Auf der Suche nach Über-Sicht

von Clemens Zerling erschienen in Hagia Chora 11/2001

Angeregt durch den Call for Papers zur Neudefinition der Geomantie, entspann sich in meinem Freundeskreis eine Diskussion. Mein Beitrag ist der Versuch eines Protokolls. In den 80er-Jahren suchte ich eines Tages an einem See im Landschaftsschutzgebiet nach einer lauschigen Stelle, um ein Buch zu lesen und dabei die Beine im Wasser baumeln zu lassen. Leider waren die wenigen Buchten von der Forstverwaltung mit Holzverhauen abgesichert. Hinweisschilder informierten, damit würden Brutstätten der Enten behütet. Da ich aber weder baden noch Lärm verursachen wollte, fühlte ich mich berechtigt, das Verbot zu umgehen. Müßte meine meditative Grundhaltung diesem Ort nicht eher gut tun? Während des Lesens spürte ich plötzlich, dass ich nicht mehr allein war. Ein Kältestrang kletterte rasch meinen Rücken empor, und ich blickte mich um. Zuerst sah ich nichts Ungewöhnliches, bis mein Blick an einem farbigen Fleck, etwa drei Meter von mir entfernt, kleben blieb, der sich rasch verdichtete. Schließlich erschaute ich ein kleines Männlein, etwa einen halben Meter groß, mit dunkelroter, großer Zipfelmütze, gelbbraunem Wams und dunkelbraunen Stulpenstiefeln. Sein Blick in einem zeitlos dunklen Antlitz spiegelte Unmut und Autorität, was die amtlichen Tressen an seinem Wams und die auf dem Rücken verschränkten Hände unterstrichen. Ich fühlte weder Angst, noch war ich erschrocken, eher hochgradig aufmerksam. Beflissen das Buch zur Seite legend, grüßte ich freundlich und fragte: "Kann ich etwas für dich tun?" Er gab keine Antwort und bewegte sich nicht. "Hast du ein Anliegen an mich, einen Wunsch? Soll ich etwas tun?" Ich dachte unwillkürlich an eine wichtige Aufgabe, etwas, zu dem gerade ich ausersehen sei; vielleicht eine Hilfestellung für dieses Schutzgebiet, in dem ich verweilte. "Ja", sagte er jetzt. "Was denn?" fragte ich leicht erregt, "sag es mir bitte!" - "Verpiss dich!" klang es drohend und unmißverständlich.

