Vielfalt ist Bereicherung

von Peter Frank erschienen in Hagia Chora 11/2001

Wenn das "integrale Bewusstsein" die Integration und gleichzeitige Transzendierung der archaischen, magischen, mythischen und mentalen Bewusstseinsstrukturen bedeutet, eröffnet sich eine vieldeutige Welt. Jedes Individuum ist dann fähig, die Welt aus dem Blickwinkel zu betrachten, den es gerade wählt. Ein Haus kann in diesem Fall ein in Raum und Zeit definiertes Objekt sein mit Länge, Breite, Höhe und Alter. Es kann aber auch in einem Analogiesystem betrachtet werden: Körper = Haus - wie sieht es z.B. in meinem Keller aus, und wie sieht es demnach mit meinem Unterbewusstsein aus? Das Haus kann radiästhetisch, nach Feng Shui etc. betrachtet werden. Die Ergebnisse hängen von dem Blickwinkel ab, den ich wähle. In einer solchen Herangehensweise kommt dem persönlichen, subjektiven Anteil in der Wahrnehmung eine größere Bedeutung zu als in der Mainstream-Naturwissenschaft von heute. Eine solche Bedeutungsvielfalt erscheint möglicherweise willkürlich, weil verschiedene Erklärungsmodelle zugelassen sind, wovon jedes ein eigenes Ergebnis hervorbringt. Meines Erachtens kann aber in der integralen Bewusstseinsstruktur kein Modell mehr für sich beanspruchen, das einzig Wahre zu sein. Gibt es denn trotzdem ein Kriterium, das uns hilft, das Wahre herauszufinden? Ich meine ja, und zwar ein sehr sensibles: das Leben selbst. Die Ergebnisse der Herangehensweise kann ich mit folgenden Fragen prüfen: Welche Konsequenzen haben die gewonnenen Erkenntnisse auf mein tägliches Leben? Fördern und entwickeln sie mein ethisches Verhalten, meine Moral, meine Aufmerksamkeit - sprich, werde ich tugendhafter? Sind sie wirksam in Bezug auf ihre Ansprüche etc.?

Integrales Bewusstsein - und dann?

Bei der Frage nach einer integralen Kultur drängt sich mir eine weitere Frage auf. Ist das integrale Bewusstsein der Weisheit letzter Schluss, oder folgen noch weitere Stufen des Bewusstseins? Für mich existieren jedenfalls noch tiefere oder umfassendere Schichten der Bewusstseins, auf deren Erkundungsweg die integrale Stufe eine Art Wendepunkt markiert. Nachdem wir uns kollektiv bisher die Außenwelt durch die verschiedenen Stadien mehr und mehr erschlossen haben, müssen wir, um die nächsten Stufen zu erklimmen, die Erscheinungen loslassen, oder wie Meister Eckehart sagt: ". ledig sein der Kreaturen". Dann beginnt das Zentrum, das im integralen Bewusstsein die verschiedenen Blickwinkel wie von einer Beobachterplattform aus erkennt, sich selbst zu beobachten. Letztlich, und damit scheint es bisher wirklich zu einem Schluss zu kommen, erkennt dieses Zentrum seine Identität mit dem Zentrum Gottes (wenn wir es so nennen wollen). Den Einsichten von Mystikern zufolge hebt sich dann auch die Trennung von Gott und Welt, von Schöpfer und Schöpfung auf. Diese Erfahrung wird zum Motor des sich Einsetzens zum Wohl der Welt, für die Schöpfung.
Die Frage bleibt, wie ich mich im Spiegel eines solchen Weltbildes dem Wohl der Welt widmen kann? Gegenwärtig entwickelt sich eine integrale Kultur, die meines Erachtens diesen Dienst am tiefgründigsten antreten könnte. In der Geomantie sind gute Voraussetzungen gegeben, eine wahrhaft integrale Sicht zu entwickeln: Geologie können wir verstehen als eine Sprache für die materielle Ebene der Erde, Baubiologie im materiellen Bereich beim Bau, Radiästhesie (ein wichtiger Teil davon zumindest) gibt uns Einblicke in die Strahlungsphänomene zwischen Materie und Geist. Vorstellungen anderer Wirklichkeitsbereiche können durch verschiedene Systeme und Herangehensweisen erkannt, berücksichtigt und integriert werden. So erscheint die Welt in der sich etablierenden Geomantie vieldeutig. Oftmals fassen bestimmte Schulen oder Einzelpersonen diese Vieldeutigkeit in das Modell einer Mehrdimensionalität zusammen. Dass sich auch hierin unterschiedliche Konzepte herausbilden, ist systemimmanent. Ich sehe die Vielfalt als Bereicherung und wichtiges Kriterium für den gesamten Lernprozess, den dieser Dialog "Was ist Geomantie?" fördert.