Mutterleib Erde

Die Landschaft als belebter Organismus im chinesischen Feng Shui

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 10/2001

Anlass für diese grundlegende Arbeit war die Frage der Redaktion nach Parallelen zwischen dem Konzept des Qi in der traditionellen chinesischen Medizin und im Feng Shui: Welcher Zusammenhang bestand im chinesischen Altertum zwischen dem Qi der Erde und dem Qi des menschlichen Körpers? Manfred Kubny belegt mit Zitaten aus der chinesischen Philosophie aller Epochen, dass die Grundlage der Auffassung von Natur die Idee der Einheit des Qi ist. Darauf baut eine subtil differenzierte Betrachtung von innerer und äußerer Natur auf. Das Sheng Qi als belebende und befruchtende Kraft entströmt der Erde, die als lebendiger Organismus verstanden wird. Es zeigt sich augenfällig, dass auch die chinesische Geomantie in der Erfahrung der Landschaft als weiblicher Körper wurzelt.
(Die Quellenangaben zu diesem Artikel finden Sie !-URL=http://www.geomantie.net/content/article/id__art_3bd189280a008-TARGET=_self-!hier.!-/URL-!)

Traditionelle chinesische Wissenschaften, und somit auch das Feng Shui, tragen stets eine tiefe Erkenntnis über die Natur in sich. Sie bilden auf allen Betrachtungsebenen Parallelen zwischen dem menschlichen Körper und der ihn umgebenden Natur. Die menschliche Umgebung ist im Weltbild des chinesischen Altertums eine Verschmelzung von Natur und Belebung, ein Wechselspiel von Wildnis, Bergen und dem Rhythmus von Tag und Nacht. Alle Erscheinungen in diesem Weltbild sind Manifestationen von Qi, einer je nach Kontext einmal als materiell, ein anderes Mal als rein animistisch aufzufassenden universellen Kraft - wir können sie getrost als Urstoff oder Lebenskraft auffassen. Doch für das Konzept "Qi" lässt sich kein zusammenfassendes, eindeutiges Wort finden - zu groß ist das Spektrum, das dieser Begriff impliziert. Tatsache ist, dass alle Vorstellungen der alten chinesischen Welt und damit auch deren Wissenschaften auf demselben Konzept des Qi aufbauen. Somit ist Qi das allumfassende verbindende Glied der klassischen chinesischen Weltordnung. Solche Aussagen finden sich schon im Yijing, dem Buch der Wandlungen, (wahrscheinlich Zhou-Zeit 1030-722 v. Chr.), und im grundlegenden klassischen Werk der chinesischen Medizin, dem Huangdi Neijing, "Der innere Klassiker des gelben Kaisers", (ca. 2.-1. Jahrhundert v. Chr.). In allen Epochen herrschte die Auffassung, dass
- der Himmel aus Qi,
- die Erde aus Qi,
- der Mensch aus Qi und
- die 10000 Dinge aus Qi
erzeugt worden sind und alle belebten und unbelebten Dinge sowie die anderen Phänomene der Natur diese gemeinsame Quelle haben.

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