Vier Fragen an die Geomantie

Fragenkatalog und Vorwort zum Focus-Thema "Was ist Geomantie?"

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 10/2001

Vier Fragen an die Geomantie
Für eine Standortbestimmung der zeitgenössischen Geomantie schien uns ein Dreieck miteinander verbundener Fragen sinnvoll: die Frage nach dem Lebendigen, nach der Anderswelt und nach der Wissenschaftlichkeit. Die vierte, zusammenfassende Frage berührt das mögliche Ziel geomantischer Übung, einen Beitrag zu einer neuen, integralen Kultur zu leisten.
• Der Kosmos lebt, weil wir leben - Ist die Vorstellung plausibel, dass wir in einem Kosmos leben, der ansonsten aus "toter" Materie besteht? Ist das Prinzip "Leben" überhaupt mit "toter" Materie vereinbar, kann aus toter Materie Leben entstehen? Wo hört Leben auf, und wo beginnt es? Was bedeutet "lebendig" - bedeutet es gleichzeitig "beseelt", mit Bewusstsein begabt? Gibt es Unterschiede im "Maß" der Lebendigkeit angesichts der Entitäten um uns herum: Berge, Gewässer, Steine, ein Baum, eine Brennessel, eine Kröte, eine Eule, eine Schnecke, ein Bakterium, ein Mensch? Welche Konsequenzen hat Ihre Antwort auf diese Fragen für Ihr persönliches Leben, Ihre Arbeit und die Art und Weise, wie Sie sich mit Geomantie beschäftigen? Wie weit setzen Sie diese Konsequenzen um? Was hindert Sie daran, und wie wollen Sie die Hindernisse beseitigen?
• Die Anderswelt ist überall - Die Wiederentdeckung der Geomantie rührt aus der neuen Erfahrung alter Stätten der Megalithkulturen und der Begegnung mit schamanischen Gesellschaften her. Viele Menschen suchten mit "bewusstseinserweiternden" Methoden Zugang zu einer "anderen" Realität. Die Verknüpfung solcher Vorstellungen mit der Radiästhesie, die sich der Schwingungsnatur der Realität widmet, führte zu einer schillernden Fülle von Aussagen über Ebenen jenseits der von der Naturwissenschaft akzeptierten Realität. Trancezustände bei einer Ortserfahrung überschneiden sich mit Beschreibungen einer "feinstofflichen" äußeren Realität: Erdstrahlen, Wasseradern, Gitternetze, Qi, Ätherkräfte, Energielinien oder Energieleitbahnen, Erdchakren, Ein- und Ausatmungspunkte der Erde, Engelfokusse, Landschaftsdevas, Genius Loci oder Anima Loci . Man spricht von symbolischen Landschaften oder von einer geistig-seelischen Ebene der Landschaft, Begriffe wie "Holon" oder "Landschaftstempel" versuchen, eine Mehrdimensionalität auszudrücken. Ist das alles nur ein heilloser Wirrwarr unreflektierter New-Age-Begriffe? Oder ist es der Beginn einer neuen Sprache, die eine für viele verbindliche Realität kommuniziert? Wie können die physikalischen und nicht-physikalischen Ebenen auseinandergehalten werden? Wie gehen wir kreativ damit um, dass die persönliche Anderswelt-Erfahrung immer individuell bleibt und sich Beobachter und Beobachtetes nicht trennen lassen? Welche Begriffe halten Sie für tragfähig, um solche Erfahrungen zu kommunizieren, welche für verwirrend? Ist Ihre persönliche Welt "mehrdimensional”? Was bedeutet das für Sie? Wie stellen Sie sich das aktuelle Raum-Zeit-Modell mit den vier Dimensionen Länge, Breite, Höhe und Zeit vor? Wie stellen Sie sich eine fünfte oder "mehrere" Dimensionen vor?
