Hieros Topos - der Heilige Ort

von erschienen in Hagia Chora 11/2001

Will die Geomantie dem Anspruch gerecht werden, einen fundierten und tiefgreifenden Beitrag zur Entwicklung einer ganzheitlichen europäischen Kultur zu leisten, will sie ihr schon öfter gegebenes Versprechen einlösen, diese hochspezialisierte, hochabstrakte und in vielerlei Hinsicht "abgehobene" Zivilisation zu erden und wieder mit einem tatsächlichen Erdwissen in Verbindung zu bringen, so tut sie gut daran, einen Blick zurück zu den Anfängen europäischer Schriftkultur zu werfen. So lautet die These, die ich im Folgenden anhand eines antiken philosophischen Dialogs entwickeln und begründen will.
Im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" kann man unter dem Stichwort "Geomantie" nachlesen: "Die Geomantie steht in der auf Varro (1. Jahrhundert v.Chr.) zurückgehenden, vermutlich aus Poseidonios übernommenen Einteilung der Mantik nach den vier Elementen bei Isidor [Etym. 8, 9, 11] an erster Stelle (Geo-, Hydro, Aero-, Pyromantie). Diese antike Zusammenstellung, deren Schematismus durch die Zufügung der Nekromantie oft genug wieder erschüttert wird, blieb lange Zeit die Grundlage für die kirchliche Behandlung der Mantik (Rhabanus Maurus, Burchard von Worms, Ivo von Chartres, Decretum Gratiani usw.). Über die Ausführung der Geomantie ist aus dem Altertum nichts berichtet, obwohl die Riten der Erdorakel dafür hätten herangezogen werden können." Im Mittelalter kam es zu der verdeckenden und verhängnisvollen Gleichsetzung der Geomantie mit der so genannten Punktierkunst, nämlich die von den Arabern übernommene Kunst, bei der man aus absichtslos in den Sand gezeichneten Punkten und Figuren weissagte.1 Es ging hierbei aber weniger um das, was in der Antike unter einem Erdorakel verstanden wurde, sondern um eine klar umrissene Divinationstechnik, dem Lesen in der Herdasche, dem Werfen und Deuten von Wahrsageknöchelchen oder Runenstäben - und entfernt auch dem Kaffeesatzlesen - vergleichbar. Was war aber das, was unter Geomantie, im ursprünglichen Sinne von Erdweissagung und Erdorakel, in der Antike verstanden wurde? Um dieser Frage näher zu kommen, wende ich mich nun dem Dialog "Über die eingegangenen Orakel" des Philosophen Plutarch (ca. 46-ca.120 n.Chr.) zu. Ein einzigartiger Text! In ihm findet sich nämlich tatsächlich das, was man heute so oft vergebens sucht: eine ganzheitliche und erdverbundene Behandlung des Themas Geomantie. Ganzheitlich deshalb, weil Plutarch in diesem Dialog nicht nur zynisch, utilitaristisch, theologisch, psychologisch, physiologisch, geologisch - also monoperspektivisch und einzelwissenschaftlich - argumentiert, sondern vielmehr versucht, zu einer philosophischen Gesamtschau des Phänomens heilig-mantischer Naturorte zu gelangen. Diese Gesamtschau basiert nun weder allein auf Einzelwissen und/oder Einzelwissenschaften, noch auch darauf, dass man schon im Vorhinein wüsste, mit was für einem Phänomen man es eigentlich zu tun hätte, sondern vor allem darauf, dass man sich mit offenen Sinnen, aus der Fülle und Tiefe der mythologischen und philosophischen Überlieferung schöpfend, besinnend und ehrfürchtig mit dem Phänomen auseinandersetzt. Dass dabei Einzelperspektiven, Einzelwissen und einzelwissenschaftliche Erkenntnisse nicht ausgeblendet werden, versteht sich von selbst. Allein, sie spielen im ganzheitlich-philosophischen Erkenntnisprozess nicht die erste Geige: denn dafür sind sie eben nicht ausgelegt.

Was kann die Geomantie von Plutarch lernen?

