Im Stillen blühen

von Ulrich Fischer erschienen in Hagia Chora 11/2001

Das Gebiet der Geomantie ist vielgestaltig. Geomantie repräsentiert nicht ein einziges Weltbild, nicht eine einzige Kultur, nicht einen erfahrungswissenschaftlichen Fachbereich, eine Methodik allein, auch nicht eine einzige Kunstrichtung oder die einzige spirituelle Erfahrungsmöglichkeit. Verschiedene Aspekte - künstlerische, wissenschaftliche oder spirituelle, werden von Geomanten in den Mittelpunkt gerückt und unterschiedlich stark gewichtet. Die Unterschiedlichkeit der Ansätze, Auffassungen und Bestrebungen, die sich als Geomantie verstehen, wird z.B. in jeder Ausgabe der Hagia Chora dokumentiert. Dieser Reichtum an Einflüssen, Sichtweisen und Erfahrungsmöglichkeiten selbst ist Ausdruck des Wesens der Geomantie. Es widerspiegelt das lebendige Sein auf der Erde. Wie lässt sich das "Wesen der Geomantie" nun genauer charakterisieren? Es stellt sich die Frage, welches Bestreben uns als Geomanten eint. Für mich persönlich bedeutet Geomantie eine Erweiterung. Sie ist Ökologie, welche die Seele einschließt. Zunächst erweitert sie meine sensorischen Fähigkeiten durch Schulung der Wahrnehmung. Diese Beruhigung und Klärung der Sinne könnte Sinnesökologie genannt werden. Daraus geht eine Erweiterung meiner Vorstellungskraft, meines geistigen Horizontes hervor. Ich schätze es besonders, dass mir als Biologe und Landschaftsökologe im Rahmen der Geomantie Ausdrucksmittel in die Hand gegeben sind, die meine wissenschaftliche Herangehensweise an Landschaften um die geistig-seelische Ebene bereichern. Dieser Aspekt entspricht der Tiefenökologie. Meine Wahrnehmungen, Gefühle, Intuitionen und spirituellen Erfahrungen erhalten Aussagewert zur Landschaftsqualität. Ich verstehe die Landschaft zunehmend als mehrdimensionalen Raum, der beseelt und damit sinnvoller wird. Ihre Seelenebene ist nicht vom eigenen Erleben und Reflektieren zu trennen. Ich werde immer auch mit meinem eigenen Seelenleben konfrontiert - mit meiner inneren Ökologie. Genau jener Seelenebene näherzukommen - dem Wesen einer Landschaft und dadurch auch meinem eigenen Wesen - und jene Wesenserkenntnis als Grundlage für mein Handeln anzunehmen, scheint mir die wesentliche geistige Bestrebung der Geomantie.

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