Mensch und Kosmos

Eine radikale Annäherung an das Wagnis, irgendetwas zu verstehen. Teil 2

von Attila Grandpierre erschienen in Hagia Chora 10/2001

Im zweiten Teil seiner Überlegungen zu einer neuen Kosmologie widmet sich der ungarische Astrophysiker Attila Grandpierre dem grundlegenden Prinzip der Logik, die er für das vereinigende Element des Universums hält. Sein leidenschaftlicher Text macht erfahrbar, was er behauptet: Logik ist mit Leben erfüllt.

Unsere bisherigen Argumente legen den Schluss nahe, dass mit "Universum" tatsächlich etwas Allumfassendes gemeint ist. Es gibt andere so genannte universelle Begriffe, wie "Gas", "Materie", "Idee" oder die "wirklichen Dinge". Die Idee des Universums unterscheidet sich jedoch von jenen Universalien: etwas wie ein "allumfassendes Gas", eine "allumfassende Materie" oder "die wirklichen Dinge als Ganzes" gibt es nicht. Das Universum als Ganzes jedoch existiert gerade deswegen, weil es alles umfasst und alles hervorbringt. Diese Elternrolle des Universums ist essenziell: da alles aus ihm und in ihm entspringt, ist auch alles mit allem bis in die feinste Differenzierung hinein genetisch und körperlich verwandt. Das Universum ist alles andere als ein erstarrtes System, das zwar die Natur und die Menschheit aus sich heraus geboren hätte, um dann aber jeden Kontakt zu der von ihm geschaffenen Realität abzubrechen. Seine Beziehungen zu allem, was in ihm wurzelt, sind lebendig, und die universalen Ordnungs- und Gestaltungsprinzipien gelten und wirken andauernd fort. Die Idee des Universums verlangt nach einer besonders umfassenden Formulierung; diese muss ihre kontinuierliche Begründung aus sich selbst heraus leisten, da es hinter dem Universum kein weiteres Bezugssystem gibt. In der Mathematik ist mit der "sich selbst enthaltenden Menge" ein ähnlicher Begriff aufgetaucht, der allerdings zu einer Reihe von Paradoxa geführt hat. Die Frage, wie etwas zu seiner eigenen begrifflichen Grundlage beitragen kann, führt zur Suche nach der ultimativen Basis. Wie aber kann etwas als Fundament von etwas dienen, das selbst auf keinem Fundament gründet?