Zuerst die leitende Fragestellung, die sich wie ein roter Faden durch den Dialog zieht - es ist die Frage nach Grund und Ursache des zunehmenden Verfallens und Eingehens der antiken Orakelstätten: "Wir müssen", so heißt es in dem plutarchischen Dialog, "allgemein die Frage stellen, aus welchem Grunde sie so ihre Kraft eingebüßt haben." (5).2 Die Dialogpartner erörtern und erwägen nun verschiedene Gründe und Ursachen. Das erste Argument gibt der Kyniker Planetiades zum Besten. Es ist, wie es sich für einen Kyniker gebührt, ein zynisch-moralisches Argument: Der Orakelgott ziehe sich von seiner Orakelstätte deshalb zurück, weil er "heutzutage" immer mehr "mit schimpflichen und der Gottheit unwürdigen Fragen überschüttet wird, die sie dem Gott vorlegen, teils um ihn wie einen Sophisten auf die Probe zu stellen, teils um ihn wegen Schätzen oder Erbschaften oder wegen unerlaubter Heiraten zu befragen. . Denn das, was der Anstand sogar in der Gegenwart eines älteren Mannes zu verschweigen und zu verbergen gebietet, die Krankheiten und Leidenschaften der Seele, die tragen sie nackt und unverhüllt vor den Gott!" (7). Dieses Argument wird von den anderen Gesprächsteilnehmern einmütig abgelehnt: Wer sich, wie Planetiades, den Orakelgott, als beleidigten, nachtragenden und unsouveränen Griesgram denkt, hat eine zu niedrige Meinung von einer zu hohen Sache. Und schließlich haben auch die vielen kleinen Alltagsnöte ihr gutes Recht, am Orakelort Gehör zu finden.
So versucht sich nun Ammonios mit einem rein utilitaristischen Argument: Auf Grund von Kriegen und Streitereien, meint er, hätten in manchen Gegenden die Bewohner so abgenommen, dass diese Regionen verödet seien. Die dort befindlichen Orakel wären damit überflüssig geworden. "Wir dürfen also dem Gott keinerlei Vorwurf machen; denn die vorhandene und noch bestehende Orakeltätigkeit ist für alle ausreichend und entlässt alle mit befriedigten Wünschen." (8)
Doch auch diese Begründung - so wohlmeinend sie aufgenommen wird - ist den Anwesenden letztlich zu dürftig. So verlegt man sich auf die theologische Argumentation. Kleombrotos beginnt damit, dass er die Daimonen, z.B. die Nymphen und Satyrn, in die Diskussion bringt. Nicht der Gott, so argumentiert er, sei mit der Orakelstätte wesenhaft verbunden, sondern ein niederes Geisterwesen, ein Daimon. Denn eine "echte" Gottheit sei ewig und zu erhaben und dem Diesseits zu sehr entrückt, um etwas "Erdgebundenes" zu sein, etwas, das - wie eben eine Orakelstätte - entsteht und vergeht. Den niederen Geisterwesen aber komme es sehr wohl zu, ortsgebunden, entstehend und vergehend zu sein. Als Beispiel führt Kleombrotos die Baumnymphen an, denen, nach Pindar, "für ihr Leben eine Daseinsspanne gleich der eines Baumes‘ zugemessen worden" sei (11). Und eben auch solchen ortsgebundenen - zwar langlebigen, nicht aber ewigen - Daimonen verdankten die Orakelstätten ihre mantische Kraft. Die am mantisch-heiligen Ort ansässigen Daimonen würden mit und durch den Mund der mantisch begabten Seherin die Orakel verkünden. Solcherart seien Daimonen zwischen den erhabenen ewigen Göttern und den kurzlebigen, bedürftigen und sterblichen Menschen vermittelnde Mittelwesen. Wie dem auch sei: ich lasse an dieser Stelle Kleombrotos selbst seine "These zum gehörigen Abschluss bringen. Denn wir sind nunmehr zu diesem Punkt gediehen, und so will denn auch ich nach vielen anderen die Behauptung wagen, dass, wenn die Daimonen, die über die Orakel und Weissagungsstätten gesetzt sind, vergehen, auch sie ganz und gar mitvergehen, und wenn sie fliehen oder sich hinwegbegeben, dann auch sie ihre Kraft verlieren, und wenn sie darauf nach langer Zeit wiederkommen, auch wieder erklingen wie Musikinstrumente, wenn die Künstler hinzutreten und sie spielen." (15) Obwohl sich die Gesprächspartner dieser These im Großen und Ganzen geneigt zeigen, werden hie und da doch Bedenken angemeldet. (16, 38) Diese rühren nicht zuletzt daher, dass - entgegen den seit Platon üblichen theologischen Spekulationen - in der antik-mythischen Tradition, von Homer bis in den Volksglauben der Spätantike belegbar, Daimonen und Götter nicht prinzipiell und absolut unterschieden werden. Auch die in der platonisch-theologischen Tradition immer wieder einmal hervorbrechende Ansicht, Daimonen tendierten zum Bösen, handelten verblendet und sündhaft und seien im gleichen Sinne sterblich wie die Menschen, wird von Herakleon mit dem Argument, sie sei "nicht griechischem Geist gemäß" schroff zurückgewiesen. (16)

Das Wesen der Entrückung

