Transparenz und Gleichgewicht

von Peter Friedrich Kettling erschienen in Hagia Chora 11/2001

Geomantie ist das Wahrnehmen (gewahr werden) der Erde und das Wissen um ihre sichtbaren und unsichtbaren Erscheinungen und Qualitäten als charakteristische Ausdrucksformen ihres lebendigen Wesens. Sind Erdstrahlen, Wasseradern, Gitternetze, Drachenlinien, Engelfokusse, Zwerge, Nixen, Salamander, Landschaftsdevas, Landschaftstempel, Genius Loci, Seele des Ortes usw. ein heilendes oder heilloses Wirrwarr geomantischer Begriffe? Und wie tragfähig sind diese Begriffe, um geomantische Erfahrungen zu kommunizieren? Über all meine Bemühungen, im Buch der Natur zu lesen, um eine Rückbesinnung und Verbindung an das Ursprüngliche zu finden (Rückbindung, Religio), treffe ich eine Unterscheidung zwischen dem (religiösen und auch nicht-religiösen) Wissen, das ich selbst durch Erfahrungen gesammelt habe, oder das durch Überlieferungen an mich tradiert wurde. Erfahrung geschieht durch Naturbeobachtung, Meditation, Visionen, innere Stimme, Schicksalsschläge, Selbsterfahrungs-Seminare, Übungen und so fort. Erfahrungen bleiben etwas Persönliches, auch wenn ein zentrales Element in der geomantischen Erfahrung die Verschmelzung mit dem Ganzen ist. Unter Umständen kann eine Erfahrung ein einmaliges Ritual hervorbringen. Die Terminologie, in die Erfahrung gefasst wird, bleibt individuell und vielfältig. Eine traditionelle Übertragungsreligion hingegen ist geprägt von wiederholbaren Ritualen, tradierbaren Konzepten und einer übereinstimmenden Terminologie für Erlebtes. Beide Arten des Religionverständnisses können sehr wohl in meiner Person nebeneinander existieren und sich ergänzen. Beide Arten bereichern mich ebenso, wie sie die Gefahren des Zweifelns, der "richtigen" Interpretation (Auslegung, Missbrauch) und des Missionierungseifers bergen. Auf meinem persönlichen Weg habe ich mich insbesondere zwei Übetragungslinien zugewandt: Ich lernte östliche Meditationstechniken und meine Rituale und Haussegnungslieder von den nordamerikanischen Ureinwohnern. Eines Tages empfand ich eine tiefe Traurigkeit darüber, dass all jene spirituellen Praktiken, mit denen ich etwas anfangen konnte, aus anderen Kulturkreisen stammten. Ich begann nach den geomantischen Wurzeln meiner Vorväter zu forschen. Ich traf auf einen Begriff von Erde und Heimat, der nationalsozialistisch missbraucht war , so dass ich diesen Faden nicht aufnehmen wollte. Ich las die Bibel und hörte mir ihre Auslegung in einer Sprache an, die ich nicht verstand. Ich fand Schriften über die alten Kelten und stellte fest, das diese von ihren Feinden, den Römern, verfasst wurden . Meine Suche gestaltete sich mühsam und enttäuschend, bis ich eines Tages verstand, dass nichts von unserem eigenen alten Wissen verloren gehen kann. Es steckt möglicherweise hier, auf diesem Baum, in diesem Stein, an diesem Ort, und wir brauchen nur daran anzuknüpfen. Also ging ich wieder in den Wald und hörte, was die Steine, Bäche, Bäume und der Wind mir zu sagen hätten. Und mein Gefühl der Enttäuschung wich dem wundervollen Gefühl stiller Begeisterung darüber, jenes Wissen sozusagen aus erster Hand zu empfangen, als Essenz, unverfälscht von fremder Interpretation und frei von traditioneller Deutung.

Erfahrungsreligion als Chance

In einem Gebiet mit einem schwierigen, dunklen und verfälschten spirituellen Hintergrund wie der Geomantie ist der Weg der Erfahrung eine willkommene Chance. Ich beobachte derzeit die wachsende Anzahl von Begriffen zur Beschreibung geomantischer Qualitäten und deute sie als Renaissance erfahrungsreligiösen Wissens. Ich stelle fest, dass unterschiedliche Begriffe existieren, die möglicherweise ein und dasselbe geomantische Phänomen darstellen, und ahne die Zusammenhänge: Unbeschreiblichkeit, Resonanz und Wahrnehmung. Die persönliche Anderswelt-Erfahrung bleibt individuell. Dass der Beobachter bis zu einem gewissen Grad mit seiner Beobachtung allein bleibt (all-ein: "eins mit dem All"), ist nahezu ein Indiz für die Echtheit seiner Quelle und damit die Richtigkeit seiner Beobachtung. Wie kann er dennoch seine für ihn verbindliche Realität anderen weitergeben? Gibt es einzelne Begriffe, die tragfähig wären, um individuelle geomantische Erfahrungen zu kommunizieren? Es sind "doch nur Schwingungen", die unser menschlicher Geist schwer versteht und darum visuelle Vehikel bemüht, um sie zu begreifen und zu artikulieren. Wäre es nicht viel einfacher, all die Schwingungen einer bestimmten Frequenz auf der Lecherantenne zuzuordnen? Einfacher schon, aber was hätte das mit Geomantie zu tun? Nehmen wir als ein Beispiel die Wahrnehmung von Elementarwesen: Mit einer objektiver Sichtweise ist hier keine Resonanz möglich. Die Kommunikation mit Elementarwesen kann wechselseitig sein, der Mensch kann dabei Sender und Empfänger sein. Gerade in der Wechselseitigkeit dieses Austausches liegt das Potenzial einer solchen Begegnung. Die Vielzahl der Begriffe zu vereinheitlichen, hieße ihnen ihre Schönheit, die erlebbare authentische Qualität, ihre Echtheit zu nehmen.

