Erfahrungwissenschaft Geomantie

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 11/2001

Der folgende Beitrag ist zur Hälfte spontane Antwort auf eine Frage der Redaktion, zu einem anderen Teil bereits ausgearbeitete Erörterung. Wollte er alle Thesen auch nur soweit untermauern, dass sie ohne weitgehende Voraussetzungen, die ich andernorts dargestellt habe, nachzuvollziehen sind, würde er auf Buchformat anschwellen müssen. Insofern ist mir bewusst, dass er verwirrend wirken kann - doch ich wende mich mit diesem Beitrag ausdrücklich an diejenigen, die Interesse haben, mitzudenken und den Gauben an den Reduktionismus zu überwinden. Theoria heißt ursprünglich "Anschauung", und zwar im Sinn eines Festzuges, einer Prozession, in welcher die Inkarnationen der Götter an einem vorbeiziehen. Es ist der Weg jeder Wissenschaft, dass das, was in der Erfahrung lebendig war, in der Theorie versteinert. Das ist nicht vermeidbar. Wer diesen Prozess prinzipiell ablehnt, hat nicht verstanden, wie die menschliche Weise der Wissengewinnung vor sich geht. Nicht Vermeidung von Todesprozessen, sondern Möglichkeiten der Wiederverflüssigung sind gefragt.

Naturwissenschaft

Die neuzeitliche Physik ging um 1600 von einer pathetischen Betonung ihres Status als Erfahrungswissenschaft aus, in Abhebung von der aristotelischen Physik, die immer zugleich Metaphysik war. Die Gegenstände sollten nichts als Gegenstände sein, und ihre möglichst wenig von vorgefassten Ideen über ihre Zusammenhänge geprägte, "vorurteilslose" Beobachtung sollte "ihre Natur zeigen". Auf Basis dieser Voraussetzung aber entwickelte sich eine Theorie, die den körperlichen Gegenstand zu etwas ganz anderem macht, als wir wahrnehmen. So widersprechen ihre Schlußfolgerungen ihren Voraussetzungen. Die aristotelische Physik ist interessanterweise im Grunde näher an den Phänomenen: Wenn sie behauptet, eine Feder falle langsamer als eine Bleikugel, setzt sie nicht Gegenstände, sondern Wesen und metaphysische Wesenszusammenhänge voraus. Sie hat dabei einen "ganzheitlicheren" Begriff von Feder, deren Ausdruck das ist, was bei Galilei als Widerstand der Luft zugeschrieben wird. Luftwiderstand und Schwerkraft sind in höherem Maß erschlossen bzw. hier als nicht individualisierte Akteure eingeführt. Mit der Entwicklung der reduktionistischen Naturwissenschaften ist eine "Trivialisierung", eine Abnahme ihres weltanschaulichen Gehalts verbunden. Erkenntnisse haben einen Bedeutungsgehalt und einen Nutzwert. Im Lauf der Zeit nimmt letzterer ständig zu, während ersterer immer mehr gegen Null geht. Selbst wenn heute die Naturwissenschaft wieder auf das geozentrische Weltbild umsteigen würde, hätte dies keine Bedeutung mehr: Der Grundrahmen ist der, dass die Natur so und so tot ist, weil sie nichts als ein Bündel von in Gesetzen beschreibbaren Regelmäßigkeiten und Zusammenhängen ist. Die fortschrittsgläubige Naturwissenschafts-Geschichtsschreibung vernebelt sich für diese grundlegende Wandlung systematisch selbst den Blick und spaltet damit Kepler in den Mathematiker und den Astrologen, Newton in den Physiker und den Magier, wobei sie jeweils letzteren als Kuriosität abtut. Aber Galilei ging es noch um Wahrheit, nicht nur um ein Beschreibungsmodell, sonst hättte er der Kirche den Wahrheitsanspruch lassen können, und Newton ging es um den Bauplan der Schöpfung Gottes.3 Die reduktionistische Mechanik ist angetreten, die Welt zu erkennen, und heute macht sie sich damit unangreifbar, dass sie ja ein unendlicher Prozess von Hypothesen und Falsifizierungen sei. Man kann dieses System diskursdarwinistisch nennen, es vertraut darauf, dass das Durchsetzungskräftigere das Bessere ist. Damit wird ein Funktionsmechanismus der Wirtschaft in das Geistesleben übertragen, das doch eigentlich Gegengewicht zum bloßen Funktionalismus sein sollte. Der katholisch-zivilisationskritische Philosoph Robert Spaemann sagt mit Recht, "dass die Trivialisierung selbst nicht trivial ist", denn sie bedeutet Gewöhnung an ein unmenschliches Weltverständnis mit einem leeren schweigenden All. Es ist ein großer Irrtum, zu meinen, Quantenphysik oder Relativitätstheorie hätten daran irgendetwas geändert.5 Sie sind keine wirklich dialogischen Wissensformen, und die so genannte Einbeziehung des Betrachters ist nur scheinbar. Der Betrachter wird nämlich nur als Stellgröße und nicht als Wesen einbezogen. Von solchen Theorien kann man keine Revolution des Weltbildes erwarten. Dass eine solche Revolution allenthalben postuliert wird und man Philosophen von Bohr bis Capra ernst nimmt, hängt mit dem Kredit der Naturwissenschaften zusammen. Doch deren Wechsel sind gefälscht. Man darf der "Naturwissenschaft" keinen Wahrheitswert zuschreiben, sonst hat man immer schon die Spaltung der Welt anerkannt, auf der sie beruht. Der individuelle Fluss, der sich durch ein Tal windet, ist nicht ein "Mäanderkoeffizient" plus ein ästhetisches X. Er ist vielmehr, wie jedes Naturwesen, Spiel der Götter, der Grundgestalten von Sein überhaupt. Wenn ich Welt von meiner Innenerfahrung her auslege, dann kommt es darauf an, ob diese Innenerfahrung reich ist. Wenn ich Außenwelt von unserer Leiberfahrung her interpretiere - und das ist prinzipiell sinnvoll, ja das Grundprinzip des Mythos - dann muss ich von voller menschlicher Erfahrung ausgehen. Ich meine eine Fülle, die kein einzelner Mensch hat - daher die Wichtigkeit von Tradition und die Überlegenheit mythischer Erzählungen, an denen Generationen gewoben haben. Man vergleiche die Lebensfülle der Kosmogonie durch die Umarmung von Gaia und Uranos mit den blassen sieben "Urentitäten" Grandpierres, die die Welt durch Sprachspiele aus sich hinausspinnen.

