Mensch und Kosmos

Eine radikale Annäherung an das Wagnis, irgendetwas zu verstehen. Teil 3

von Attila Grandpierre erschienen in Hagia Chora 11/2001

Im letzten Teil seines Essays über eine neue Kosmologie zeigt der ungarische Astrophysiker Attila Grandpierre, was den Menschen und das Universum auf intimste Weise verbindet: Es ist die schöpferische Kraft der Emotionen, des Gefühls, die das Weltganze in einer unendlichen Liebesbeziehung bewegt hält.

Wenn wir akzeptieren, dass das Universum logischer Natur ist, liegt eine weitere Frage nahe: Besitzt das Universum womöglich zugleich eine emotionale Natur? Schließlich handelt es sich hier nicht um eine formale Logik, sondern um eine schaffende und schöpferische, eine, die selbst das Wesen des Universums ist und die mit unserer inneren Welt kongruent ist - und unser Leben spielt sich nun mal, weit vor der intellektuellen Tätigkeit, im Erfahrungsbereich unserer Gefühle ab. Bekanntlich ist eines der wichtigsten Kennzeichen echter Kreativität nicht etwa der geübte Umgang mit formaler Logik, sondern die Tiefe und Lebendigkeit der Intuition, die in unmittelbarer Beziehung mit der Welt der Emotionen steht. Der Erkenntnisprozess des Menschen spielt sich auf drei Ebenen seiner inneren Welt ab: im Urgrund der Intuition, im Meer der Emotionen und im Licht der Artikulation. Diese drei Erkenntnisebenen bilden zusammen die zentralen Schauplätze des Lebens in unserer inneren Welt (Grandpierre, 1998). Die schöpferische Kraft entfaltet sich dann am besten, wenn diese drei Erkenntnisbereiche optimal aufeinander abgestimmt sind und in wechselseitiger Inspiration zu den Wurzeln der Probleme und ihrer Lösungen vordringen. Insofern gründet letztlich auch die Logik in der tiefsten Quelle unserer Schöpferkraft, in der uns eigenen Welt der Gefühle. Ziel unserer Untersuchung ist, anstelle der künstlichen Vorstellung eines "materiellen Universums" das reale, wahrhaftig existierende Universum zu ergründen, das Universum als Ganzes. Dies spiegelt sich in der Ergründung unseres Bewusstseins, unserer inneren Welt als Ganzer. Insofern sind nicht nur unsere Gedanken Phänomene, die außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums liegen (siehe Hagia Chora Nr. 9), vielmehr sind auch unsere Ahnungen und Gefühle keinesfalls Elemente der materiellen, an Raum und Zeit gebundenen Welt. Ist aber auch, wie wir gesehen haben, die vormaterielle Welt von gedanklicher, logischer Natur, dann steht diese - in Analogie zur Gefühls- und Gedankenwelt - auf der ideellen Seite der zwischen Materie und Nicht-Materie polarisierten Welt. Die Untersuchung drängt sich daher auf, welchen Beitrag die Gefühle zur Erschaffung der Welt und zur Entfaltung der lebendigen Vielfalt des Universums leisten. Der Materialismus kennt kein "real existierendes Gefühl". Das Studium der Emotionen wird im materialistischen Paradigma der exakten Wissenschaften für so unwissenschaftlich gehalten wie die Erforschung von Mythen oder Volksmärchen. In der materialistischen Philosophie sind das Gefühl genauso wie das Denken lediglich Nebeneffekte der als real existierend angesehenen Materie. Der Reduktionismus geht aber immer in die Irre, wenn er seinem ursprünglichen Motiv untreu wird, nämlich die arché, die primordialen Prinzipien zu finden. Werthaltige Grundlage eines konsequenten Reduktionismus kann nur ein universelles Prinzip sein, und dieses wird gewiss nicht von einem leblosen Materialismus repräsentiert. Solange der Reduktionismus allein nach den fundamentalen Partikeln statt nach den fundamentalen Prinzipien sucht, diskreditiert er sich als Wissenschaft selbst. Der Reduktionismus könnte höchstens dann als wissenschaftlich gelten, wenn es ihm gelänge, durch die Erforschung der ganzen Bandbreite möglicher Prinzipien des Kosmos - einschließlich des Prinzips des Lebens und des Bewusstseins - das universale Grundgesetz des Universums zu finden.