Logik als universelle Koordinationsfähigkeit

Dieses scheinbare Paradox kann aufgelöst werden. Dazu schlage ich vor: die allumfassende Kraft, auf der das Universum gründet, ist keine andere als die, mit der das Bewusstsein das menschliche Gehirn organisiert. Kennen wir ein derart universelles, schöpferisches Gestaltungsprinzip, das fähig ist, das Universum mit den Mitteln des Bewusstseins zu lenken? Im Kern heißt das: welchem Prinzip folgt das Bewusstsein? Die Entfaltung und Vervollkommnung des Bewusstseins basiert auf einem einzigen Gesetz, das ihm unmittelbar selbst entspringt. Es steht unserem Verstand keineswegs fern - im Gegenteil: als Grundgesetz des bewussten Denkens ist es uns als "Logik" bestens bekannt. Alle anderen Faktoren, die das Bewusstsein beeinflussen, z.B. Sinneswahrnehmungen, ja selbst genetische Wirkmechanismen, stellen äußere Agenzien dar. Wird also das Universum durch eine allumfassende Kraft geordnet, und geschieht dies durch ein Bewusstsein, und ist das Grundprinzip des Bewusstseins die Logik, so wird das Universum letztlich durch die Logik gelenkt. Auch weil wir nichts kennen, was außerhalb des Universums läge, kann der Bewusstseinsfaktor, der das Universum lenkt, nur die Logik sein. Sie ist das universelle Prinzip, das die Existenz des Universums aufrechterhält. Logik ist ein System von Beziehungen, welches die Gesamtheit der Möglichkeitsfelder sämtlicher Urbilder enthält. Jeder Zusammenhang, den es je geben kann, ist in der Logik präsent. Selbstverständlich übersteigt jene "kosmische Logik", jene "Logik der Natur", bei weitem die sich in engen Grenzen bewegende, oberflächlich-formale Logik unserer modernen Alltagswelt. Sie steht aber in Resonanz mit der Daseins-Logik, die in uns Menschen lebt und die uns dazu bringt, der Erkenntnis in ihrer ganzen Tiefe zuzustreben. Tatsächlich ist die "Logik der Natur" zugleich die fundamentale menschliche Logik, denn der Mensch ist ein Wesen der Natur und trägt so neben den elementaren Bausteinen und letzten Geheimnissen auch das grundlegende Organisationsprinzip der (hier auch im Sinne des allumfassenden Universums verstandenen) Natur in sich. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Mensch mit den tiefsten und unmittelbaren Formen der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der Welt - nämlich mit seinem Fühlen und der Intuition - auch zu den Quellen dieser Logik vordringen kann. Eine vereinigende, magisch-logische Kreativität ist nötig, um zum ursprünglichen Geist zurückzufinden. Die magische Logik wendet sich der Erkenntnis der am meisten determinierenden, dem Wesen eigentümlichsten Zusammenhänge zu. Sie pflegt eine kritische Sicht auf die gewonnenen Eindrücke und ist konsequent der Wahrheitsfindung verschrieben. Während das Weltbild der heutigen Wissenschaft ausschließlich Eindimensionalität zulässt und Physik, Biologie, Psychologie und auch die kognitiven Wissenschaften jeweils nur eine Ebene des Seins studieren, untersucht die natürliche Logik auch die charakteristischen Beziehungen der Ebenen des Seins untereinander. Wenn wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts unter dem "Weltenbaum" eine Konstruktion in vier Ebenen (Physik, Biologie, Psychologie, Bewusstsein) verstehen, dann bilden die Wissenschaften die waagerechten Äste des Weltenbaums, die magische Logik den senkrechten Stamm, und die natürliche Logik umfasst das gesamte Gebilde aus Wurzeln, Stamm und Ästen als vereinigtes Ganzes. Die natürliche Logik umschließt demnach die wissenschaftliche Betrachtung des (physisch) Gegebenen und die magische Logik des Geistigen gleichermaßen. Sie will neben der Frage nach dem Wie auch die des ultimativen Warum beantworten. Anders ausgedrückt: die wissenschaftliche Sicht von heute ist "verflacht", indem sie von einer Natur-Wissenschaft zu einer Fach-Wissenschaft geworden und zu einer "horizontalen" Denkweise übergegangen ist. Zum umfassenden Verständnis der Natur ist aber auch die Erkenntnis der "senkrechten" Organisationskräfte nötig, die von der magischen, wesenszentrierten Logik erfasst werden. Die natürliche Logik leistet schließlich die Integration beider Aspekte. Wenn ich im weiteren von der Logik ohne Attribut spreche, meine ich immer jene natürliche Logik.

Ohne Logik bestünde das Universum nicht

Gäbe es die Logik nicht oder wäre das Universum nicht in sich logisch, gäbe es das Universum nicht. Die Existenz der Logik steht außer Zweifel, denn Zweifel selbst ist Ausdruck einer Logik; Zweifel an der Existenz der Logik ist unlogisch und widerspricht sich selbst. Ohne Logik wäre unser Dasein unmöglich, das Universum wäre nichts als purer Zufall und hätte weder Leben noch bewusstes Denken schaffen können. Ohne Logik gäbe es im Universum keine geordneten Systeme, es könnte als Ganzes nicht existieren. Die Logik ist somit das vereinheitlichende und integrierende Prinzip des Universums. Dieses integrierende Prinzip bildet den perspektivisch wirkenden Faktor, der alles Existierende, insbesondere die Lebewesen, verbindet. Die Annahme, dass die Logik die letztendliche Grundlage des Universums ist, wird auch von folgendem Gedankengang untermauert: Dem materialistischen Weltbild zufolge entwickelt sich die menschliche Logik mit der wachsenden Erfahrung und der praktischen Erkenntnis im Vergleich der faktischen Welt mit ihrer theoretischen Verallgemeinerung. Im Materialismus ist die Logik der Welt von vornherein, a priori, gegeben. Da er die primordiale Logik des Universums nicht erklären kann, lässt der Materialismus sie außer Acht und verbannt sie in eine Sphäre, die für den Verstand als tabu erklärt wird - ins Reich des Mystizismus. Die Logik des Universums musste bereits vor dem Erscheinen und der Evolution der Materie wirken. Stellen wir uns das Ur-Universum ohne Logik vor (was unser Denken kaum leisten kann und wie es Eddington aufgeworfen hat), so würden die Massen und Elemente der Materie ohne jede Gesetzmäßigkeit entstehen, die Atome würden ganz dem Zufall überlassen im Raum (den es womöglich auch nicht gäbe) umherschwirren, da sie keiner Regel folgen könnten. Es könnte kein physikalisches Gesetz existieren, denn jedes Gesetz, selbst das Gesetz der Gesetzlosigkeit, setzt bereits die Gegenwart von Logik voraus. Ohne grundlegende Prinzipien wären die Materieteilchen, die nichts wüssten und nichts tun würden, nicht in der Lage, sich zu größeren Einheiten zu organisieren und sich selbst Gesetze zu geben. Wir müssen uns zum Ursprung der (Natur-)Gesetze begeben, und der Ursprung der Gesetze führt uns dann zur Logik zurück, welche die Grundlage jeder Wissenschaft ist.