Phänomenologie

Gegen die Erfahrungsabgehobenheit der so genannten Naturwissenschaften haben sich um 1900 die Geisteswisenschaften und die Phänomenologie erhoben.6 Die heutigen universitären Geisteswisenschaften haben sich zwar als Alternativen zur reduktionistischen Naturwissenschaft gebildet, aber den entscheidenden Schritt nicht gewagt, ihr ihren Namen zu bestreiten. Vielmehr suchten sie ein Reservat und fanden es im Subjektiven. Da zum Wissenschaftsanspruch andererseits Intersubjektivität gehörte, war die Totgeburt angelegt. Beide Aussagen sind falsch. Einerseits ist das Geistige nicht subjektiv, andererseits setzt es zu erkennen einen vom Forscher nicht trennbaren Impetus voraus, der ihn mit seinem Gegenstand verbindet. So gehen die Aussagen diverser Autoren, Geomantie könne nur subjektiv sein, in dieselbe Falle, aber auch die falsche Objektivierung von Mustern und Schwingungen führen nicht heraus. Das Kampfgetümmel von Subjektivisten und Objektivisten tritt nur den Wall der Spaltung fester. Die Subjektivisten habe ich im Verdacht, dass sie ihren Unwillen zur Anstrengung vertuschen wollen. Wenn man - angeblich um die eigene Wahrnehmung unvoreingenommen zu behalten - bewusst die Ergebnisse anderer Forscher nicht zur Kenntnis nimmt, dann wird oft übersehen, dass man seinen Kopf auch durch eine Persönlichkeit, deren Fühligkeit oder Hellsichtigkeit man bewundert, voll esoterischer Konstrukte bekommt, nämlich derjenigen, in die die bewunderte Person ihre Wahrnehmungen einordnet. Der Unterschied zu Menschen, die bewusst Theorien zur Kenntnis nehmen, ist lediglich, dass die Theorieverweigerer das, was sie im Kopf haben, schlechter zuordnen und als Konstrukte erkennen können. Diejenigen, die ihre zur Schau gestellte Subjektivität wie einen Schutzschild vor sich hertragen, auf dem gemalt ist: "Wer ist so unsensibel, meine Sensibilität in Frage zu stellen?", merken gar nicht, wie sehr ihre Spaltung und Entgegensetzung von Gefühl und Intellekt eben auch der abendländischen Spaltung verpflichtet ist. Deutlichster Ausdruck der Wirklichkeitsverfehlung ist die falsche Trennung von Wert und Fakt, die sich im Dogma von der Unerlaubtheit des so genannten "naturalistischen Fehlschlusses" verdichtet hat. Unter naturalistischem Fehlschluss versteht man jeden Schluss vom Sein auf das Sollen. Das Dogma erfüllt wichtige ideologische Funktionen. Treffend schreibt Peter Obermeier: "Angeblich ist es logisch unmöglich, von der nüchternen Beschreibung des Massenmordens überzugehen auf die Auszeichnung solchen Tuns als grässlich oder schlicht und ergreifend als böse, diese Tennung hat nichts mit Logik zu tun, ist auch kein Problem dieser, auch wenn es forsche Wissenschaftstheoretiker dazu erheben. Diese Unterscheidung ist nichts anderes als eine ganz banale, stinknormale und latent gehaltene Ausgrenzungstechnik. Jene die hauptberuflich Deskription‘ betreiben, die Naturwissenschaftler und die objektivierenden Geisteswissenschaftler, wollen primär einmal ruhig und ungestört und ungeplagt von ihrem Gewissen und Bedenken der Gesellschaft vor sich hinforschen und sich nicht von moralischen Skrupeln ihr eigenes Tun betreffend die Karriere vermasseln lassen. (.) Und die Philosophen machen daraus den Naturalistischen Fehlschluss‘, ein Scheinproblem des aufgeblähten Intellektualismus".7 Leider ist der ganze Unfug nicht harmlos. Das Dogma vom naturalistischen Fehlschluss ist ein Kampfinstrument der geisteswissenschaftlichen Handlanger der Zerstörung. Als GeomantIn muss man ihm begegnen können - und das heißt zunächst einmal verstehen können, worum es da geht.

