Das Loch in der Realität (Teil 2)

von Jochen Kirchhoff erschienen in Hagia Chora 11/2001

Ist es nicht eine alte, sattsam bekannte Geschichte? Du (ja, genau du) erlebst etwas Grundstürzendes, das dir die Seele aufreißt und umpflügt und dich hineinschleudert in ein "anderes Bewusstsein"; der "Anderswelt-Himmel", so glaubst du, ja weißt du in diesem Moment, hat sich aufgetan; du siehst, was keiner sieht, -hörst, was keiner hört,- fühlst, was keiner fühlt und - auch das - denkst, was keiner denkt (wenn es ein Denken ist). Irgendwann (wie lange währte es?) tauchst du wieder auf, obwohl du es eher als Abtauchen empfindest, du kommst, erschöpft vielleicht und erschüttert, auf jeden Fall "als ein Anderer", zurück, findest dich, langsam, langsam, wieder ein in die "Normalität", das kollektive Muster, die Übereinkunft der "Vernünftigen", der "Nüchternen", der Angepassten (oder wie immer du sie nennst, die nun unentrinnbar da sind, wieder da sind). Übervoll, reich beschenkt, vielleicht mit neuen Fragen und neuen Antworten, kannst du "es" nicht für dich behalten, - du willst es auch gar nicht. Und nun redest du; du versuchst mitzuteilen, was dir geschah, was dich, wie du fühlst, verändert hat. Du redest "als ein Anderer" (der du wahrscheinlich immer warst, nur du wusstest nichts davon, und auch die Anderen wussten nichts davon, - sie glaubten dich zu kennen, hatten dich eingeordnet und gleichsam handhabbar gemacht). Und nun beginnt das Drama. Zunächst merkst du, anfangs schwächer, dann stärker: die Sprache ist nicht mitgekommen. Du "triffst" nicht das, was du erlebt hast. Du benutzt Bilder, Vergleiche, angelernte Begriffe, machst Anleihen bei der Mystik oder der Poesie (was du gerade kennst und vielleicht auch diejenigen kennen", zu denen du sprichst), oder "stammelst" einfach, lässt es so kommen, wie es eben kommt. Vielleicht auch gelingt es dir, schließlich hast du kluge Bücher über andere Bewusstseinszustände gelesen, einen "Jargon der Distanzierung" zu finden, der es dir selbst und den Anderen leichter macht, dem zu folgen, wovon zu sprichst. Wobei es sein kann, dass dir selbst nicht wohl wird dabei, weil du diese Distanz, die du vorgibst, gar nicht hast oder aufbringen kannst. Vielleicht merken das auch die Anderen. Natürlich haben auch sie viel gelesen, viel gehört, sich in vieles auch schon hineingefühlt, hineinfantasiert gar, und das alles ist ja anwesend, während sie dir zuhören.