im Voraus aufdecken? Damit kommen wir zu einem weiteren wesentlichen Aspekt im Vaastu, dem des Grundstücks.

Das Grundstück und seine Lage

Generell gilt im städtischen Bereich: eine Wohnlage neben einem Friedhof ist nicht förderlich. Ebenso wirkt sich ein Haus gegenüber einem verlassenen oder leerstehenden Gebäude als energetisch negativ aus. Interessanterweise wird auch die Rückseite von sakralen Gebäuden für die Mehrzahl der Menschen als problematisch eingestuft. Wasserläufe sind als günstig einzustufen, sofern sie von West nach Ost laufen. Ideal ist es, wenn sie auch noch nordöstlich, östlich oder nördlich des Grundstücks gelegen sind. Wasser vor dem Haus gilt generell als positives Zeichen, sei es Teich, Fluss oder Springbrunnen, allerdings sollte es sich nicht direkt vor dem Haupteingang befinden. Fließt das Wasser auf den Haupteingang zu, wird dies allerdings als günstig eingestuft. Hügel sind als positiv anzusehen, wenn sie im Südwesten, Süden oder Osten des Grundstücks verlaufen. Bei Betrachtung der Straßen gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, die sich unterschiedlich auswirken, es seien einige exemplarisch aufgeführt: Generell ist die Straße ein Element, das das Haus mit seinen Bewohnern mit der Außenwelt verbindet. Im traditionellen Städtebau findet sich entsprechend der quadratischen Mandalaeinteilung ein theoretisch rechtwinkliger Verlauf der Strassen. Allerdings weichen die Straßen realiter gezwungenermaßen häufig von diesem Raster ab und laufen z.B. auf ein Grundstück zu oder nehmen ihren Ausgang von dort. Als günstig gelten Straßen, die vom Nordosten kommen und auf die Nord- oder Ostseite des Hauses treffen. Ebenfalls positiv ist, wenn die Straße vom Südosten kommt und an der Südseite endet. Als negativ gelten Straßen, die vom Südwesten kommen und auf die Südseite des Gebäudes zulaufen bzw. von Südosten kommend auf die Ostseite treffen. Generell wird es für ungünstig angesehen, wenn ein Grundstück auf der Ostseite ohne Straße ist bzw. von Straßen im Westen und/oder Süden flankiert wird. Betrachten wir das Gefälle des Baugeländes, so gibt es auch hier wichtige Kriterien. So sollte der Süden und der Westen im Vergleich zu Norden und Osten erhöht sein. Der höchste Punkt ist idealerweise im Südwesten, der niedrigste im Nordosten. Dies zählt als Voraussetzung für körperliche und geistige Gesundheit, Familienglück und spirituelles Wachstum. Ist die Situation jedoch umgekehrt oder nur zum Teil positiv, so können sich problematische Auswirkungen auf Gesundheit, Erfolg und Finanzen ergeben, es wird Streit in der Familie und andere Kommunikationsprobleme geben. Wie wir sehen, ist die Orientierung nach den Himmelsrichtungen und damit nach den kosmischen Kräften im Vaastu das Hauptkriterium für eine Bewertung schlechthin. Im nächsten Beitrag wollen wir uns vertieft mit dem Grundstück auseinandersetzen, insbesondere mit dessen Formen und deren Wirkungen