Esoterik

Gleichzeitig zur Herausbildung der Geisteswissenschaften und der Phänomenologie vollzieht sich auch der Aufbruch der modernen Esoterik. Nicht zufällig beansprucht auch ihr bedeutendster Systementwickler Rudolf Steiner den Namen "Geisteswissenschaft" und will "seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode" mitteilen. Auch hier ist das Grundproblem der Vergegenständlichung nicht gelöst. Der wichtigste Unterschied zur Phänomenologie ist, dass nicht mehr das angeborene oder kulturell entwickelte Wahrnehmen zugrunde gelegt wird, sondern ein auf einem besonderen Weg an bestimmten Erfahrungen geschultes. Das grundsätzlich richtige Prinzip der Schulung oder, besser, Bildung ist zu trennen von der konkreten Ausprägung, die es in der Anthroposophie genommen hat. Der so genannte Schulungsweg, den Steiner gewiesen hat und von dem er offenherzig bekannt hat, dass es nicht sein eigener ist, hat sich als nicht zielführend erwiesen. Die meisten Anthroposophen gehen genau in die Falle, vor der Steiner so gewarnt hat: Sie halten ihre angelesen Konstrukte für wahrgenommen, und die "Schulung" über Steiner-Texte führt zur systematischen Vernichtung des Sinns für Wahrhaftigkeit.8

