Auf der Suche nach Über-Sicht

von Clemens Zerling erschienen in Hagia Chora 11/2001

Angeregt durch den Call for Papers zur Neudefinition der Geomantie, entspann sich in meinem Freundeskreis eine Diskussion. Mein Beitrag ist der Versuch eines Protokolls. In den 80er-Jahren suchte ich eines Tages an einem See im Landschaftsschutzgebiet nach einer lauschigen Stelle, um ein Buch zu lesen und dabei die Beine im Wasser baumeln zu lassen. Leider waren die wenigen Buchten von der Forstverwaltung mit Holzverhauen abgesichert. Hinweisschilder informierten, damit würden Brutstätten der Enten behütet. Da ich aber weder baden noch Lärm verursachen wollte, fühlte ich mich berechtigt, das Verbot zu umgehen. Müßte meine meditative Grundhaltung diesem Ort nicht eher gut tun? Während des Lesens spürte ich plötzlich, dass ich nicht mehr allein war. Ein Kältestrang kletterte rasch meinen Rücken empor, und ich blickte mich um. Zuerst sah ich nichts Ungewöhnliches, bis mein Blick an einem farbigen Fleck, etwa drei Meter von mir entfernt, kleben blieb, der sich rasch verdichtete. Schließlich erschaute ich ein kleines Männlein, etwa einen halben Meter groß, mit dunkelroter, großer Zipfelmütze, gelbbraunem Wams und dunkelbraunen Stulpenstiefeln. Sein Blick in einem zeitlos dunklen Antlitz spiegelte Unmut und Autorität, was die amtlichen Tressen an seinem Wams und die auf dem Rücken verschränkten Hände unterstrichen. Ich fühlte weder Angst, noch war ich erschrocken, eher hochgradig aufmerksam. Beflissen das Buch zur Seite legend, grüßte ich freundlich und fragte: "Kann ich etwas für dich tun?" Er gab keine Antwort und bewegte sich nicht. "Hast du ein Anliegen an mich, einen Wunsch? Soll ich etwas tun?" Ich dachte unwillkürlich an eine wichtige Aufgabe, etwas, zu dem gerade ich ausersehen sei; vielleicht eine Hilfestellung für dieses Schutzgebiet, in dem ich verweilte. "Ja", sagte er jetzt. "Was denn?" fragte ich leicht erregt, "sag es mir bitte!" - "Verpiss dich!" klang es drohend und unmißverständlich.

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