An diesem Punkt der Diskussion spitzt Demetrios die anfängliche Fragestellung zu: "Denn wenn vorhin gesagt wurde, dass, wenn die Daimonen davongehen und die Orakel verlassen, diese wie von den Künstlern liegengelassene Instrumente ungenützt und klanglos daliegen, so ruft dies eine andere, noch bedeutsamere Frage herauf: die nach der Ursache und der Kraft, deren sich die Daimonen bedienen, um die Propheten und die Prophetinnen für den enthousiasmós [damit ist ein gottbesessener, hellsichtiger und orakelverkündender Trance-Zustand gemeint] empfänglich und fähig zu machen, sich Vorstellungen von der Zukunft zu bilden." (38). Mit jener schärferen Fragestellung wird der Boden der theologischen Spekulation verlassen. Psychologische, physiologische und geologische Analysen und Argumente treten nun in den Vordergrund. Sie werden von Lamprias vorgetragen. Lamprias geht zunächst vom psychologischen Standpunkt aus. Er sagt, dass, wenn es der Seele möglich sei, vergangene Ereignisse kraft des eigenen Erinnerungsvermögens ins Bewusstsein zu heben, es doch eigentlich nicht verwundern sollte, dass es der Seele auch möglich sei, zukünftige Ereignisse kraft eines prophetischen Vermögens zu schauen. Beide Male handelte es sich doch darum, dass nicht sinnlich-anschauliche, nicht gegenwärtige Ereignisse in der Seele zum Aufleuchten gebracht würden. (39) Sicherlich sei das prophetische Vermögen der Seele in der Regel schwächer ausgeprägt als das Erinnerungsvermögen. Trotzdem geschehe es hin und wieder, dass bei manchen Seelen, etwa in Träumen oder in der Stunde des Todes, "die Kraft zu denken und zu überlegen nachlässt und die Seelen sich von der Gegenwart lösen, sich aber mit ihrer ohne Denken nur Vorstellungsbilder schaffenden Kraft der Zukunft zuwenden. . Die prophetische Kraft . ist wie ein unbeschriebenes Blatt, ohne Vernunft und ohne Bestimmtheit . aber befähigt, passiv Vorstellungen und Vorempfindungen aufzunehmen, und so erfasst sie ohne Denken das Zukünftige, wenn sie am meisten aus dem Gegenwärtigen heraustritt. Heraus aber tritt sie, wenn sie vermöge einer gewissen Stimmung und Verfassung des Körpers die Verwandlung erfährt, die wir enthousiasmós nennen." (40). Nun sei es die Eigenart der Orakelstätten, dass an diesen Orten ein gerade diese seelische Stimmung und körperliche Verfassung begünstigender und herbeiführender "prophetischer Strom und Hauch" der Erde entströme. Das könne eine Quelle sein, neben der der orakelnde Mensch sitzt und aus der er trinkt. Das könne auch ein "luftartiger" Hauch, eine pneumatische Ausdünstung und Ausstrahlung, die den Seher erfasst, sein. (40) An dieser Stelle der Argumentation wechselt Lamprias von der rein psychologischen zu einer mehr physiologischen Darstellung. Eine "warme" Ortssausdünstung, so setzt er seine Überlegungen fort, könne sich auf den Körper durchaus prophetisch auswirken: "Denn es ist wahrscheinlich, dass infolge der Durchflutung mit Wärme gewisse Öffnungen für das Eindringen von Vorstellungen des Zukünftigen sich auftun, wie der [im Körper] verdunstende Wein neben vielen anderen Regungen, die er erzeugt, abgelegene, verborgene Gedanken enthüllt." (41) Andererseits wäre es durchaus vorstellbar, dass der kühlend-feuchte Einfluss einer Quelle, wenn er mit dem hitzig-aufwallenden Ortseinfluss in ein gewisses Mischungsverhältnis trete, die prophetische Disposition des Körpers verstärke und zuspitze. Denn nach Lamprias ist es "nicht unmöglich, dass durch eine Art Abkühlung und Verdichtung des [Orts-]Hauches der prophetische Teil der Seele wie Eisen durch das Eintauchen in Wasser gestärkt und gestählt wird. Oder auch wie das Zinn, wenn es in das lockere und porenreiche Kupfer eingeschmolzen wird, dieses nicht nur zusammendrängt und verdichtet, sondern zugleich auch glänzender und reiner macht, so hindert uns nichts, anzunehmen, dass der prophetische Dunst vielleicht etwas den Seelen Vertrautes und Verwandtes an sich hat, ihr lockeres Gefüge ausfüllt, sich in sie einpasst und sie zusammenhält." (41) Interessant ist in diesem Zusammenhang, zu beobachten, wie Lamprias in seiner Darlegung zwischen psychologischer und eher physiologischer Argumentation schwankt. Einmal ist ihm die Ausstrahlung des Orakelortes ein rein Seelisches, Stimmungsmäßiges, Atmosphärisches, ein anderes Mal ist es ihm ein physikalisch-chemischer Vorgang, ein Ausströmen eines Gases. In der Tat war man in der Antike - etwa im Fall Delphi - geteilter Meinung: Einige sprachen von einer göttlich-seelischen Ausstrahlung des Ortes; andere von einem Erdspalt, der sich im Allerheiligsten des Apollontempels befände und aus dem gasartige, die seherische Trance fördernde Dünste entwichen; wieder andere, wie offenbar auch Lamprias, hielten beides für möglich.