Die Wirksamkeit der Logik

Welche Wirksamkeit dürfen wir nun aber der Logik zuschreiben? Wie, stellen wir uns vor, entsprang das Universum aus dem Reich der Logik, direkt vor unsere Nase? Wie wurde es real? Auch hierauf lässt sich eine Antwort geben. Die Logik selbst ist Ausdruck des Geheimnisses der Welt, die Realität, in der das Mysterium "Welt" Gestalt annimmt. Die Logik ist das manifestierte Welträtsel und dessen Lösung zugleich. Sie ist das Rätsel, dem sich jedermann jederzeit nähern kann, und das doch ohne persönliches Handeln verschlossen bleibt. Da das Universum auf der Logik gründet, ist es zugleich auch von geheimer Natur, denn die Logik dient dazu, dass wir mit ihr etwas aufdecken. Je mehr wir entschlüsseln, um so tiefere Züge nimmt das Rätsel der Welt an. Je tiefere Geheimnisse wir aufdecken, um so tiefere Rätsel entdecken wir.

Das neue Bild der Logik

Wir müssen die Logik in ein Bild kleiden, das als letztendliches Fundament des Universums taugt, und das könnte so aussehen: Logik ist das ursprüngliche, vor allem anderen existierende Grundgewebe der Welt. Darin sind alle Beziehungen des Universums, alles, was möglich ist, und alles, was je erfahren und gewusst werden kann, angelegt. Logik weist der Evolution des Universums des Weg. Sie ist die theoretische Textur der begrifflichen Hülle der Welt und zugleich der durch diese Hülle leuchtende Kern. Logik ist die Verwirklichung einer Daseinsform, die vor der Materie und ihrer Entlassung in eine Welt stofflicher Hüllen existierte. Logik ist ein Embryo, dessen Schreien aus der Welt-Schale hervordringt, die Stimme der Welt vor ihrer Geburt, klar und deutlich zu vernehmen, die Stimme, die in der ganzen Welt unmittelbar verstanden wird. Das Universum als Ganzes ist das einzige Objekt, welches nur mit Logik untersucht werden kann, denn es ist reine Logik. Logik ist das Urprinzip des Universums, das Universum die Entfaltung der Logik. So ist das Universum die schöpferische Anwendung der Logik, die in jeder Konsequenz qualitativ neue Bedingungen entstehen lässt. Die Entfaltung des Universums vollzieht sich in einer Kette von spezifischen Zuständen und Prozess-Anweisungen, wobei die Anweisungen so "verfasst" sind, dass sie sowohl die beharrende Tendenz der Zustände auflösen als auch das Ausufern ihrer Bedeutung eingrenzen. Die vollständige Umsetzung der Logik beinhaltet somit die Prinzipien der Selbsterhaltung und der Selbstverbesserung (= Lernen). Da Selbsterhaltung und Selbstverbesserung die fundamentalen Grundprinzipien des Lebens sind, sind sie zugleich auch im treibenden Moment der Logik enthalten. Logik ist also eine mit Leben erfüllte Größe. Die logische Form unseres Konzepts vom Universum impliziert das logische Voranschreiten von Eins zu Zwei und so fort, den leuchtenden Pfad der Logik, den Netzplan der Welt, der noch immer nicht aufgezeichnet ist. Logik ist der Entwurf der gedachten Existenzen vor ihrer materiellen Manifestation. Logik ist das schimmernde Fadengeflecht der Beziehungen, geschaffen von der die Welt durchdringenden magischen Schöpferkraft; es wurde nicht nachträglich aus der Erfahrung herausgekratzt, wie die Materialisten meinen. Logik ist das theoretische Kondensat, das aufblitzende Licht aller möglichen Erfahrung. Logik ist Kraft in ihrer reinsten und messerscharfen Form. Logik ist das Licht der Welt, das aus der Frühzeit der Schöpfung herüber strahlt, die Bewusstseinskraft der Welt vor dem Aufstieg des Selbstbewusstseins. Logik ist die Eihaut des Universums und gleichzeitig dessen Nabelschnur, die im Zentrum unserer Persönlichkeit mündet.

