Kunst der Wandlung

Der Ruf der Masken

von Reinhard Winkler erschienen in Hagia Chora 11/2001

Masken gehören zur Sphäre zwischen den Welten. Die Götter tragen Masken - unzählige der Göttinnenfiguren des alten Europas tragen eine Vogel-Maske. Es kostet Mut, ein Traumwesen anzublicken, das eine Maske trägt, denn es zeigt ein Stück Wirklichkeit.

Ein Mann, schwarzgekleidet, auf einer Straße, eine Gesichtsmaske aufgesetzt. Minimale Bewegung, wie zeitlos. Ich als Zuschauer bin ganz wach und fasziniert. In mir entstehen Bilder, Assoziationen, Geschichten. Ich kann mich kaum von dem Spiel der Maske lösen, so sehr beeindruckt es mich. Ich gehe nach Hause, hole Töpferton aus dem Keller und fange an, Masken in Ton zu formen und mit Pappmaché als eine leichte Papierhaut zu kaschieren. Dies war ein Ereignis aus dem Jahr 1973 und gab meinem Leben eine neue Richtung. Die Masken rufen, und ich folge diesem Ruf, ohne zu wissen, wohin er mich führt. Einmal gebaut, locken Masken zum Spiel. Theaterspiel - Musik dazu. Sprache ist während des Spielens nicht wichtig. Erst nach dem Spiel, in der Reflexion mit den Zuschauern, gewinnt sie Bedeutung. Die Sprache der Maske ist die Körpersprache des Maskenträgers, die das Thema der Maske sichtbar macht. Meine Ausbildung zum Gestalttherapeuten, die in die Zeit dieser Begegnung fällt, gab mir erstes Handwerkszeug, die imaginale Aussage der Masken zu verstehen. Der Diakon mit künstlerischen Interessen, der ich gewesen war, verwandelte sich in einen Psychotherapeuten der Maskentherapie. Ich begann über Masken, ihre Mythen und ihre Rituale zu forschen. Was ich über den traditionellen Umgang mit Masken in den Alpen, in Bali oder in Ladakh in Erfahrung bringen konnte, inspirierte mich, einen Prozess von Übergangsritualen mit Masken für die heutige Zeit zu entwickeln. Masken kommen ursprünglich aus dem Tempel. Ich lasse Masken auf einer Bühne spielen, die in ihrem symbolischen Aufbau die Kosmologie eines Tempels nachvollzieht. Die gerichtete und damit geordnete Struktur des Maskentempels macht es möglich, Maskenspiele im Sinne einer Erweiterung des Bewusstseins zu analysieren: Durch die unterschiedlichen Sichtweisen von Spielern und Zuschauern werden unterbewusste und unbewusste Motive in die Wahrnehmung einbezogen. Spielregeln schützen diesen Raum des Benennens, so dass niemand durch die Projektionsvielfalt verletzt wird. Interessanterweise fühlen Masken sich in Kirchen sehr wohl.

Hier können Sie einen neuen Kommentar zu diesem Artikel verfassen





Bitte lösen Sie die untenstehende Rechenaufgabe und tragen Sie das richtige Ergebnis ein. Sie helfen damit, den Missbrauch dieses Online-Formulars und Spam zu verhindern. Herzlichen Dank.

eins plus eins =