Gedanken von Göttern oder physikalische Begründung?

Nach der psychologischen und physiologischen Argumentation bringt Lamprias eine weitere mögliche Ursache ins Gespräch: eine geologische. Könnte es wohl sein, dass die "prophetischen Dünste" deshalb nicht ewig und unvergänglich seien, weil sie durch Naturereignisse - "außerordentlich starke Regengüsse" und mächtige "einschlagende Blitze" etwa - zum Verlöschen gebracht werden könnten; "vor allem aber," so nun das eigentlich geologische Argument, "wenn die Erde erschüttert wird, zusammensackt und sich in der Tiefe verstopft, dass dann auch die Gase ihren Ort wechseln oder ganz zum Verschwinden gebracht werden"? (44) An diesem Punkt der Erörterung - einem Punkt, an dem die Diskussion einen rein rationalistischen, physikalisch-materialistischen Standpunkt einzunehmen droht - folgt eine radikale Rückbesinnung auf das ganze, unverstellte und menschlich-natürliche Phänomen des mantisch-heiligen Ortes. Es ist Ammonios, der nun zu bedenken gibt: "Eben noch sind wir, ich weiß gar nicht wie, der Meinung beigetreten, die die Wahrsagekunst aus den Händen der Götter gleichsam in feierlicher Form zu gewissen Daimonen hinüberleitet. Jetzt aber, scheint es mir, sind wir dabei, diese selbst wieder hinauszudrängen und sie von hier aus dem Orakel und vom Dreifuß zu vertreiben, indem wir den Ursprung der Weissagung oder vielmehr ihre Wesenheit und ihre Kraft in Hauche und Gase und Dünste auflösen. Denn was da gesagt worden ist von der Mischung und Wärme und Stählung, das lenkt, je enger es mit physikalischen Begründungen verknüpft ist, um so mehr die Gedanken von den Göttern ab und führt zu einer Argumentation über die Ursachen der Erscheinung." (46) Wichtiger als die Frage nach den Einzelursachen sei die Frage nach dem ursprünglichen Grund dieses Phänomens: "Wir aber, was für einen Grund haben wir eigentlich, dass wir bei den Orakeln opfern und beten, wenn die Seelen die prophetische Kraft schon in sich selber tragen und irgendeine Mischung der Luft oder eines Hauches es ist, die diese Kraft sich regen lässt? . Sieht man nun in dem Wirken eines Gottes oder eines Daimons die wesentliche Ursache [also den ursprünglichen Grund] des Geschehenden, dann ist es natürlich und vernünftig, dass man diesen Brauch übt. Ist es aber so, wie du [Lamprias] sagst, dann ist es nicht natürlich" (46).