Wahrnehmung und Kommunikation

Beobachter, Beobachtetes und die individuelle Weise der Beobachtung lassen sich nicht voneinander trennen. Um hier Erkenntnisse weiterzugeben, können die Ansätze der Kommunikationswissenschaft weiterhelfen. Wenn Sie qualitative Aussagen über eine geomantische Erfahrung machen möchten, empfehle ich, alle Instanzen der Wahrnehmung, so weit es geht, zu benennen und dabei auch sich selbst als Beobachter in die Sprache einzubeziehen. Sagen Sie z.B. nicht nur: "Dieser Ort ist gut", sondern: "Ich finde diesen Ort gut." Um die "Übertragung" oder "Befindung" genauer zu beschreiben, wird im NLP davon ausgegangen, dass alles, was wir wahrnehmen, durch fünf Wahrnehmungskanäle repräsentiert wird, die bei jedem Menschen unterschiedlich gewichtet sind. Einige Menschen visualisieren ein inneres Bild, andere nehmen einen Klang wahr (auditiv), einen Geschmack (gustatorisch) oder Geruch (olfaktorisch), und wieder andere fühlen eine körperliche Resonanz (kinästhetisch). Durch bestimmte Fragetechniken und die Beobachtung der Augenbewegungen lässt sich herausfinden, welche Kanäle jeweils individuell im Vordergrund stehen. Durch gezielte Anwendung der eigenen Haupt- und Nebenkanäle können ihre unterschiedlichen Qualitäten sinnvoll genutzt werden. Während der visuelle Kanal ein inneres Bild leicht abrufbar macht, liegt die Stärke des kinästhetischen in seiner Tiefe und Breite, des auditiven in seiner Nähe zum geschriebenen Wort und die der olfaktorischen und gustatorischen, eher seltener vorkommenden Fähigkeiten, bestimmte Energien sehr genau durch Geruch oder Geschmack lokalisieren zu können. Ein weiterer Nutzen der Wahrnehmungskanäle besteht darin, dass Sie mit Ihrem Kommunikationspartner auf Anhieb und spielerisch eine "gleiche Wellenlänge" herstellen können. Die Kommunikationstheorie spricht hier von Rapport (Kontakt und Beziehung). Dies ergibt auch für geomantische Berater die Möglichkeit, den jeweiligen Klienten auf seinem Wahrnehmungskanal "abzuholen". Wenn Sie einen vorwiegend visuellen Typ dazu auffordern, sich in etwas hineinzufühlen, bekommt er möglicherweise Schwierigkeiten und Sie keine Antwort. Fragen Sie ihn aber: "Wie sieht das für Sie aus?" oder: "Wie erscheint Ihnen dies .", bekommen Sie schnell eine gute Resonanz.

