Wahrnehmen lernen

von Susanne Winkelmann erschienen in Hagia Chora 11/2001

Geomantie ist für mich ein Weg, wieder zu lernen, mit allem, was uns umgibt, in einen Austausch, in ein Gespräch zu kommen. Allmählich sollte die Zeit enden, in der der heutige Mensch monologisiert - seinem Umfeld seine Gedanken, Gefühle, und Taten aufzwingt. Im Monolog haben die Menschen zunächst den Eindruck gewonnen, alles beherrschen zu können: die Tiere, die Pflanzen, die Erde, den anderen Menschen und sich selbst. Doch die Antwort auf diesen autoritären Monolog lässt heute nicht mehr auf sich warten. Wir erleben Umweltzerstörungen, Artensterben, Tierseuchen, selbstzerstörerische Krankheiten der Menschen, Krieg, der zur Zeit wirklich geführt wird. Mit Worten und Gedanken bereiten wir der Zerstörung und dem Krieg täglich den Boden. Unser Weltverständnis und unsere Auffassungen sind kriegerisch, sprechen wir doch vom Konkurrenzkampf und der feindlichen Übernahme in der Wirtschaft, dem Abwehrkampf unseres Immunsystems, dem in der Biologie immer wieder bemühten Kampf ums Dasein. Diesem kriegerischen Denken gilt es, ein anderes, umfassendes Denken entgegenzustellen. Ein erster Schritt ist, sich die Erde, den Kosmos mit allen ihren Wesen als belebt, beseelt, mit Geist erfüllt vorzustellen, wie dies in der Geomantie vermittelt wird. Wir erforschen so die religiösen Vorstellungen und Rituale der frühen Menschheit und der Völker, die heute noch in engerer Verbindung mit der Erde und dem Kosmos leben als die Menschen der "zivilisierten" Welt. Meiner Auffassung nach ist es jedoch von zentraler Bedeutung, dass auch der moderne Mensch unter Berücksichtigung seines heutigen Denkens und Empfindens (denn wir sind den Vorstellungen und dem Bewusstsein nach weder Menschen der Megalithkultur noch Kelten noch Hexen oder Alchimisten des Mittelalters) wieder lernt, das Wirken der Rhythmen des Jahreslaufes, die Kräfte und Qualitäten von Orten wahrzunehmen. So ist eine ernsthafte Wahrnehmungsschulung eine wesentliche Voraussetzung für geomantische Tätigkeit. Ich bin der Ansicht, dass diese Wahrnehmungsschulung außergewöhnlich tief gehen muss. Dabei müssen Blockaden in uns ermittelt werden, die Wahrnehmungen verhindern, Wege aufgezeigt werden, wie wir mit der Gabe (und Last) einer verfeinerten Wahrnehmungsfähigkeit umgehen können, und in einem Selbsterkenntnisprozess Färbungen und teilweise auch Trübungen der eigenen Wahrnehmungen reflektiert werden. Die verfeinerte Wahrnehmungsfähigkeit sollte im Idealfall mit dem Erkennen und der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit einhergehen, mit der Stärkung der bewussten Kräfte der Person, damit wir trotz hoher Sensitivität nicht zum Spielball unserer Wahrnehmungen und Eingebungen werden. Sieht man sich die Kataloge einiger Esoterik-Versandhäuser an, so scheint es, dass ein solcher nüchterner Weg nur einen geringen Reiz auf die Menschen ausübt. Spannender ist wohl die passive und ungesteuerte Bewusstseinserweiterung durch Drogen, die Einübung magischer Praktiken und das plötzliche Wahrnehmungs-Highlight in einer Gruppenmeditation. Meiner Ansicht nach bleibt aber nichts als der nüchterne Weg, um erweiterte Wahrnehmungsfähigkeit und Alltagstauglichkeit miteinander zu vereinbaren. Die eigene Wahrnehmungsfähigkeit intensiv zu schulen und dabei auch die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu kennen, ist die Voraussetzung, um selbst gegenüber den physisch nicht sichtbaren Wesen und Erscheinungen aufgrund eigener Erfahrungen und Erlebnisse urteilsfähig zu werden. Diese Möglichkeit der eigenen Urteilsbildung schützt davor, sich gläubig den Darstellungen eines Meisters zu unterwerfen, und versetzt in die Lage, Äußerungen anderer vor dem Hintergrund des eigenen Erfahrungsschatzes zu prüfen. Die Arbeit und der Austausch mit anderen ist von zentraler Bedeutung, um nicht die eigene Wahrnehmung selbstherrlich über die der anderen zu stellen. So erweisen sich die vielleicht manches Mal langwierigen und zähen Runden des Austausches nach gemeinsamen Wahrnehmungsübungen in einer Gruppe als Übung für ein neues Miteinander zwischen Menschen. Nicht Recht haben wollen, nicht glänzen wollen, nicht sich zurückhalten sind hier wichtig. Wichtig ist insbesondere, dass jede/jeder einer Gruppe ihre/seine mehr oder minder unvollkommene Wahrnehmung der Gemeinschaft als einen Stein des Mosaiks zur Verfügung stellt, um ein möglichst umfassendes, vielfältiges und ein beispielsweise der Identität des Ortes entsprechendes Bild zu bekommen. Während des Austausches sollte man vorschnelle Kritik, Sympathien und Antipathien gegenüber der Person, die sich mitteilt bzw. gegenüber ihren Äußerungen zurückhalten. Der Sinn der Einzelwahrnehmung enthüllt sich erst im Gesamtzusammenhang. Der Prozess des Entstehens eines gemeinsamen Bildes braucht Zeit und Schutz vor einem zertrennenden Denken. Erst auf der Grundlage von eigenen Wahrnehmungen, die ich reflektiere, um nicht eigenen, lieb gewonnenen Vorstellungen auf den Leim zu gehen, und von einem in einem gemeinsamen Prozess entstandenen "Bild" eines Ortes sind nach meiner Auffassung Rituale und Veränderungen zur Stärkung der Identität des Ortes ausgewogen und verantwortungsvoll. Sie werden dann nicht stereotyp und automatisch, sondern individuell aus der Arbeit von Menschen am Ort mit dem Ort neu erschaffen. Dieser schöpferische Prozess geschieht ohne Zwang, den Menschen auf diesen Ort ausüben, um unbedingt etwas erreichen zu wollen, und ohne Zwang, der scheinbar vom Ort ausgeht und Menschen zu Handlungen treibt. Im Idealfall spüren wir, welche Handlungen zu diesem besonderen Zeitpunkt an diesen Ort passen. In der Geomantie liegt für mich ein Weg zu lernen, einem Ort, anderen geomantisch arbeitenden Menschen und sich selbst zuzuhören und in Anerkennung und im Verständnis dessen, was gesagt wurde, zu antworten, in ein Gespräch zu kommen.