Platons notwendige Mitursachen und göttliche Ursachen

Lamprias ist von dem Einwurf des Ammonios beeindruckt und beschämt. Der Einwurf ist ihm zugleich Ansporn, in einer abschließenden Rede eine letzte entscheidende Differenzierung einzuführen. Es ist die auf Platon ("Timaios" 46c-47e, 68e-69a) zurückgehende Unterscheidung zwischen notwendigen Mitursachen (synaítia) und göttlichen Ursachen (aitía). Die eine Ursache ist eine materiell-notwendige, kausalitätslogische, quantitative, sozusagen eine Material- und Kausalursache. In ihrem Bereich stellt sich die Welt als eine naturgesetzlich-notwendig und zugleich sinnlos-zufällig gewordene, als ein anfangs-, end- und seelenloses Ursache-Wirkungs-Konglomerat dar. Die andere Ursache - man sollte hier vielleicht besser von Ur-Sache sprechen - ist eine "ideelle", wesentliche, archetypische, qualitative und sinnstiftende. Sie begründet Sinnbezüge, übergreifende, gestalthafte und ganzheitliche Zusammenhänge, lebendige und zielorientierte Prozesse. Man könnte deshalb von einer Gestalt- und Zielursache sprechen. In ihrem Licht stellt sich die Wirklichkeit als Kosmos - das heißt als Ordnung und Schönheit - dar. In ihrem Licht findet sich der Mensch eingebettet in einen sinnvollen und schönen Kosmos: die Voraussetzung, um zu einem sinnerfüllten, glücklichen Leben zu gelangen, wie Platon sagt: "Demnach muss man zwei Arten von Ursachen unterscheiden, die notwendige [anankaîon] und die göttliche [theîon]; die göttliche aber muss man, um zu einem glückseligen Leben zu gelangen, in allen Dingen suchen, . die notwendige aber um der göttlichen willen, indem man überlegt, dass es ohne diese nicht möglich ist, eben jene, um deretwillen wir uns ernstlich bemühen, für sich allein zu verstehen." ("Timaios" 68e-69a) Es macht keinen Sinn, vom kausalursächlichen Standpunkt aus, das Vorhandensein von sinnstiftenden Ur-Sachen zu leugnen, denn jede kausalursächliche Betrachtung setzt einen vorgängigen Sinn-Grund, eine vorgängige Ur-Sache immer schon voraus. Ich kann einen Menschen kausalursächlich betrachten, kann ihn als geniales Ursache-Wirkungs-System, als hochkomplexe Maschine und Computer betrachten. Das alles setzt aber bereits voraus, dass ich mich zuvor frage, wie dieses geheimnisvolle und wunderbare Wesen Mensch denn überhaupt zu verstehen sei. Das Angerührtwerden von der sinnstiftenden Ur-Sache, vom Wesen Mensch, ist der Grund für die Frage nach dem Menschen, ist damit die immer schon vorgängige Ur-Sache jeglicher logischen und kausalursächlichen Zergliederung. Ähnliches gilt in Bezug auf einen eindrucksvollen und heiligen Naturort. Ich kann diesen Ort rein naturwissenschaftlich-rationalistisch auffassen: dann versuche ich, die ihm kausalursächlich zugrunde liegenden Gegebenheiten, die an ihm mess- und quantifizierbaren Werte, seine materielle Zusammensetzung zu bestimmen. Doch auch hier zeugt das Interesse, das mich zu diesem Ort zieht, zeugt das Geheimnis, das mir von ihm entgegenweht, davon, dass auch hier eine Ur-Sache das stiftet, was mir als Sinn, Gestalt, Qualität und Wesenhaftigkeit begegnet. Soviel zur platonischen Unterscheidung von göttlich-wesentlichen Ur-Sachen und materiell-notwendigen Mitursachen. Interessant ist es nun zu sehen, wie Lamprias anhand dieser Unterscheidung das Gesamtphänomen des Erdorakels und die Frage nach dem Verfallen und Eingehen der Orakel abschließend zu beantworten sucht: "Denn da allgemein, wie ich sage, jegliches Entstehen zwei Ursachen hat, so haben die uralten ... [mythischen] Dichter doch nur der einen, wesentlicheren, ihre Aufmerksamkeit zuwenden wollen ... An die notwendigen, [materiell-] naturgegebenen Ursachen aber sind sie noch gar nicht herangegangen. Die jüngeren Forscher indessen, die [im antiken Sinne] Naturwissenschaftler genannt werden, haben sich im Gegensatz zu jenen von dem erhabenen, göttlichen Prinzip entfernt und schreiben alles insgesamt Körpern, Zuständen von Körpern, Anstößen, Veränderungen und Mischungen von Körpern zu. Daher fehlt den Lehren beider das jeweils Zugehörige, da die einen das Zu welchem Zweck‘ [Zielursache] und Von wem‘ [Gestaltursache], die anderen das Aus was‘ [Materialursache] und Durch was‘ [Kausalursache im engeren Sinne] nicht kennen oder außer acht lassen. Der Mann nun, der als erster offensichtlich beide Arten von Ursachen ins Auge gefasst . hat [nämlich Platon], der befreit auch uns von jedem Verdacht und Vorwurf. Denn wir machen die Weissagung nicht zu etwas, das ohne Gott und ohne Vernunft ist, wenn wir ihr als Materie die Seele des Menschen und dazu den prophetischen Hauch und die Ausdünstungen wie einen Schlägel zum Musikinstrument zuweisen. Denn erstens gilt die Erde, die die Dünste erzeugt, und die Sonne, die in der Erde jegliche Kraft zur Mischung und Veränderung hervorbringt, uns nach dem Glauben der Väter als Gott [nämlich als Ge oder Gaia und als Apollon bzw. Helios]. Wenn wir sodann Daimonen dem Orakel als Vorsteher, Hüter und Wächter