Das Große Eine

Wie kaum eine andere Empfehlung der Bibel haben die Menschen das "Macht euch die Erde untertan!" ernst genommen und in die Tat umgesetzt. Aber die heiligen Bücher der Menschheit mit ihren verschiedenen Bedeutungsebenen sind mitunter wirklich schwer zu verstehen. Hatte der Autor, wie zumeist in mystischen Schriften, statt den Planeten mehr das Element Erde gemeint? Die Manifestierung einer höheren Ordnung in der Welt der Erscheinungen, der irdischen Verhältnisse? Oder wollte er damit sagen: "Bringt euren physischen und geistigen Körper in Ordnung"? Beide werden dem Element Erde zugeordnet. Schon immer fanden sich weise Menschen, die an eine solche höhere Ordnung glaubten, nach ihr suchten und vielfältige Zusammenhänge zwischen dem Kosmos, unserer physischen Existenz und der äußeren Natur entdeckten. Man staunte ob der innewohnenden Gesetze dieses Systems und vermutete eine zentrale (göttliche) Steuerung, "einen lebenden, atmenden Organismus", eine "goldene Kette aus geistigen Ideen, die jede Existenz durchläuft und alles, was droben im Himmel oder unten auf Erden existiert, zusammenbindet, in einen lebenden Körper". Als ein solch früher Weiser, Suchender und einer der Väter des Feng Shui gilt Fu Hsi, der erste Herrscher Chinas. "Aufwärts blickend sann er über die Gestaltungen in den Himmeln nach; hinabblickend betrachtete er die Muster auf der Erde" (Eitel, 1843). Wo aber lag diese Steuerungszentrale? Was hatte man sich darunter vorzustellen? Wo eröffnete sich der Zugang dazu? Reichten unsere physischen Sinne? Wie ließen sich erste Fehlentwicklungen ausbügeln, die mit der Vermehrung und Verbreitung der Menschheit und ihren radikalen Eingriffen in die äußere Natur entstanden waren? Sie wuchsen bereits bei frühen Großgesellschaften zu existenziellen Bedrohungen aus, wie wir heute wissen. Vermutlich zunächst ausgehend von den frühen Mysterienschulen Ägyptens, verbreitete sich die Ansicht, eine solche Suche solle zunächst mit der Erforschung des eigenen Inneren beginnen. Der ägyptische Gott Thot und eine seiner Verkörperungen, Hermes Trismegistos (das dreimal große Merkurprinzip), formulierten: "Wie oben, so unten, wie unten, so oben". Die sichtbare Welt sei eine Spiegelung und das Gegenstück zur unsichtbaren Welt. Und als die geheime Grundlage aller universellen Ordnung, des Mikro- und Makrokosmos, gelte das "Eine Prinzip", das unterschiedlich benannt, heute aber oft als universelle Lebenskraft (Od-Kraft, Astrallicht, Nous, Dao etc.) bezeichnet wird. Der bekannte Okkultist Eliphas Levi (vulgo Alphonse Louis Constant, 1810-1875) versuchte sich an einer Beschreibung dieser Lebenskraft: "Sie ist bis in alle Unendlichkeit verbreitet, sie ist die Substanz des Himmels und der Erde. Wenn sie Strahlung produziert, wird sie Licht genannt. Sie ist gleichzeitig Substanz und Bewegung; sie ist eine Flüssigkeit und eine ständige Schwingung. Diese Kraft ist das Instrument des Lebens, sie sammelt sich von Natur aus in lebenden Zentren, sie haftet ebenso im innersten Leben der Pflanzen, wie auch im Herzen des Menschen, aber sie identifiziert sich selbst mit dem individuellen Leben, dessen Existenz sie belebt. Wir [als Menschen] sind tatsächlich durchdrungen von diesem Licht und projizieren es permanent, um ihm mehr Raum zu geben. Die Anordnung und Polarisierung dieses Lichtes um ein Zentrum erschafft ein lebendiges Wesen; es zieht all das notwendige Material an, um es zu vollenden und zu erhalten. . Diese Kraft besitzt vier Eigenschaften - aufzulösen, zu verdichten, zu beschleunigen und zu mäßigen. Diese vier Eigenschaften, gelenkt durch den Willen des Menschen, können alle Entwicklungsstadien der Natur verändern." Die Mysterien- und Initiatenschulen lehrten, dass diese Kraft allen Lebens, wie immer benannt, die "eine" Wirklichkeit sei, die sich in allen Erscheinungen des Universums manifestiere; die tatsächliche und wahrhafte Gegenwart des unbegrenzten, souverän herrschenden und einzigen Prinzips des Universums. Diese Kraft äußere sich zweipolig. Mit den Begriffen der heutigen Psychologie würden wir sagen: durch ein Unter- und ein Oberbewusstsein.

