Vier Fragen an die Geomantie

Fragestellung und Vorwort zum 2. Teil der Standortbestimmung "Was ist Geomantie?"

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 11/2001

Die Ausgabe des ersten Teils von "Was ist Geomantie?" haben wir nicht ohne leichtes Zittern in den Knien verschickt - würden wir nicht scharfe Kritik ernten, wenn wir uns erlauben, auf der Suche nach einer Selbstdefinition derart gegensätzliche und zum Teil auch deutlich kritische Standpunkte Seite an Seite zu setzen? Den vorliegenden zweiten Teil haben wir schon mit einem Aufatmen begonnen, denn für unser Unterfangen ernten wir rundherum ungeteilte Zustimmung. Paul Devereux beispielsweise hat uns geschrieben: "Hagia Chora unternimmt das, wozu derzeit in England niemand bereit zu sein scheint - nämlich tatsächlich infrage zu stellen und zu diskutieren, was wir hier eigentlich tun (oder lassen)." Jetzt liegt allerdings die Arbeit vor uns allen, die Quintessenz aus den vielen Stellungnahmen herauszuarbeiten - Gemeinsamkeiten, Gegensätze und die zentralen Fragen. Jede/r wird das einerseits für sich selbst tun, doch wir werden auch die öffentliche Diskussion darüber fortführen. Der Spiegel nämlich, den uns die übrigen gesellschaftlichen Bereiche vorhalten, ist die beste Unterstützung für unsere Selbsterkenntnis.

Vier Fragen an die Geomantie
Für eine Standortbestimmung der zeitgenössischen Geomantie schien uns ein Dreieck miteinander verbundener Fragen sinnvoll: die Frage nach dem Lebendigen, nach der Anderswelt und nach der Wissenschaftlichkeit. Die vierte, zusammenfassende Frage berührt das mögliche Ziel geomantischer Übung, einen Beitrag zu einer neuen, integralen Kultur zu leisten.
• Der Kosmos lebt, weil wir leben - Ist die Vorstellung plausibel, dass wir in einem Kosmos leben, der ansonsten aus "toter" Materie besteht? Ist das Prinzip "Leben" überhaupt mit "toter" Materie vereinbar, kann aus toter Materie Leben entstehen? Wo hört Leben auf, und wo beginnt es? Was bedeutet "lebendig" - bedeutet es gleichzeitig "beseelt", mit Bewusstsein begabt? Gibt es Unterschiede im "Maß" der Lebendigkeit angesichts der Entitäten um uns herum: Berge, Gewässer, Steine, ein Baum, eine Brennessel, eine Kröte, eine Eule, eine Schnecke, ein Bakterium, ein Mensch? Welche Konsequenzen hat Ihre Antwort auf diese Fragen für Ihr persönliches Leben, Ihre Arbeit und die Art und Weise, wie Sie sich mit Geomantie beschäftigen? Wie weit setzen Sie diese Konsequenzen um? Was hindert Sie daran, und wie wollen Sie die Hindernisse beseitigen?