Die logische und die ontologische Daseinsebene

Untersuchen wir nun, wie die Logik in die materielle Realität "hinüberzuspringen" vermag. Die ontologische Ebene und die epistemologische Ebene - die Ebenen des Daseins und der Erkenntnis - unterscheiden sich grundlegend. Zwischen beiden besteht nur ein "gespiegelter" Zusammenhang, und selbst diese Spiegelung erscheint ziemlich vage. Wenn mir der Gedanke kommt: "es regnet", ist das etwas anderes als die Tatsache, dass es draußen tatsächlich regnet. Wenn es in meinen Gedanken regnet und nicht in der Außenwelt, dann sind diese beiden Dinge offensichtlich nicht dasselbe; es regnet (drinnen), aber es regnet nicht (draußen). Es regnet nur in Gedanken. Denke ich aber wirklich, dass es regnet? Dächte ich das nämlich, könnte ich es auch mit äußerster Kraft denken, mir es nicht einfach nur mechanisch einbilden oder sagen, "hoppla, es regnet, aber es war nur ein Witz". Im Ernst: wenn wir es denn schon denken, sollten wir es auch so meinen! Lassen wir es regnen, so heftig es geht, mit voller Kraft; stellen wir uns das Ganze mit all seiner Bewegung und kreativen Kraft vor, mit traumhaft realer Detailvielfalt; fühlen wir den Regen, versetzen wir uns vollkommen in ihn hinein, bis er in unserem Inneren zu Leben erwacht! - Wenn wir den Regen wahrhaftig und mit aller Kraft denken, wenn er in uns lebendig wird, dann könnte es sogar draußen zu regnen beginnen - oder auch nicht, denn wenn draußen Regen fällt, dann fällt er nicht nur für mich, sondern auch für andere, und vielleicht "denken" andere gerade, dass es nicht regnet oder dass die Sonne scheint. Daraus resultiert, dass die widerstreitenden Regenwünsche aufeinanderprallen und es letzten Endes entweder regnet oder nicht - genau wie im richtigen Leben. Wir könnten wohl einen Durchgang zwischen innerem und äußerem Regen finden - aber dazu müssen wir sehr tief graben. Wir können uns auch vorstellen, dass alle Menschen sagen, "lasst uns herausfinden, ob es einen Übergang vom inneren zum äußeren Sein gibt". Womöglich hat der innere Regen den äußeren bisher deshalb nicht hervorgebracht, weil die Leute kreuz und quer denken, sich nicht im Geringsten um die freundschaftliche Verbindung zwischen innerer und äußerer Welt kümmern und es ihnen egal ist, ob es nun regnen sollte oder nicht. Eine Möglichkeit, eine solche Verbindung aufzudecken, besteht z.B. darin, dass niemand an irgendetwas denkt bis auf einen einzelnen Menschen, der an Regen denkt; dies lässt sich jedoch schwer realisieren. Besser wäre es, wenn es jeder Mensch auf der Welt in seinem Inneren aus voller Kraft regnen ließe, wie es draußen noch nie geregnet hat. Beginnt dann ein Regen, könnten wir entscheiden, ob es einen Durchgang zwischen der inneren und der äußeren Wirklichkeit gibt. Solange dieses Experiment nicht gemacht wird, können wir nur logisch schließen. Stellen wir uns den Durchgang als reale Möglichkeit vor, wäre jedenfalls ein Versuch, der keine nachteiligen Auswirkungen hat, sinnvoll: Wir könnten an einen einstündigen, wolkenlosen Sonnenschein denken, daran, dass die Wahrheit des Lebens zur Geltung kommt oder worin die menschliche Bestimmung liegt - der Möglichkeiten gibt es genug. Der Durchgang ist entdeckt und kann experimentell verifiziert werden. Wir sind bei der Möglichkeit einer Verbindung angelangt; gleichzeitig dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, dass es sich hier tatsächlich um ein Sein auf zwei verschiedenen Ebenen handelt, nämlich um die physische und die mentale Ebene. Wenden wir uns einem anderen Beispiel zu, das schon die alten Griechen beschäftigt hat: Aus welchem Grund bin ich in die Luft gesprungen? Wenn wir die Sache ernst nehmen, so ernst, wie sie "dort draußen" von den im Draußen Existierenden genommen wird, gibt es auf der Seinsebene eine Antwort, warum ich ontologisch und körperlich in die Luft gesprungen bin: Aufgrund gewisser Rekombinationen von Molekülen wurde die Energie der Nahrung an die Beinmuskeln abgegeben, und diese haben sich zusammengezogen. Dann kam noch eine Portion Nahrung dazu, und meine angespannten Muskeln haben mich in die Luft gestoßen - ich sprang hoch. Dies ist der tatsächliche Grund; diese Antwort ist physikalisch unangreifbar. Jedoch vernachlässigt dieser Gedankengang das menschliche Element des freien Willens. Faktisch wurde mein Sprung von dem beschriebenen Energietransfer auf Molekularebene bewirkt; in Wirklichkeit bin ich aber in die Luft gesprungen, weil es mir so gefallen hat! Es scheint, als könnten die innere ("warum?") und die äußere ("auf welche Weise"?) Wirklichkeit nicht nur im Kontrast zueinander, sondern auch nebeneinander stehen. Es gibt eine Antwort auf beiden Ebenen; beide sind gültig, und zwischen beiden gibt es nicht den Hauch eines Widerspruchs.

