Wie wirklich ist die Wissenschaft?

von Jutta Gruber erschienen in Hagia Chora 11/2001

Verfolgt man die aktuellen Definitionsversuche und Standortbestimmungen der Geomantie, eröffnet sich eine ungeahnte Vielfalt von Konzepten und Methoden. Dabei werden durchaus konträre Positionen eingenommen. So erfährt man einerseits, Geomantie beruhe auf Intuition und höherer Eingebung, und eine wissenschaftliche Sicht behindere angeblich den Blick auf die geomantischen Qualitäten und Erkenntnisse. Andererseits gewinnt man den Eindruck, dass es sich bei der Geomantie um so etwas wie einen Spezialfall der Naturwissenschaft handelt. Die ihr zugrundeliegenden Phänomene scheinen durchaus gewissen Gesetzmäßigkeiten zu folgen, so dass man sie als Wissenschaft bezeichnen könnte, wie dies z.B. in manchen Spielarten der Radiästhesie ausdrücklich geschieht. Neben all diesen Ansätzen findet sich auch noch jenes überraschende Fazit, dass es Geomantie als einen eigenständigen Bereich eigentlich gar nicht gibt, da sie sich nur aus verschiedenen Disziplinen anderer Fakultäten zusammensetzt. So kann man erfreut schlussfolgern, dass Geomantie nach wie vor ein Gebiet der unendlichen Möglichkeiten ist. Neben der Freude an der lebendigen Vielfalt taucht gegenwärtig allerdings - und das nicht zufällig - auch die Frage nach den Gemeinsamkeiten auf. Dieser Frage nachzugehen, ist in verschiedener Hinsicht sinnvoll. Zum einen fordert und fördert die Suche nach dem Gemeinsamen auch die Aus-Einander-Setzung (das kann man sich ganz bildlich vorstellen) innerhalb der eigenen Ansätze. Das wirklich Besondere der aktuellen Situation scheint jedoch zu sein, dass diese Grundlagendiskussion erstmalig über die Grenzen der eigentlichen Geomantie hinaus geht und den umfassenden, gesamtgesellschaftlichen Wandel im Welt- und Menschenbild unterstützen kann. Vor diesem Hintergrund möchte ich einige wissenschaftstheoretische Hinweise geben, die zur Klärung von Standort und Aufgabe der Geomantie beitragen können. Dafür beziehe ich Aussagen des Wissenschaftstheoretikers Thomas S. Kuhn auf die gegenwärtige Situation, wodurch sich zeigen lässt, dass eine solche Vielfalt weder verwunderlich, noch bedenklich, sondern im Gegenteil gerade Zeitzeichen eines nahenden (und notwendigen) Paradigmenwechsels ist. Die Wissenschaftstheorie Thomas S. Kuhns (1922-1996, Physiker und Professor für Wissenschaftstheorie am Massachusetts Institute of Technology) ist wichtigster Popularisator des vielzitierten "Paradigmenwechsels" (Paradigma = Glaubensmuster eines wissenschaftlichen Weltbildes). Kuhns Analyse der Strukturen, innerhalb derer sich Wissenschaft entwickelt, wurde ausgelöst durch seine Zweifel an den scheinbar soliden Forschungsergebnissen der Naturwissenschaft. In der Zusammenarbeit mit Sozial- und Geisteswissenschaftlern staunte er über deren offene Diskussion und Reflexion bezüglich der Grundlagen von Wissenschaft und dem Wesen von Erkenntnis. Er fragte sich, ob seine Zweifel daher rührten, dass in den Naturwissenschaften keine erkenntnistheoretischen Diskussionen geführt wurden. Tatsächlich war diese Erfahrung der Auftakt zur Enthüllung verschiedener blinder Flecken, die manche Unannehmlichkeiten verursachen. Kuhn eröffnete mit seinen Erkenntnissen ein alternatives Verständnis zur gängigen Wissenschaftstheorie und -geschichte, die besagt, dass Wissenschaft autonom und fortschrittlich sei und ihre Aufgabe darin bestehe, sich einer vollständigen und richtigen Beschreibung der Wirklichkeit, wie sie ist, anzunähern. Dabei würde sie durch Kritik und Verbesserung der vorliegenden Theorien und Methoden kontinuierlich fortschreiten. Kuhn widerlegt diese Annahmen. Nach seiner Auslegung der Wissenschaftsgeschichte zeigt sich, dass Wissen und Wissenschaft keineswegs durch neue Erkenntnisse einfach nur anwachsen. Vielmehr findet Entwicklung eher durch absolute Neuorientierung statt, ausgelöst durch revolutionäre Brüche, den so genannten Paradigmenwechseln.

