Naturinspiration

von Claas Fischer erschienen in Hagia Chora 11/2001

Ich übersetze Geomantie gerne mit "ganzheitlicher Erdbetrachtung oder Naturinspiration". Die Geomantie begreift sich demnach als ein holistisches Weltbild in Bezug auf unseren Heimatplaneten. Grundlegend für dieses Weltbild ist für mich persönlich die Anschauung, dass die Erde eine Wesenheit (oder ein Wesenheitenkollektiv) ist, die mit Bewusstsein und Intelligenz begabt und in steten Wachstums-und Entwicklungsprozessen begriffen ist. Diese Eigenschaften machen sie nach meiner Auffassung bereits zu etwas Lebendigem. Dasselbe gilt sowohl für alle Tier- und Pflanzenarten als auch für die Mineralien und ihre Bausteine, den chemischen Elementen, deren Intelligenz sich in ihren geometrischen, atomaren Ordnungsstrukturen zeigt. Der Kosmos selbst, in dem alles nach harmonikalen Gesetzen kreist und rotiert und der sich unentwegt ausdehnt, ist vollkommener Ausdruck von Leben - selbst dann, wenn er zwischenzeitlich kollabieren würde, um wieder neu aufzublühen. Unter Leben verstehe ich das Werden, im Unterschied zum Sein. Alles-was-ist, das Sein, also Gott, entwickelt sich dadurch, dass es sich individualisiert. Individualisiertes, sich entwickelndes Sein ist Leben. Diese beiden Dinge hat der einzelne Mensch mit allen Artgenossen und Bewusstseinsformen gemeinsam: den Ursprung und das Leben. Dass es den Menschen wieder ins Gemeinschaftsleben, zu mehr Naturverbundenheit und zur gelebten Spiritualität zieht, ist Ausdruck dieser Bewusstheit. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist eine integrale Kultur ohne Geomantie gar nicht denkbar. Die Geomantie begnügt sich in meinen Augen allerdings nicht damit, bloße Anschauung zu sein. Als Naturinterpretation kommt ihr vielmehr die aktive Rolle einer Vermittlerin oder Dolmetscherin zu. Sie möchte Anworten anbieten auf Fragen wie: Welche Botschaft steckt für den Menschen in
- der Landschaft, ihrer individuellen Form und Ausrichtung,
- den Pflanzen und Tieren, ihrem Vorkommen und ihrer genetischen Vielfalt,
- den geologischen Prozessen und ökologischen Kreisläufen,
- den Erscheinungsformen der vier Elemente (Sonne und Feuer, Wind und Luft, Gewässer und Regen, Boden und Gesteine),
- den zeitlichen Zyklen (Jahreszeiten, Gezeiten) und der Bewegung der Himmelskörper?
Dabei geht es um ein inneres Wissen, das dem modernen Menschen abhanden gekommen ist. Dieses wiederzubeleben und aufzuzeigen, wie es im Leben praktisch umgesetzt werden kann, stellt die wichtigste Aufgabe der Geomantie dar.