Erfahrung - Empirie

Das Wort "Erfahrung" ist im Deutschen wie im Griechischen (empiria) doppeldeutig - ich mache eine Erfahrung - das ist ein Widerfahrnis - und ich habe Erfahrung in etwas - damit sind Fähigkeiten, Fertigkeiten verknüpft. Die gleiche Doppeldeutigkeit besitzt das griechische Wort Empeireia (Empirie). Erfahrung unterscheidet sich also von Wahrnehmung, Anschauung, Erlebnis in ihrem Aufbaucharakter bzw. ihrer Tendenz, ein Ganzes zu bilden. Das Einzelne kann also niemals wahr sein, sondern nur seine Stellung zum Ganzen.9 In der lebensweltlichen Erfahrung steht immer der Mensch als Ganzer der Welt gegenüber, er ist, wie Goethe sagt, der genaueste Apparat. Das bedeutet nicht, dass es nicht Mess-Apparate geben dürfe. Aber diese beinhalten die Gefahr, dass der Zeiger für das Eigentliche gehalten wird. Das reduktionistische Verständnis entspricht einer Welt aus voneinander unabhängigen Bausteinen, es fasst Wissenschaft als tendenziell unabschließbaren Prozeß der Forschung, in dem ein Ganzes nie gegeben ist. Der reduktionistische Erfahrungsbegriff beinhaltet das, was jeder (gerade ohne Erfahrung) sieht. Eine solche Wissenschaft versucht, indem sie ganz auf Erfahrung setzt, den Subjektbezug zu minimieren: Was jeder kann, ist Zeiger ablesen. Der lebensweltliche Erfahrungsbegriff meint das unhintergehbare Eingelassensein des Subjektes in die Welt. Eingelassen sind wir zunächst durch die Sinne. Das betonte besonders der dänische Philosoph Knut Lögstrup, der Sinnesempfinden (Sensning) nicht als Rezeptivität, sondern als Abstandslosigkeit auffasst. Es steht in der Mitte zwischen der Abständigkeit unserer Körperlichkeit und der Abständigkeit unseres Interpretierens.10 Insofern Interpretieren auf Verstehen gerichtet ist und nicht auf bloße Einordnung, versucht es, unsere vorbewusste Eingelassenheit in das Universum im Bewusstsein zu realisieren. Theoretische Probleme entstehen dadurch, dass wir, wenn uns etwas bewusst wird, dieser Bewusstwerdung bereits ein gedankliches Konstrukt zugrunde gelegt haben. Ebenso wie in den reduktionistischen Wissenschaften die Herauspräparierung eines Beobachtungsgegenstandes, ist in den phänomenologischen die Herauspräparierung eines Phänomens ein konstruktiver Akt. Unser Erleben ist jedoch etwas Allsinnliches. Wir nehmen nie wirklich einzelsinnlich wahr, und gleich gar nicht Farben, Klänge oder Gerüche, sondern immer schon Bedeutungen. Bedeutungen in diesem Sinn sind keine begrifflichen Hinzufügungen, sondern Mitwahrnehmbares. Das gemeinte Verstehen von Bedeutungen ist kein begriffliches, sondern es verbleibt im Bereich der Sinnlichkeit; es ist ein "Übersetzen" in andere Sinnesbereiche. Allsinnlich wahrgenommen werden Charaktere wie Dämmerung, Frische etc.11 Im Altgriechischen oder auch Japanischen gibt es z.B. gar kein Wort für Grün als Farbe. Das Wort chloros ( vgl. "Chlorophyll") kann benennen: die Träne, das Blatt, den Gesang der Nachtigall und den Honig. Noch bei Hildegard von Bingen gibt es den Universalcharakter der Viriditas. Allsinnlich wahrgenommene Farbe ist nicht physische Farbe, sondern Charakterfarbe oder "qualitative Farbe". Dem Braunrot des "Kanonenfiebers" in Goethes "Kampagne in Frankreich" entspricht keine Wellenlänge. Ein schönes Beispiel ist, wie Heinz Grill über Alpenseen schreibt: "Das Wasser des Sees mag grau-bläulich, bräunlich oder türkis sein, das Fühlen in der Seele ist aber in der Regel wie ein stärkendes Grün oder bei manchen Moorseen wie rosarötlich." Das ist eine gute Unterscheidung von Gegenstandsfarben und Wesensfarben.12 Der Ausdruckswissenschaftler Ludwig Klages unterscheidet Bildeigenschaften und Sacheigenschaften.13 Die Darstellung der Mooshütten als violett bei Gabriele Münter und der Rehe als gelb oder rot bei Franz Marc ist Produkt eines zwischensinnlichen Übersetzens, ohne einen Begriff dazwischen treten zu lassen. Klages formuliert, der Sinn entbinde aus der Wirkung die Qualität.