belassen, die in dieser Mischung wie in einer Harmonie die Saiten im rechten Augenblick bald nachlassen, bald anziehen, die allzu heftige Entrückung und Verwirrung verhüten und die Erschütterung so mäßigen, dass sie den Ergriffenen kein Leid noch Schaden bringt, so wird man, denke ich, sagen dürfen, dass wir nichts Unvernünftiges noch Unmögliches tun. Und wenn wir vorweg opfern und die Opfertiere bekränzen und mit Spenden übergießen, so tun wir nichts, was zu dieser Lehre im Gegensatz stünde. Denn die Priester und Geweihten sagen uns, sie opfern das Tier und übergießen es mit der Spende und beobachten seine Bewegungen und sein Zittern ., . um daraus ein Zeichen zu entnehmen, ob der Gott Orakel zu geben gewillt sei" (48f); "vor der Befragung des Orakels holen sie die Zeichen ein in der Meinung, dass es dem Gotte wohlbekannt sei, wann sie [die delphische Seherin Pythia] die erforderliche Stimmung und Verfassung habe, um ohne Schaden den enthousiasmós ertragen zu können. Denn nicht auf alle und auch nicht auf dieselben Personen immer in gleicher Weise wirkt die Kraft des Hauches, sondern, wie schon gesagt, sie schafft eine Zündung, einen Anstoß in denen, die dafür geschaffen sind, Eindrücke zu empfangen und Wandlungen zu erleben. Und sie [die Kraft des Ortes] ist wahrhaft göttlich und daimonisch, aber nicht gefeit gegen Erlöschen und Vergehen noch ewig jung und fortdauernd durch die unendliche Zeit, der alles erliegt, was zwischen Erde und Mond ist, nach unserer Überzeugung." (51)

Vorschläge für den Weg hin zur ganzheitlichen Sicht

Soweit der plutarchische Dialog. Nun können wir zu unserer Frage zurückkehren: Was kann die heutige Geomantie von Plutarch lernen? Folgende sieben Punkte scheinen mir besonders hervorhebenswert zu sein:
- Zynisch-moralische Argumente helfen im geomantischen Diskurs nicht weiter: freilich würde man heute kaum wie der Kyniker Planetiades argumentieren. Der zynisch-moralische Ton der Kyniker ist heutzutage einem rein zynisch-skeptischen Ton gewichen: doch der hilft hier ebenso wenig weiter.
- Utilitaristische Argumente decken am heiligen Ort immer nur die Seite auf, die ihn hinsichtlich der menschlichen Bedürfnisbefriedung (egal, ob es sich dabei um eine Heil-, Erholungs-, Freizeit-, Selbstverwirklichungs- oder Esoterikbedürfnisbefriedigung handelt) als relevant und nützlich erscheinen lässt. Wenngleich alle diese Bedürfnisse ihr gutes Recht haben, kann es nicht angehen, sie als alleinigen Wertmaßstab im theoretischen und praktischen Umgang mit solchen Orten zu akzeptieren. Damit würde der heilige Ort zu einem Objekt menschlicher Bedürfnisbefriedigung reduziert.
- Angemessener scheint eine theologisch-spekulative Betrachtungsweise zu sein. Diese Art der Betrachtung ist in der neuen Geomantie ebenfalls weit verbreitet. Freilich bezieht man sich dabei nicht ausdrücklich auf die platonische Theologie. Auch die offizielle kirchliche Theologie wird nicht oft und gern zitiert. Und doch hat sich innerhalb der Geomantie eine eigentümliche neue Theologie herausgebildet: Man spricht dann etwa von der "geistigen Ebene" eines Ortes, von Genius Loci und Anima Loci, von "Landschaftstempeln" und "Landschaften der dreigestaltigen großen Göttin". Ehe man sich versieht, holt einen - bewusst oder unbewusst - die platonisch-theologische und übrigens auch christlich-theologische Hierarchisierung in Mensch (untere oder mittlere Stufe), erdgebundener Daimon, Geist oder "Elementarwesen" (mittlere oder untere Stufe) und höheres, "überirdisch-himmlisches" Gott-Geist-Licht-Wesen (obere und höherwertige Stufe) wieder ein. Dieser Hierarchisierung und vor allem der mit ihr verbundenen Auf- und Abwertung sollte man meines Erachtens, gerade aus geomantischer Sicht, sehr vorsichtig, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstehen. Der heilige Ort ist ein einzigartiges und ganzes, organisch-gestalthaftes Phänomen. Er trägt seinen Sinn in sich. Es ist besser, ihm mit Ehrfurcht und offen-besinnlich und nicht mit hierarchisierenden Theorien gegenüberzutreten. Sonst spricht man am Ende - wie es leider nur zu oft geschieht - nur über Theorien, nicht aber über den Ort und seine einzigartigen und heiligen Qualitäten; spricht am Ende über "Engel", "Himmelsmächte" und sonstiges Überirdisch-Göttliches und hat damit den Boden der Geomantie, der Erdweisheit, endgültig verlassen. Hier sollte man den Satz des Plutarch - "Die Kraft des Ortes ist wahrhaft göttlich und daimonisch" - beherzigen und in seinem Sinne auffassen; das heißt, diese Kraft ist nicht deshalb göttlich und daimonisch, weil sie "von oben her", von geistigen und himmlisch-göttlichen Bereichen dem Ort aufgepfropft worden wäre, sondern weil sie dem Ort selbst einwohnt, sozusagen mit ihm auf Gedeih und Verderb untrennbar verbunden ist. Menschliches, Natürlich-Erdhaftes, Daimonisches und Göttliches lassen sich hierbei immer nur theoretisch-abstrakt trennen, am Ort selbst (zumindest ganzheitlich-geomantisch gesehen) nicht.