Das erzeugende Denken

Vom Beginn unseres embryonalen Zustands an kontrolliert unser menschliches Unterbewusstsein jede Funktion des sich herausbildenden Körpers mit all seinen ihm zugeschriebenen Ebenen. Diese Lebensaktivität verläuft unterhalb der Ebene bewusster Wahrnehmung und ausnahmslos bei jedem Menschen in kaum nachvollziehbarer Vollkommenheit. Dieses unser Unterbewusstsein vermag jede Krankheit zu heilen, liefert unsere Instinkte und Intuitionen und versorgt uns - wenn wir kooperieren - mit höchster Intelligenz. Dabei schöpft es aus der lückenlosen Aufzeichnung eigener wie auch aus dem Schatz kollektiver Erfahrung und bietet die Ergebnisse bei Bedarf der Oberfläche unseres Ober- oder Wachbewusstseins an. Dabei scheint das Unterbewusstsein für sich selbst zu denken und speichert unsere Erfahrung zu Wissen. Doch leben wir auch von der Selbstreflexion und Widerspiegelung im Ober-, Wach- oder Selbstbewusstsein.
Nicht erst die neuzeitliche Psychologie stellte nun fest: Das Unterbewusstsein glaubt naiv allen Ein- und Angaben dieses Oberbewusstseins, von der Psychologie Suggestionen genannt, saugt sie wie ein Schwamm auf und leitet Beziehungen und Ergebnisse aus diesen vorgegebenen Informationen ab, ohne diese Deduktionen auf Grundstimmigkeit und Weisheit hin zu überprüfen. Aus falschen und sinnlosen Gedanken, Gefühlen und Handlungen werden ebenso logische Schlussfolgerungen gezogen wie aus korrekten. Sind also unsere Emotionen, Einsichten und Taten unsinnig, selbstzerstörerisch, fehl am Platze oder ausgesprochen falsch, kann das Unterbewusstsein auch nichts Sinniges und Richtiges ableiten. So entstehen Aberglaube und religiöser Wahn, so entstehen wissenschaftliche Fehlleistungen.
Besuchen wir einen heiligen Ort in der äußeren Natur und suggerieren uns unterwegs: heute wird ja wieder nichts passieren, ich werde vermutlich wieder keine aufregenden Erlebnisse haben, dann glaubt unser Unterbewusstsein das und wird alles tun, damit keine Erfahrungen einer anderen Realität an unser Oberbewusstsein dringen. Andererseits können wir unserem Unterbewusstsein größte Bereitschaft für alle Phänomene signalisieren, und wir bekommen sie, ungefiltert und unsortiert. Unsere Erwartungen, da sie ebenso suggestiv wirken, werden früher oder später erfüllt. Das universelle Unterbewusstsein, Herrscher über magnetische, elektrische, chemische und andere Faktoren, so lehren Mysterienschulen, versorge alle Erscheinungsformen, ob wir sie nun als anorganisch oder organisch, lebendig oder leblos ansehen, mit dem gleichen Grundstoff und verleihe ihnen Strahlungsenergie, Elektromagnetismus und Lichtkraft, was alles nur Ausdrucksformen dieser "einen" Lebenskraft seien. Alles, was aber von Lebenskraft erfüllt sei, trage Bewusstsein, so verborgen dies auch für uns bleibe. Und alles Bewusstsein reagiere empfindlich auf alle Formen geistigen Einflusses. Schließlich gebe es außer in der Scheinwelt einer künstlich aufgestellten Dreidimensionalität keinerlei Trennung. In alten Zeiten ahnten die Menschen noch mehr von den Zusammenhängen zwischen Illusionen, Missverständnissen und Emotionen, zwischen Chaos im herrschenden Denken und in den Eruptionen der Naturkräfte, die sich auch über gesellschaftliche Katastrophen, Seuchen und Epidemien ein Ventil schaffen können. Wie oben, so unten.

Ordnung heißt, die Welt verstehen zu lernen

"In der Vernunft des Menschen wird das Licht Gottes zurück gestrahlt" (Unbekannter Weiser). Wenn ich dies akzeptiere, muss ich zunächst mit der Ordnung bei mir beginnen. Ordnung bedeutet dann, in allen Bereichen der Lebensführung und des angesammelten Wissensgutes nach Wahrheit und Weisheit zu suchen, um dem Unterbewusstsein statt Aberglauben, Illusionen und falschen Grundlagen ein richtiges Bild von der Realität und sinnvolle Wünsche zu suggerieren. Ordnung heißt, die Welt verstehen zu lernen wie sie ist, nicht, wie wir gerne hätten, dass sie sei; mit dem Instrument des Verstandes Erfahrungen korrekt zu interpretieren, zu definieren und mit Hilfe der Erinnerung einzuordnen. Unterscheidung erfordert sorgfältige Beobachtung dessen, was wirklich vor sich geht, die Prinzipien hinter der Welt der Erscheinungen und der Maya zu erfassen. Wahre Ordnung bedeutet, Vernunft walten zu lassen. Vernunft, so heißt es, sei die harmonische Verbindung der Arbeit des logischen Verstandes - der, auf sich allein gestellt, oft zu eklatanten Irrungen neigt - mit der Suche nach Intuition und Inspiration; mit der meditativ-mystischen Abstimmung auf die höchsten Ressourcen an Weisheit in uns selbst; mit der Abstimmung auf das, was als unsere Seele, Höheres Selbst, Überbewusstsein, Gott oder "Ich bin der ich bin" bezeichnet wird. Wenn Vernunft und Kreativität mit Hilfe der Schätze unseres höchsten Bewusstseins immer bessere Bedingungen schaffen, müssen sie uns irgendwann aus den Fesseln selbstverschuldeter Illusionen und Missverständnisse herausführen. Die notwendige Kooperation zwischen Ober- und Unterbewusstsein funktioniert dann reibungslos und bringt so den Frieden der kosmischen Ordnung in unser Leben. Gleichzeitig geben wir Impulse von Harmonie und Ordnung an das universelle Unterbewusstsein ab, mit denen die Menschheit es bislang nicht gerade verwöhnte. "Das nicht-duale Erkennen ist die Wirklichkeit; es hat sich selbst zum Inhalt.", sagt Ken Wilber.