Die Welt der Gefühle

Wenn das Universum als Ganzes von ideeller Natur ist, dann sollte es wie unser Bewusstsein empfindlich und empfänglich auch für Faktoren sein, die nicht von rein abstrakter logischer Natur, sondern in die Welt unserer Gefühle eingebettet sind. Selbstverständlich haben auch Emotionen ihre Logik - und die weist unter natürlichen Bedingungen in die gleiche Richtung wie das in Worten ausdrückbare Denken. Die Gefühle entspringen zum größten Teil aus unseren unmittelbaren, natürlichen Beziehungen. Es gibt offenbar eine organisierende Kraft in unserem Organismus, welche unsere Beziehungen in Abhängigkeit von den äußeren Verhältnissen unmittelbar und zunächst frei von bewusster Kontrolle in einem Gefühl zusammenfasst. Insofern sind Gefühle die in unserer inneren Welt destillierten Konzentrate der Wechselwirkung von Innen und Außen. Ist es überhaupt möglich, einen so erhabenen Begriff wie das Universum jener derart über die logische Objektivität hinaus gehenden, ja sogar zu absoluter Subjektivität hingerissenen, als unsicher und unzuverlässig verschrienen Welt der Gefühle auszusetzen? Weshalb sollten wir dieses herrliche, grandiose, gravitätische und beeindruckende Universum herabwürdigen und es mit einer derart unzulänglichen und dubiosen Sache wie den Emotionen in Zusammenhang zu bringen? Verwirrt und entwertet dies nicht unser Konzept des Universums? Wie kann die stabilste Größe, das materielle Universum, auch nur vorsichtig in einem Atemzug mit den menschlichen Gefühlen genannt werden, die doch das Ungewisseste sind, was wir kennen?

Der Kosmos, die Liebe und die Fernwirkung

Die Geisteshaltung der heutigen Zivilisation ist unter den üblen Zauber einer inhumanen und demoralisierenden materialistischen Wissenschaft und Technik geraten. Kein Wunder, dass eine zunehmend zerfallende, materialistische Kultur des Diesseits die Rolle und Wichtigkeit der Gefühle in der Gesellschaft und insbesondere in dem für ganz und gar stofflich erklärten Universum zu leugnen versucht. Demgegenüber haben meine Untersuchungen gezeigt, dass die menschlichen Gefühle und der Bereich des Fühlens generell die wichtigsten Komponenten des gemeinsamen, für die menschlichen Gesellschaften zentralen Bewusstseinsfeldes bilden (Grandpierre, 1995a; 1997). Können wir die spirituelle Natur des Universums nachweisen? Betrachten wir dazu die Naturreligionen: Welche Rolle spielen das Universum und die Sternenwelt in der Kulturgeschichte der Menschheit? Für alle Naturreligionen ist das gestirnte Firmament, der Himmel die Heimat der schönsten Gefühle, wohin die großartigsten und zeitlosen Emotionen unserer Seele gehören. Wenn wir das Glück unseres Lebens spüren, sagen wir auch noch im 21. Jahrhundert, "ich fühle mich wie im Himmel". Und nicht von ungefähr schenken auch moderne Verliebte im Rausch ihrer höchsten Gefühle sich gegenseitig einen Stern. Warum tun sie das, was kann denn dieser Stern für sie tun? Wer weiß es nicht: man fühlt die ewig währende Schönheit der Liebe im Stern erstrahlen und von ihm geschützt. Muss aber dazu der Stern nicht für die Liebesgefühle empfänglich sein, sie in sein glitzerndes Funkeln aufnehmen, sie in die Unvergänglichkeit führen, damit sie weiter leuchten, auch wenn das irdische Liebespaar schon lange dahingeschieden ist? Der Liebesstern verbindet die vorübergehend getrennten Liebenden und versichert sie der Unvergänglichkeit ihrer Gefühle, der zauberhaften Erfüllung ihres Glücks. Weitere Beweise finden wir in der indigenen Dichtung. Auch in Europa betrachtete früher ein Mensch auf dem Lande den Sternenhimmel mit anderen Augen als ein oberflächlicher Materialist von heute, dessen Hirn und Sehorgane durch entfremdendes Wissen abgestumpft sind. In einer Volksdichtung meiner Heimat weist das Leuchten der Sterne dem armen Burschen den Weg. Welchen Weg aber - etwa den nachtdunklen Weg durch den Wald, damit er nach Hause finde? Nein, hier geht es nicht um einen irdischen Weg. Die Sterne im folgenden Kleinod ungarischer Volkskunst weisen vielmehr einen Weg durch die Welt der Gefühle hin zur Geliebten:

Sterne, Sterne, leuchtet hell,
Zeigt dem armen Kerl den Weg.
Dem armen Burschen weist den Weg:
Kein Mädchen kann er finden,
Das seiner Geliebten gleicht.