Das Problem des Ganzheitsbezugs

Alternativen müssen sich nun davor hüten, aus dem berechtigten Willen zur Synthese voreilig Ganzheiten zu konstruieren. Hieraus entstehen die diversen Pseudowissenschaften, von denen die Esoterikmessen voll sind. Hier liegt das große Problem eines Erfahrungsbegriffs, der die Einordnung des Einzelnen im Ganzen berücksichtigen soll. Es ist nämlich tatsächlich nicht möglich, irgend etwas Einzelnes adäquat zu erkennen, ohne das Ganze zu kennen, da alles Einzelne erst durch den Zusammenhang mit anderem seine Stelle im Kosmos und damit seine eigentliche (rückbestimmte) Wesenheit erhält. Damit macht Steiner ernst, nur freilich in einer Weise, die wiederum den Wissenschaftsanspruch seiner Methode zerschlägt. So legt er seine so genannte historische Symptomatologie aller Geschichtsbetrachtung immer schon ein dogmatisch vorausgesetztes Gesamtbild der Geschichte als Fortschritt in bestimmten Stufen zugrunde. Angeblich ist dieses Gesamtbild freilich wieder Produkt von Erfahrung, nämlich einer übersinnlichen Schau. Zum Begriff der Schau ist aber zu sagen: Schau ist gerade deshalb keine adäquate Erfahrung, weil sie als leibfrei die Grundeinsicht des Perspektivismus außer Acht lässt. Es ist der Blickwinkel des Historikers von anno neunzehnhundert, auch wenn er Steiner heißt und als eingeweiht gilt, der hier Phänomene einordnet. Der Mensch ist Teil des Kosmos. Sich an die Stelle des nicht zufällig im Unterschied zu den Göttern der Erfahrungsreligion prinzipiell unerfahrbaren, außerweltlichen Gottes zu setzen und den Kosmos von außen zu sehen, führt keineswegs zu einer Überwindung des Perspektivismus, sondern nur zu einer allgemeinen Perspektivenverzerrung. Grundsätzlich gefragt: Wer sagt denn, dass die Welt dazu gemacht ist, dass wir sie erkennen? Ich halte viel von dem westlichen (zum Westen gehört auch der Islam, in dem dieser Ansatz besonders ausgeprägt ist14) Konzept, dass der Mensch ein Wahrnehmungsorgan der Erde ist (ob der Welt, ist eine andere Frage). Aber könnte es nicht sein, ja spricht nicht viel dafür, dass es tatsächlich so etwas wie eine Grenze des Erkennens gibt15, dass der Mensch prinzipiell und gleich in mehrfacher Hinsicht auf dem Holzweg ist, wenn er meint, die Entstehung des Alls erklären zu können, und zwar egal, ob er dies in Analogie zur Maschine (Weltenuhr) oder in Analogie zur Psyche (Grandpierre16) tut? Es gibt zwar meines Erachtens durchaus eine Botschaft der Sterne an uns, die lautet aber eher: "Erdwurm, bleib bei deinen Krümeln", und das ist nicht böse gemeint. Egal, ob wir im Mikrokosmos des Leibes das Hirn oder das Herz als Wahrnehmungsorgan bezeichnen - beide können nicht beanspruchen, den Leib als Ganzheit zu erfahren. Die Kulturen, die das Herz betonen, unterliegen dieser Gefahr nicht so sehr. Diejenigen, die das Hirn betonen, bilden sich oft ein, dass sie den Leib als Ganzes wahrnehmen könnten, wenn sie ihn von außen im Spiegel oder auf dem anatomischen Atlas sehen, aber was sie da wahrnehmen, ist eben nicht mehr der lebendige Leib, sondern der Körper. Zurückübertragen: erstens ist es voreilig, wenn der Mensch, weil er sich als Wahrnehmungsorgan der Erde fühlt, daraus für sich einen Sonderstatus beansprucht. Angenommen, er sei das Hirn der Erde, heißt das nicht, dass er zugleich ihr Herz wäre. Zweitens ist das vergegenständlichte, von außen gesehene Ganze immer das unwahre oder unlebendige Ganze. Das Ganze ist kein Gegenstand und also auch nicht in der Art von Gegenständen und mit einer Weise der Wissenschaftlichkeit, die am Gegenständlichen gebildet ist, erkennbar. Die aristotelische Weise, das Ganze nach dem Muster unserer Innenerfahrung auszulegen (siehe weiter vorne die Interpretation der Schwere der Dinge), ist näher an einer Wesenswissenschaft als alles Herumoperieren mit Schwingungen, Quarks und Satellitenaufnahmen. Die am Gegenständlichen gebildete, auf Wissen (im Sinn von Handhabbarkeit) orientierte Erkenntnisweise kann nicht wirklich Erfahrung genannt werden, weil sie notwendig die eigene Verbundenheit, Involviertheit ausklammert. Wie kann man aber dann mit dem Perspektivismus ernst machen, ohne den Anspruch auf Erkenntnis aufzugeben, wie es die Subjektivisten tun, was hieße, das Feld den Reduktionisten zu überlassen? Der Ansatz scheint mir im Widerfahrnis-Charakter der Erfahrung zu liegen.