Was ist ein Paradigmenwechsel?

Ein bekanntes Beispiel für einen solchen Paradigmenwechsel ist der Wechsel vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild. Das geozentrische Weltbild und die gesamte auf ihm beruhende Wissenschaft verlor mit dem Wechsel ihre Grundlage. Die Wissenschaft, die sich nach diesem Schritt entwickelte, war keineswegs eine Modifikation der alten Wissenschaft. Der Wechsel des Weltbildes erforderte gänzlich neue Methoden, die auf völlig neuen Konzepten aufbauten. Von kontinuierlichem Wachstum kann nicht die Rede sein. Das Phänomen der wechselnden Weltbilder führt in Kuhns Modell zur Einteilung des Wissenschaftsprozesses in zwei Phasen: die Normalwissenschaft und die revolutionäre Wissenschaft, die einander abwechseln und sich durch völlig verschiedene Forschungsstrategien auszeichnen. Eine normalwissenschaftliche Phase erkennt man am Vorliegen eines so genannten Paradigmas. Dessen Inhalte sind oft erst auf den zweiten Blick erkennbar, da sie zum überwiegenden Teil ungeschrieben sind und unbewusst von den heranwachsenden Wissenschaftlern übernommen werden. Gewissheit über das Vorliegen eines Paradigmas und Hinweise über seine Inhalte erlangt man durch die Beantwortung folgender Fragen:
- Gibt es eine einheitliche Grundüberzeugung, wie das Objekt der Forschung aufgebaut ist, sowie über die zu lösenden Fragen?
- Sind die gängigen Forschungsmethoden einheitlich auf diese Vorgabe hin orientiert?
- Werden diese Grundüberzeugungen und ihre Methoden in den entsprechenden Lehrbüchern unreflektiert dargestellt, und wird in ihren geschichtlichen Teilen überwiegend das Geschehen beschrieben, welches für die Entwicklung zu ihnen hin wichtig ist? Die Leistung der normalwissenschaftlichen Phase liegt in der Ausweitung von Umfang und Exaktheit bereits bekannten Wissens. Das Paradigma gibt die nötige Sicherheit für den erfolgreichen Ausgang normalwissenschaftlicher Forschung, die oftmals auch in finanzieller Hinsicht mit enormen Anstrengungen verbunden ist. In erstaunlich aufwendigen Forschungsarbeiten wird höchste Übereinstimmung im Zusammenspiel von Beobachtung und Theorie gesucht. Ohne ein Garantie gebendes Paradigma könnte eine derart extrem am Detail orientierte Forschung vermutlich nicht geleistet werden. Gegenwärtig unterliegt die Wissenschaft eindeutig den Kriterien der Normalwissenschaft. Das derzeit prägende Paradigma basiert auf einem materiell und mechanistisch orientierten Welt- und Menschenbild. Leitwissenschaft ist die Physik, mit der Annahme, dass es mathematisch formulierbare Naturgesetze gibt, die sich prinzipiell auf alle Phänomene, auch die der anderen wissenschaftlichen Disziplinen, anwenden lassen. Die gängigen Forschungsmethoden orientieren sich an entsprechenden Qualitäten wie z.B. Messbarkeit oder Substanzanalysen. Wenn in dem jetzt herrschenden Paradigma von Wissenschaft im strengen Sinne die Rede ist, sind die Naturwissenschaften gemeint. Andere Disziplinen wie Psychologie oder Linguistik ringen um ihre wissenschaftliche Anerkennung, indem sie sich mehr und mehr an den Methoden der Naturwissenschaften orientieren (Statistiken etc.). Geisteswissenschaften haben aus deren Sicht einen eher gering geschätzten Out-of-Order-Status ("Laberfächer"). Disziplinen wie Geomantie oder Lebensenergieforschung können sich aus der Sicht des derzeitigen Paradigmas erst gar nicht als wissenschaftlich auszeichnen, weil ihre Grundannahmen völlig andere sind.

Die kollektive Trance

Fakt und Auswirkungen eines vorliegenden Paradigmas können in einer wissenschaftstheoretischen Auslegung deutlich konstatiert und besonnen formuliert werden. In der gelebten Realität werden die Auswirkungen des Paradigmas allerdings selten in solcher Klarheit wahrgenommen. Sein Einfluss ist subtil und wirkt bedrückend, einengend oder sogar ausgrenzend. Wer erinnert sich z.B. nicht an das schale Gefühl, als im Physikunterricht die Wirklichkeit als in Formeln gebrachte Gesetze und Ableitungen dieser Gesetze erklärt werden sollte. Die meisten ahnen dann, dass es sinnlos ist, dem inneren Zweifel, "es aber irgendwie doch noch nicht richtig verstanden zu haben", weiter Raum zu bieten. Die Aussichtslosigkeit, über dieses Unbehagen einen Diskurs zu führen, hängt wesentlich damit zusammen, dass die Auswirkungen eines Paradigmas - egal welches - unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle liegen. Die meisten Zeitgenossen bemerken und reflektieren sie normalerweise nicht. Das Paradigma ähnelt einer Art umfassender, kollektiver Trance; deshalb ist es so stark und überzeugend. Wir alle haben es so tief verinnerlicht, und es ist durchaus eine Leistung, sich selbst darüber zu erheben - ohne sich gleich als Außenseiter oder gar Aussteiger zu fühlen. Und wenn es den einen oder die andere noch so sehr drängt, es diesem reduktionistischen und arroganten Paradigma mal so richtig zu zeigen: einen Kampf für die prinzipielle Gleichberechtigung unterschiedlicher Weltbilder zu führen, ist sinnlose Kraftverschwendung. Der ersehnte Übergang zu einem alternativen Weltbild vollzieht sich weder auf der Ebene der Diskussion, noch auf der des Kampfes, sondern ganz von selbst. Die Normalwissenschaft erreicht und überschreitet ihre durch das Paradigma vorgegebenen Grenzen aus sich selbst heraus. Der Konflikt ist sozusagen programmiert. Im Lauf zunehmender Professionalisierung mit immer spezielleren Forschungsapparaturen und immer exotischer formulierten Theorien kommt sie nämlich zwangsläufig auch zu Ergebnissen, die trotz außerordentlicher Bemühungen nicht erklärbar sind. Auch wenn solche Irritationen zunächst zum Berufsalltag gehören, können sie sich doch zu so genannten Anomalien auswachsen. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis selbst hartgesottene Geister den Glauben an die Unumstößlichkeit ihrer Theorie verlieren.

Von der Irritation zur Revolution

Damit beginnt die revolutionäre Wissenschaftsphase. Die ForscherInnen lösen sich mehr und mehr aus den Grenzen ihres offensichtlich nicht mehr tauglichen Weltbildes und beginnen, außerhalb ihrer eigenen Disziplin nach hilfreichen Orientierungsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Die Bereitschaft, alles zu versuchen, wird zum Ausdruck zunehmender Unzufriedenheit mit dem alten Paradigma. Innovative Impulse, wie z.B. ungewöhnliche Welt- und Menschenbilder, werden aufgegriffen und auf Tauglichkeit hinsichtlich der offenen Fragen geprüft. Im Unterschied zur Normalwissenschaft werden jetzt Theorie und Forschungsstrategien reflektiert und Grundsatzdiskussionen geführt. Diese Phase verläuft chaotisch, es herrscht Wettstreit und Streit. Die verbliebenen AnhängerInnen der normalwissenschaftlichen Tradition streiten mit den ParadigmakritikerInnen und diese wiederum untereinander. Die Kommunikation zwischen den verschiedenen konkurrierenden Paradigmen ist erheblich erschwert. Kuhn spricht von der Inkommensurabilität der Paradigmen: sie können nicht untereinander verglichen werden, weil sie von jeweils verschiedenen Weltauffassungen ausgehen, die jeweils eigene Gültigkeits- und Beweisführungskriterien besitzen. Erschwerend kommt hinzu, dass oft sogar gleiche Worte verwendet werden, die aber je nach Grundkonzept unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Die Art des Wettstreits ähnelt eher einer Auseinandersetzung in Glaubensfragen denn einer vernünftigen Diskussion zur Abwägung der besseren Argumente. In diesen Zeiten entstehen oft Unmengen alternativer Paradigma-Artikulationen. Aus jedem halbwegs überzeugenden Ansatz entstehen einzelne Schulen mit dazugehörigen Ausbildungsprogrammen. Gegenwärtig befinden wir uns zweifellos in einer solchen revolutionären Phase oder zumindest auf dem Weg zu ihr. Wie alle Übergänge, ist auch der zwischen den beiden Wissenschaftsformen fließend, und der entscheidende Schritt zum Wechsel kann länger dauern, als man denkt. Tatsächlich stehen bereits nicht wenige WissenschaftlerInnen dem herrschenden Paradigma kritisch gegenüber, suchen nach neuen Grundlagen und Lösungen, zum Teil in Hinterzimmern, unbemerkt von den eigenen KollegInnen. Bei vielen geht die Unzufriedenheit soweit, dass sie die Enge des Universitätsbetriebes nicht mehr aushalten und aussteigen. Ältere unter ihnen warten die Pensionierung ab, bis sie sich als ParadigmakritikerInnen "outen". Doch auch innerhalb der Universitäten gibt es bereits Institute, die deutlich über das gängige Paradigma hinausgehen. Beispiele sind das Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, das explizit Anomalienforschung betreibt, das Institut an der Oldenburger Universität, in dessen Lehrstuhlbeschreibung die Transpersonale Psychologie aufgenommen wurde, oder der Magdeburger Lehrstuhl für moderne Gesundheitsförderung, der sich für die höhere Akzeptanz eines alternativen Gesundheitsmodells einsetzt. Viele, vor allem jüngere WissenschaftlerInnen sehen ihren Platz allerdings gar nicht mehr in den herkömmlichen Hochschulen und gründen eigene Institute. Sie sind dann zwar freier in ihrer Arbeit, stehen aber auch erheblichen Problemen gegenüber, z.B. enormen Schwierigkeiten bei der Finanzierung ihrer Forschung und mangelnder öffentlicher Anerkennung. Die kollektive Trance, dass nur das beweiskräftig und wissenschaftlich sein kann, was durch das gängige Paradigma getragen ist, ist eben noch nicht überwunden. Bereits seit einigen Jahrzehnten wird sie aufgelockert durch Publikationen von Wissenschaftlern wie Fritjof Capra oder Ervin Laszlo, die den Paradigmenwechsel als anstehende Aufgabe thematisieren. Sie plädieren für ein erweitertes Weltbild, das z.B. auch geistige und spirituelle Ebenen, die Relativität von Zeit und Raum oder Phänomene wie die Kohärenz räumlich getrennter Systeme einbezieht. Inzwischen existieren etliche Versuchsergebnisse, die ein Potenzial zur Anomalie haben. Doch wie Kuhn zeigt, muss der Zweifel der Wissenschaftlergemeinde ziemlich groß sein, bis sie solche Anomalien als Hinweise zur signifikanten Untauglichkeit ihres Paradigmas wertet.

Ausschlaggebend sind außerwissenschaftliche Faktoren

Damit ein Paradigma zugunsten eines neuen verworfen wird, muss es mindestens zwei Dinge geben: eine ernsthafte Krise und ein brauchbares alternatives Paradigma. Welches Paradigma das alte ersetzt, hängt viel mehr von außerwissenschaftlichen, historischen und sozialpsychologischen Faktoren als von Logik und neutraler Erfahrung ab. Es setzt sich nicht deshalb durch, weil es die bessere Theorie zur Erklärung der Natur oder eine höhere Übereinstimmung zwischen Theorie und Natur anbieten könnte. Beim Übergang zum heliozentrischen Weltbild etwa spielte der ideengeschichtliche Hintergrund eine bedeutende Rolle. Als die Macht der Kirche zu bröckeln begann, setzte es sich vor allem deshalb durch, weil es zum Sinnbild des Reformgedankens geworden war. Es überzeugte jedenfalls gewiss nicht durch schlüssigere Logik und schon gar nicht durch die gelebte Erfahrung. Niemand, der gesunden Menschenverstand besitzt, kann ernsthaft glauben, dass sich die Erde in atemberaubenden Tempo um sich selbst und dann noch um die Sonne drehen soll . Der Paradigmenwechsel vollzieht sich nicht Schritt für Schritt. Kuhn vergleicht die Art des Übergangs mit Ergebnissen psychologischer Experimente zur Gestaltwahrnehmung, wie die der unterschiedlichen Deutung eines Sachverhaltes, z.B. zwei Personen, die bei der Betrachtung desselben Bildes einen Hasen oder eine Ente zu sehen glauben. Beiden ist nur mit Mühe möglich, beide Gestalten zu erkennen, was dann auch nicht gleichzeitig, sondern nur nacheinander gelingt. In derselben Weise sehen die WissenschaftlerInnen die Welt ihres Forschungsbereiches mit bestimmten Augen und lernen erst dann, sie mit anderen Augen zu sehen, wenn die wissenschaftliche Revolution stattgefunden hat. Die entscheidende Einsicht, die dabei helfen kann, sich zumindest in gewissem Maß von der beengenden Trance des herrschenden Paradigmas zu befreien, liegt im Grunde auf der Hand: Ein Paradigmenwechsel verändert selbstverständlich nicht die Welt an sich, sondern nur das jeweilige Weltbild, das heißt die Sicht auf die Welt. Diese Konsequenz relativiert unseren gängigen Begriff von "Wirklichkeit" und "Wissenschaftlichkeit" erheblich. Angehörige unterschiedlicher Paradigmen leben und forschen in verschiedenen Welten, sie sehen verschiedene Dinge, und sie sehen sie in unterschiedlichen Beziehungen zueinander. Ein neues Paradigma verändert die Auffassung dessen, was als zulässiges Problem oder als legitime Problemlösung gilt. Aufgrund des gewandelten Weltbildes werden andere Fragen gestellt, andere Methoden entwickelt und andere Apparate konstruiert. Der Wechsel zieht auch nach sich, dass Vertrautes in einem neuen Licht erscheint. Mitunter werden unter den veränderten paradigmatischen Voraussetzungen Erkenntnisse aus der Wissenschaft verbannt, die einst tragend waren, und alte Themen tauchen wieder auf, die als irrig galten. Die Vollendung des Wechsels erkennt man am Entstehen einer neuen normalwissenschaftlichen Phase. Die WissenschaftlerInnen bilden wieder eine Gemeinschaft, die sich hinsichtlich der gemeinsamen Aufgabe und der zu beantwortenden Fragen grundsätzlich einig ist. Die Lehrbücher werden umgeschrieben, und das Spiel beginnt von Neuem. Aus der vorgestellten wissenschaftstheoretischen Sicht lassen sich einige Ursachen unterschwelligen Unbehagens freilegen. Es sind die Schattenseiten der Normalwissenschaft, die unter anderem dazu führen, dass so genannte Außenseiterverfahren von den Mainstream-Wissenschaften vehement ignoriert werden und dass sich VertreterInnen alternativer Weltbilder immer wieder mit dem Vorurteil der Unseriosität herumschlagen müssen. Ein wesentlicher Nutzen der Kuhnschen Wissenschaftstheorie liegt in seiner Kraft, gerade diese Trance zu überwinden, dass es nur eine wirkliche und absolute Wissenschaft gäbe. Wie einfach es in anderen Bereichen gelingt, eine tolerante Haltung einzunehmen, zeigt sich in der Kunst. Dort können gleichberechtigt verschiedene Stile nebeneinander existieren. Die Vorstellung, früheren Epochen einen absoluten Wert abzusprechen (da diese sozusagen nur die Vorarbeit geleistet hätten für das Können der gegenwärtigen KünstlerInnen) erscheint geradezu grotesk. Eine solche Einstellung auch im Umgang mit den Wissenschaften könnte gerade in Zeiten des Wandels eine Brücke zwischen der Forschung innerhalb und außerhalb des herrschenden Paradigmas darstellen und den Geburtsprozess des Neuen erleichtern. Zum Standort der Geomantie kann man aus dieser wissenschaftstheoretischen Sicht klar sagen, dass sie sich gegenwärtig (noch) außerhalb des herrschenden Paradigmas bewegt. Dass sie sich zunehmender Resonanz erfreut, ist kein Zufall. Mit Sicherheit gehört sie zu jenen Gebieten, aus denen das innovative Potenzial zu erwarten ist, dessen Notwendigkeit von mehr und mehr Menschen erkannt wird. Die Grundlagendiskussion in der Geomantie ist Widerspiegelung der Arbeit, die getan werden muss, um einem neuen Weltbild auf die Sprünge zu helfen: die Ausformulierung von zeitgemäßen Alternativen. Denn bekanntlich kann eine Krise allein keinen Wandel bewirken. Wichtig ist jetzt vor allem, die verschiedenen Irritationen auszuhalten, bis zu dem Moment, an dem sich plötzlich der Vorhang der kollektiven Trance hebt und wir eines schönen Morgens aufwachen und über das alte Paradigma allenfalls noch staunen.