Was fühlte, was sah der Mensch in alter Zeit, wenn er die Welt der Sterne betrachtete? Ein anderes Meisterstück alt-ungarischer Volksdichtung, ein Wiegenlied, schenkt uns Einblick in die Geheimnisse des Himmelreichs:

Ich bin vor meine Tür gegangen,
Habe in den großen, hohen Himmel geschaut.
Es geht hier um die Anderswelt, die ganz real direkt vor unserer Nase liegt; mehr noch: wir riechen förmlich das untere Ende der Anderswelt von hier aus, von der Erde aus, wir sind ja selbst mitten in der Anderswelt zuhause!
Ich bin vor meine Tür gegangen,
Habe in den großen, hohen Himmel geschaut.
Ich sah: das Himmelstor stand offen.
Ich sah: das Himmelstor stand offen.
Ich sah: das Himmelstor stand offen.
Die dreimalige Wiederholung betont, dass die Mutter wirklich etwas geschaut hat, das sich ihr offenbarte:
Darin sah ich die Tür in den Himmel.
Im Himmel sah ich ein rundes Schemelchen,
Darauf schaukelte eine Wiege.
Neben der Wiege unsere selige Jungfrau Maria,
Sie schaukelte sie mit ihren Beinen.
Aus ihrem Mund blies sie sanft über die Wiege:
Schlaf jetzt ein, du Gotteslamm,
Nur aus Liebe bist du auf die Welt gekommen.


Worum geht es hier? Was für eine Wiege schaukelt im Himmel? Welches Baby ist auf die Welt gekommen? Dieses Schlaflied singt eine irdische Mutter ihrem leibhaftigen Säugling vor. Die junge Mutter ist in ähnlich inniger Liebe mit ihrem Kind verbunden wie die Verliebten mit dem Himmelreich, der Sternenwelt; die gleiche innige Zuneigung, das gleiche Erlebnis, eines geht aus dem anderen hervor. Die Natur und Qualität der innigen Zuneigung, die existenzielle Verbundenheit zwischen der Sternenwelt und unserem inneren Wesen gleicht der Verbindung zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Dort ist es die Ikone der heiligen Mutterschaft, die Jungfrau Maria selbst, die das Neugeborene hinterm Himmelstor, in der Sternenwelt wiegt, und während sie ihr irdisches Kindlein schaukelt, erkennt die junge Mutter, dass es aus wahrer, "himmlischer" Liebe zu ihr auf die Erde gekommen ist. Wir empfinden reine Liebe so, als wäre sie vom Himmel gekommen, weil sie den ganzen Himmel ausfüllt, das gesamte Universum durchdringt, so wie das Universum alles durchdringt, was es enthält — mit Ausnahme derjenigen, die sich bewusst daraus ausschließen. Die Welt der Sterne und die Welt der Gefühle berühren einander unmittelbar. Wie sich der Säugling in den Schlaf hüllt und aus der einen Welt in die andere, die himmlische hinübergleitet, so gehen die Sternenwelt und die Welt der Gefühle ineinander über und tauschen miteinander Ideen der vorbegrifflichen Welt aus.

Sterne sind keine Gaskugeln

Dieses natürliche, vertraute Wissen wurde von der abständigen Art des modernen "Wissens" verdrängt, welches das intime Bild, das wir von den Sternen haben (Drössler, 1976) durch eine Welt von aufgeblähten Gaskugeln ersetzte. Was der Wissenschaftler heute sieht, ist so ein verschwommener Fleck auf einem Bildschirm, die Ablichtung von einem aufgeblasenen Gasball, und alles was man darüber wissen muss, ist, dass der Druck zum Mittelpunkt hin ansteigt und so fort. Aber die Liebe existiert auch in der heutigen Kultur, und die Liebenden spüren nach wie vor den Durchgang, die Bande, die sie in der Tiefe der Seele mit der himmlischen Welt verbinden. Im natürlichen Weltbild ist das Himmelreich zugleich das Zuhause unserer Seele, die Anderswelt, in die unsere Seele nach dem Erdendasein zurückfindet. Die Anderswelt liegt direkt hier vor unseren Augen, sie ist kein "weltfernes", abstraktes, mystisches Etwas, sondern das Wirklichste von allem. Wie sonst würde die Mutter zu ihrem Kind, der Liebende zur Geliebten sagen, "mein Stern", wenn sie nicht dieselbe Liebe zur himmlischen Repräsentanz ihres irdischen Glücks hegten? Naturreligion und Volksdichtung sind jedoch beileibe nicht die einzigen Gebiete, die uns bei der Klärung dieser Fragen helfen können. In ihrer Untersuchung des Beziehungsgefüges von Theologie, Kosmologie und Moral kamen Murphy und Ellis (1996) zu dem Schluss, dass das Universum von moralischer Natur sein müsse. Die Kosmogonie, die Wissenschaft von den Anfängen, ist auch Grundlage der moralischen Weltordnung (Lovin & Reynolds, 1985). Diese Erkenntnis fällt unter anderem zusammen mit dem Leitsatz des ursprünglichen Zoroastrismus (z.B. Hinnels, 1985) und der diesem vorausgehenden magischen Kulte (Diogenes Laertius, 1959; Grandpierre, 2001b, c). Die kosmische Funktion, die Materie schaffende und Form bildende Kraft des gemeinsamen Bewusstseinsfeldes, wird gerade durch dessen außerordentlich hohe Abstimmung und Kohärenz freigesetzt (Grandpierre 2001). Ja sogar die so genannte exakte Wissenschaft selbst bietet bei entsprechend methodologischem Vorgehen einen Weg, die lebendige Natur des Universums zu erkennen. In meiner astronomischen Forschungsarbeit versuchte ich die ultrasensiblen Abläufe im Kosmos hinsichtlich der Fernwirkung zu studieren (Grandpierre 1999a; 1999b). Eine unvoreingenommene Untersuchung der Sternenwelt enthüllt bemerkenswerte Phänomene des Lebens. So besteht ein substanzieller Unterschied zwischen lebenden und leblosen Systemen darin, dass das Verhalten lebloser Systeme von äußeren Einwirkungen gesteuert wird, während lebende zu einer perspektivisch sichtbar werdenden, regelmäßigen und eigentümlichen Selbsttätigkeit fähig sind. Nun ist es eine grundlegende Eigenschaft der Himmelskörper, ständig selbsttätig zu sein, während physikalische Gegenstände entweder überhaupt nicht oder nur von Fall zu Fall (z.B. "spontane" Rekombination) dazu in der Lage sind. Denken wir an die Entstehung irdischer Gebirge, das Wetter, an Vulkanaktivität oder an die Sonnenaktivität. Letztere bietet ein Beispiel der kosmischen Selbsttätigkeit: Meine Studien lieferten starke Argumente dafür, dass die nukleare Energieproduktion der Sonne unter anderem in einer äußerst sensiblen und selbstregulierten Beziehung zur Konstellation und den Gezeitenwirkungen der Planeten steht (Grandpierre 1996b). Die Sonne kann als ultrasensibles, offenes System gelten, welches das wichtigste Lebensphänomen, die Stimulierbarkeit aufweist. Eine neue wissenschaftliche Sicht scheint möglich, die analog zur Sonne auch die Sterne, Galaxien und das Universum als Ganzes als lebendige Systeme betrachtet (Grandpierre 1988; Hoyle 1983). Die Wechselwirkung, die dem Universum als Ganzes seine Lebendigkeit verleiht, kann mit Hilfe der direkten, zeitfreien Fernwirkung sowie der Skalar-Räume mit Masse 0 und Spin 0 beschrieben werden (Grandpierre, 1999c).