Vernetztes Bewusstsein

Dem Medium Internet ist es mehr als allem anderen gelungen, die ganze Welt miteinander zu vernetzen, äußerlich und inhaltlich. Das technische System, auf das es aufbaut, gleicht so sehr dem Funktionieren unserer Bewusstseinsstrukturen, dass es schon als Lehrbeispiel für Original und Plagiat gilt, für Realität und Aktualität (= die Welt der sichtbaren Erscheinungen). Denn das Internet als Plattform nimmt ebenso ungeprüft alles auf, was man hineingibt, und vernetzt es beflissen wie das Unterbewusstsein. Das Internet ist eine direkte Folge des verstärkten kollektiven Wunsches nach Vernetzung, nach integralem Bewusstsein. Ein höheres und vernetztes Bewusstsein wird die Enge der Dreidimensionalität aufbrechen. Ob es aber zufriedengestellt werden kann, wenn wir eine vierte Dimension mit dem Zeitbegriff verbinden? Zeit, das erfuhren schon unsere Raumfahrer, bleibt eine Fiktion. Außerhalb der von uns dafür festgelegten Koordinaten lässt sie sich nicht eingrenzen und sicher bestimmen. Ob wir nun eine Vier- oder eine ausgeklügelte Mehrdimensionalität vertreten - sie bleibt eine Annahme, auf die wir uns einigen können, die sich jedoch den Nachprüfbarkeits- und "Objektivitäts"-Forderungen klassischer Wissenschaften bis jetzt zu entziehen scheint. Ältere Traditionen begnügten sich in dieser Frage mit der symbolischen Vier als Zahl der dimensionellen Vollendung in der physischen Welt. Mit der vierten Dimension suchten sie nach der "Drauf"-, "Hindurch"- oder "Über"-Sicht, nach dem, was wir heute "integrales Bewusstsein" nennen, nach etwas, was die Gesamtheit aller Erscheinungen erfasst. Es soll die trostlose Welt unserer Gegensätze und Trennungen aufheben: gut - böse, licht - dunkel, innen - außen, oben - unten usw., so dass wir lernen, wie diese Dualitäten gemeinsam erst Vollständigkeit ergeben. Auf dem Weg zu einer solchen Sicht führt unser Hang zu Wertungs- und Berechnungseinheiten schnell an Grenzen, denn der Zugang ist zunächst - und manche glauben: ausschließlich - ein individueller. Als ich Jahre später das eingangs geschilderte Erlebnis noch einmal in aller Strenge durchleuchtete, versuchte ich, Spreu und Weizen zu trennen. Stülpen wir nicht in aller Regel Erfahrungen mit subtilen Erscheinungsformen der Lebenskraft in unserem Innern nach außen? Als reine Schwingungen müssen sie von uns "übersetzt" werden, und wir bekleiden sie mit Symbolmustern unserer Kulturerfahrung. Ein höherer Anteil in mir fand wohl, dass mein Verhalten als Naturliebhaber und Naturschützer in jenem Augenblick äußerst widersprüchlich und unkorrekt war. Ich verlieh meine autoritäre innere Stimme einer bunten Mischung von Erpel, Waldgeist, Gartenzwerg und Heinzelmännchen mit "Obrigkeitswams", die sauber mein gelegentliches Unfreundlich- und Kurz-Angebundensein widerspiegelte. Warum aber werden solche Phänomene gerade hier oder dort in der Natur besonders individuell spürbar? Tragen wir sie als Ausdruck unseres eigenen Bewusstseins dorthin? Oder gehören sie zum sogenannten Genius Loci, zum Geist des Ortes? Integrales Bewusstsein fordert auch, Ordnung in unsere Erfahrung zu bringen: Hätte dieses Phänomen auch jemand anderer gesehen? Genau so? Wird jemand nach mir an dem gleichen Ort eine ähnliche Erfahrung machen, weil die meinige als geistige Kraft nun Leben trägt und sich vielleicht auch stark an diesen Ort bindet? Habe ich nun ungewollt einen "heiligen Platz" geschaffen, an dem immer mehr Besucher eine immer größere Energie wahrnehmen? Die vielleicht als der Große Erpelgeist nun weiterhin launig-sarkastische Empfehlungen von sich gibt? "Unsere Heimat liegt innen. Solange wir diese uralte Wahrheit nicht neu entdecken, und zwar jeder für sich und auf seine Weise, sind wir dazu verdammt, umherzuirren und Trost zu suchen, wo es keinen gibt - in der Außenwelt." (James Bugenthal, Tiefenpsychologe)

