Instrument der Weisheit

von Helmut Seifert erschienen in Hagia Chora 11/2001

Das Wesen und die möglichen Aufgaben der zeitgenössischen Geomantie leiten sich aus meinem Blickwinkel aus der Bedeutung ab, die unserer Erfahrungswissenschaft seit der Frühgeschichte im religiösen Leben der Kulturen zukam. Die Ehrfurcht vor der Mutter Erde, der Magna mater mit den tausend Namen, wie Kybele oder Rhea, sowie die Furcht vor Dämonen spielten eine bedeutende Rolle für die frühen Menschen auf allen Kontinenten dieser Welt. Am Anfang allen schöpferischen Denkens stand das Numinose, das den Menschen aus dem Dunkel, aus der Nacht entgegenkam: der Himmel mit seinen Sternen, die Sonne, der Mond, die Wolken und Blitze, der Regen und die Stürme. Unter allen Sternen war wohl der Mond Träger der höchsten Macht. Sie war gebunden an eine Göttin - im Babylonischen beispielsweise an die Liebesgöttin Nin-anna, die "Rebe des Himmels" - später Ischtar, "Herrin des Himmels". Die Macht der Götter spiegelte sich in den Himmelslichtern, den Sternen. In der Bilder- und Keilschrift der Sumerer war das Zeichen für Gott gleichzeitig das Symbol für "Stern".1 Der Siegelzylinder eines babylonischen Arztes aus dem 22. Jahrhundert v.Chr. zeigt viermal das Sternsymbol für Gott. Die Priester studierten die himmlischen Sphären, die Rhythmen und Bewegungen am Himmel und auf der Erde. Ihre erstaunlichen Erkenntnisse zeigen sich in ihren Kultbauten, die nach Himmelsrichtungen und Sonnenständen ausgerichtet sind. Die Priester waren gleichermaßen für Astronomie und Astrologie, Sternkunde und Schicksalsdeutung zuständig. Sie versuchten, aus den himmlischen Konstellationen ebenso wie aus Naturerscheinungen die Offenbarung der Götter zu deuten. Mantik ist ein integraler Bestandteil aller Ur-Religionen. Dazu zähle ich neben der Wahrsagung aus Zeichen, Naturerscheinungen und der Weissagung aus der Erde (Geomantik) auch zwei Formen "höherer Mathematik", die Astronomie und Astrologie - rational die eine, magisch die andere.

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