• Geomantie, eine spirituelle Wissenschaft des Lebendigen - Oft wird für Geomantie ausdrücklich der Begriff "Erfahrungswissenschaft" verwendet, doch auch die konventionelle Naturwissenschaft versteht sich als Erfahrungswissenschaft, indem sie eben das Erfahrbare beschreibt, statt von theoretischen Überlegungen auszugehen. Ist Erfahrungswissenschaft also ein für die Geomantie tragfähiger Begriff, oder ist er eher irreführend? Ist es notwendig, den Begriff der "Erfahrung" näher zu untersuchen? Ist Geomantie eher als Kunst oder als Wissenschaft zu begreifen? Ist es sinnvoll und möglich, eine Phänomenologie (im Gegensatz zur rationalen Erkenntnis) der Anderswelt zu formulieren? Wie kann die subjektive Erfahrung einer erweiterten Wirklichkeit oder die Erfahrung von "Qualitäten" Eingang in die wissenschaftliche Diskussion finden? Solche Erfahrungen haben oft religiösen Charakter - ist Geomantie also mehr als spirituelle Disziplin zu begreifen? Wie gehen Sie persönlich mit der Herausforderung um, in sich selbst zur Synthese einer spirituell-künstlerisch-wissenschaftlichen Weltsicht zu gelangen?
• Die Relevanz der Geomantie - Welchen Beitrag kann die Geomantie in der Evolution einer integralen Kultur leisten?

Vorwort zum 1. Teil der Standortbestimmung "Was ist Geomantie?"
Auf den oben wiedergegebenen Call for Papers für diese Ausgabe kam so vielfältige Antwort, dass wir diesem offensichtlich wichtigen Thema zwei Hefte widmen: Was ist Geomantie? Wir entdecken zunehmend Schnittstellen zu vielen Bereichen der Gesellschaft und wagen die Behauptung, in der Idee der modernen Geomantie reift ein - noch undifferenzierter! - Kern heran, aus dem ein Baum in der Landschaft der integralen Kultur wachsen kann. Wir sind an diesem Kern interessiert und wollen uns ihm aus allen Richtungen nähern, die heute unter dem Etikett "Geomantie" Profil zu gewinnen suchen. Dabei dienen besonders die selbstkritischen Betrachtungen als wertvolles Regulativ im Prozess unserer Standortbestimmung: Wollen wir dem positiven Potenzial der Geomantie breite Beachtung sichern, darf sie sich selbst nicht überschätzen, nicht wichtiger machen als sie ist, sich nicht - frei nach Orwell - für gleicher erklären als andere Gewächse im Vorgarten der Erkenntnis. Es gibt keine "Geheimwissenschaft Geomantie" (Ulrich Magin) mehr. Alle Beiträge suchen den Schritt - so er nicht schon vollzogen ist - aus einer Esoterik einziger Wahrheiten in einen offenen Bereich gemeinsamen Forschens, der auch von der akademischen Wissenschaft bei weitem nicht ausgefüllt wird. Ein Reichtum humanen und humanistischen Denkens und Schaffens wird sichtbar, für den unsere Sprache noch keine Begriffe bietet. Wie es eine Wissenschaft gibt, sollte es auch eine Erfahrenschaft oder eine Fühlenschaft geben. Gewissermaßen als "vereinigte Wissen-, Erfahren- und Fühlenschaften" könnten diese Fakultäten eine fundamentale Neubewertung unserer kollektiven Ziele begründen und einleiten. Aus vielen Beiträgen spricht das in diese Richtung zielende Bedürfnis, den drei zentralen Faktoren der emotionalen Intelligenz (Daniel Goldman) mehr Anerkennung zu verschaffen:
- Empathie, deren Grundlage die Selbstwahrnehmung ist (Wie soll man sich in den "Ländereien" anderer auskennen, wenn man in der eigenen (Seelen-)Landschaft orientierungslos umherirrt?),
- soziale Kompetenz, die zunehmend zur Schlüsselqualifikation professioneller Beratung wird (Wie soll man Beziehungen und Konflikte moderieren, wenn man systemische Zusammenhänge nicht kennt, nicht in Zyklen denkt oder Werte wie Caritas, Zuneigung und Liebe geringer achtet als Erfolg, Geld und Macht?) und
- Kommunikationsfähigkeit, die zur Vermittlung der Bedürfnisse "sprachloser" Entitäten besonders geschult werden muss (Wie sollen wir Erfahrungen aus nicht-materiellen Bereichen vermitteln, wenn wir uns nicht mit Kindern, der Natur, mit Menschen in anderen Lebensbezügen und Kulturen verständigen können?)