Erfahrungsbezogene Philosophie

Nietzsche ist der erste ernsthaft erfahrungsbezogenen Philosoph. Seine Schriften kann man nicht mehr verstehen, wenn man nicht bereit ist, bestimmte Erfahrungen zu machen17. Er sagt: "Um weise zu werden, muss man gewisse Erlebnisse erleben wollen, also ihnen in den Rachen laufen. Sehr gefährlich ist das freilich; manher Weise‘ wurde dabei aufgefressen."18 Die wesentlichen Erfahrungen sind nach seiner Schrift "Schopenhauer als Erzieher" die Folgenden:
- die Erfahrung, dass wir den größten Teil unseres Lebens das tierische Niveau nicht verlassen;
- dass wir mit dem Begriff Mensch etwas viel Höheres verbinden, eben die Erlösung von der Tierheit;
- dass wir vor dem Leben dieser höheren Möglichkeit immer wieder zurückschrecken, sich die Aufgabe aber auch als etwas Dämonisches meldet: "Was ist es doch, was uns so häufig anficht, welche Mücke lässt uns nicht schlafen? Es geht geisterhaft um uns zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, dass uns etwas ins Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit."19
Das sind nun freilich gerade nicht Erfahrungen, wie sie der Esoteriker sucht. Die heutige Esoterik leidet daran, dass sie Erfahrungssehnsucht und Freiheitssehnsucht (am besten gleich Leibfreiheit) vermischt. Daher die Popularität von "Schulungswegen", die als die höchsten Erfahrungen diejenigen ausgeben, die allen Kontakt zur konkreten (ich meine nicht "dinglichen") Wirklichkeit verloren haben. Diese Tendenz ist bereits bei den philosophischen und religiösen Systemen Griechenlands genauso wie Chinas seit 500 v.Chr. und erst recht im Buddhismus20 ("Achsenzeit") angelegt, also kein spezifisches Produkt der Moderne. Die gesuchte Erfahrung soll einheitlich und umfassend, also eine Erfahrung des Ganzen sein. Und sie ist, wie ich vorhin ansatzweise hergeleitet habe, umso mehr Erfahrung eines unwahren Ganzen, je mehr sie Leiblichkeit und die damit verbundene Gebundenheit überwinden möchte. Dem wäre eine Erfahrung eines Du, der Austieg aus der monologischen Dritte-Person-Betrachtung gegenüberzusetzen. Die Ganzheitssucht verdrängt in der griechischen Philosophie nach Heraklit wie in der heutigen Esoterik gerade die Du-Erfahrung, die im Mythos noch da ist. Macht man einmal ernst damit, dass Du-hafte Erkenntnis nur perspektivisch, aber zugleich in Perspektivüberschreitung möglich ist, dann gewinnt die Individualität einen Sinn. Nietzsche formuliert auch theoretisch, dass es Wahrheit und Wirklichkeit nur gibt im Verhältnis auf Ziele, etwa das Leben einer Gattung oder das Urphänomen Leben. Bereits das Identifizieren von Verschiedenem, auf dem jeder Begriff beruht, ist für ihn Fälschung.21 Daraus entsteht das, was Friedrich Kaulbach Nietzsches Idee einer Experimentalphilosophie genannt hat: "Wir sollten Weltperspektiven, Glaubensinhalte auf ihre Wirkungen auf uns erproben."22 Die Fragerichtung heißt: Wie verändert es uns, wenn wir etwas als wahr annehmen? Wenn wir z.B. annehmen, dass das Weltall farblos und stumm ist? Wirkt das auch auf unseren Umgang mit der Erde? Was bedeutet es, wenn wir akzeptieren, dass wir nicht wissen, ob es eine personale Wiedergeburt gibt oder ob die Anhaltspunkte, die sich so deuten lassen, auch Reminiszenzen an eine nichtpersonale Existenz sein können? Was macht es aus, ob wir einem Baum als Holzlieferanten oder als Wesen begegnen? Aber auch: Was bedeutet es uns, wenn unsere intuitiven Wahrnehmungen nicht "nur" subjektiv sind? Wie verändert uns die Einsicht in den Perspektivismus? Wenn der Mensch Welt immer nur in seinem Horizont begreift, dann sagt dies etwas über ihn, über seine Stellung zur Welt. Verstehen ist stets eine Wandlung des Verstehenden.23 Die eingenommene Perspektive sagt etwas über ihr Subjekt aus (im wahrsten Sinne ihr Unterworfenes), sie ist keine Wandlung des Objekts (Quantenphysik und Relativitätstheorie ist die Suche der Transzendenz in der falschen Ecke). Bei Nietzsche wird zu einem Kriterium von Weltanschauung auch, ob sie zu einer klaren Unterscheidung zwischen denen, die ihr gewachsen sind und denen, die sie nicht aushalten, führt. Was eine Anschauung mit mir macht, ist in der Selbstbeobachtung (Reflexion) verifizierbar. Der bedeutendste Fortsetzer Nietzsches, der Ausdruckswissenschafter Ludwig Klages unterscheidet Vergegenständlichung und ein Im-Fluss-Bleiben selbst im Vorgang des Erkennens. Er betont dabei pathetisch den tragischen Charakter menschlicher Erkenntnisbemühung: Die Erkenntnis bietet dem Wirklichkeitsdurst der Seele stets nur einen Klumpen "unschmelzbares Eis". Der gewöhnliche Mensch "wird ihn sofort benutzen, um ihn mit anderen Klumpen zusammenzufügen, wird damit Stege und Brücken bauen und am Ende zwischen die Wirklichkeit und den Besinnungsträger eine undurchdringliche Schicht einschieben. Der zur Tiefe gravitierende Wahrheitswille wird sich vom Ergebnis seines Suchens eigentümlich betrogen fühlen, wird vom Festen zum Flüssigen, vom Wissen zum Ahnen zurückstreben und, wenn es erlaubt ist, im Gleichnis fortzufahren, die eine Scholle benutzen, um in ein uferloses Meer hinauszusteuern, qualvoll leidend, dass er verdammt sei, vom Meere entweder getrennt zu bleiben oder aber die Vernichtung des Trennenden bezahlen zu müssen mit dem Untergang seiner selbst."24 Es ist gerade der Versuch, diese drohende Selbstauflösung zu vermeiden, die in der Esoterik die Systeme, besonders die dualistischen, sprießen lässt. Beispielsweise findet sich in der anthroposophischen Literatur immer wieder die Attitüde, den Naturwesen menschliches Fehlverhalten zur Last zu legen. Nicht viel fundierter ist es, der Natur Heilungsbedürftigkeit zuzuschreiben. Leute, die unbedingt Baumgeister anderswohin tragen wollen, "weil der Baum ja doch bald stirbt", bearbeiten damit meist nur auf ungeeignete Weise ihr eigenes psychisches Problem. Marko Pogaÿcnik hat interessanterweise diese Klippe, der er in der Anfangsphase seiner Begegnung mit Elementarwesen sehr nahe war, vermieden, indem er seine eigenen Denkmuster immer wieder befragte bzw. von den begegnenden Wesen in Frage stellen ließ. Ein anderer hätte in Manhattan nach dem 11. September seine eigene Vorstellung von verhangener Traurigkeit in den Ort hinausprojiziert und auch an Wesenhaftem nur das wahrgenommen, was dem entsprochen hätte. Marko Pogaÿcnik konnte auch die andere Seite, die einer "Befreiung", wahrnehmen.25