Die Grenze zwischen den Erfahrungswelten überschreiten

Manchmal scheint es, als sei Geomantie mehr die Suche nach spezifischen und messbaren Energien, und es gäbe hier, wie in der Archäologie, noch einiges zu entdecken. Doch in Wirklichkeit gibt es nur eine Energie, die sich aber immer wieder neu zusammensetzt und die Gegebenheiten neu ordnet. Wenn wir uns also lokalen Kräften und ihren Manifestationen zuwenden, sollten wir auch die Fragen gründlich klären: Was ist lokal wirklich vorhanden und wie lange? Was möchten wir gerne, dass wir erfahren oder messen? Was interpretieren wir hinein? Wissen wir genügend von der vorschnell eingrenzenden und klassifizierenden Arbeit unseres Oberbewusstseins? Selbst in der äußeren Natur haben wir es zumeist mit Kräften zu tun, die unsere "Erfassbarkeit" weit übersteigen. Erleben wir dabei aber Inspirationen, Schauungen, innere Stimmen oder andere so genannte "außersinnliche Wahrnehmungen", die sich auch nur als Gefühl, Stimmung oder Impuls äußern können, manifestieren sie sich scheinbar oft außerhalb von uns. Ihre korrekte Ein-Ordnung führt uns auf jeden Fall zunächst zu einer bestimmten Ausdrucksform der Lebenskraft, die sich über oder durch uns Ausdruck verschaffen will. Das dabei erfahrbare Phänomen bleibt real, wie auch immer wir es beschreiben, malen, erklären oder in symbolische Bilder kleiden. Nehmen wir dabei die Vernunft zu Hilfe, ihre Abstimmung auf unser höchstes Bewusstsein, ist im Geistigen auf jeden Fall ein kleines Heiligtum entstanden. Wir haben der höchsten Natur zum Selbstausdruck verholfen. In einem solchen Augenblick ist die Dualität zwischen innen und außen vorübergehend aufgehoben, zwischen organischer und anorganischer Materie, zwischen oben und unten. Wir sind für einen Augenblick vollständiger geworden und haben die Grenzen zwischen den Erfahrungswelten überschritten. Sollen wir jetzt die Erfahrungswerte ähnlicher Beobachter miteinander tabellieren, Größenverhältnisse vergleichen und Wertmaßstäbe für den Energieaustritt anlegen, für alle anderen etwas Verbindliches zu erklären suchen? Heben wir damit diese Einheit nicht wieder auf, die wir gerade als höheren Ausdruck menschlicher Erfahrung erreicht haben? Reicht es nicht, sich an dem vielfältigen Ausdruck der Lebenskraft staunend zu erfreuen? Khalil Gibran, der libanesische Mystiker, empfiehlt: "Die verborgene Quelle eurer Seele muss unbedingt emporsteigen und murmelnd zum Meer fließen. Und der Schatz eurer unendlichen Tiefen möchte euren Augen offenbart werden. Aber wiegt den unbekannten Schatz nicht mit Waagschalen und erforscht die Tiefen eures Wissens nicht mit Messpflock oder Senkschnur, denn das Ich ist ein Meer, grenzenlos und unermesslich. . Sagt lieber: Ich habe die Seele auf meinem Pfad wandelnd getroffen!" Schon seit dem ausgehenden Mittelalter fordern Philosophen und Weise eine Symbiose von Religion und Naturwissenschaft. Damit soll nicht nur der engen Detailsicht vorgebeugt werden, sondern auch der Vorstellung, individuelle spirituelle Erfahrung und strenge Experimentalwissenschaft würden sich grundsätzlich ausschließen. Sie brauchen nur eine Klammer, ein integrales Bewusstsein, das eine direkte, bewusste Verbindung zur höchsten Weisheit und höchsten Kreativität sucht. Das aber bleibt vorrangig ein individuelles Erlebnis, eine übersinnliche Erfahrung. Doch ein vernünftiges Ergebnis sollte wiederum allen objektiven Nachprüfbarkeitskriterien standhalten. Wenn wir wirklich auf eine Welt in Freiheit, Wohlstand, Frieden und Weisheit hinarbeiten wollen, müssen wir unser Bewusstsein und unsere Erfahrungsmöglichkeiten so weit wie möglich ausdehnen. Voraussetzung und unverzichtbares Absicherungsinstrument bleibt für mich die Vernunft als Ordnungsprinzip in unserer Bewusstseinsstruktur.