Dass wir im Bemühen um eine solche Neubewertung nicht nachlassen dürfen, das hat der 11. September und sein fortdauerndes Nachspiel erneut deutlich gemacht. Das "Loch in der Realität" (Jochen Kirchhoff), das auch in uns aufgerisssen wurde, hat uns die Texte, von denen die einen vor, die anderen nach dem Anschlag entstanden sind, auch unter dem Gesichtspunkt neu lesen lassen, den Nigel Pennick so formuliert hat: "Ich hoffe, dass die Geomantie-Szene nicht einfach so weiterschreibt, als sei nichts geschehen. Alles, was die Sache der Rechtgläubigen‘ stützt, trägt zum Tod Unschuldiger bei. Wir machen uns zu Mitschuldigen, wenn wir die Verbreitung ihrer verzerrten Weltsicht zulassen." Mit "Rechtgläubigkeit" sind Besserwisserei, Fanatismus und Fundamentalismus gemeint, und diese Falle ist jedem gestellt, der auf einen - in seinen Augen schreienden - Mangel hinweist, den andere scheinbar blind übergehen. Deshalb haben wir uns selbstkritisch gefragt, ob dies überhaupt eine Zeit sei, in der wir uns den Luxus leisten können, über eine Neudefinition von Geomantie nachzudenken, ob es nicht blanker Hohn sei, nach einer integralen Kultur zu fragen, und ob darin nicht auch bereits der Keim der "Rechtgläubigkeit" liege. Für uns ist allerdings der 11. September kein "Wendepunkt", wie oft zu hören ist. Der Zustand der Welt, das tagtägliche, weltweite Menschenopfer auf den Altären religiöser, politischer, kapitalistischer, sozialistischer, gruppenegoistischer Fundamentalisten war vorher genauso katastrophal - aber auch das ehrliche Bemühen wohlmeinender Menschen auf dem ganzen Erdenleib, die blutigen Rituale nachhaltig zu beenden, war ebenso hoffnungsvoll! Der Tenor aller Beiträge unterstützt Letzteres: Weit entfernt, die Geomantie zu einer Heilsbotschaft aufzublasen, wird sie als brauchbares Modell - zugegeben: von vieldimensionaler Schönheit - entwickelt, mit dem wir die Welt und uns Menschen darin besser verstehen können. Vergessen wir nicht: Ein Modell ist nicht die Wirklichkeit. Wer auf die Wirklichkeit stößt, für den hat das Modell ausgedient. Es hat dann allenfalls noch im Museum Platz: So haben die Leute im Jahre 2001 gedacht .! Der größte Reiz der Geomantie scheint zu sein, dass sie einen Weg aus dem Reduktionismus freilegt, den viele noch immer für die Essenz zeitgemäßer Wissenschaft halten. Die Geomantie kann der entzauberten Welt einen Teil ihrer magisch-beseelten Qualität zurückgeben, ohne den Verstand zu beleidigen und einen naiv-heilen Urzustand zu beschwören. Sie schlägt eine Brücke zu denjenigen der "Neuen Wissenschaften", die das Leben in seiner nicht deterministischen Fülle und Vielfalt, in seiner physikalisch-mechanistischen Unwahrscheinlichkeit zum Urprinzip des ganzen Universums erklären. Aus ihrer Beziehung zum Lebensort Gaia als einem kosmischen Organ schöpft die Geomantie universale Werte, die über Kulturgrenzen hinweg kommuniziert werden können. Nur ein nicht-reduktionistisches Menschenbild findet zu einem Verständnis des anderen, sei es des unmittelbaren Gegenübers oder einer anderen Kultur. Ein beseelter Kosmos ist somit keine fixe Idee, sondern hat unmittelbare ethische Konsequenzen. In diesen Kontext sind die folgenden Beiträge eingebettet. Wir haben die Artikel bewusst nicht voneinander abgesetzt, obwohl es zum Teil gegensätzliche Standpunke sind. Wir sehen eine Gesprächsrunde vor uns, in der zugehört wird, bevor sich Urteile bilden. So stehen empirische Erkenntnisse aus langjährigem Tun neben Methodenkritik, Ideengeschichte und Faktenanalyse neben sensiblen Mitteilungen aus ganzheitlich erfüllter Praxis. Es mag herausfordernd sein, solche Gegensätze so nahe zusammen zu erleben; aber Nähe und Reibung erzeugen Wärme - das kann auch eine familiäre Wärme sein, in der ein wohlwollendes, alle in der Runde befriedigendes Gespräch möglich ist. LM & JH