Geomantie heute?

von Jörg Purner erschienen in Hagia Chora 11/2001

Im folgenden Beitrag geht es letztlich um existenzielle Fragen der "geomantischen Bewegung", die sich in verschiedenen Erscheinungsformen zu etablieren beginnt oder bereits etabliert hat, und so möchte ich einiges vorausschicken, um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen. Meine Ausführungen sollten auf keinen Fall so verstanden werden, dass ich jemanden von seiner geomantischen Gesinnung abbringen oder ihm den Begriff Geomantie vermiesen möchte. Wenn sich jemand als Geomant bezeichnet und Geomantie als sein Arbeitsfeld ansieht, muss er damit rechnen, dass in diese Thematik Uneingeweihte im Zweifelsfall ein Konversationslexikon zu Rate ziehen, um klarer zu sehen. Darin wird sich, sofern der Begriff überhaupt verzeichnet ist, die Definition finden, dass es sich bei Geomantie oder Geomantik um eine Orakeltechnik handelt, die in verschiedenen Kulturen praktiziert wurde und teilweise noch wird. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass jemand, der sich in unseren Breiten als Geomant bezeichnet, darunter etwas anderes versteht. So wird in den bestehenden geomantischen Schulen die Auffassung gelehrt, bei Geomantie handle es sich um die alte Kunst und Wissenschaft, natürliche Energieströme und Energiezentren der Landschaft auszumachen und in die Gestaltung unseres Lebensraumes einzubeziehen. Ihr Anliegen bestehe also darin, menschliche Handlungen im Allgemeinen und bauliche Maßnahmen im Besonderen mit den sichtbaren und unsichtbaren Dimensionen in Einklang zu bringen. Unter Insidern wird der Begriff Geomantie heute ganz in diesem Sinne verwendet, und zwar so, dass es nicht verwundert, wenn uneingeweihte Kritiker bereits von einer Art geomantischer Glaubensbewegung sprechen, welche die Auffassung vertritt, "alles ist Geomantie". Wie kam es zu diesem gravierenden Bedeutungswandel des Begriffes Geomantie? Nun, vielleicht vermag ich durch meine Einsichten in dieses Thema, die sich mir im Zuge einer an der Leopold Franzens Universität in Innsbruck durchgeführten Forschungsarbeit zur Standortsituation von Kirchen und Kultstätten erschlossen haben, etwas zur Klärung beitragen.