Die organische Einheit des Seins

Wir wissen, dass die innere Daseinsebene von vielen als Illusion betrachtet wird. In Wirklichkeit jedoch bildet die Existenz eine organische Einheit, und Logik ist die primäre Wahrheit der Welt, so dass wir selbst die Gesetze der Physik aus ihr ableiten können sollten. Aber auch von der Materie selbst geht ein tief gegründeter Übergang zwischen der Welt des Bewusstseins und der Physik aus. Dazu müssen wir die Frage beleuchten, was die Materie befähigt, irgendeinen Vorgang auszuführen. Materie folgt grundsätzlich gewissen physikalischen Prinzipien und Gesetzen. Die Gesetze der Physik scheinen aus erkenntnistheoretischer Sicht außerordentlich kompliziert zu sein, so dass sich bisher nur wenige die Mühe gemacht haben, zu verstehen, was sie tatsächlich bedeuten. Sie sind eben da, und damit basta! - so die unangemessen pragmatische, weit verbreitete Haltung. Wissenschaft ist allerdings gerade dadurch Wissenschaft, dass sie für jede Erscheinung eine Erklärung sucht. Ein derartiger Pragmatismus ist, so gesehen, höchst unwissenschaftlich. Worin aber liegt die Bedeutung der fundamentalen physikalischen Gleichungen? Im Grunde ist jede von ihnen ein Erhaltungssatz. Sie drücken nicht Besonderes aus, sondern lediglich, dass alles bleibt, was es ist, nämlich aus Energie und Materie geformt. Die Physik verdankt ihre Erfolge der Tatsache, dass sich jede Bewegung auf diese scheinbar banalen Aussagen zurückführen lässt. Die Bewegungsgleichungen stellen Untergruppen der Erhaltungssätze dar, während sich letztere noch weiter zurückführen lassen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Hamilton und Noether alle Erhaltungssätze auf Variations- und Symmetrieprinzipien zurückgeführt. Aus einem einzigen Variationsprinzip lassen sich mit einem Variationsintegral alle physikalischen Gesetze ableiten und in einer Lagrange-Funktion darstellen. Diese besagt im Kern, dass die physikalischen Systeme dem Prinzip der kleinsten (in einigen Fällen der größten) Wirkung folgen. Die Physik ist nur am Leblosen interessiert. Leblose Objekte folgen dem Prinzip der kleinsten Wirkung - und das ist bemerkenswert: selbst leblose Dinge folgen immerhin Prinzipien. Wozu ist also ein scheinbar lebloser Stuhl fähig? - Er ist eben fähig, Prinzipien zu folgen, z.B. dem der kleinsten Wirkung, und das in einer Konsequenz, zu der Menschen kaum in der Lage sein dürften; es gehört zu seinem Wesen. Das heißt, dass eine prinzipielle Daseinsebene die Welt der leblosen Phänomene durchdringt. Somit ist die physische Daseinsebene mit der Ebene der Prinzipien - das ist die Ebene des Bewusstseins - verbunden. Indem sich die scheinbar leblose Materie der Einheit der Wesen entzieht, folgt sie gerade damit den Regeln der Bewusstseinsebene. Ihr Verhalten steht im Einklang mit den Gesetzen des Bewusstseins und der Logik. Letztere wiederum sind in Form reinen Bewusstseins abgefasst und können somit mathematisch formuliert werden.