- Weit verbreitet im heutigen geomantischen Diskurs ist auch die psychologische und physiologische Argumentation. Einige Geomanten gehen sogar so weit, zu behaupten, das Phänomen heiliger "Kraftorte" sei nichts als eine Mischung aus rein innermenschlich-psychischen und außermenschlich-radiästhetischen Vorgängen. Die (messbaren) Strahlungen, Magnetfelder und sonstigen physikalisch fassbaren Eigenheiten eines solchen Ortes seien die (alleinige und notwendige) Ursache dafür, dass es bei gewissen empfänglichen Menschen zu eigentümlichen psychischen Reaktionen (angenehm - unangenehm, erregend - ermüdend, lustvoll - unlustvoll etc.) komme. Der Ort selbst - als ehrfurchtgebietendes, sinnlich-anschauliches und ganzheitliches Gesamtphänomen genommen - interessiert sie dabei nicht. Ein gezwieselter oder spiralwüchsiger Baum ist nur deshalb interessant, weil er mögliche Strahlungsverläufe anzeigt. In Anlehnung an das oben von Ammonios Gesagte ließe sich in Bezug auf solche geomantischen Reduktionisten einwenden: "Was für einen Grund haben diese Geomanten eigentlich, dass sie überhaupt heilige Naturorte aufsuchen, wenn ihrer Ansicht nach die menschliche Seele alles das, was sich psychisch vor Ort erfahren lässt (also seelisch Angenehmes und Unangenehmes, Erregendes und Ermüdendes, Lustvolles und Unlustvolles etc.) auch an beliebigen anderen Orten erfahren kann?" Für sie wäre es unter Umständen lehrreicher und praktischer, im physikalischen Großlabor die hierzu optimalen Bedingungen zu schaffen, um sodann nach Belieben experimentieren zu können.
- Um nicht missverstanden zu werden: ich bin nicht der Ansicht, dass die psychologische und die radiästhetische Betrachtung aus der Geomantie verschwinden sollten. Ganz im Gegenteil, sie sind wichtige Zugangsmöglichkeiten zum Phänomen des Ortes. Allein, wenn sich die psychologischen und radiästhetischen, aber auch die geologischen und chemischen sowie andere einzelwissenschaftliche Zugangsweisen anmaßen, sie würden das volle Phänomen ganzheitlich aufdecken, dann irren sie. Was sie in Händen halten, sind lediglich die notwendigen und kausallogisch bestimmbaren Mitursachen. Sie ergeben noch lange keine wesentlichen Ur-Sachen. Man muss das ganze sinnlich-anschauliche Phänomen des heiligen Ortes ehrfürchtig auf sich wirken lassen, muss versuchen, es in einer ganzheitlich-philosophischen Besinnung einzuholen und zu benennen, jenseits aller metasprachlichen und einzelwissenschaftlichen Fachdiskurse.
