Elemente des Vaastu

Kosmologie und Orientierung

von Wolf-Dieter Blank erschienen in Hagia Chora 10/2001

Die erste Folge dieser Artikelreihe
hat sich mit den geistig-spirituellen Hintergründen des indischen Denkens, der Philosophie des Veda und insbesondere des Vaastu und seiner Herkunft auseinander gesetzt. Wolf-Dieter Blank betrachtet nun einzelne Elemente, zum Beispiel den Vaastu-Dämonen Purusha, seine Lage in den verschiedenen Himmelsrichtungen und seine Beziehungen zu Göttern und Menschen.

Es ist interessant, dass auch das uralte Wissen des Vaastu seit einigen Jahren in Indien eine große Renaissance und zunehmende Akzeptanz im Westen erfährt. Moderne Einfamilienwohnhäuser, Mietshäuser, aber auch Büro- und Industriebauten werden möglichst mit den überlieferten Regeln in Einklang gebracht. Viele Wohnanforderungen haben sich allerdings im Laufe der Jahrhunderte geändert, und so gilt es, traditionelles Wissen an modernes Leben, technische Notwendigkeiten, Bauvorschriften und Anforderungen der Umwelt anzupassen. Vaastu ist jedoch auch heute ein zeitgemäßes und sinnvoll einzusetzendes Instrument, um "Wohl oder Leid" beim Hausbau und insbesondere beim späteren Bewohner zu steuern. Vaastu hat das Ziel, alle Komponenten des Wohnens zu ordnen und auf die alten Regeln auszurichten. Diese sind mythischen Ursprungs, sie wurden von den Weisen (Rishis) geschaut und anschließend aufgezeichnet. Im "Mikrokosmos Haus" werden alle Kräfte harmonisch zum Wohle des Menschen zusammengeführt. Die innere Ordnung und Struktur des Gebäudes soll dafür mit den äußeren Gegebenheiten übereinstimmen, um nicht zu einer Schwächung einzelner Funktionen zu führen.

Das Vaastu-Purusha-Mandala

Im Mittelpunkt des Bauens und Wohnens steht der Vaastu Purusha bzw. das Vaastu-Purusha-Mandala. Purusha bedeutet dabei etwa "Seele" oder "Geist" und lässt sich heutzutage zeitgemäß am besten mit "Energie" übersetzen. Der Begriff Mandala ist bekannt als Kreis-Form mit starkem Symbolgehalt. Im Matsya-Purana, einer der alten heiligen Schriften, wird der Ursprung des Vaastu-Purusha erzählt, der bis in die Zeiten zurückreicht, in der Götter und Dämonen um die Vorherrschaft ringen: "Vor langer Zeit lebte ein Dämon, genannt Bhuta. Er entstand aus einem Kampf zwischen Shiva und dem Asura Andhaka. Durch die große Kraftanstrengung, ihn zu besiegen, schwitzte Shiva - ein Tropfen heißer Schweiß rann von seiner Stirn und fiel auf den Boden, aus dem sofort ein fürchterlicher Dämon entsprang. Dieser hatte einen schrecklichen Gesichtsausdruck, und sein Hunger war unsagbar groß. Shiva zwang ihn, das Blut des besiegten Dämonen Andhaka zu trinken, das sich in großen Mengen über den Boden verbreitet hatte, aber er war damit nicht zufrieden. Durch intensive Buße gewann er Shivas Gunst und erlangte dabei die Erlaubnis, alle drei Welten zu verschlingen. So breitete er sich über die ganze Erde aus und war dabei, die hohen Himmelswelten zu erobern, als er stürzte und mit dem Bauch auf die Erde fiel. Die Gunst des Augenblicks nutzend, begannen alle Götter und Halbgötter und ihre Helfer auf ihn niederzuspringen und ihn mit dem Gesicht zur Erde festzuhalten. Da die Götter und alle anderen sich auf verschiedenen Teilen seines Körpers niederließen, wurde er Vaastu ("der Platz, wo Devas bzw. Menschen wohnen") genannt. In seiner Hilflosigkeit bat er die Götter um Verzeihung und darum, ihn mit Nahrung zu versorgen, um seinen großen Hunger zu stillen. Brahma und alle Götter verfügten daraufhin, dass alle Menschen, die auf einem Stück Land bauen wollten, vor Baubeginn entsprechende Rituale und Opfergaben an Vaastu machen mussten. Dieses betraf sowohl den Bau von Wohnhäusern als auch die Anlage von Palästen, Forts, Klöstern, ganzen Städten, Brunnen oder Gärten." Der Mythos findet sich variiert in mehreren Texten, aber immer belegte Vaastu bei seinem Fall eine quadratische Fläche. Die Orte der Götter auf dem Gelände bzw. seinem Körper waren gleichmäßig in alle Himmelsrichtungen verteilt (Vaastu-Mandala), und der Ausdruck Vaastu wurde zu einem kollektiven Namen für alle Götter und Dämonen zusammen.

Lage und Eigenschaften

Bei seinem "Fall" kam der Kopf des Vaastu im Nordosten zu liegen, die Füße im Südwesten, die Ellenbogen jeweils im Nordwesten und Südosten. Damit liegt er nach den Nebenhimmelsrichtungen ausgerichtet, wobei die Achse NO-SW durch den Verlauf der Wirbelsäule die Hauptlebensachse darstellt. Der Solarplexus liegt in der Mitte, dem Brahmasthan, dem Schnittpunkt der beiden Diagonalen NO-SW und NW-SO. Der Kopf befindet sich im NO als dem wichtigsten energetischen Bereich. Vaastu Purusha hat nun zwei besondere Eigenarten. Die erste ist, dass er sich alle drei Monate dreht, wobei er verschiedene Aktivitäten ausführt, wie essen, meditieren, säubern, schlafen etc. Entsprechend dieser Phasen sind unterschiedliche Bauaktivitäten sinnvoll oder sollten besser unterlassen werden. Generell gilt er als wach, wenn er nach den vier Kardinalpunkten orientiert liegt, und als schlafend, wenn er in den Richtungen Nordosten, Südwesten, Südosten und Nordwesten liegt. Die Monate Dezember und Januar, März und April, Juni und Juli sowie September und Oktober gelten als ungünstig für den Beginn von Bauarbeiten, die anderen Perioden jedoch als günstige Zeitpunkte. Die zweite besondere Eigenart ist, dass er die Menschen, die dort siedeln, soviel "necken" oder "ärgern" darf, wie er möchte, sofern sie nicht gewisse Regeln einhalten und ihn verehren. Diese bestehen allgemein aus Ritualen zum Baubeginn, bei Grundsteinlegung, beim Einzug etc. Damit möchte man vor allem mit den Naturwesen Kontakt aufnehmen, sie besänftigen und auf die Errichtung des Baukörpers bzw. auf den Einzug der Menschen aufmerksam machen, um mit ihnen in Harmonie zu leben. Die große Wirksamkeit dieser Zeremonien, wie vedische Gesänge, Darreichungen von Wasser, Reis, Blumen, Feuer usw., konnte ich bereits bei vielen Gelegenheiten erleben.

Die Verteilung der Götter

Im Vaastu-Purusha-Mandala findet die Verteilung der Götter, Halbgötter und Menschen ihr Abbild. Das Mandala besteht in seiner Idealform aus 81 Quadranten, die nach den Haupt- und Nebenhimmelsrichtungen orientiert sind. Neun Hauptgottheiten residieren in den Haupt- und Diagonalachsen. Diese sind: der oberste Herr Ishvara im Nordosten, Indra, der König der Götter, steht für die Sonne im Osten, Agni , der Gott des Feuers im Südosten, Yama, derTotengott im Süden, Rahu, ein Dämon, im Südwesten, Varuna , Gott des Wassers, im Westen, Vayu, Gott der Winde, im Nordwesten, Kubera, Gott des Reichtums, im Norden und Brahma, der Schöpfer des Universums, im Zentrum. Weiter sind den Himmelsrichtungen verschiedene Elemente zugeordnet. Bezogen auf den Menschen können wir zudem die Verbindung von Element und Sinneswahrnehmung betrachten. Hier existieren ebenfalls Zuordnungen, die insbesondere im Ayurveda, dem Veda der Gesundheit, eine große Rolle spielen. Kehren wir wieder zurück zur Baukunst, so entsprechen den Himmelsrichtungen auch verschiedene Formen. Die drei Doshas (Stützen), die die Konstitution des Menschen bestimmen, ergeben sich aus den fünf Elementen. Sie sind folgendermaßen zugeordnet:

Kosmische Energie

Was widerspiegelt sich nun in der Geschichte des Vaastu Purusha? Sicherlich handelt es sich hier in erster Linie um ein Kräftespiel, das für das Gleichgewicht im Universum verantwortlich zeichnet und das durch das Gesetz "wie oben, so unten" oder "Makrokosmos gleich Mikrokosmos" in der Baukunst und im menschlichen Körper als Abbild kosmischer Kräfte zu betrachten ist. Die kosmische Energie manifestiert sich nach Durchgang durch eine Reihe von Transformationen zu Vaastu Purusha. Das Mandala ist dabei eine Hilfe für den Menschen, den Grundriss auf eine spirituelle Basis zu stellen und Teil der kosmischen Ordnung zu werden. Alle Kräfte sind in ihm zusammengefasst und werden durch die verschiedenen "Gottheiten" "in Form" gebracht . Jeder der "Gottheiten" (Devas) ist ein spezieller Aspekt des Lebens zugeordnet, der Teil des Ganzen ist und der aus der ursprünglichen kosmischen Energie transformiert wurde. So besetzt jede "Gottheit" einen oder mehrere Teile der Quadrate des Mandalas. Das Vaastu-Purusha-Mandala hat deshalb eine ähnliche Funktion wie das Ba Gua im chinesischen Feng Shui. Durch die Vorgabe des "Neckens und Ärgerns" sowie der Eigenart des "Drehens" kommt zum Ausdruck, dass Vaastu lebendig ist - er steht für die Verkörperung der Energien und Kräfte, die sich in der Erde befinden, ähnlich der Energie, die aus dem Kosmos kommt. Diese Erdenergie befindet sich nach vedischer Auffassung auch im Menschen und in allen Lebewesen, sie ist der materielle Ursprung unseres Lebens. Das Haus wird zu einer manifesten Form des Vaastu Purusha, das heißt, die Energie wird im Gebäude nach dessen Fertigstellung lebendig. Die energetisch optimale Form ist entsprechend der Lage des Vaastu Purusha das Quadrat - Symbol für Vollkommenheit bei Hausgrundriss, Städtebau oder Baugrundstück. Die einzelnen unterteilenden Quadranten (z.B. 81) sind Ausdruck für die verschiedenen Funktionen bzw. Räumlichkeiten oder Aktivitäten in einem Haus oder einer Stadt. Möglich sind 2 bis 32 parallel verlaufende horizontale oder vertikale Linien, die Rechtecke bilden, wobei die Formen Manduka mit 64 Quadranten (8 ¥ 8) und Paramasayika Mandala mit 81 Zonen (9 ¥ 9) als ideale Formen gelten. Im Städtebau sind hiermit selbst runde und halbrunde Formen möglich.