Die Wiederentdeckung der Geomantie

Zur historischen Entwicklung der modernen Geomantie, Teil 4

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 10/2001

Die abschließende Folge der "kleinen Ideengeschichte der Geomantie", in der Marco Bischof zuletzt die Neuprägung geomantischer Vorstellungen durch englische New-Age-Autoren und Earth-Mysteries-Forscher schilderte, schwenkt den Blick zurück auf den Kontinent. Im deutschsprachigen Raum waren es vor allem gegenkulturelle Strömungen, die auf der Suche nach einer spirituellen Ökologie geomantische Ideen integrierten. Das wachsende Interesse führte schließlich zu Organisationen wie Hagia Chora.

Soziologisch gesehen, ist die neue Geomantie aus dem Umfeld der gegenkulturellen Bewegungen heraus entstanden. Als Gegenkultur bezeichnet man, wie Eduard Gugenberger und Roman Schweidlenka in ihrem Buch "Mutter Erde, Magie und Politik" (1987) - das trotz schiefer Bewertungen noch heute eine gute Quelle zur Geschichte der Gegenkulturbewegung in deutschen Sprachgebiet darstellt - schreiben, die "Bestrebungen, einen dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Kommunismus zu entwickeln, als Gegenmodell zur technokratischen und naturentfremdeten Gesellschaft der westlichen Zivilisation mit ihrem mechanistischen, rationalen Weltbild". Protest und Widerstand gegen Umwelt und Lebensqualität zerstörende und demokratiefeindliche Entwicklungen der modernen Gesellschaft führten zur Entwicklung von alternativen, naturverbundenen Lebensformen. Viele der gegenkulturellen Bewegungen nach dem Krieg entwickelten ein ökologisch-spirituelles Weltbild und begannen, sich mit naturnaheren Kulturen, wie denjenigen der Indianer, Kelten und Germanen, mit östlichen Religionen sowie mit den esoterischen und okkultistischen Unterströmungen der westlichen Kultur zu beschäftigen. In Deutschland waren nach dem Krieg Geomantie und andere gegenkulturelle Inhalte zunächst mit einem Tabu belegt. Was die Nazis betrieben hatten, wurde nun per se als verdammenswert und "politisch unkorrekt" betrachtet und sollte gemieden werden. Wie Jochen Kirchhoff in seinem Buch "Nietzsche, Hitler und die Deutschen" (1990) gezeigt hat, lassen sich ja in der Tat viele Züge des Nationalsozialismus so deuten, dass dieser als eine Art missglückter, pervertierter Versuch zur Entwicklung einer Gegenkultur zur Tradition der Moderne erscheint.

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