Hieros Topos - der Heilige Ort

Will die Geomantie dem Anspruch gerecht werden, einen fundierten und tiefgreifenden Beitrag zur Entwicklung einer ganzheitlichen europäischen Kultur zu leisten, will sie ihr schon öfter gegebenes Versprechen einlösen, diese hochspezialisierte, hochabstrakte und in vielerlei Hinsicht "abgehobene" Zivilisation zu erden und wieder mit einem tatsächlichen Erdwissen in Verbindung zu bringen, so tut sie gut daran, einen Blick zurück zu den Anfängen europäischer Schriftkultur zu werfen. So lautet die These, die ich im Folgenden anhand eines antiken philosophischen Dialogs entwickeln und begründen will.
Im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" kann man unter dem Stichwort "Geomantie" nachlesen: "Die Geomantie steht in der auf Varro (1. Jahrhundert v.Chr.) zurückgehenden, vermutlich aus Poseidonios übernommenen Einteilung der Mantik nach den vier Elementen bei Isidor [Etym. 8, 9, 11] an erster Stelle (Geo-, Hydro, Aero-, Pyromantie). Diese antike Zusammenstellung, deren Schematismus durch die Zufügung der Nekromantie oft genug wieder erschüttert wird, blieb lange Zeit die Grundlage für die kirchliche Behandlung der Mantik (Rhabanus Maurus, Burchard von Worms, Ivo von Chartres, Decretum Gratiani usw.). Über die Ausführung der Geomantie ist aus dem Altertum nichts berichtet, obwohl die Riten der Erdorakel dafür hätten herangezogen werden können." Im Mittelalter kam es zu der verdeckenden und verhängnisvollen Gleichsetzung der Geomantie mit der so genannten Punktierkunst, nämlich die von den Arabern übernommene Kunst, bei der man aus absichtslos in den Sand gezeichneten Punkten und Figuren weissagte.1 Es ging hierbei aber weniger um das, was in der Antike unter einem Erdorakel verstanden wurde, sondern um eine klar umrissene Divinationstechnik, dem Lesen in der Herdasche, dem Werfen und Deuten von Wahrsageknöchelchen oder Runenstäben - und entfernt auch dem Kaffeesatzlesen - vergleichbar.
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