Die Physik der Bewusstseinsevolution

Die Entwicklung des Bewusstseins widerspricht den heute anerkannten Evolutionstheorien, die das Ganze aus seinen Teilen aufbauen wollen. In Wirklichkeit begann die Evolution mit dem Ganzen und differenzierte sich schrittweise zu den Teilen, und zwar aus einer Gestalt jenseits von Ausdehnung und Zeit (vgl. die Konzepte der impliziten Ordnung, des Superraums und der Subuniversen von D. Bohm, J.A. Wheeler und K. Sharpe) zu Galaxien, zum Sonnensystem und unserer Erde, vom Auftauchen der Biosphäre und der Menschheit, von der Ausbildung immer kleinerer Untersysteme des Bewusstseins bis zur Bildung menschlicher Individualität. Es entstanden "Kosmologien der Ganzheit" (Laszlo, 1993). Die gesamte kosmische Entwicklung bringt in ihren Systemen immer neue Untersysteme hervor; die Evolution beginnt mit "Ganzheiten", "Elemente" entwickeln sich erst später. Jedes System entspringt als Untersystem aus einem größeren, umfassenden Ganzen (Grandpierre, 1995a). Es ist bezeichnend für das "wissenschaftliche" Denken, dass sich selbst eine der wichtigsten Grundlagenforschungen der letzten Jahrzehnte, die sich mit der vor-raumzeitlichen Welt befasst, das letztendlich Existierende in rein materialistischer Sicht als "Teilchen" und "Elementen" anstatt als Subjektivität und ultimative Prinzipien vorstellt. Wheeler (1980; 1990a, b) schlägt beispielsweise vor, sich den Aufbau des Vor-Raums "aus einer endlichen Zahl von Punkten und einem Beziehungssystem zwischen diesen" zu denken. Mit Hilfe der endlichen Mathematik kann eine theoretische Physik von mehr als den bekannten vier Dimensionen ersonnen werden, und diese "höheren" Dimensionen sollen in einem bemerkenswerten mathematischen Verhältnis zu "veränderten Bewusstseinszuständen" stehen (Saniga, 2000). Wolf (1998) stellte fest, dass die Wechselwirkung des lokalen Systems der Teilchen und der die Umgebung vertretenden nicht-lokalen Modi notwendigerweise eine Zweiseitigkeit bildet. Recami (1990) meint, dass "am Anfang die Idee der Raumzeit nicht existierte, die ursprünglichen Einheiten waren einzelne Teilchen, und nach Quanten-Korrelationen und thermischer Ausgleichung wurde der Minkowski-Raum geboren". Alle diese Theorien erscheinen für die Vereinigung von Gravitation und Quantenmechanik notwendig, womit dann die vereinheitlichte Physik der Zukunft das Reich des Materialismus auch auf die höheren Dimensionen ausgedehnt hätte. Das Universum als Ganzes steht jedoch, wie gezeigt, außerhalb jeglicher Raumzeit. Nach der Definition von Descartes ist Raumzeit ein Merkmal der materiellen Welt. Die Daseinsweise außerhalb der materiellen Welt ist die prinzipielle. Solange die Wissenschaft die prinzipiellen Beziehungen nicht findet, sie nicht erkennt, bleibt sie Gefangene des Materialismus und Ursache der verzerrten Ansichten unserer Gesellschaften. Die Kette der Existierenden entwickelt sich vom Ganzen, das die Einheit der Ur-Prinzipien in sich trägt, in Richtung des Teils, und dieser wirkt wieder auf das Ganze zurück. Die Organisation des Teilsystems wird von dem Schöpfersystem hervorgebracht, indem es sich selbst dabei umwandelt, gewissermaßen zu seinem neu zu schaffenden Untersystem wird: das Ganze wird in den Teil transformiert. Diese global-lokale Transformation ist die notwendige Voraussetzung für die Zeugung des neuen Systems. So war also das Universum selbst im gesamten Prozess seiner Geburt und Differenzierung die treibende Kraft und transformierte sich stetig vom größten bis zum allerkleinsten Subsystem. Gleichzeitig entfaltet sich die Evolution zu immer größerer Komplexität, was nicht nur immer komplexere Untersysteme zur Folge hat, sondern auch in einem zunehmend differenzierten Bewusstsein gipfelt. Ervin Laszlo bemerkt: "Die Evolution [wirkt] auf die Spezies und Populationen und nicht nur - und noch nicht einmal in erster Linie - auf die individuelle Reproduktion. Individuelle Variationen leisten keinen großen Beitrag zum Zustandekommen der neuen Spezies" (Laszlo 1995). Die Entwicklung der Untersysteme wirkt aber zugleich über das gemeinsame Organisationsprinzip auf das elterliche, umfassendere Ganze zurück. Wie die Geschichte zeigt, haben die westlichen Gesellschaften die Seite der wachsenden Komplexität, die Spezialisierung des einzelnen Menschen zu Lasten umfassender Perspektiven und kosmischer Gesetze bevorzugt, wodurch der Einzelne seinen Ort in der kollektiven Ordnung immer weniger erkennt und seine Beziehung zu den umfassenderen Existenzebenen zunehmend verloren geht.

Die drei grundlegenden Instinkte

Drei grundlegende Instinkte treiben die menschliche Entwicklung an: erstens der Lebensinstinkt, der unser eigenes Leben aufrechterhält, und zweitens der Arterhaltungsinstinkt, der unsere Spezies nicht aussterben lässt. Uns treibt jedoch auch eine natürliche Begierde, nämlich die, alles zu durchleben, alles zu wissen, unser Leben mit Sinn zu erfüllen, uns mit dem Universum zu verbinden, teilzuhaben an der Triebkraft der kosmischen Entfaltung. Diese dritte Kraft, die in uns allen gegenwärtig ist und die wir lange Zeit ignoriert haben, bezeichne ich als Weltinstinkt, dessen Aufgabe in der Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen des Universums besteht. Der Weltinstinkt ist analog der Aufrechterhaltung des Lebens und der Spezies ein Instinkt, weil er bei den meisten gesunden Menschen auftritt und diese wieder und wieder zwingt, die Gestaltung unseres Lebens als Ganzes zu verfolgen. Dieser Weltinstinkt ist Grundlage der beiden anderen, wie auch die Existenz der Welt Basis für die Existenz unserer Art und unserer Person ist. Der Weltinstinkt umfasst die Vorstellungskraft, die Intuition, die Neugierde, die Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben, nach Teilhabe an kraftvollen und lebendigen Gemeinschaften, die ihrerseits in der Lage sind, an der Entfaltung der umfassenderen Einheiten, der Natur und des Universums teilzunehmen (Grandpierre, 1991). Seine Wurzeln reichen somit in die Welt der ursprünglichen Wahrnehmung. Wollen wir den Weg der kosmischen Entwicklung nicht für immer verlassen, so sollten wir mit Hilfe des Weltinstinkts den Weg zur Wiederentdeckung unseres natürlichen Wesens, unserer beinahe verlorenen Kräfte, welche die allumfassende kosmische Entwicklung in unseren Genen und in unserer Grundkonstitution hinterlegt hat, wiederfinden. Leider wissen wir nicht, wie weit wir von der ursprünglichen Richtung des Weltinstinkts abgetrieben sind. Wenn wir die menschliche Gemeinschaft in eine integrale Kultur führen wollen, in der jedes Individuum den Sinn seines Handelns und Lebens erkennt, einen Sinn, der eine tiefe, lebenserfüllende Befriedigung schenkt, dann müssen wir weiter nach der Antwort auf die Bestimmung der Menschheit und des Universums suchen. Kaum eine andere Aufgabe kann uns allen eine größere gemeinsame Perspektive geben. Dazu müssen wir die alles umschließende, lebendige Natur der Biosphäre erkennen, die wir beginnen, als Super-Organismus mit einem natürlichen kollektiven Bewusstsein zu verstehen.

Der Ursprung des Bewusstseins

Die Psychologie lehrt, dass ein lebendiges Bewusstsein von emotionalen Antrieben erfüllt ist. Wenn das Bewusstsein mit Hilfe elektromagnetischer (EM) Felder arbeitet, dann ruft es bei jeder Bewegung Änderungen in seinem EM-Feld und durch die Interaktion mit anderen EM-Feldern auch in diesen hervor. Es handelt sich somit um eine EM-Induktion, die durch Überlagerung der beiden interaktiven EM-Felder eine insgesamt höhere Aktivität generiert. In Wechselwirkung stehende EM-Felder erzeugen durch ihre Aktivitäten ein Tochterfeld, was, physikalisch betrachtet, die Grundlage für das so genannte Gruppenbewusstein sein könnte. Ich habe vorgeschlagen, diese Induktionswirkung als physikalische Grundlage der so genannten sozialen Leistungssteigerung (Social facilitation, Atkinson et al., 1993) anzunehmen. Dieses Fachwort bezeichnet die Beobachtung, dass Personen in Gemeinschaft in der Regel bessere und größere Leistungen erbringen als allein, und zwar aufgrund einer sozialen Wechselwirkung, unabhängig davon, ob diese bewusst ist. Das Bewusstsein entwickelt sich mit der Weitergabe von Gefühlen in Form einer "emotionalen Infektion", die vor allem bei Kindern zu beobachten ist, die aber auch bei der Gemeinschaftsbildung, bei gemeinsamen Festen oder Zeremonien eine zentrale Rolle spielt. "Am Anfang der Evolution existierte - im Gegensatz zur traditionellen Annahme - ein ungeteilter Zustand, in dem Inneres und Äußeres nicht getrennt waren" (Wallon 1946). Die Neigung zur Interaktion entspringt aus der Natur der Emotionen, aus ihrer Wechselseitigkeit und ihrer Feld-Eigenschaft, die auch Grundlage des in der Psychologie bekannten Phänomens der Übertragung (Transferenz) sind, wobei ein subjektiver Inhalt auf ein Objekt - in der Regel der wechselwirkende Partner - projiziert wird. Dieser gewissermaßen epidemische Charakter der Emotionen ist nicht nur die Grundlage für die schöpferische Arbeit in der Gemeinschaft, sondern auch für Massenpsychosen, bei denen das Individualbewusstsein von einem einzigen Kollektivbewusstsein aufgesogen wird. Die psychologische Forschung zeigt, dass zerstreute, sich zunehmend verselbständigende, abgespaltene Bewusstseinseinheiten sich wieder vereinen, wenn sie entsprechend emotional aufgeladen werden. Positive Gefühle verbessern die Leistung des Neocortex (Völgyesi, 1962). Daher kann dem Bewusstsein nicht volle Entwicklung und Gesundheit attestiert werden, wenn der Forschungstrieb, der allgemeine Aktivitätstrieb, die emotionale Motivation und die Bedürfnisse passiv bleiben und aus dem Beziehungsgefüge des wachen Bewusstseins herausfallen.

Das gemeinsame Bewusstseinsfeld

Emile Durkheim (1858-1917) wies als Erster das Vorhandensein kollektiver psychischer Felder nach. Er zeigte, dass ein gemeinsames Bewusstseinsfeld in erster Linie von moralischer Natur ist und das gleiche Maß an Realität besitzt wie physikalische Kraftfelder, da es eindeutig messbar ist (durch soziale Indizes) und seine Beziehungen und Auswirkungen eine ähnlich hohe Stabilität aufweisen (Durkheim 1899/1960). So konnte er die Existenz des kollektiven psychischen Feldes eines Landes beispielsweise anhand der jeweils typischen Selbstmordrate indirekt beweisen. Durkheim entdeckte, dass die Gesamtzahl der Suizide einer Gesellschaft bemerkenswert stabil bleibt, obwohl die Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, ständig wechseln. Die Suizidraten der einzelnen Nationen unterscheiden sich erheblich; sie hängen offenbar mit moralischen Faktoren zusammen. Überhaupt ist Moral an sich eine Kollektiverscheinung, und das kollektive psychische Feld ist Ausdruck der Wertesysteme aller Individuen, sozusagen eine Art konzertierter Gehirnaktion, die von unseren gemeinsamen Charaktereigenschaften getragen wird, die sich in sozialen Indices beschreiben lassen. Nach Durkheim folgt die "Suizid-Aktivität" einer Gesellschaft einem jahreszeitlichen Rhythmus: Sie steigt von Januar bis Juli an, um dann abzusinken. Die Suizidrate Verheirateter korreliert durch alle sozialen Schichten hindurch mit der Zahl der Verwitweten der jeweils gleichen Schicht. Daraus schloss Durkheim, dass die (mentalen und emotionalen) Spielregeln der betreffenden Gesellschaft für die Höhe ihrer Selbstmordrate verantwortlich sind, diese also nicht von der sozialen Zugehörigkeit des Einzelnen abhängt. Welche Bedeutung haben nun diese Beobachtungen für unsere Überlegungen? Moralische Bewertungen sind eng mit Emotionen verknüpft. Das eben legt den Schluss nahe, dass das kollektive Bewusstseinsfeld auf Emotionen, auf unserer Gefühlswelt beruht. Gefühle werden in der westlichen Erkenntnistheorie und Neurophysiologie oftmals außer Acht gelassen. Es scheint, als sei in der heutigen Wissenschaftsgemeinschaft die Trennung von Gefühl und Intellekt eine fast apodiktische Notwendigkeit. Tatsächlich aber hängen Gedanken und Emotionen so eng zusammen, dass man die Gedanken als Manifestationen der Gefühle betrachten könnte. Anders gesagt: Denken und Fühlen sind zwei Stadien ein und desselben Prozesses. Unser Gehirn ist ein Verbund von etwa 40 Milliarden Nervenzellen. Aus dieser kosmischen Anzahl von Neuronen können nur 10 bis 15 Millionen gleichzeitig stimuliert werden. Die für einen solchen Reiz benötigte Zeit beträgt eine Tausendstel Sekunde, das heißt, unser Gehirn kann in einer Sekunde etwa 10 Milliarden Nervenzellen aktivieren. Dieser Wert stimmt mit der derzeit (nur als Schätzung) vorliegenden Verarbeitungsgeschwindigkeit von und zu den Sinnesorganen gesendeter Informationen überein. Während also das gesamte Gehirn in einer Sekunde Informationen im Volumen von rund 10 Milliarden Bits verarbeitet, bewältigt der mit dem (denkenden) Bewusstsein verbundene Bereich im gleichen Zeitraum nur 100 Bits (Drischel 1972; Scheffer 1994)!

Die Emotionen stützen die Bewusstwerdung

Aufgabe der Emotionen im kollektiven Bewusstseinsfeld ist, dem Prozess des Bewusstwerdens des noch Unbewussten, der notwendigerweise eine Selektion bedeutet, eine gewisse Konstanz zu verleihen. Das bewusste Gehirnareal muss eben die wichtigsten 100 Bits bekommen, und dazu braucht es in unserem Denkapparat eine umfassende - selbst unbewusste, aber vom Bewusstsein modifizierbare - "Datenverarbeitungszentrale", die das Informationsangebot gemäß den Kriterien des Bewusstseins auswertet. Stimmt diese Annahme, dann entzieht die Blockierung der Emotionen dem Selbstbewusstsein jegliche Basis. Lassen wir aber unseren Gefühlen den nötigen Raum, heißt das noch lange nicht, unfähig zur Kritik zu sein, denn die Grundlage der Hirnaktivität besteht ja gerade darin, sich einen Überblick über die Informationen zu verschaffen, sie nach ihrer Bedeutung zu bewerten und auszuwählen, also sie für die Verarbeitung durch das Bewusstsein aufzubereiten. Die Separierung von Emotionen und Denken führt zu manipulierbarem, von außen dirigiertem Nach-Denken und zu ebensolcher Lebensführung. Ein solches Denken verliert die unmittelbare, originäre, persönliche Bindung zur Schöpferkraft und macht den Erkenntnisprozess mechanisch und oberflächlich. Der Anteil der nicht an der Hirntätigkeit beteiligten Nervenzellen zu den aktiven beträgt 4000:1. Kein anderer Teil unseres Organismus arbeitet mit einem derart niedrigen Nutzungsgrad. So liegt z.B. die Elektroaktivität des Herzens beim 40- bis 60-fachen der des Gehirns (Rein 1995). "Unser Hirn funktioniert wie ein Dipol. Lassen die eigenen Signale des Hirns nach, z.B. infolge von Stress, dann setzen die Zellen unseres Organismus ihre Tätigkeit auf Grund falscher Signale fort" (Oldfield, Coghill 1988). Die Medizin weiß, dass eine abnormal niedrige Hirntätigkeit eine Reihe von Krankheiten auslöst. Die Hirnaktivität wiederum hängt überwiegend von der Intensität des Gefühlslebens ab. Das Gefühl von etwas Wichtigem verstärkt unsere Hirntätigkeit. Spüren wir also die ursprüngliche, eingeborene Bedeutung unseres Lebens in ihrem ganzen Umfang, die vor uns selbst, unserer Gesellschaft, ja vor der ganzen Menschheit stehenden Aufgaben, kann unser Gehirn brachliegende Fähigkeiten zurückerobern, können wir vielleicht in viertausendfachem Maß unser wahres, eingeborenes Leben leben. Gemessen an dem vollständigen Potenzial ist unsere jetzige Hirnaktivität nur ein blasser Schatten, ist das Hirn Gefangener einer naturwidrigen, Scheuklappen tragenden Weltsicht. Da die Unterfunktion unseres Gehirns zur Selbstvernichtung des Organismus durch seelische und körperliche Gebrechen führt, dürfen wir unsere Gefühle nicht aus der Mitte des Denkens in die streng bewachten Randgebiete verbannen. Das Bewusstseinsniveau der Menschheit kann ohne die allgemeine Steigerung der Hirntätigkeit schwerlich angehoben werden, und dabei kommt unseren Emotionen erneut eine wichtige Rolle zu.

Die Bedeutung primärer Wahrnehmung

Was ich "primäre Wahrnehmung" nenne, bedeutet eine in der vormateriellen Welt ablaufende Wahrnehmung, die schneller ist als das Licht. In einem anderen Wissenschaftszweig fand ich den gleichen Begriff: In der Psychologie wird mit primärer Wahrnehmung unter anderem die kindliche Wahrnehmung außerhalb der Sinnesorgane bezeichnet (Pearce 1977). Eloise Shields beweist, dass die telepathischen Fähigkeiten im Alter von vier Jahren ihren Höhepunkt erreichen; meist werden die Eltern dann auf diese Aktivität aufmerksam, und die Fähigkeit verschwindet (Peterson 1974, zitiert von Pearce 1977). Der Begriff der primären Wahrnehmung ist auch in elektromagnetischem Zusammenhang aufgetaucht, nämlich zur Bezeichnung der pflanzlichen Wahrnehmung mit Hilfe von EM-Räumen (Backster 1968). Die Wahrnehmung außerhalb der Sinnesorgane war auch in alten Kulturen bekannt, wie z.B. die Fähigkeit des látás, des "Sehens" in der magischen Weltwahrnehmung der alten Ungarn (Vekerdy 1974). Das "vereinigte Bewusstsein" stellt eine höhere Manifestierung des menschlichen Seins dar. Es ist in der Lage, eine neue gesellschaftliche Epoche zu eröffnen, wie es z.B. der Beginn der Naturwissenschaft im klassischen Griechenland oder die Zeit der Renaissance in Europa waren oder wie es heute womöglich der Übergang zu einer integralen Kultur sein kann. Soll die Menschheit auf ein höher entwickeltes Bewusstseinsniveau gelangen, dürfen wir die emotionalen Triebkräfte, deren in natürliche, unmanipulierte Richtung weisende, unterstützende und auf Entfaltung gerichtete Kompetenz dem Bewusstsein nicht vorenthalten. Je mehr sich das Bewusstsein mit menschlichen, kollektiven, natürlichen, kosmischen Bewegungskräften auflädt, mit Zuneigung, Tatendrang, dem Wunsch nach Erfüllung seiner Bestimmung, um so mehr öffnet es sich, um so aktiver, effizienter, lebenserfüllter wird es. Nur wenn das Bewusstsein sein eigenes natürliches Betätigungsfeld erkennt, die gesellschaftlichen Kräfte fundamental durchleuchtet