Zonen der Wahrnehmung

Wahrnehmung findet vierundzwanzig Stunden am Tag statt. Nach dem Gestalttherapeuten John O. Stevens durchläuft sie mit einer Geschwindigkeit von 400 km/h drei Zonen der Wahrnehmung. Individuelle Einschränkungen der Wahrnehmung führen zu dem, was wir als eigene Realität anerkennen. So genannte Wahrnehmungsfilter schützen uns vor Reizüberflutung. Mit Übung und Feingefühl ist es schließlich möglich zu realisieren, was in meinem Jetzt in mir abläuft. Die Wahrnehmungszonen nach Stevens sind die Folgenden:
- Wahrnehmung der äußeren Welt. Kontakt durch meine Sinne mit Gegenständen und Abläufen, die außerhalb meiner Haut liegen. Ich sehe z.B. die Zimmereinrichtung, ich spüre die Beschaffenheit des Fußbodens unter meinen Füßen und habe noch den Geruch des Treppenhauses in der Nase .
- Wahrnehmung der inneren Welt. Kontakt durch meine Sinne mit Vorgängen, die innerhalb meiner Haut liegen. Ich atme z.B. regelmäßig ein und aus und fühle, wie sich meine Nackenmuskeln entspannen, an einer Stelle unter meinem Zwerchfell entsteht Wärme, und während ich einen Schritt nach vorne gehe, breitet sich diese Wärme in meinem ganzen Bauch aus .
- Wahrnehmung der Fantasie. Alle mentalen Aktivitäten, die jenseits der genannten beiden Wahrnehmungen liegen, das heißt alle Gedanken, Erklärungen, Vorstellungen, Vermutungen, Interpretationen, Analysen, Erinnerungen, Ahnungen - z.B. der Eindruck, wie schön dieser Raum eingerichtet ist - er erinnert mich an meinen Urlaub in Italien - wahrscheinlich sind die Bewohner sehr kreativ - wir werden hier eine schöne Zeit verbringen .
Durch regelmäßige Wahrnehmungsbeobachtung der eigenen inneren Welt können wir eine Art privates, körperinneres Lexikon entwickeln, zum Beispiel: Stechen im linken Nacken bedeutet Energiestagnation; Herz wird schwer durch Wasserader; einen Tunnelblick bekommen heißt, dass ich mich in einer Extremsituation befinde etc. Wenn wir andere an unserem Lexikon teilhaben lassen wollen, lohnt es sich, die drei Zonen der Wahrnehmung zu unterscheiden und zu benennen. Dies bringt große Vorteile für die geomantische Arbeit und die Kommunizierbarkeit geomantischer Begriffe, es schafft Transparenz und Gleichgewicht: Wenn wir unsere Wahrnehmung als Wahrnehmung, unsere Vermutungen als Vermutung und unser Gefühl als Gefühl mitteilen, schaffen wir günstige, seriöse und balancierte Formen des Feedbacks gegenüber unseren Kommunikationspartnern. In der Praxis ist oft das Gegenteil die Regel, wie ich auch an mir selbst beobachten konnte: Wie in stiller Übereinkunft hatte ich meinen eigenen, reichen Wahrnehmungsschatz auf die mentale Ebene reduziert und fand mich dort in einem heillosen Dickicht von sich vermischenden und hektischen Interpretationen wieder. Ich war neidisch darauf, dass ganze Schulen erfolgreich um individuelle Wahrnehmungsinterpretationen herum aufgebaut werden. Statt meine eigene, individuelle Wahrnehmungsfähigkeit zu üben, ließ ich mich vom leicht konsumierbaren Reiz jener Seminare betören, die so angelegt sind, dass ich überlieferte Begriffe sofort übernehmen und mit ihnen selbst weiter arbeiten kann, um wiederum andere in den zweifelhaften Genuss meiner so erworbenen "Fähigkeiten" zu bringen. Wie derartige feste, von außen projizierte Bilder wirken, erfuhr ich kürzlich in einer Beratung. Freunde meiner Kunden hatten von einem anderen Berater bei sich eine Hausuntersuchung durchführen lassen. Dabei legte er ihnen ganz genau dar, welche Devas in den jeweiligen Räumen leben würden. Beim nächsten Kaffeekränzchen erzählten die Freunde dies voller Stolz wiederum meinen Kunden. Diese waren nun enttäuscht, dass in ihrem eigenen Haus keine Devas wohnen würden oder vielleicht auch, dass ich darüber nichts wahrnehmen konnte oder wollte. Zuerst wusste ich nicht recht, ob mir zum Lachen oder zum Weinen zumute war. Ich erklärte, dass ich selbst anders arbeiten würde, und während ich im Begriff war zu gehen, fiel mir glücklicherweise ein Bild ein, das ich ihnen mitteilen konnte: "Wie ich gehört habe, leben an einem schönen Ort wie diesem Devas von unermesslicher Kraft und Anmut. Deva ist ein Sanskrit-Wort und bedeutet der Strahlende‘. Um Wesen wie diesen zu begegnen, stelle ich sie mir wie den unsichtbaren Lichtstrahl eines unsichtbaren Filmprojektors vor. Um ein sichtbares Bild von dem Film zu erlangen, halte ich etwas in den Strahl hinein, z.B. meine Hand. Je nachdem, an welcher Stelle ich mit meiner Hand in diesen Strahl greife, erhalte ich ein anderes Bild. Ich würde dir gern zeigen, wie du deine Hand in den Lichtstrahl halten kannst, aber gäbe ich dir dazu meine Hand, könntest du nur kurz auf meine Bilder schauen. Vielleicht wirst du das Bild mögen, vielleicht nicht. Du würdest so nie erfahren, aus welcher Richtung der Strahl kam. Doch je länger du an diesem Ort lebst, desto öfter kannst du deine eigene Hand in den Lichtstrahl halten, desto mehr kannst du von dem Ganzen erkennen und desto klarer wirst du dir über die Quelle des Lichtstrahls. Wenn du dir dessen gewiss bist, wirst du so nahe an die Quelle herangehen, dass dein ganzer Körper vom Licht erfasst wird und du den ganzen Film erkennen kannst."