Nahrungs- und Heilungscharakter der Wirklichkeit

"Nahrung für die dürstende Seele" statt Bemächtigungswissen wollte Klages. Darin zeigt sich nun die ganze Zweiseitigkeit des Erfahrungsbegriffs. Denn es gilt, im Auge zu behalten, dass hier immer zuerst eine Erfahrung meiner selbst stattfindet. Jedes Begegnende, in seinem Nahrungscharakter gesehen, sagt zunächst etwas über mich und meine Bedürfnisse aus. Und dennoch: der Nahrungs- und Heilungs- oder auch Kränkungscharakter einer Erfahrung - das, was es mit mir macht - beinhaltet ihr Wesen. Spätestens seit Paracelsus ist dieses Prinzip im Bezug auf Heilmittel formuliert. Die von ihm ausgearbeitete Signaturenlehre versucht, Zusammenhänge zwischen den Wuchscharakteristika einer Pflanze und ihrer Heil- oder Giftwirkung herzustellen. Das Wesen einer Pflanze, das sich in ihren Wirkungen ausdrückt, muss sich nach dieser Vorstellung parallel auch in ihrer Gestalt ausdrücken. Ästhetische und physiologische Wirkung sind parallel zwei Ausdrucksformen eines Wesens. Auch hier droht mögliches Umkippen in Anthropozentrik. Doch es bedarf der aus christlicher Tradition stammenden Hilfsannahme gar nicht, dies sei deshalb so, weil die ganze Welt auf den Menschen hingeordnet sei. Ein Verständnis von Krankheit und Tod ist allerdings wichtig. Am leichtesten zugänglich ist es vielleicht über den Mythos vom Baum der Erkenntnis, der in jüdisch-christlicher Auslegung normalerweise als Mythos vom Sündenfall missverstanden wird. Erkenntnis ist mit einem Heraustreten oder Herausfallen aus dem Zusammenhang der Welt erkauft, was sich als Lebensschwächung zeigt. Sowohl das Herausfallen in der Krankheit als auch die Wiederverbindung in der Heilung durch Substanzen ist Teil der spezifisch menschlichen Erkenntnis. Das Ähnlichkeitsprinzip kann von daher verstanden werden, dass der Mensch, zumindest wenn er die Heilung bewusst mitvollzieht, realisiert, dass all die Prozesse, die er für spezifisch menschlich und auch allzumenschlich hält, auch als Naturprozesse vorhanden sind. Von daher ist auch die Signaturenlehre zu verstehen, wenn sie davon ausgeht, dass die Heiltendenz, die eine Pflanze im Menschen entfaltet, in besonderer Weise etwas über das Wesen der Pflanze oder Substanz aussagt. Sie wird in eine leiblich-menschliche Sprache übersetzt. Damit muss kein teleologisch-anthropozentrisches Weltbild verknüpft sein. Man kann auch sagen, es ist gerade die Beschränkung des Menschen, nur das Eigene oder Angeeignete zu verstehen, die ihn dazu verdammt, über Kränkungs- und Heilprozesse zu lernen.