• Die Anderswelt ist überall - Die Wiederentdeckung der Geomantie rührt aus der neuen Erfahrung alter Stätten der Megalithkulturen und der Begegnung mit schamanischen Gesellschaften her. Viele Menschen suchten mit "bewusstseinserweiternden" Methoden Zugang zu einer "anderen" Realität. Die Verknüpfung solcher Vorstellungen mit der Radiästhesie, die sich der Schwingungsnatur der Realität widmet, führte zu einer schillernden Fülle von Aussagen über Ebenen jenseits der von der Naturwissenschaft akzeptierten Realität. Trancezustände bei einer Ortserfahrung überschneiden sich mit Beschreibungen einer "feinstofflichen" äußeren Realität: Erdstrahlen, Wasseradern, Gitternetze, Qi, Ätherkräfte, Energielinien oder Energieleitbahnen, Erdchakren, Ein- und Ausatmungspunkte der Erde, Engelfokusse, Landschaftsdevas, Genius Loci oder Anima Loci . Man spricht von symbolischen Landschaften oder von einer geistig-seelischen Ebene der Landschaft, Begriffe wie "Holon" oder "Landschaftstempel" versuchen, eine Mehrdimensionalität auszudrücken. Ist das alles nur ein heilloser Wirrwarr unreflektierter New-Age-Begriffe? Oder ist es der Beginn einer neuen Sprache, die eine für viele verbindliche Realität kommuniziert? Wie können die physikalischen und nicht-physikalischen Ebenen auseinandergehalten werden? Wie gehen wir kreativ damit um, dass die persönliche Anderswelt-Erfahrung immer individuell bleibt und sich Beobachter und Beobachtetes nicht trennen lassen? Welche Begriffe halten Sie für tragfähig, um solche Erfahrungen zu kommunizieren, welche für verwirrend? Ist Ihre persönliche Welt "mehrdimensional”? Was bedeutet das für Sie? Wie stellen Sie sich das aktuelle Raum-Zeit-Modell mit den vier Dimensionen Länge, Breite, Höhe und Zeit vor? Wie stellen Sie sich eine fünfte oder "mehrere" Dimensionen vor?
• Geomantie, eine spirituelle Wissenschaft des Lebendigen - Oft wird für Geomantie ausdrücklich der Begriff "Erfahrungswissenschaft" verwendet, doch auch die konventionelle Naturwissenschaft versteht sich als Erfahrungswissenschaft, indem sie eben das Erfahrbare beschreibt, statt von theoretischen Überlegungen auszugehen. Ist Erfahrungswissenschaft also ein für die Geomantie tragfähiger Begriff, oder ist er eher irreführend? Ist es notwendig, den Begriff der "Erfahrung" näher zu untersuchen? Ist Geomantie eher als Kunst oder als Wissenschaft zu begreifen? Ist es sinnvoll und möglich, eine Phänomenologie (im Gegensatz zur rationalen Erkenntnis) der Anderswelt zu formulieren? Wie kann die subjektive Erfahrung einer erweiterten Wirklichkeit oder die Erfahrung von "Qualitäten" Eingang in die wissenschaftliche Diskussion finden? Solche Erfahrungen haben oft religiösen Charakter - ist Geomantie also mehr als spirituelle Disziplin zu begreifen? Wie gehen Sie persönlich mit der Herausforderung um, in sich selbst zur Synthese einer spirituell-künstlerisch-wissenschaftlichen Weltsicht zu gelangen?
• Die Relevanz der Geomantie - Welchen Beitrag kann die Geomantie in der Evolution einer integralen Kultur leisten?