Materie und Bewusstsein

Wie aber kann die Materie des Universums Bewusstseinsprinzipien folgen? - Wohl nur dann, wenn zwischen den einzelnen Daseinsebenen eine außerordentlich sensible Beziehung existiert. Das Bewusstsein ist in der Lage, materielle Prozesse zu beeinflussen. Diese Wirkung ist allerdings, wenn überhaupt wahrnehmbar, außerordentlich schwach. Das Universum als Ganzes, das ursprüngliche Universum, zeigt eine gewisse Empfindlichkeit für das Bewusstsein, ungeachtet der Tatsache, dass es sich zu einer Entität entwickelt hat, in der Bewusstsein und Materie getrennt erscheinen. Wir haben jedoch gesehen, dass auch die abgespaltene Materie fähig ist, Prinzipien des Bewusstseins zu folgen. Zwischen den Erscheinungen auf den verschiedenen Ebenen gibt es offenbar eine Art von Verbindungsschaltung, eine "Vermittlungszentrale der Natur", deren Wirkung wir als so genannte Zufallsphänomene beobachten (Bornemisza, 1954). Diese weisen jedoch in Wahrheit eine Gerichtetheit auf, die es der Natur erlaubt, Phänomene über den blinden Zufall hinaus - wie es der Materialismus bevorzugt - hervorzubringen (Laszlo, 1995). Mehr noch: fundamentale Grundeinheiten (Quantenfelder, Elementarteilchen, Moleküle, Organismen, Biosphären, die Erde als Ganzes, die Sonne, das Sonnensystem, die Milchstraße, das Universum) sind selbst organische Einheiten, durchdrungen von dem universellen Organisationsprinzip (Grandpierre, 1995, 1996, 1996a, 1997). Es existiert also ein Übergang von der materiellen Welt in die Welt des Bewusstseins, den wir im Folgenden deutlicher fassen wollen. Zuvor müssen wir uns jedoch dem Problem der Entstehung von Materie stellen. Denken wir uns das Universum in seinem jungfräulichen Zustand, in dem es noch keine Materie (in Form von Fermionen) gibt. (Fermionen sind Teilchen mit halbzahligem Spin; alle fundamentalen Bausteine wie Quarks und Leptonen sind Fermionen, Anm. d. Red.). Auch dieser prämaterielle Zustand besitzt physikalische Eigenschaften: das Ur-Vakuum kann durch das masselose Skalarpotenzial beschrieben werden (Itzykson-Zuber, 1980). Die Kosmologie kennt ein solches masseloses und dennoch in jeder Hinsicht funktionierendes dynamisches Weltmodell, das dem materiellen Universum vollständig gleichwertig ist, als de-Sitter-Modell (1917). Bei diesem ist die kosmologische Konstante ungleich Null. Wie aber kann eine vormaterielle Existenz logisch nachvollzogen werden? Wo es keine Materie gibt, sondern nur den Ozean des "ideenhaften" Ur-Lebens, ist alles Bewusstsein, alles reine Logik - etwas, das wir in uns selbst vorfinden, ein Gefühl, als wären wir selbst Urquellen des Lebens ohne materiellen Körper.