Sprachcharakter

Nicht zufällig stammen die tiefsten Einsichten dazu von dem Arzt-Philosophen Viktor von Weizsäcker: "Das falsche Weltbild entstand immer dort, wo Menschen aussagten, die Wahrheit müsse eine Wirklichkeit zeigen, und wo sie dabei unter Wirklichkeit eine Realität verstanden, welche gar nicht existiert. Die Welt selbst ist ein Symbol. Sie zeigt auf etwas, aber sie ist nicht, sondern nur ein solches Zeigen, Hindeuten."26 Sprachcharakter bedingt immer eine gewisse Unschärfe der Begriffe. Nur durch die Unschärfe, die erst der Kontext begrenzt, gibt es die Möglichkeit, individuelle Erfahrung in gemeinsamen Begriffen zu kommunizieren. Gerade darin, dass auch in der Sprache die einzelne Einheit (der Begriff) erst durch den Zusammenhang definiert wird, liegt die Verwandtschaft von Sprache und Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hat selbst Sprachcharakter, während die Wahrnehumg je voller, desto individueller ist. Die Götter sind die Realisierung des Sprachcharakters der Welt bzw. davon, dass Wirklichkeit Beziehung ist.27 Hobbes hat am radikalsten formuliert, dass Wissen im Sinn der Moderne heißt, etwas zu vergegenständlichen, aus seinem Zusammenhang herauszulösen und handhabbar zu machen. Der Gegensatz zum Bemächtigungswissen ist Bedeutungswissen, das nicht nur Beziehungen zum Gegenstand macht, sondern sich in sie hineinbegibt, sie realisiert (im Englischen bedeutet to realize sowohl "erkennen" als auch "verwirklichen"). In einer Beziehungserkenntnis realisiert sich eine existenzielle Verbindung des Erkenntnissubjekts, wie im Gegenzug Kausalerkenntnis Herauslösung und Verfügbarmachung ist. Gibt es dafür Modelle? Das Modell der reduktionistischen Erkenntnis ist das Abbrechen eines Zweiges zu beliebiger Verwendung. Das Gegenmodell ist, ihn ins Wasser zu stecken, ihn sich selbst entwickeln zu lassen, zu beobachten, sich mit ihm zu verbinden; - wenn er grünt, sagt das auch etwas über mich. Versuchen wir jetzt, freizulegen, was im Erfahrungsbegriff im Zusamenhang mit einem Schulungs- oder Bildungsweg steckt. Gehen wir einmal davon aus, es gehe uns nicht um höhere Welten im Gesamten (vgl. das vorhin zum Problem des Ganzheitsbezugs Gesagte), bleiben wir der Standortgebundenheit und Einbezogenheit des Erfahrenden treu: Was ist dann Erfahrung? Heilungs- und Sprachcharakter haben gemeinsam das Prinzip der Gegenseitigkeit. Erfahrung ist dann das Sich-Hineinstellen in den Prozess des Weiterreichens der Lebenswelle in Systole und Diastole von Ausdruck und Eindruck. "Der körperliche Ausdruck jedes Lebenszustands ist so beschaffen, dass sein Bild ihn wieder hervorrufen kann."28 Insofern ist das Ausdrucksphänomen die Brücke für das All-Leben über die Brüche zwischen den Einzelwesen hinweg. "Vermöge des Ausdrucksbildes wandelt die Lebenswelle auf jeden Empfänger des Bildes über. Ausdruck ist zweifach bezogen: zum einen auf die verursachende Stimmung, zum anderen auf die zu erzeugende"29 Dieser Zusammenhang ist von grundlegender Bedeutung, und seine Zerreißung in rationalistischen Theorien macht die gesamte Physiognomik, Symptomatologie und Mantik wertlos, auch wenn sie zum Teil als ihr Rettungs- und Rationalisierungsversuch daherkommt. In einer solchen Auffassung verschwinden Subjekt und Objekt nicht einer Ganzheitlichkeit, in der alle Katzen grau sind. Sie werden vielmehr durchlässig (transzendent) für den Bezug auf eine Kraft, die zwar nicht das Ganze, wohl aber das Leben heißen kann.

Kriterien

Aus meiner Sicht muss jegliche geomantische Methodik, die Titel wie "empirisch" oder "ganzheitlich" verdienen soll, nach folgenden Kriterien geprüft werden:
- Geht sie von allsinnlicher Erfahrung aus?
- Unterscheidet oder vermengt sie Bedeutungswissen und Kausalwissen?
- Erkennt sie den perspektivischen Charakter jeder Erfahrung an?
- Realisiert sie die Veränderung des Beobachters durch Rückwirkung vom Beobachteten?
- Vermeidet sie Verdinglichung?
- Ist sie anthropozentrisch?
- Ist sie technizistisch?
- Ist sie mit Weltflüchtigkeitskonstrukten (buddhistischer, christlicher oder anderer Prägung) verbunden?
- Ordnet sie sich in die Geschichte ein, oder gibt sie sich als deren Erfüllung aus?
Wer die Mühe auf sich genommen hat, bis hierher zu lesen, dem dürfte klar sein, dass die Berufung auf Erfahrung keine billige Ent