Vorwort zum 2. Teil der Frage "Was ist Geomantie?"
Soviel ist bisher schon klar geworden: Auch wenn sie vielleicht noch zu wenig Kontur zeigt, sich noch zu wenig einmischt, ihre Stimme im Konzert des integralen Kulturorchesters noch nicht ganz genau kennt - die Geomantie wird als ein ernsthafter Ansatz wahrgenommen, den Sinn in der Welt der Erscheinungen wieder zu finden. Um unsere Stimme zu festigen, möchten wir weiter sondieren, wie wir die Kritik an der Geomantie annehmen und umsetzen können - niemand will sich gerne "prärationales Geblubber" vorhalten lassen, Sektierertum, esoterische Selbstbespiegelung oder naturphilosophische Gegenwartsflucht. Hinweise und Vorschläge für einen Weg, den wir besonnen, mit Elan, dialogbereit und von der Lust nach schöpferischer Gemeinschaft beseelt gehen können, liegen nun in breiter Fülle vor. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass wir mit den Aussagen unserer gemeinsamen Selbstdefinition an Menschen aus praktisch allen dynamischen Bereichen unserer Gesellschaft herantreten können, um effiziente Schnittstellen mit der Geomantie zu entwickeln und integrale Gedanken auszutauschen. So bestätigte uns Heide Göttner-Abendroth, dass die gegenwärtige Selbstreflexion der GeomantInnen, verbunden mit der Frage nach einer integralen Kultur, für sie der entscheidende Anknüpfungspunkt ist, sich ins Gespräch einzubringen. Eine wohlwollende Betrachtung und Unterstützung der Geomantie "von außen" ist auch der Beitrag von Jutta Gruber, der den gegenwärtigen Prozess der geomantischen Selbstdefinition vor dem Hintergrund der Wissenschaftstheorie von Thomas S. Kuhn reflektiert.
Eine breite Diskussion zwischen den verschiedenen Welten zu führen, die alle mit Geomantie zu tun haben, ist also keineswegs Wunschdenken, sondern lebendige Praxis. Das zeigte uns vor allem ein Treffen von rund vierzig unserer AutorInnen, das Anfang Dezember letzten Jahres parallel zum Treffen des Hagia-Chora-Förderkreises stattfand. Hier gab es die Möglichkeit, die literarische Diskussion im größeren Rahmen live zu führen. Das Gefühl, tatsächlich gemeinsam an einem Thema zu arbeiten, ein gemeinsames Gedankenfeld zu kreieren - und sei es noch so vielschichtig -, war deutlich im Raum zu spüren. Gerade diese Vielschichtigkeit macht den Reichtum des Feldes aus, wie es Jörg Purner in diesem Heft formuliert: "Das Erstaunliche ist, dass ich keinerlei Probleme damit habe, unterschiedliche Standpunkte nebeneinander gelten zu lassen, obwohl sie von der Ebene des jeweiligen Standpunktes aus widersprüchlich und unvereinbar erscheinen. Wenn ich dieses Spiel der unterschiedlichen Standpunkte in ehrlicher Weise spiele, eröffnet sich mir ein Bewusstseinshorizont, in dem ich mir des enormen Reichstums im Miteinander unterschiedlicher Weltbilder bewusst werde."
Damit ist kein beliebiges Anything goes gemeint, sondern jeder Standpunkt verlangt, dass man tief in ihn hineintaucht und aus den Augen des Anderen heraus zu sehen lernt. Diese Übung scheint der wesentliche Yoga der Geomantie zu sein - fast tröstlich ist hier der Text von Robert Kozljanic, dessen alte Griechen vor 2000 Jahren exakt dasselbe taten wie wir soeben. Es erzeugt Resonanz, wenn die hohen Philosophen, zu Gast bei Plutarch, bei der Untersuchung der Frage, weshalb die Orakelorte ihre Kraft verlören, durch die Synthese unterschiedlicher Sichtweisen zu einer ähnlich ganzheitlichen Schau wie wir heute gelangen.
Niemand glaubt ernsthaft, dass nun alles schon "geschafft" sei, als sei "das neue Zeitalter" (was immer es sein soll) schon da. Auffallend sind in dieser zweiten Beitragsreihe einige "7-Punkte-Programme", die geomantische Hausaufgaben formulieren. Marko Pogacniks Artikel ist sogar auf sieben Aussagen als Inspirationen zur Weiterentwicklung der Geomantie aufgebaut. Eine beachtliche Herausforderung steckt im Beitrag von Reinhard Falter, wenn er konsequent der Frage nachgeht, wie jegliches reduktionistische Denken und Handeln vermieden werden kann und welche Fallen gestellt sind, wenn wir uns vom reduktionistischen Paradigma unbemerkt wieder überholen lassen. Auch Rainer Söhmisch ist in seiner pragmatischen Klarheit ein wohltuend erdiges Beispiel für weitere Beiträge dieser Art - und zugleich Herausforderung für diejenigen, die vor dem "Markt" warnen.
Über alle Bedenken hinweg, dass Geomantie eigentlich etwas "Unaussprechliches" sei und sich dagegen sträube, mit Worten dingfest gemacht zu werden, wird im Reigen der Beiträge deutlich, dass es viele Arten der Kommunikation gibt, die Geomantie ganzheitlich vermitteln. Damit verbinden wir ein kleines Plädoyer für eine Vertiefung in die philosophischen Beiträge auch dieser Ausgabe, denn deren "Anderswelt" (Jochen Kirchhoff) ist ganz nah am geomantischen Erleben. Jede Art von Kommunikation, ob telepathisch, körperlich, verbal oder schriftlich, ist stets ein ganzheitlicher Prozess, der alle Ebenen unseres Wesens einbezieht. Für etwas Unsichtbares - sei es die Qualität eines Ortes oder die eines köstlichen Festessens - die angemessene Sprache zu finden, die mehr sagt als "es war fantastisch", bleibt eine Herausforderung, deren gelungenes Bestehen jedesmal das morphische Feld stärkt, das uns alle ermutigt, die Dinge, die uns wichtig sind, beim Namen zu nennen. LM & JH