Einladung zu einem Gedankenexperiment

Machen wir ein Gedankenexperiment: Wir wollen verstehen, wie "subjektive" Wesen durch ihre Wechselwirkungen eine "objektive", gegenständliche Welt "materialisieren" können. Um eine prämaterielle Welt zu erfassen, scheinen Gedankenexperimente, die in der Naturwissenschaft gute Dienste leisten, unumgänglich. Weist das Ergebnis die theoretische Möglichkeit der Erschaffung von Objektivität durch interagierende Lebewesen nach, kann die Schlussfolgerung kosmogonische Bedeutung haben (Kosmogonie = Lehre von der Entstehung des Weltalls, vgl. Kosmologie = Lehre von der Entwicklung des Weltalls, Anm. d. Red.). Nehmen wir an, das Universum könne vor dem Auftauchen fermionischer Materie als Interaktion von, sagen wir, sieben "Ur-Entitäten" (ursprüngliche Existenzen) beschrieben werden, die im primordialen Ozean uranfänglichen Lebens treiben, in dem es nicht die geringste Spur von Materie gibt. Was immer diese Ur-Entitäten fühlen, denken oder erstreben, wird von selbst wahr, genau so, wie in einer echten, perfekten Innenwelt. Plötzlich erwacht in einer jener Entitäten ein Verlangen - und da wir hier die Logik untersuchen, könnte es das Verlangen sein, irgendetwas zu verstehen. Sie fragt zum Beispiel: "Über welche Eigenschaften verfügt denn diese unsere Welt, in der wir seit undenkbaren Zeiten existieren?" Um dies herauszufinden, brauchen wir zunächst eine Annahme, die wir später verifizieren können. Eine solche Prämisse könnte z.B. sein, "die Welt ist rot". Um diese Annahme überprüfen zu können, muss unsere Ur-Entität zum einen die anderen sehen und spüren, das heißt, mit ihnen in Wechselwirkung stehen, zum anderen muss sie sich selbst (er-)kennen. Fantasieren wir weiter, dass sich vor unseren Ur-Entitäten so etwas wie ein nicht-materieller, halbdurchlässiger Spiegel befindet, der das von ihnen ausgehende wie auch das von außen kommende Licht zum Teil passieren lässt. Bildet sich nun in einer der Ur-Entitäten die Vorstellung, die Welt sei rot, dann gelangt das "gedankliche" Bild über den gedachten halbdurchlässigen Spiegel zu den übrigen gedachten Ur-Entitäten - und durch den eigenen halbdurchlässigen Spiegel unmittelbar auch zur ersten Entität zurück, wodurch diese sich in ihren Ausgangsannahmen bestätigt sieht. Dadurch verwandelt sich die Annahme zur Gewissheit, und da jede Ur-Entität mit jeder anderen in unmittelbarer Beziehung steht, wird sie von den anderen über deren halbdurchlässige Spiegel als eine Eingebung "aus der Außenwelt" empfunden. Bei ihrer Untersuchung, welche Farbe die Welt hat, entlässt die betreffende Entität das rote Licht, die innere Eingebung, zu einer Art Probelauf. Die anderen Entitäten versuchen analog festzustellen, wie wohl die Welt beschaffen ist, und sehen plötzlich, dass aus jener Richtung ein rotes Licht erscheint. Kann es also sein, dass die Welt rot ist? Ja! - In dem Augenblick, in dem die anderen "aussprechen", dass auch sie glauben, die Welt sei rot, ist in ihnen diese Röte ebenfalls erwacht, und so senden auch sie ein rotes Licht aus, welches ihr eigener Spiegel reflektiert und zum Teil zu den anderen gelangen lässt. Von überall dringt nun die gleichartige, kollektive Suggestion "Rot" von allen Entitäten zu allen anderen. Die gemeinsam erzeugte Röte wird somit durch die Erfahrung individuell und kollektiv bestätigt. Von diesem Punkt an denkt jede Entität mit Recht und Überzeugung