Der Tanz der Welt

Die Welt (das Universum) zu verstehen und sich in ihren Gesetzmäßigkeiten eher mit offenherziger Leichtigkeit und Gelassenheit zu bewegen als mit engherziger Strenge, wird seit alters her auch als eine schöpferische Kunst angesehen. Beispiele dafür bieten die antiken Kranichtänze, der mittelalterliche Pfauenspiraltanz oder das Schwanenballett. Denn alle diese Vögel symbolisieren das von uns zu schaffende Vehikel, mit dem wir zu höherem Bewusstsein gelangen. Im mittelalterlichen Taro zeigt die letzte Karte einen Androgyn über der Weltkugel. Er tanzt den "Tanz der Welt" und balanciert spielerisch sich in entgegengesetzte Richtungen drehende Energiespiralen.
Für diese weiter ausgreifende Sicht der Welt kann die Geomantie mit ihrer bisherigen Integrationsfähigkeit stellvertretend Botschafter und Vorreiter werden. Sie vermag ein Beispiel zu geben für ein neues und tiefer erfassendes Bewusstsein, für ein tieferes Verständnis von Natur:
- indem sie zur Klärung beiträgt, dass ein wahres Verständnis um die Gesetze in der äußeren Natur die mit Vernunft durchgeführte Ordnung in unserem eigenen Bewusstsein voraussetzt,
- indem sie der Tatsache Bedeutung schenkt, dass der größere Teil der Natur unsichtbar ist und damit ihre Ursachensphäre weitgehend verhüllt bleibt,
- indem sie darauf hinweist, dass die äußere Natur, die uns so bereitwillig alles zur Verfügung stellt, auch unsere Hilfe braucht, unsere Behütung und Zuwendung; dass Nehmen und Geben in einem ausgeglichenen Verhältnis stehen müssen, wobei nach alter Regel die umgekehrte Reihenfolge eingehalten werden sollte,
- indem sie die Welt und ihren sichtbaren Ausdruck nicht nur mit wissenschaftlichen, sondern zugleich mit künstlerischen Augen sieht, als Kunstwerk selbst einordnet, deren Schönheit und Harmonieverständnis immer neue InterpretInnen braucht,
- indem sie hinsichtlich der Möglichkeiten der Kooperation zwischen Mensch und äußerer Natur den religiösen und spirituellen Ansatz einbezieht, eine Brücke baut zwischen individueller und kollektiver Erfahrung,
- indem sie den Blick schärft für weitere Zusammenhänge, die bisher missachtet oder an den Rand des allgemeinen Interesses gedrängt wurden.
Sollten wir individuelle Erfahrungen machen, die wir nach eingehender Prüfung als Botschaften aus den höheren Anteilen unseres Bewusstseins erkennen, empfiehlt es sich, auf eines zu achten: sie vertragen grundsätzlich keine Öffentlichkeit. Sie sind nur für einen selbst bestimmt und müssen behütet werden wie ein wertvoller Schatz, der sich immer weiter selbst anreichert. Im Schweigen keimen sie zu einer holistischen Botschaft, die uns mit der Zeit und mit wachsendem Bewusstsein immer mehr sagen wird. Eine alte Regel mahnt, nicht früher als nach sieben Jahren darüber zu sprechen. Abgesehen davon, dass wir oft nur Spott ernten, sind diese subtilen Intuitionen und Impulse gleich mehreren Gefahren ausgesetzt. Zunächst einmal geben wir uns vielleicht mit der erstbesten Einordnung zufrieden und vernachlässigen ein gründlicheres Nachdenken und eine tiefe Meditation darüber. Unser Unterbewusstsein könnte glauben, es reiche uns, was wir an magerer Einsicht gewonnen haben, und wird die Botschaften freiwillig nicht mehr aktivieren. Auf Dauer verblassen so die wahrhaftigen Eindrücke.
Hier heißt es dann, Schweigen und Reden mit Vernunft zu verbinden: das Allgemeine und gesellschaftlich Nützliche der Botschaft herauszufiltern; damit uns niemand wie im alten Rom nachsagen möge: "Si tacuisses, philosophus mansisses?" (Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben).