Wie wirklich ist die Wissenschaft?

Verfolgt man die aktuellen Definitionsversuche und Standortbestimmungen der Geomantie, eröffnet sich eine ungeahnte Vielfalt von Konzepten und Methoden. Dabei werden durchaus konträre Positionen eingenommen. So erfährt man einerseits, Geomantie beruhe auf Intuition und höherer Eingebung, und eine wissenschaftliche Sicht behindere angeblich den Blick auf die geomantischen Qualitäten und Erkenntnisse. Andererseits gewinnt man den Eindruck, dass es sich bei der Geomantie um so etwas wie einen Spezialfall der Naturwissenschaft handelt. Die ihr zugrundeliegenden Phänomene scheinen durchaus gewissen Gesetzmäßigkeiten zu folgen, so dass man sie als Wissenschaft bezeichnen könnte, wie dies z.B. in manchen Spielarten der Radiästhesie ausdrücklich geschieht. Neben all diesen Ansätzen findet sich auch noch jenes überraschende Fazit, dass es Geomantie als einen eigenständigen Bereich eigentlich gar nicht gibt, da sie sich nur aus verschiedenen Disziplinen anderer Fakultäten zusammensetzt. So kann man erfreut schlussfolgern, dass Geomantie nach wie vor ein Gebiet der unendlichen Möglichkeiten ist. Neben der Freude an der lebendigen Vielfalt taucht gegenwärtig allerdings - und das nicht zufällig - auch die Frage nach den Gemeinsamkeiten auf. Dieser Frage nachzugehen, ist in verschiedener Hinsicht sinnvoll. Zum einen fordert und fördert die Suche nach dem Gemeinsamen auch die Aus-Einander-Setzung (das kann man sich ganz bildlich vorstellen) innerhalb der eigenen Ansätze. Das wirklich Besondere der aktuellen Situation scheint jedoch zu sein, dass diese Grundlagendiskussion erstmalig über die Grenzen der eigentlichen Geomantie hinaus geht und den umfassenden, gesamtgesellschaftlichen Wandel im Welt- und Menschenbild unterstützen kann. Vor diesem Hintergrund möchte ich einige wissenschaftstheoretische Hinweise geben, die zur Klärung von Standort und Aufgabe der Geomantie beitragen können. Dafür beziehe ich Aussagen des Wissenschaftstheoretikers Thomas S. Kuhn auf die gegenwärtige Situation, wodurch sich zeigen lässt, dass eine solche Vielfalt weder verwunderlich, noch bedenklich, sondern im Gegenteil gerade Zeitzeichen eines nahenden (und notwendigen) Paradigmenwechsels ist. Die Wissenschaftstheorie Thomas S. Kuhns (1922-1996, Physiker und Professor für Wissenschaftstheorie am Massachusetts Institute of Technology) ist wichtigster Popularisator des vielzitierten "Paradigmenwechsels" (Paradigma = Glaubensmuster eines wissenschaftlichen Weltbildes). Kuhns Analyse der Strukturen, innerhalb derer sich Wissenschaft entwickelt, wurde ausgelöst durch seine Zweifel an den scheinbar soliden Forschungsergebnissen der Naturwissenschaft.
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