und fühlt und erfährt wieder und wieder, dass die Welt rot ist. Auf diese Weise wurde eine materielle Qualität geboren, eine Art kollektive - und damit von Individuen unabhängige -, "objektive" Vorstellung, eine Art Determiniertheit. Die Welt des "Etwas" tritt ins Leben; mit immer detaillierteren Eigenschaften verwirklicht sich das begrenzte, endliche Sein. In der Welt des Etwas entsteht aus dem absichtsvollen Zusammenwirken aller Bewusstseinsentitäten eine einheitliche, detailreiche, über Grenzen hinaus fruchtbare und in Grenzen prunkvolle, mit Unendlichem ausgefüllte, das Subjektive in die Endlichkeit schleudernde, gemeinsame Welt, die Realität, die Materie. Der vereinigende Faktor des Zusammenwirkens ist wiederum die Logik des Universums. Die "Außenwelt" kann nur insofern als äußerlich betrachtet werden, wie sie von den inneren Eingebungen, die ihre faktische, individuelle und logische Entfaltung noch nicht erreicht haben, unabhängig erscheint. Erkennen wir aber in ihr die Manifestation der natürlichen Folgen unserer gemeinsamen inneren Neugier, fällt die "äußere", leblose Maske von der "Außenwelt" ab, und ihr wahres, ursprüngliches Antlitz, dem die Umstände ihrer Geburt eingeprägt sind, tritt hervor: die gemeinsame Welt. Die "unabhängig von unserem Bewusstsein existierende, objektive Realität" ist also irreführend, da sie den Schlüssel zur Objektivität der Materie: das schöpferische Element der Welt - die Wechselwirkungen und deren ursprüngliche Subjektivität - übersieht. Zwar scheint jene "Unabhängigkeit" auf die momentanen, individuellen Bewusstseinszustände bezogen zu sein - eine Unabhängigkeit von der Eventualität; sie ist aber nicht unabhängig vom Zusammenwirken alles Existierenden, von der kosmischen Spiritualität; sie ist nicht unabhängig von dem nach Erkenntnis strebenden Drang des Seins, von der Frage nach dem Warum, vom Leben, welches das Sein mit Vernunft vervollkommnet. (Die Interpretation der Realität als "gemeinsame Welt" ähnelt dem Begriff der "schwachen Objektivität" von Bernard d’Espagnat, 1989). Die "Objektivität" verdeckt die in den Gesetzen des Universums verborgene, ursprüngliche Vernunft. Die in der Natur unserer Existenz begründete Subjektivität jedoch kann ihre kosmischen Möglichkeiten, ihre schöpferische Kraft und initiatorischen Fähigkeiten in geistigen Zusammenhängen, in der Idee der "gemeinsamen Welt" erkennen. Somit gibt es einen Durchgang, der von der Welt des Bewusstseins zur Welt der Materie führt. Dieser ideelle Pfad wirft neben der "waagerechten" Frage des "Wie beschaffen?" auch die Logik der "senkrechten", geistigen Fragen des "Warum?", des "Zu welchem Zweck?" auf. Wenn die Eigenschaft "Rot" als Resultat eines gemeinsamen schöpferischen Erkenntnisprozesses zustande kommt, dann muss diese Möglichkeit noch stärker für geistige Äußerungen der Welt gelten. In der Frage des Warum kann auch heute die kollektive Prägung der Realität nachgewiesen werden. Ist das Warum der westlichen Zivilisation die Anhäufung und der Besitz von Gütern sowie die Unterwerfung der Welt, dann löst sie ihre menschlich-wesenseigene Bindung mit der Natur als Ganzer. Sollte jedoch das Warum der Menschheit einst wieder zur Erkenntnis und Entdeckung der Natur zurückkehren - wenn wir je eine neue Zivilisation schaffen -, dann beginnt in dem Weltenbaum ein neuer, Verwirklichung verheißender Kreislauf von den Wurzeln bis zur Baumkrone.