- Doch selbst das ist noch nicht genug. Lamprias sagte vorhin: "Nicht auf alle und auch nicht auf dieselben Personen immer in der gleichen Weise wirkt die Kraft des Ortes." Und er wies ferner darauf hin, dass sich die Kraft eines Ortes auf heilige und geheimnisvolle Weise ändern könne; das heißt, sie kann entstehen und vergehen, kann sich offenbaren und entziehen. Anders gesagt: es liegt nicht in unserer Hand, wann, wo und in Bezug auf wen ein Ort "göttliche Ausstrahlung" hat und "aktiv" wird. Diese Tatsache wird in der neuen Geomantie oft vergessen. Man meint, jeder so genannte "Kraftort" sei zu jeder Zeit und für jede Person als Phänomen gegeben. Oder man meint, dass zu periodisch wiederkehrenden Zeiten (etwa zu Sonnwenden, Tagundnachtgleichen) der "Kraftort" zumindest für alle sensitiv begabten Menschen seine Energie bemerkbar mache, als wäre er ein gefüllter oder periodisch sich füllender Kühlschrank, den man immer dann aufsucht, wenn man Lust darauf hat oder wenn er eben voll ist. Auf die Idee, dass es sich - wenn an einem heiligen Ort ein Genius Loci (ein Ortsgeist/Ortsgott) erscheint - vielmehr um ein seltenes, schicksalshaftes Geschenk handelt, um eine Gunst und Gnade, die nur wenigen Menschen hie und da zuteil wird (oder auch um einen schicksalsschweren Schlag), kommen die wenigsten. Auf den Gedanken, dass es dazu des richtigen, glücklichen, schicksalshaften Zeitpunktes und Ortes und Maßes - griechisch kairós - bedarf, kommt man nur selten. Und doch zeigen alle mit heiligen Orten verknüpften Schicksalsgeschichten (Mythen, Sagen, Legenden) dies mit aller Deutlichkeit. Auch in dieser Hinsicht kann man von Plutarch lernen, der die alten, mit einem heiligen Ort verknüpften Geschichten und Mythen achtet und ehrt und - wo es ihm irgend möglich ist - innerhalb dem von ihnen abgesteckten Bedeutungsrahmen über die möglichen Ur-Sachen philosophiert. Nun gibt es heute in unserem Landstrich so gut wie keine authentisch überlieferten Lokalmythen. Dafür haben wir eine Menge von Lokalsagen zur Hand. Freilich, Sagen sind meist nur halb so ur-sachen-erhellend wie originäre Mythen, aber auch sie erzählen oft von einem schicksalshaften Ereignis, das sich vor Ort ergeben hat; ein Ereignis, in dem sich der Ortsgott - die göttliche Ur-Sache eines heiligen Ortes - unverhüllter zeigte als sonst. Erst im nachsinnenden Nachvollziehen dieser schicksalshaft geoffenbarten Ur-Sache in Kombination mit seiner unverstellten und authentischen Ortserfahrung eröffnet sich der Horizont, vor dem die vielen kleinen und notwendigen Mitursachen in Beziehung zu einem lebendigen und schönen - weil ganzheitlich betrachteten - Kosmos gesetzt werden können.
- Noch etwas kann die heutige Geomantie von Plutarch lernen: dass es vor allem die heiligen Stätten der eigenen Heimat sind, zu denen sich ein tieferes geomantisches Verständis entfalten kann. Plutarch wurde im böotischen Chaironeia, eine gute Tagesreise von Delphi entfernt, geboren, und war dort zeitlebens ansässig. Delphi hat er oft besucht. Seit dem Ende des ersten Jahrhunderts fungierte er über zwanzig Jahre hinweg als einer der beiden Priester des delphischen Apollons, hatte in Delphi einen zweiten Wohnsitz. Nicht zuletzt deshalb sind seine delphischen Dialoge auch geomantisch gesehen so aufschlussreich. Er wusste, wovon er schrieb. Nicht nur der Ort und die umgebende Landschaft, sondern auch die Bewohner, ihre Sitten, ihr Dialekt und ihre Lokalmythen - also alles, was mit der Landschaft in einer jahrhundertelangen Wechselbeziehung stand und mit ihr verwachsen war - waren ihm von klein auf vertraut. Dass diese Art des Vertrautseins mit einem Ort und seinem landschaftlichen, sprachlichen und kulturellen Kontext eine sehr entscheidende Voraussetzung für ein tieferes Ortsverstehen ist, wird heute nur zu oft vergessen. So einfach, wie Kultplatztouristen es sich vorstellen, lässt kein Ort sich sein Geheimnis entreißen. Und "entreißen" lässt sich ein Geheimnis sowieso nie, höchstens erlauschen. Es verhält sich beim Verstehen von Orten ähnlich, wie es sich auch beim Verstehen anderer Menschen verhält: zwar ist die Macht und Aussagekraft des "ersten Eindrucks", der erstmaligen Begegnung, nicht zu unterschätzen; ein tiefes, liebevolles Verstehen eröffnet sich jedoch erst durch das Beschreiten eines langen, freud- und leidvollen gemeinsamen Schicksalsweges.